Wenn Maria Galizia-Fischer erzählt, nimmt sie uns mit in eine Welt, die wir so nicht mehr kennen: Als viertes von zehn Kindern wird sie 1933 im katholischen Oberfreiamt geboren. Bereits auf der anderen Seite der Reuss, wo die Reformierten leben, beginnt die Fremde. Die Familie lebt auf einem Bauernhof, weitgehend selbstversorgt und vom Milchzahltag. Als die Maul- und Klauenseuche ausbricht, ist die Existenz bedroht, Grossonkel und Pfarrer Anton schickt Schokolade und Segenssprüche. Vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erfährt man über das Radio der gichtkranken Tante Babette im Obergeschoss, eine italienische Hausiererin erzählt vom Grauen der Judenverfolgung. Schweigend pflegt der Vater seine Tiere, der Knecht Vinzenz flucht, die Grossmutter flüstert Stossgebete. In Marias Erinnerung werden die Menschen und Orte der Vergangenheit lebendig, wir gehen mit ihr den einstündigen Weg in die Schule, wo man ihr das Latein verbietet, weil sie ein Mädchen ist, und staunen, wie die Eltern sie später dazu ermutigen, Lehrerin zu werden, und sie trotz finanzieller Schwierigkeiten bei ihrer Ausbildung unterstützen. Wir folgen Maria auf Freizeitausflüge und zu Vorstellungsgesprächen, auf den Pilatus und in die Töchterschule und begleiten sie dabei, wie sie mit viel Mut und grosser Neugier ihren Weg in ein Leben zwischen Tradition und Selbstbestimmung findet.
Eine Autorin feiert mit 91 Jahren ihr Début. Es handelt sich um Memoiren, Erinnerungen aus ihrer Kindheit und Jugend in Merenschwand im Freiamt. Maria war das vierte von zehn Kindern eines Bauernehepaares. In einer nüchternen aber detailreichen Prosa erzählt sie vom ländlichen Leben in den dreissiger und vierziger Jahren. Das Leben war voll Entbehrungen und fehlte nicht an dramatischen Episoden, wie zum Beispiel Marias Kinderlähmung oder die Heimsuchung von Babas (Vaters) geliebten und gut versorgten Kühen mit Maul-und-Klauenseuche. In beiden Fällen kehrte dank unermüdliche Pflege wieder Heilung ein. Ich war beeindruckt davon, wie die Familie durch diese und andere schwierige Zeiten durch einen einfachen und selbtverständlichen Volksglauben getragen wurde, aber auch von der Entschlossenheit, mit der die Eltern dahin arbeiteten, dass alle ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen sollten. Dies zu einer Zeit, wo die Erwartung in ihrer Umgebung anders war. Besonders für die Mädchen wurde angenommen, dass sie nach der Volksschule in einer Fabrik arbeiteten, bis sie heirateten.
Ich bin viel später ins Freiamt gekommen und lernte die Autorin kennen. Die Lebensweise, die in diesem Buch beschrieben wird, war am Verschwinden. Schön, dass Maria Galizia-Fischer ihre Erinnerungen hier als Zeitzeugnis festgehalten hat.