Kaspar. Seit seiner Geburt alleine in einer luxuriösen Villa gefangen. Bewacht von Kameras. Ernährt und gebändigt von zwei rätselhaften Menschen. Peiniger oder Beschützer? Er bekam sie nie zu Gesicht. Mit 19 Jahren gelang ihm die Flucht. Dieser Roman erzählt von seinem Leben danach. In einer Welt, die er nur aus dem Fernsehen kannte.
Thomas Aiginger wurde 1979 in Wien geboren, wo er auch heute lebt und schreibt. Seine freie Zeit gehört der besten Frau der Welt, seinem Sohn und seiner Tochter, dem Fußball und großartigen Büchern von anderen Menschen. Den Rest seines Lebens macht er eigene Bücher oder leitet Menschen und Projekte in einem internationalen Kommunikationsunternehmen.
Sein erster Roman erzählt von Kaspar, der alleine in einer luxuriösen Villa gefangen gehalten wird, bis ihm mit 19 Jahren die Flucht gelingt. Plötzlich steht Kaspar in der Welt, von der er sein Leben lang träumte. Doch die Menschen sind ganz anders, als seine Vorbilder aus dem Fernsehen. Kaspar macht sich auf die Suche nach Liebe, Freunden, seinen Eltern und dem geheimnisvollen Mann namens "Wolf", der ihm seine Jugend raubte. Hinter einem spannenden Plot zeichnet Thomas Aiginger in dem Roman das Bild eines Jugendlichen, der ausschließlich durch Massenmedien sozialisiert wurde.
Jetzt wo ich so beginne, diese Rezension zu schreiben muss ich euch warnen: Es wird eine Lobeshymne, und das nicht, weil ich gekauft oder so bin, sondern weil ich dieses Buch einfach nur genial finde. Thomas Aiginger hatte mich gefragt, ob ich Interesse an einem Rezensionsexemplar hätte, und bereits diese E-Mail wäre eine eigene Bewertung wert gewesen. Diese war nämlich aus der Sicht Kaspars, welcher mir sozusagen seine Biografie anbot. Es war nicht ersichtlich, ob es sich nun um Fiktion oder die Realität handelt, das fand ich wirklich faszinierend. Erst auf der Homepage habe ich bemerkt, dass es sich um Fiktion handelt. Hier ein kleines Auszug aus der Mail, damit ihr verstehen könnt, warum ich SO neugierig wurde:
Mein Name ist Kaspar. Und ich habe eine besondere Geschichte zu erzählen. Bis zu meinem 19. Lebensjahr war ich in einem Haus eingesperrt. Alleine. Eine maskierte Amme und ein unsichtbarer Mann namens Wolf zogen mich groß. Sie überwachten mich mit Kameras. Die Welt von draußen kannte ich nur aus dem Fernsehen. Und dann eines Tages schaffte ich es. Ich trickste den Wolf aus. Ich brach aus! Plötzlich stand ich in der freien Welt. Kannst du dir das vorstellen? Mit 19 Jahren zum ersten Mal einen echten Menschen treffen?
Der Schreibstil ist gut durchdacht, recht schlicht aber sehr angenehm zu lesen. Zwischendurch war ich unsicher, was nun eine von Kaspars Worterfindungen ist und was nun in Österreich so gesagt wird - aber darüber kann man ganz gut hinwegsehen. Das Buch soll die Aufzeichnungen von Kaspars Psychologen dar stellen, welcher eine Studie über ihn führt. Dementsprechend reden die beiden miteinander, wobei Kaspar natürlich die meiste Zeit am erzählen ist und man ganz vergisst, dass er es seinem Psychologen erzählt. Das meiste ist ganz normal geschrieben, nicht so als wenn man es erzählen würde. Passt aber ganz gut zusammen so. Es gibt auch keinen nennenswerten Längen, die das Lesen anstrengend gemacht hätten.
Der aufmerksame Leser wird nun eines bemerkt haben: Ich dachte es wär real und es stellte sich als Fiktion heraus – doch was denkt man beim Lesen des Buches? Also ganz ehrlich, mir könnte man erzählen es wäre real und ich würde es glauben. Thomas Aiginger hat eine Geschichte erschaffen, an welcher man es beinahe nicht wagt zu zweifeln, eine Geschichte, die realer nicht sein könnte. Eine Geschichte, in der einfach jedes kleine Detail passt. So hat der Autor bspw. daran gedacht, dass Kaspar höchstwarscheinlich nicht ganz perfekt spricht und manche Wörter selbst erfindet, so hatte er ja nie großartigen Kontakt zu Menschen ( "armt er mich um" "es dunkelte" "ineinander schlafen"). Gleichzeitig wirft die ganze Nummer die Frage in den Raum, wieviel Medienkonsum wirklich gesund für uns ist, vor allem für unsere Kinder. Wie sehr beeinflussen uns diese? Auch Kaspar wurde sehr von den Medien beeinflusst. Ihr müsst euch das so vorstellen: Fast sein ganzes Leben lang hat er die Menschen und unseren normalen Alltag nur über das Fernsehen kennengelernt. Schauspieler sind meistens einfach verdammt hübsch, und so hat auch Kaspar eine seeehr spezielle Wahrnehmung von Frauen. Er findet nur sehr wenige hübsch, da er einen anderen Standard als wir gewohnt ist (durch die Medien).
"Ohne Freiheit kann ein Mensch nicht glücklich sein. Ich hatte das Richtige getan. Ich musste ausbrechen." Seite 93
Ebenso hat er Probleme damit unsere Welt zu verstehen. Überlegt mal, er war immer nur in seinem Haus mit dem kleinen, hoch eingemauertem Hof und hat die Außenwelt nur über seinen Fernseher bzw Computer gesehen. Er konnte ja nicht ahnen, was es nun auch in der realen Welt gibt und was nicht – woher soll er wissen, ob es Schneewittchen und Darth Vader nicht doch gibt? Die beiden Schlingel spielen übrigens hinterher noch eine Rolle, was ich schon witzig fand :D
"[...] bis zu dem Tag hatte ich gedacht, dass man Zehen- und Fingernägel aus den gleichen Gründen lackiert wie Eisen und Holz. Ich trocknete meine Zehennägel stets sorgfältig ab, um sie vor Rost und Moder zu bewahren. [...] obwohl ich nicht viel Sinn darin erkennen konnte, Zehennägel mit roter Farbe zu bestreichen. Wieso gerade Zehennägel? Warum nicht die Kniescheibe oder einen Nasenflügel?" Seite 266
Kaspar hat in mir eine Art Mutter- oder Beschützerinstinkt hervorgerufen – man will ihn mal so richtig wachrütteln und an die Hand nehmen, ihm die Welt zeigen und erklären. Und ich finde, dass genau dort auch der springende Punkt liegt: Ich habe mit ihm gefiebert, mich mit ihm gefreut oder getrauert. Ich war voll drin im Geschehen – also das hatte ich dieses Jahr noch bei keinem Buch, egal ob von großen Verlagen oder Independent. ..
"Deutsche entschuldigen sich für den Holocaust, der Papst, dass die Kirche Heiden kreuzzugte. Ein Mörder sagt bloß, tut mir leid' und wird dafür um Jahre früher entlassen. Menschen machen es sich zu einfach, finde ich. Doch in diesem Moment war ich froh, dass der Trick funktionierte" Seite 200
Wie man sieht, bekommt man sogar noch ein bisschen Anregung für die alten, grauen Zellen - wie viel ist eine Entschuldigung wirklich wert? Warum akzeptieren wir das so häufig? ;) Ich habe einfach selten ein so reales und gut durchdachtes Buch in der Hand gehalten. Ich habe erst so etwas erwartet wie mit dieser Natascha Kampusch, aber so ganz passte das nicht. Kaspar wurde nicht gequält, er wusste zuerst auch nicht, dass er ein besseres Leben führen könnte. Menschen machten ihm Anfangs Angst und er wusste auch nicht mit ihnen umzugehen. Kurz nach seinem Ausbruch z.B. landete er im Zug und wollte nach Amsterdam, natürlich ohne Ticket. Als der Schaffner ihm weiß machte, dass die nächste Station bereits Amsterdam wäre, hat er nicht daran gezweifelt – obwohl der Schaffner ihn nur loswerden wollte. Kaspar landete dann auf einem Parkplatz und war der festen Überzeugung, dass die dann halt im Fernsehen gelogen haben und Amsterdam eben anders als im TV ist. Generell hält er sehr lange an seinen Überzeugungen fest, er hat sie sich schließlich 19 Jahre lang zurecht gelegt. Er ist zum Beispiel der Meinung, dass unsere Welt aus mehreren Welten besteht, welche mit Portalen miteinander verknüpft sind. So ist die Fernsehwelt eine eigene, mit schönen Menschen und Reichtum, und die Welt, in der er gelandet ist ist eben nur die falsche für ihn. Ziemlich lange hat er diese Theorie nicht aufgegeben und das Portal in die Fernsehwelt gesucht.
Aber der Knaller schlechthin ist das Ende - ich hab alles und nichts erwartet, aber das bestimmt nicht. Ihr dürft bei diesem Buch auf keinen Fall erst die letzten Seiten lesen, was ja viele machen. Das würde euch alles versauen und durchhalten lohnt sich richtig!
Ein Buch für all jene, die etwas zum mitfiebern, schmunzeln und lachen suchen. Für die jenigen, die eine Geschichte suchen, die kaum realer sein könnte und für die, die sich gerne mal in eine solche Situationen versetzen wollen. Ist mir ja fast schon peinlich, dass mir nichts negatives einfällt... ich hab wirklich überlegt und versucht etwas zu finden aber - nö :D Bisher definitiv mein Jahreshighlight.
Hat zwar nichts direkt mit dem Buch zutun - aber schaut euch mal ruhig die Homepage und die Facebook Seite an - Thomas Aiginger hat dort wirklich ein paar Leckerbissen parat und eine meiner Meinung nach perfekte PR geschaffen. http://freekaspar.net/
Diese Geschichte ist ein interessantes Gedankenexperiment: Was wäre wenn... jemand nach 19 Jahren in Isolation mit nur Medienzugriff (Fernehen, Internt) auf die reale Welt losgelassen wird (bzw. sich selbst loslässt). Sogar ein wenig Systemkritik könnte man unterstellen. Das ganze liest sich -offensichtlich österreichisch angehaucht- sehr schön, und ist im wesentlichen als Gespräch zwischen Kaspar und seinem Therapeuten (=meine Formulierung) geschrieben; also über weite Strecken eine ich-Erzählung von Kaspar. Die Spannung hält durch das ganze Buch, so dass man gern weiterlesen möchte, und das Ende ist erfreulicherweise nicht vorhersehbar. Man sollte wirklich nicht vorauslesen... ;-)
Trotzdem bleibt das Ende mein Hauptkritikpunkt: Die Geschichte wird meiner Meinung nach ein wenig abgebrochen und über ein paar Seiten "Polizeiprotokolle" aufgelöst. Das ist eine witzige Idee, aber es liest sich nicht so schön. Was die Geschichte an sich betrifft geht das in Ordnung; hinterlässt halt eine leichte Unzufriedenheit.
Insgesamt Empfehlenswert.
=== Ich habe das Buch im Rahmen eines Goodreads-Giveaways vom Autor bekommen! ===
Aiginger creates an interesting story about a teenager that was just reared by modern media. After 19 years of isolated imprisonment the main character Kaspar escapes from his luxurious prison to find himself lost in a world he pictured so differently before. Of course he does not stay by himself for long and the different people he meets show the ups and downs of real life to him very fast.
I like the idea behind this book and I enjoyed reading it very much. The story got me hooked, the narration was funny and the book takes a different direction than expected here and then. I recommend it for young and old and everyone inbetween.