In einer beschaulichen Kleinstadt in der Schweiz passiert Kaum gegründet, mischen Sabine und Schanti mit ihrem Verein "Polyphon Pervers" die Kulturszene auf. Opportunistisch, risikofreudig und clever agierend, steigen sie als Theater-Produzentinnen zu nationalen Grössen auf und scharen eine illustre Runde um vom eitlen Regisseur Lucien über den versoffenen Ghostwriter Yves, den Lebemenschen und DJ Milan und die opportunistische Schauspielgrösse Chantal bis zu Jules und seinen Hanf-Bauern, die unversehens als Performance-Künstler brillieren. Dem Erfolg ordnet der Verein für Unterhaltung im Laufe der Geschichte alles unter, und so folgen auf erste Unsauberkeiten schon bald alle möglichen Formen des Betrugs.
Béla Rothenbühler belebt mit seinem zweiten Roman die Tradition des Schelmenromans neu — diesmal mit schlagfertigen Hochstaplerinnen. Seine satirische Reise durch Kultur, Unterhaltung und Geld ist nicht nur clever, sondern selbst ein Meisterwerk der Unterhaltung.
Dieser kurze Roman wird von einem zuerst unbenanntem Narratoren erzählt und handelt über Schanti, Sabin und Chris. Zusammen gründen sie einen Verein für Unterhaltung. Sabin hat diese Gründung im Herzen und hat Ambitionen gute Theaterstücke aufzuführen, Schanti will gerne mitmachen und hat sonst sowie so nur ihre Masterarbeit zum ignorieren und Chris is einfach glücklich dabei zu sein und bringt eigentlich nur das Essen und die Joints. Je länger dieser Verein läuft und je mehr Erfolg haben sie und so beginnt sich das Branchengängige hochstapeln in den illegalen Raum zu bewegen…
Die Geschichte ist unterhaltsam, hat sympatische Charaktere und handelt spannend über Themen wie Kultur und Unterhaltung, Orginalität, Leistung vs. Erfolg vs. Geld, Macht, Hochstapelerei & Betrug, Narrative, Lügen vs. Erzählen, Spass, Arbeit und Zeit und die Pandemie (das Buch begint in 2017 und endet in 2020). Ich habe mehrmals gelacht beim Lesen und habe Ausschnitte an meinen Freund vorgelesen, der auch ohne den Kontext der Geschichte gelacht hat. Auch der ganze Ton vom Erzähler ist ansprechend, persönlich und frech und dies bewirkt das es sich schnell liest.
Die Geschichte erforscht kritisch die Idee von der Unterhaltung, Fördergelder und das gebrauchte Narrativ um sie zu bekommen, Kunst als Selbstinzenierung und wie ein Spektakel wichtiger ist als die Kunst selber. Der Verein wird zur Marketingmaschine, bei der Kunst zur Fassade verkommt. Rothenbühler nutzt viel Ironie, um die Doppelmoral im Kulturbereich offenzulegen: progressive Haltung vorn – und ökonomisches Kalkül hintenrum. Auch Sabin und Schantal sind in Ihrer Haltung zu den verschiedenen Aktivitäten eine Mittel um interessante Fragen zu stellen: Kann man Betrug aus Freundschaft machen? Was bedeutet Betrug wenn es andere hilft? Was wenn die Geholfenen etwas illegales machen? Was wenn das illegale niemanden schmerzt? Was wenn dies eine priviligerte Haltung ist? Wie schuldig ist man wenn man mitmacht? Wenn man es besser macht? Wenn man nicht mitmacht aber es akzeptiert? Wie wichtig ist es wer die Idee hatte?
Traditionell erzählt ein Schelmenroman von einem Außenseiter oder Trickster, der sich mit List durch die Welt schlägt. Rothenbühler übernimmt dieses Konzept – aber modernisiert es radikal mit Frauen als die Hauptfiguren:innen. Auch wird die (der) Leser:in mitschuldig gemacht: Man bewundert die Dreistigkeit der Figuren, auch wenn man weiss, dass sie moralisch fragwürdig handeln.
Overall zeigt Rothenbühler wie leicht Kultur zur Ware wird, wie moralische Werte instrumentalisiert werden können, und wie verführerisch Macht und Geld sind auch (oder gerade) im „alternativen“ Milieu.
Das Ende war etwas abrupt aber irgendwie auch sehr passend für die Geschichte. Ausserdem habe ich es mal versucht auf Luzernerdeutsch zu lesen aber es ging einfach nicht, aber auf Hochdeutsch finde ich es ein SUPER roman.
Zitate:
“Wobei sie da ja nie Kunst zu gesagt hat. Die Sabin hat immer gesagt, man solle da Unterhaltung zu sagen. Weil, Unter-haltung: Da verstünden alle was drunter. Kunst sei kompli-zierter, hat die Sabin gesagt, also schon allein das Wort sei komplizierter. Das habe einen theoretischen Rucksack, das Wort. Das sei mega vage, da könne man nächtelang drüber streiten, was das überhaupt bedeute: Kunst. Und so Wörter, wo die Philosophinnen schon seit paar Tausend Jahren drüber streiten, was sie eigentlich bedeuten, die solle man am besten gar nicht erst in den Mund nehmen, hat die Sabin gesagt.”
“Tja, und die Schanti war bloß noch fasziniert von dem Gespräch von der Hochstaplerin und dem Hochstapler, die sich gegenseitig immer weiter hochgestapelt haben. Weil, kommunikatives Neuland für sie, so was.”
“Aber die hat die Frage schon kommen sehen und gesagt: Was, gelogen? Lügen kannst du bloß über die Vergangenheit oder über die Gegenwart. Wenn du über die Zukunft Sachen erfindest, dann ist das nicht lügen, dann ist das Storytelling.”
“Aber das heißt ja noch lange nicht, dass der alles regelt, der Markt. Zum Beispiel die Schweizer Landwirtschaft. Die hat ja wenig mit Markt zu tun. Die Landwirtschaft säuft so viele Subventionen, das ist quasi Sozialismus. Und je weiter du in den Bergen aufsteigst, desto mehr biste in ner marxistischen Utopie oder so, wo der Staat den Bäuerinnen und Bauern die Infrastruktur finanziert, und sie bezahlt fürn bisschen Landschaftspflege und fürs Image von unserer Bauernnation. Mit Markt hat das ja gar nichts zu tun.”
“So viel hatte die Schanti mittlerweile gelernt. Und sie und die Sabin haben auch rausgefunden, dass alle ihre Kolleginnen in der Branche so krass mit ihrem eigenen Hochstaplerinnen-Syndrom beschäftigt waren, dass die nie gemerkt hätten, wenn nebendran mal jemand wirklich hoch stapelt. Und das ist natürlich das perfekte Klima, um bisschen Storytelling zu betreiben.”
“Aber das ist genau der Punkt: Können ist eben ein Kon-tinuum. Das ist kein Verb, das einen On-off-Zustand be-schreibt, wie leben oder schwanger sein. Die beiden Sachen kann man machen oder nicht machen, da gibts keine dritte Option. Aber beim Können ist es so, dass es ausschließlich Zwischenstufen gibt. Genau so, wies niemanden gibt, der irgendwas perfekt kann, gibts niemanden, der irgendwas gar nicht kann.”
“Wenns keinen Gott gibt und keinen Sinn im Leben und keinen Himmel und keine Hölle, und davon könne man ja ausgehen, wie die Chantal gesagt hat, dann bleibe einem nichts übrig, als das Leben so unterhaltsam wie möglich zu gestalten.”
“ Und er selber, also der Jules, sei ja diesen Sommer dreissig geworden, und da klinge das plötzlich nicht schlecht, so ne Fest-anstellung. Auch wenn er sich bis jetzt immer dagegen gewehrt -habe, aber vielleicht passiere da hormonell was in dem Alter, dass man sich plötzlich nach Sicherheiten zu sehnen anfange, hat der Jules gesagt. So Sachen finde er allgemein interessant, da gäbs ja noch andere Beispiele für, dass die Hormone den Charakter veränderten, er denke da zum Beispiel an Männer über fünfzig, die scheinbar alle anfingen, so ein Bedürfnis zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und Macht aus-zuüben, weil, anders könne er sich die Zusammensetzung vom Nationalrat oder der Kantonsregierung nicht erklären, höchstens eben hormonell.”
“Drum sind es dann vielleicht sogar zwei, drei Gläser geworden, obwohl der Yves eigentlich wieder hãt-te schreiben gehn müssen. Aber das mache nichts, weil, es set eine BWL-Bachelorarbeit, da schadeten drei, vier Gläser Wein nicht, im Gegenteil, hat der Yves gesagt, das gäbe ihm grad die geistige Stumpfheit, die er für solche Themen brauche.”
“Ganz einfach: Als Mensch ist man ja ein Herdentier. Wenn man zum Beispiel viel im Unterhaltungsmilieu unterwegs ist, dann nimmt man halt mit der Zeit die Macken von diesen Leuten, deren Fehler und Eigenheiten an. Das Rauchen, das Feiern, das Weintrinken, das Schwindeln - und dann färbr halt auch deren kriminelle Energie irgendwann bisschen ab. Und ich will jetzt nicht pauschal sagen, das wären alles Kriminelle in der Branche, überhaupt nicht. Das ist bloß so ne Tendenz, so ne Energie, oder eben so ne gewisse Schlängel-Mentalität, die in dieser Branche nicht unüblich ist: dass man gewisse Regeln einfach nicht ganz so ernst nimmt wie andere. Was ich sagen will: Wenn alle um einen rum sich so durchs Leben schlängeln, wird man halt irgendwann selber bisschen zum Schlangenmenschen.”
“Und so hat so ein Limo-Hersteller zum Beispiel gern dreitausend Franken gegeben und dazu ein paar Kästen von seinem Produkt. Und Limo ist ja nicht alles. Das kann man mit Getränken, mit Snacks, mit Mode machen, mit allem Mög-lichen. Und so ist ziemlich was zusammengekommen an zusätzlichen Einnahmequellen für die Produktion. So hat die Schanti die fiktiven Zuschauer innen, die sie wegen Cash-washer immer gehabt hat, zu Geld gemacht. Klar ist drum in dem Stück auch ziemlich viel konsumiert worden auf der Bühne. Und auch im Hintergrund hat mega viel Gerümpel rumgestanden. Aber das ist in-win gewesen. Das Publikum hat gedacht, das sei so voll die Konsumkritik, was die machten, weil die Leute auf der Bühne die ganze Zeit so exzessiv am Fressen und Limo-Saufen gewesen sind. Und die Firmen haben das Gefühl gehabt, das sei gelungene Schleichwerbung. Und das ist ja auch das Schöne am Theater: Da kann jede selber hineininterpretieren, was sie will. Ein Zuschauer hat nach einer Show sogar gesagt, das fände er jetzt super sympa-thisch, dass Polyphon Pervers das lokale Kleingewerbe bisschen unterstützen tue und ins Bewusstsein bringe. Und das ist ja auch ne legitime Lesart gewesen. Auf die Idee, dass es der Schanti bloß um die Kohle gegangen ist, ist nie jemand gekommen.”
“Weil, das ist ja zuerst mal mega überfordernd gewesen, die plötzliche Konfrontation mit dieser neuen Krankheit und all diesen hygienischen und moralischen Fragen, die da plötzlich aufgetaucht sind im März zwanzig, mit all der Angst und all dem Leiden und Sterben um einen herum und dem aufgekratzten Ton in den Nachrichten.”
“Die Schanti wollte grad dagegenhalten, aber der Yves hat gesagt, er meine das auf keinen Fall böse. Im Gegenteil. Das sei eine wunderschöne gemeinsame Geschichte gewesen, er und Polyphon Pervers. Aber jetzt würden aus der Geschichte eben zwei Geschichten. Das hätten die Geschichten so an sich, dass sie manchmal auseinandergehen, hat der Yves ge-sagt. Und das sei jetzt wahrscheinlich eben so ne Geschich-ten-Gabelung, wo zwei Geschichten verschieden weitergin-gen. Das tue manchmal weh, aber eben: So seien sie halt, die Geschichten. Da gäbs ständig so Gabelungen, seien das jetzt Freundschafts- oder Arbeitsgeschichten. Und in der Unterhaltung laufe das eh aufs Gleiche hinaus.”
“Weil, das ist auch so ne Berufskrankheit im Theater. Dass man, weil man sich ständig mit so scheiß Held innen befasst, irgendwann unvermeidlich auch bisschen so wird. All die Theater-Arschlöcher sind nicht bloß abergläubisch, versof-fen, verlogen, hochstaplerisch und kleinkriminell, sondern haben eben auch noch so nen krassen Hang zum Pathos.”
"Polyphon Pervers" von Béla Rothenbühler stand auf der diesjährigen Hotlist. Es hat zwar nicht zum Sieg gereicht (die finalen Titel waren alle großartig und ich hätte jedem den Sieg gegönnt), aber ich möchte es euch trotzdem sehr ans Herz legen, weil es einfach so "erfrischend anders" ist. Das klingt nach Phrasen dreschen, aber es passt einfach perfekt. 😅 "Polyphon Pervers" wurde aus dem Luzerndeutschen von Uwe Dethier "in eine am gesprochenen Wort orientierte hochdeutsche Sprache" übersetzt. Ich kann mir vorstellen, dass damit nicht unbedingt jede Leser*in zurecht kommt. Auch ich hatte auf den ersten Seiten meine Zweifel, war dann aber sehr schnell so amüsiert, dass ich dran bleiben musste. Mehr Infos zum Inhalt, ein paar herrlich durchgeknallte oder auch sehr schlaue Textstellen und ein Foto vom Hotlist-Abend findet ihr in den Slides. Danke für das tolle Gewinnspiel, liebe @lesenaufderueberholspur! Dank dir besitze ich nicht nur das Buch, sondern auch ein bisschen original "Polyphon Pervers"-Merch. 🤩🔥