"Bist du bereit? Natürlich bin ich bereit.
In Wirklichkeit kann man sich nicht darauf vorbereiten, dass wir die Faschisten sind. Ich war kein bisschen darauf vorbereitet." S.379
Das Buch ist eine Mischung aus autobiographischen Sequenzen der Autorin vom Aufwachsen bis zur Arbeit bei "Nowaja Gaseta" und den Artikeln für diese.
Das ist eine Einladung zum Abnehmen der rosa Brille und zum über den Tellerrand Schauen. Dahinter versteckt sich eine Realität, die fernab von der vom Fernseher erschaffenen und zensierten ist. Fernab von der romantischen Vorstellungen über das Land und die russische Seele. Dahinter sieht man einen menschenverachtenden, unterdrückenden, korrupten, gleichgültigen und angsteinflößenden Staat.
"Das ist eine Hölle der besonderen Art, wenn du nicht schlecht gelaunt oder wütend sein darfst, nicht weinen darfst, eine Dreistigkeit nicht Dreistigkeit und Gewalt nicht Gewalt nennen darfst. Zum eigenen Schutz musst du immer lächeln und "unauffällig" sein: gelassen und ruhig, egal, was man dir oder anderen Menschen antut." S.366
Die in den Artikeln enthaltene Themen sind vielfältig und unbequem. Die Autorin legt nicht nur den Finger in die Wunde, sondern sie bohrt darin: in den Ruinen lebende Kinder und Teenager, das Peripherieleben fern von den Metropolen, Korruption, Prostitution, Homophobie, indigene Völker, Annektion der Krim usw. usf.
Ich habe paar Kommentare zu dem Buch gelesen. Dort schreiben manche, dass sie geweint haben, weil sie es nicht lesen konnten und weil es denen nicht bewusst war, dass solche Sachen in eigenem Land passieren und einige Menschen so leben und das sogar als ihre Normalität empfinden. Ich habe die Kommentare gelesen, die behaupten, dass die Autorin eine Verräterin wäre und nur Lügen verbreite.
So oder so kann dieses Buch auf verschiedene Art und Weise verzweifeln und wütend machen.
"Aberglaube ist auf der Straße stark verbreitet. In beiden Wagen stehen Ikonen. Flüche, Bannsprüche, der böse Blick... Diese Frauen glauben, dass die Welt ein Ergebnis unsichtbarer Kräfte ist, die sich ihren Einflüssen entziehen. Wahrscheinlich hält man es anders hier nicht aus." S. 122
Ich bin keine Russin, aber ich fühle mich angesprochen. Ich fühle mich angesprochen, die Augen vor der Realität nicht zu verschließen und die Informationen kritisch zu verarbeiten, und nicht nur das rauszupicken, was meine Weltanschauung bestätigt. Sind die in dem Buch enthaltene Informationen Realität? Auf jeden Fall ist es ein erheblicher Teil davon.
Und ja, es bezieht sich nicht nur auf Russland.
"Dann entschied die Duma, ein Gesetz gegen sogenannte Homosexuellenpropaganda zu verabschieden. In diesem Gesetz stand, wir seien sozial minderwertig. [...] Es gab vier Kuss-Tage. Man schlug uns und man nahm uns fest. Orthodoxe Aktivisten brachten Pisse und faule Eier mit, bewarfen uns mit Scheiße. Sie brachten ihre Kinder mit, damit sie uns schlugen - gegen Kinder darf man sich nicht wehren, sie sind klein, man könnte sie verletzten. Die Duma verabschiedete das Gesetz." S.131