3,5 Sterne, I guess?⭐️⭐️⭐️
Okay, hear me out. Ich weiß ehrlich nicht, wo ich anfangen soll. Vorab möchte ich sagen, dass Julia Dippel zu meinen Lieblingsautorinnen gehört und ich jedes Buch von ihr mit mindestens 4,5 Sternen bewertet habe. Umso schwerer fällt es mir Velvet Falls nicht ebenfalls diese Anzahl an Sternen zu vergeben. Allerdings muss ich sagen, dass mir das Buch im Vergleich zu den anderen Büchern der Autorin nicht so sehr zugesagt hat wie ich erhofft hatte. Das wird ein Mini-Essay, also seid gewarnt:
1. Charaktere
Hier fängt auch schon das Problem an. Leider ist der Cast ziemlich klein. Ich bin eher ein Fan von einem großen Cast mit wiederkehrenden Charakteren, die auch für den Plot wichtig sind (so wie bei Izara). Die meisten Charaktere, die auftauchen, bekommen nicht viel „screen time“ und bleiben dadurch ziemlich flach. Da Kashmeres Brüder nur einmal bzw. Karma zweimal vorkommen, bleibt keine Zeit sie genauer kennenzulernen und sie besser zu verstehen. Man lernt hier und da ein paar Anekdoten über sie kennen, aber nichts, das man als Leser:in wirklich selbst lernt. Neons Art lernt man doch etwas besser kennen, aber so richtig viel über seine Motive weiß man dann doch nicht. Dasselbe Problem lässt sich auch bei Cole und Eddie finden. Cole ist die rechte Hand und sowas wie ein bester Freund von Kash. Aber was wissen wir über ihn? Absolut gar nichts. Er ist einfach da und löst hier und da mal ein Problem von Kash. Die meiste Zeit taucht er auch nur in Form eines Telefonats auf. Wer ist Cole? Wie haben er und Kash sich kennengelernt? Warum arbeitet er für ihn? Wie sind sie zu besten Freunden geworden? Nichts. Es gibt auch kaum Interaktionen zwischen Velvet und ihm, die mehr über ihn verraten könnten.
Dasselbe kann man auch über Eddie sagen. Eddie hat etwas von einem comic relief und er sollte die humorvolle Dynamik der Geschichte auflockern. Er wirkt aber fehlplatziert, da Monty diese Funktion bereits erfüllt (Monty habe ich als side kick dieses Mal auch nicht so gefühlt wie z.B. Flummel oder Nivi). Dadurch verliert Eddie auch an Relevanz, was ich schade finde, da sein Charakter definitiv Potenzial hat. Aus einem Lehrling, der nicht viel kann und für seinen Job ein wenig zu sehr ängstlich ist, hätte man meiner Meinung nach mehr rausholen können. Es hilft auch nicht, dass er kaum Präsenz im Buch hat und wenn er dann da ist, dann nur für oberflächliche Szenen. Eine längere Szene mit Velvet, in der vielleicht klar wird, wieso er ein Dämonenreiter ist und was er erreichen will, hätte dem Ganzen nochmal mehr Tiefe verliehen. Deswegen hat eine spätere Szene auch nicht die Wirkung auf mich gehabt, die sie gehabt hätte, wenn man Eddie als Leserschaft besser kennengelernt hätte.
Kash als Charakter ist mir ein Rätsel. Also ich habe mich so oft gefragt, wie blind man eigentlich sein kann. Ich kann verstehen, dass er in dem Augenblick verletzt war, aber bro ich dachte du bist ein Göttersohn und so krass? Hättest du es nicht checken müssen? Lol. Im Vergleich zu den anderen Protagonisten von der Autorin wirkt Kash schon zahm. Ich finde, dass das eigentlich eine gute Abwechslung ist. Trotzdem konnte ich zu ihm nicht wirklich eine Bindung aufbauen, obwohl wir dieses Mal auch in den Kopf des Protagonisten blicken können. Ich glaube, es liegt auch daran, dass wir nicht wissen, was Kash will. Was ist seine Agenda? Was ist sein Ziel in dieser Geschichte? Was treibt ihn persönlich an? Abgesehen von Velvets Mission, erfahren wir gar nichts darüber. Das kann ja nicht das Einzige sein, das er will. Und die Art wie er dann auf Velvets Geheimnis reagiert hat, fand ich dann zu wenig. Also wenn ich sowas erfahren hätte, dann hätte ich das Bedürfnis gehabt, irgendetwas kaputt zu machen (mich).
Velvet ist ein sehr komplexer Charakter (ich liebe solche Charaktere). Ich habe früh verstanden, was ihr „Geheimnis“ ist, aber ich glaube auch nicht, dass man es nicht herausfinden sollte. Was ihr widerfahren ist, hat ihren Charakter, ihre Verhaltensweisen und vor allem ihre Bewältigungsmechanismen sehr stark geprägt hat. Manchmal wollte ich sie umarmen, manchmal schütteln. Velvets Zerrissenheit wird sehr gut dargestellt meiner Meinung nach. Kann ich all ihre Entscheidungen nachvollziehen? Nein, aber das muss ich auch nicht. Velvet ist außerdem eine Person, die sich nicht auf das Gesagte von anderen, und insbesondere von Kash, verlassen kann, da ihr einfach das Vertrauen fehlt. Sie lebt ganz nach dem Motto Taten statt Worte, was ich wirklich, wirklich sehr gut nachvollziehen kann. Sie hat auch ein ziemlich ungesundes Verhältnis zu Essen und Sex, was mit ihrer Vergangenheit zusammenhängt.
Kashs und Velvets Beziehung basiert leider oft auf dem miscommunication trope. Weil Beide Angst haben sich richtig mit ihren Emotionen auseinanderzusetzen, führt es dazu, dass sie nicht offen miteinander kommunizieren und sie dadurch vielen Missverständnissen ausgesetzt sind. Ich bin kein großer Fan von diesem trope, aber hier hat es mich nicht so sehr gestört, da die Umstände und die daraus resultierenden Traumata eine gute Begründung liefern. Im echten Leben spricht man ja aus Angst auch nicht immer das aus, was man denkt und fühlt. Ich frage mich nur, wie die Beziehung der beiden im nächsten Band weitergeht. Insbesondere, wenn man bedenkt, wie wichtig Taten Velvet sind (muss ich leider so kryptisch schreiben, weil sonst spoiler).
2. Handlung
Leider muss ich sagen, dass die Handlung in dem Buch ziemlich…langweilig ist. Ich kann nicht glauben, dass ich das über ein Julia Dippel Buch sage, aber leider hat mich der Plot so null abgeholt. Wir erfahren zwar gleich zu Beginn, was Velvet tu muss, aber da es sie selbst kaum zu interessieren scheint – und auch Kash kein wirkliches Interesse zeigt (was am Ende zwar erklärt wird) – bleibt bei mir die Frage: Warum sollte ich mich dafür interessieren? Why should I care?
Natürlich ist Velvet indirekt betroffen, aber weil sie keinen wirklichen Zugang zu ihren eigenen Emotionen hat (nicht wortwörtlich gemeint) und alles um sie herum ihr gleichgültig zu sein scheint (ebenso wie bei Kash), fühle ich diese Bedrohung und den Plot dann eben auch nicht. Rein theoretisch gesehen stehen die Einsätze ja hoch (schließlich ist jeder Gott durch das Virus in Gefahr), doch weil sowohl Kash als auch Velvet emotional distanziert reagieren, bleibt auch bei mir als Leserin keine Spannung oder Dringlichkeit hängen. Ich frage mich allerdings, ob das, aus bestimmten Gründen, so beabsichtigt ist. Velvet ist emotional kaputt, also liegt es nahe, dass ihr das alles so ziemlich egal wird (Hauptsache sie wird die Visionen los). Und ich glaube das ist der Knackpunkt. Nur damit sie ihre Visionen loswird, ist für mich halt kein guter Beweggrund, um wirklich mitfühlen zu können. Ein weiterer Grund, warum das beabsichtigt sein könnte, ist ein Spoiler, aber es hat mit Kash zu tun (für die, die das Buch gelesen haben, ist es eventuell klarer). Aber es verändert nichts an der Tatsache, dass man dann nicht wirklich mitfiebert. Leider.
Ein weiterer Punkt sind die Motive der Antagonisten. Erstens sind die Antagonisten an sich irgendwie random, aber das wäre kein Problem, wenn man denn wenigstens verstehen könnte, wieso sie so handeln. Aktuell weiß man gar nichts über die Beweggründe. Der ganze „showdown“ kam irgendwie aus dem Nichts, ohne dass vorher irgendetwas in die Richtung gedeutet hatte (ich finde Velvet Falls hat den wenig schlimmsten Cliffhanger von allen Cliffhangern der Autorin. Wobei trotzdem Lust auf mehr gemacht wird). Ich hatte das Gefühl, das Buch will mir plötzlich einen großen „Aha-Moment“ verkaufen, aber dafür fehlt einfach die Vorbereitung. Also es gibt keine Hinweise, kein foreshadowing, kein Moment, wo man später denkt „omg, wie konnte ich das übersehen? Das ergibt super viel Sinn!“. Es wirkt alles eher wie eine Vorbereitung auf den nächsten Band als ein richtiger showdown.
Mir ist klar, dass Velvet Falls nur der erste Band einer Dilogie ist, und ich gehe davon aus, dass einige Dinge im zweiten Teil noch erklärt werden. Trotzdem finde ich, dass ein erster Band auch für sich funktionieren sollte: mit einem schlüssigen Spannungsbogen und klaren Motivationen. Hier fehlt mir leider genau das: Viele Fragen bleiben offen, und zwar auf die Art, in der sich der Plot unvollständig anfühlt. Selbst wenn die Auflösung später kommt, hätte man im ersten Band schon Hinweise oder foreshadowing einbauen können, damit das Ganze sich runder anfühlt.
Und ich glaube hier sind wir auch wieder beim Problem im Cast. Die meisten Charaktere kommen halt ehrlich nur ein oder zwei Mal vor und deswegen wirkt alles später wie vom Himmel gefallen. Dementsprechend ist der Höhepunkt der Geschichte für mich gar nicht so emotional und spannend, wie ich es sonst von der Autorin kenne. Ich habe mir eher gedacht „hä, was geht denn hier ab?“. Ganz schlecht finde ich den Höhepunkt nicht, besonders da kamen dann Velvets Gefühle gut zum Vorschein und sie hat mir ehrlich richtig leidgetan. Vor allem nach allem, was ihr widerfahren ist (ich hatte Mordgedanken). Uff, da bin ich echt gespannt, wie es im zweiten Band weitergeht (natürlich werde ich Band 2 lesen!).
Was mir aber sehr gut gefallen hat, sind die düsteren Themen, die angesprochen wurden (Traumata, detailliertere Schilderungen von Gewalt, explizite Szenen etc.). Velvet Falls ist ja ein Adult Fantasy Buch und das hat mir sehr gefallen. Wobei es meinetwegen auch noch düsterer zugehen kann :D
3. World building
Das Buch ist Urban Fantasy und damit sehr ähnlich mit unserer Welt. Trotzdem ist es wie eine eigene Welt. Die Welt, in der Velvet Falls spielt, ist ziemlich futuristisch angehaucht und erinnert mich ein bisschen an Cyberpunk 2077 (vom Vibe her). Ich finde die Auslegung hier kommt auch zu kurz. Man hätte das world building besser mit dem Plot verbinden können. Velvet und Kash müssen immer wieder an andere Orte reisen. Da hätte man den Plot super mit dem world building verbinden können, indem z.B. die Dämonen oder die Welt in action erklärt werden. Es ist eher so, dass man vieles erklärt bekommt (sei es durch Velvets Gedanken oder durch Gespräche). Was hat z.B. dagegengesprochen, die einzelnen Dämonen mit ihren Gaben durch Kämpfe hautnah zu erleben? Die Infos, die hinten im Glossar standen, waren teilweise neu für mich und ich hätte es besser gefunden sie gleich in der Handlung kennenzulernen. Wie die niederen Götter zum Beispiel. Man lernt die niederen Gottheiten gar nicht kennen. Außerdem hätte in vielen Momenten z.B. der Ort auch einfach ein random Wald in Deutschland sein können. Warum also in Russland? Oder in Imperion? In Hong Kong? Ja, die Orte wurden erwähnt, aber es hätte den Plot nicht verändert, wenn er z.B. in einem, wie bereits gesagt, random Wald in Deutschland gespielt hätte. Mir stellen sich auch die Fragen auf, wie die Gilde zustande gekommen ist. Wieso existiert sie? Wer führt sie an? Wie werden neue Leute rekrutiert? Gibt es eine Schule/Akademie wie bei den Hexen? Apropos, Hexen. Über sie erfährt man auch so gut wie nichts. Ich finde das super schade, weil sowohl im Plot als auch in der Welt so viel Potenzial steckt, das nicht so gut ausgeschöpft wurde und da einfach der Tiefgang fehlt.
4. Schreibstil
Zu Julia Dippels Schreibstil muss ich nicht viel sagen. Ich liebe ihn einfach. Er lässt sich super flüssig und schnell lesen, sodass man richtig durch die Seiten fliegt. Ab und zu hätte ich mir aber im Bezug auf das Beschreiben von Emotionen mehr show als tell gewünscht. Mir ist auch aufgefallen, dass in dem Buch die Sprache sich auf jeden Fall mehr unserer ähnelt. Hier und da fallen Wörter wie wtf oder influenced (also auf das Wort Influencer bezogen). Wem sowas nicht gefällt, der wird hier und da über diese Wörter stolpern. Ich mag so etwas eigentlich auch nicht, aber in Velvet Falls hat mich das nicht wirklich gestört. Auch in diesem Buch gibt es aber die Kombi „?!“, von der ich nicht so ein Fan bin, aber das ist wirklich kein großer Kritikpunkt, sondern nur Geschmackssache, über die ich hinwegsehen kann. Jedenfalls sind die Bücher der Autorin immer der beste Weg, um mich von einer Leseflaute zu befreien. Ich liebe ihre Bücher einfach, auch wenn es mal Bücher gibt, die ich weniger feiere als andere oder auch wenn ich Kritikpunkte habe.
Alles in allem, kann ich sagen, dass Velvet Falls durchaus gutes Potenzial hat, aber meiner Meinung nach an Tiefe fehlt. Heißt das, dass das Buch schlecht ist? Auf gar keinen Fall! Ich empfehle jeder Person, sich selbst ein Bild zu schaffen. Ich bin nur mehr von der Autorin gewohnt und habe dementsprechend höhere Anforderungen bzw. Erwartungen. Ich fühle mich ehrlich gesagt auch schlecht diese Rezension zu schreiben, weil ich das Buch wirklich lieben wollte. Und weil die anderen Rezensionen so positiv von dem Buch sprechen, frage ich mich, ob ich ein anderes Buch oder nicht aufmerksam genug gelesen habe. Aber ich kann nun mal meine Gefühle nicht ändern und mich nicht selbst zensieren. Ich bin aber natürlich gespannt auf den zweiten Band (hätte gerne jetzt schon den Klappentext) und hoffe sehr, dass wir dort mehr Informationen und Details bekommen werden, um dem Buch die Tiefe zu geben, die es verdient hat.