Luzie Alvenstein, Nachfahrin einer Dynastie von Duftapothekern und außerdem „Sentifleurin“, ist in letzter Zeit wenig glücklich über ihre Begabung, die Empfindungen anderer Personen zu spüren. Sie sieht möglichst niemandem mehr direkt in die Augen, weil die unverhüllten Emotionen anderer eine Last sein können. Luzie, die in der unmittelbaren Gegenwart mit Internet, Basketball und Plastikartikeln lebt, hat von ihrer Familie die Verantwortung für das riesige Gewächshaus von Hanne van Velden übertragen bekommen, sowie für die unterirdische Duftapotheke mit ihrem Lager voller Flakons mit mächtigen Duftzaubern. Auch die Fähigkeit zu Zeitreisen wird durch einen Duft ausgelöst. Elodie de Richemont, die ebenfalls Duftapothekerin ist und schon seit Jahren konstant 16 Jahre alt bleibt, lebt inzwischen ganz bei Alvensteins. Luzies Mutter ist Restauratorin und hat ihre Werkstatt ebenfalls in dem herrschaftlichen Gemäuer. Dass die Duftvorräte aus Luzies Reich sorgfältig und fachkundig kontrolliert werden müssen, zeigt sich z. B., wenn man mitten in einem Abenteuer im Auge behalten muss, ob ein Zeitreise-Trank auch für die Heimreise ausreichen wird.
Luzies Freunde, die Brüder Leon und Mats, werden bereits früh im Buch als mögliche Love Interests der beiden Mädchen positioniert. Das war mir, ehrlich gesagt, zu überstürzt, weil ich vorher gern mehr über das Zusammenleben mit Elodie erfahren wollte – und über meine Lieblingsthemen in der Fantasy: Fähigkeiten und Tränke.
Als kurz vor den Sommerferien merkwürdige Dinge in der Duftapotheke geschehen und die Jugendlichen ein 1871 datiertes Bild einer jungen Frau mit auffällig intensivem Blick finden, bahnt sich ein Abenteuer an, das Elodie, Mats, Luzie und überstürzt noch ihren 6-jährigen Bruder Benno in einer Zeitschleife bis ins Jahr 1871 und bis nach Rom führen wird. Die Frau auf dem (kleinen) Bild ist die italienische Malerin Francesca Fratelli, von der später noch ein großformatiges Porträt auftauchen wird. Die Verknüpfung in fremde Länder, die sich hier ankündigt, weckt besonders meine Neugier auf weitere Abenteuer.
Von der Icherzählerin Luzie erfahren wir Spannendes über den früheren Duftapotheker Daan de Bruiju, der inzwischen in Holland auf einem Hausboot lebt, und über die Duftmischerei als Ausdruck einer früher strengen Klassengesellschaft, in der die Duftapotheker eine geschlossene Kaste bildeten. Aktuell besteht Nachwuchsmangel in der Branche – aber welche Jugendlichen könnten schon die Welt bereisen, um weitere Sentifleure anzuwerben?
Fazit
Im ersten Band der Spin-Off-Serie schöpft Anna Ruhe ihre Welt der Zauberdüfte und die besonderen Fähigkeiten ihrer Figuren längst nicht aus. Auch wenn ich als erwachsene Leserin in der Fantasy keine Romantik bräuchte, finde ich diesen Band für die junge Zielgruppe passend; für erwachsene Mit-Leser:innen hätten die Beziehungen der Alvensteins untereinander auf rund 300 Seiten gern weiter vertieft sein dürfen.