Das Gänsemännchen war das erste Werk, das ich von ihm gelesen habe aber sicher nicht das letzte. Jakob Wassermann ist definitiv ein leider viel zu wenig gewürdigter Schriftsteller im deutschen Literatur-Kanon.
Er erzählt in diesem 1915 erschienen Roman die Geschichte des fiktiven Musikers und Komponisten Daniel Nothafft, geboren in Eschenbach bei Ansbach und als Erwachsener dann überwiegend in Nürnberg wirkend. Interessant ist die Einordnung in den jeweiligen historischen gesellschaftlichen und politischen Kontext von der Biedermeierzeit über die frühe Kaiserzeit bis zur jahrhundertwende. Thematisiert werden neben dem Haupterzählstrang des künstlerisch überwiegend unverstandenen und im täglichen Leben unbeholfenenen Musik-Genies zum Beispiel auch die politischen Auseinandersetzungen zwischen Sozialisten, Liberalen und Konservativen, die gesellschaftliche Situation der Juden und das Rollenverständnis der Frauen in dieser Zeit.
Das besondere an Wassermanns Erzählstil ist die sehr blumige, gerne ironische Sprache, die sehr tiefgehende Betrachtung des Innenlebens der Protagonisten (auch der Nebenfiguren wie etwa der soziopathisch anmutende Herr Carovius oder die von Daniel besessene Philippine) und die gnadenlose Hochtaktung der Erzählung vor den relevanten Wendepunkten der Geschichte, die mir als Leser selbst den Herzschlag nach oben trieben. Das Buch hat zwar manchmal tatsächlich eher komödienhafte Züge, die tragischen Ereignisse lassen einem aber immer wieder das Lachen ersticken.
Insgesamt ein außergewöhnlicher Lesegenuss.