In ihrem Roman “Sommer ohne Plan” lädt uns Johanna Swanberg ein, Cassi zu begleiten - eine erfolgreiche, durchstrukturierte Frau, die mitten im Leben steht. Oder stand. Nach einem einschneidenden Erlebnis und dem darauf folgenden seelischen und körperlichen Zusammenbruch flieht sie aus ihrem alten Leben. Nach einem Zwischenstopp in einer Kellerwohnung kauft sie mehr oder weniger planlos eine Hütte auf dem Land in einem kleinen Dorf. Was dann folgt, ist schwer in Worte zu fassen, aber ein passendes ist auf alle Fälle absurd.
Swanberg gelingt es, Cassis inneren Umbruch zunächst sehr glaubhaft darzustellen. Die Erschöpfung der Protagonistin ist greifbar, ihr Wunsch nach Abstand und Einsamkeit absolut nachfühlbar. Der Reiz des „Zurück-zur-Natur“-Narrativs ist bekannt, aber die Autorin fügt ihm eine ironische Brechung hinzu: Ausgerechnet ein Missverständnis führt dazu, dass man sie dort für eine renommierten Selbsthilfe-Guru hält – und statt die Wahrheit aufzuklären, taucht Cassi auf groteske Weise erst in diese Rolle ein, um dann in ihr aufzugehen.
Genau hier beginnt der Roman, sich von seiner authentischen Grundstimmung zu entfernen und in eine Welt der fast schon satirischen Überzeichnung abzudriften. Die Entscheidungen der Protagonistin, allen voran das bewusste Mitspielen in dieser Guru-Rolle, wirken mitunter dermaßen überspitzt, dass sie an Glaubwürdigkeit verlieren. Cassi organisiert Therapiesitzungen, gibt pseudo-spirituelle Lebensratschläge und vollführt wirklich absurde Heilmethoden – alles basierend auf einer großen Lüge. Dass eine reflektierte Frau inmitten eines persönlichen Umbruchs solch ein Schauspiel nicht nur toleriert, sondern aktiv befeuert, wirkt in Teilen schlichtweg absurd. Diese Absurdität scheint allerdings als gezieltes Stilmittel eingesetzt worden zu sein, das sowohl Komik fördert und gleichzeitig Kritik übt – allerdings bleibt beim Lesen öfters der Eindruck zurück, dass da stellenweise zu dick aufgetragen wurde und die feine Balance fehlt. Wie eben auch der Hauptprotagonistin.
Trotz – oder gerade wegen – dieser Übertreibung lebt der Roman stark von seinem Humor. Swanberg hat ein Gespür für Situationskomik, für pointierte Dialoge und für das Aufdecken gesellschaftlicher Widersprüche. Ihre Protagonistin wird zur Karikatur des überforderten Stadtmenschen, der sich im Landleben Selbstheilung erhofft, dabei jedoch nur neuen Erwartungsdruck erzeugt – diesmal als spirituelle Lichtgestalt.
Neben dem satirischen Ton bietet “Sommer ohne Plan” aber auch einige Momente echter Reflexion. Es geht um die Frage, wie sehr wir in Rollen gefangen sind – beruflich, privat, gesellschaftlich – und wie schwer es fällt, diese zu durchbrechen. Cassis Reise ist eine überzeichnete, aber dennoch erkennbare Suche nach Authentizität. Swanberg verankert diesen Prozess in einer atmosphärischen Kulisse: Die Beschreibungen der schwedischen Landschaft, der Natur rund um die Hütte, die Menschen im Dorf – all das wird liebevoll und bildhaft erzählt. Man spürt die Sehnsucht nach Einfachheit und Stille, die Cassi antreibt.
Die Sprache ist durchweg leicht zugänglich, stellenweise fast schon beiläufig. Das passt zur sommerlichen Leichtigkeit des Romans, hilft aber nicht dabei, wirklich in die Tiefe zu gehen. Wer eine sprachlich anspruchsvolle Auseinandersetzung mit Themen wie Lebensumbrüche oder Neuanfänge erwartet, wird hier sicherlich enttäuscht zurückbleiben. Wer sich hingegen auf eine humorvolle und ziemlich schräge Sommerlektüre einlassen möchte, die zwischen Kritik und Komödie hin und her pendelt, wird bestens unterhalten.
Am Ende bleibt Sommer ohne Plan ein unterhaltsamer, aber nicht ganz ausgewogener Roman. Die Gratwanderung zwischen Komik und Tiefgang gelingt nicht immer. Besonders das Verhalten der Hauptfigur wirkt in manchen Szenen zu stark überzeichnet, fast schon karikaturesk. Das schmälert jedoch nicht die grundsätzliche Botschaft: Dass es Mut braucht, alte Muster zu durchbrechen – und dass ein bisschen Chaos manchmal der einzige Weg ist, zu sich selbst zu finden.