Regelmäßig verfolgen zehntausende Menschen Videos auf YouTube, in denen sich zwei Kontrahent:innen mit den krassesten Beleidigungen überziehen und dabei nur ein Ziel verfolgen: das Gegenüber vor dem gebannten Publikum zu erniedrigen und im Duell der Beschimpfungen zu triumphieren. Doch worin besteht der Reiz dieses verbalen Boxkampfes und wie ist Battlerap zu einer der lebendigsten Subkulturen überhaupt geworden?
Rafael Schmauch, selbst bekannter Beleidigungskünstler, erzählt nun erstmals die Geschichte des deutschen Battlerap – von den Anfängen bei »Feuer über Deutschland« über die Hype-Jahre bei »Rap am Mittwoch« bis zur eingeschworenen Szene heute. Mitreißend und ganz dicht an den Protagonist:innen beleuchtet er ikonische Battles, legendäre Rivalitäten und skandalträchtige Begegnungen. Mit dem Wissen eines Insiders seziert Schmauch das Handwerk der Beleidigungskunst. Er erklärt, welche Rolle der richtige »Angle«, die Performance und die Crowd spielen und wodurch ein Battle zu einem echten Klassiker wird. Immer wieder stößt er auf die Frage, was Battlerap nun eigentlich ist: Kunst? Sport? Oder doch immersives Theater? Was es in jedem Fall ist: faszinierendes, grenzüberschreitendes Spektakel!
Nur Liebe für Battlerap und jeden, der darüber schreibt, aber so richtig hat sich mir der Gedanke hinter dem Buch nicht erschlossen. Es erzählt halt die Szene-Legacy nach, die es aber auch komplett auf YouTube nachzusehen gibt – und dabei bleibt es dann. Ob sich jemand szenefremdes den Zugang über dieses Buch holen wird, halte ich für fraglich. Für Fans steht dagegen nichts drin, was sie nicht eh schon wissen. Viel spannender wäre es doch gewesen, dem battleerfahrenen Autoren beim Philosophieren über neue Blickwinkel auf die Kunstform zuzuhören oder Hintergrundwissen zu erfahren. Das liest man leider nur in homöopathischer Dosierung.
Ich glaube viele Punkte die mich an diesem Buch stören kommen zum Vorschein, wenn man das Ganze mit dem Video "Ich vermisse das VBT" von Yannik Gölz vergleicht. Und das wird schon bei den Kapiteln deutlich. Auf der einen Seite haben wir Titel wie "Die Ursuppe", "Der Peak", "Beginn einer Krise", "Die große Anxiety", "Ein Diamant", "Das Luie-die-Nadel-Theorem". Auf der anderen Seite haben wir hier "GESCHICHTE DES DEUTSCHEN BATTLERAP, ERSTER TEIL ", "GESCHICHTE DES DEUTSCHEN BATTLERAP, ZWEITER TEIL ", "BEITRÄGE ZU EINER THEORIE DER GEREIMTEN BELEIDIGUNG ", "VARIANTEN DES BATTLERAP " usw.
Bei Yannik Gölz hat jedes Kapitel eine Überschrift, die neugierig macht, und die als Ganzes gesehen schon die "Aufstieg und Fall vom VBT" Narrative andeuten. Es werden wirklich Sachen bewertet und eingeordnet, anstatt sie nur grob anhand von einzelnen Highlight-Battles mehr oder weniger nüchtern nachzuerzählen ohne roten Faden. Sehr gut gefallen hat mir im Yannik Gölz Video auch das Konzept der "Zugpferde", wo erläutert wird welche Rapper die jeweilige Ära stark geprägt haben und was sie ausmacht. Auch das habe ich in Papi Schlauch's Buch ziemlich vermisst, Rapper werden zwar erwähnt im Rahmen von Battles, aber sie selbst stehen kaum im Vordergrund, was ich doch irgendwie etwas schade finde.
Außerdem bin ich nach dem Lesen der Meinung, dass das Medium "Buch" einfach nicht so gut geeignet ist, um Battlerap zu vermitteln. Dort geht es ja auch extrem um Delivery und Crowd Reactions, und nicht nur um den reinen Text, wie er im Buch einfach oftmals stumpf als Zitat abgedruckt wird, wohingegen man sie in einem Video direkt so wie sie gedacht sind einblenden kann, und dementsprechen die Stimmung viel besser vermittelt wird. Als jemand der Videobattles schon länger verfolgt, und erst in den letzten Monaten wirkliches Interesse auch an Live-Battles gewonnen hat, hat das lesen trotzdem Spaß gemacht, aber eine allgemeine Empfehlung würde ich eher nicht aussprechen wollen.