Mir ist noch leicht schwindelig. „Das Meer der Aswang“ hat mich auf einen wilden Ritt mitgenommen, der an manchen Stellen wie ein Traum nach zu viel Alkohol wirkt: berauschend, ein bisschen unheimlich, außerdem mit ein paar Flossenschlägen im Gesicht. Allan N. Derain erzählt hier von Luklak, einem Mädchen, das sich in ein Krokodil verwandelt — oder genauer: in eine Aswang, jenes schillernde, schaurige Gestaltwesen philippinischer Sagen. Die deutsche Ausgabe, übersetzt von Annette Hug, bringt das alles sehr liebevoll in unseren Leseraum.
Kurz zur Orientierung: Das Buch verwebt lokale Mythologie, Dorfleben und die Ankunft kolonialer Mächte zu einem eigenwilligen Teppich, auf dem plötzlich Affen in roten Hosen und eifrige spanische Priester ebenso auftauchen wie Seelenvögel und Flussdämonen. Wer eine lineare, handfeste, alles-erklärende Handlung erwartet, wird hier öfter das Gefühl haben, in einem fremden Universum zu stranden. Ja: es macht Spaß.
Was mich beeindruckt hat: Derain lässt die Sagenwelt atmen. Die Verwandlung Luklaks ist nicht bloß ein Gimmick, sondern ein Zugang zu einer anderen Logik — einer Logik, die mit dem modernen, kolonial geprägten Denken nicht kompatibel ist. Die Ursache der Verwandlung (ja, es geht unter anderem um ein rätselhaftes Aalwesen, das eine Rolle in Luklaks Herkunft spielt) wird so erzählt, dass ich beim Lesen mehrfach innehalten und mir die Szene noch einmal bildlich vorstellen musste. Ich war ständig zwischen Verwirrung, archaischem Rausch und Faszination hin- und hergeworfen. Dabei ist die Sprache ganz wundervoll bildhaft (Probs an die Übersetzung!). Sprachliche Bilder lassen diese Welt ganz sinnlich werden, manchmal wuchert es dann auch wieder fast zu dicht, so dass ich erstmal Pause machen musste. Aber das habe ich nicht als Schwäche des Buchs gesehen, sondern eher als Herausforderung: man muss sich wirklich einlassen und die Realität hinter sich lassen.
Luklak bleibt mir im Gedächtnis - nicht unbedingt als die klassische Identifikationsfigur, aber als eine, die innerlich wächst, bricht und sich neu zusammensetzt. Alle Figuren im Buch sind liebevoll, aber auch widersprüchlich gezeichnet, manche sind kaum auszuhalten. Gleichzeitig hat die Geschichte Humor: schwarzhumorig, ironisch, aber niemals zynisch. Dieses Gleichgewicht aus Mitgefühl und ironischer Distanz hat mir wirklich sehr gefallen.
Die Ausgabe, die ich in Händen halte, ist zudem sehr schön ausgestattet. Das Papier, die Typografie, die Illustrationen (die Stellen, an denen sie auftauchen, waren für mich wie Atempausen), all das hat meine Leseerfahrung aufgerundet.
Warum 4 Sterne und nicht 5? Ganz ehrlich: Das Buch ist großartig — aber nicht immer einfach. Manchmal habe ich mir mehr narrative Klammern gewünscht, damit der rote Faden nicht so sehr in Nebel versinkt. Am Ende bleibt doch einiges an Verwirrung übrig 😅
Für wen ist dieses Buch? Für Leserinnen und Leser, die Mythologie lieben, die sich auf literarische Experimente einlassen — und für alle, die kein Problem damit haben, wenn ein Roman sie aus der Komfortzone katapultiert. Wer eine saubere, moderne Erklärung für alles will, sollte vielleicht Abstand nehmen; wer sich aber auf ein anderes Denk- und Erzähluniversum einlassen kann, wird belohnt: mit Bilderfluten und mit einer düsteren, manchmal auch komischen Magie.