Das erste Buch, das unsere Leserunde mit völlig unterschiedlichen Einschätzungen beendete. Ungewöhnlich ist es schon dadurch, dass die Erde, die hier Drach genannt wird, als allwissender Erzähler auftritt. Dieser hat ein anderes Zeitgefühl, für ihn existiert nicht gestern und heute, alle Ereignisse finden zur gleichen Zeit statt („Zur gleichen Zeit, nur vier Jahre zuvor“). Erzählt wird eine Familiengeschichte aus Oberschlesien vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Das geschieht durch den Erzähler Drach nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern in Zeitsprüngen und ermöglicht, den Fokus auf besondere Ereignisse zu legen und Parallelen in den Generationen hervorzuheben. Einzelne Bilder blitzen wie Schlaglichter auf und müssen sich im Kopf des Lesenden zusammenfügen. Die Zeitebenen wechselten in unterschiedlichem Rhythmus, der schnelle Wechsel überforderte mich häufig, während längere Passagen, an denen einer Person gefolgt wird, besser zu lesen waren. Nur am Schluss, als Ereignisse aus verschiedenen Zeiten, aber an einem Ort in einem Mix erzählt werden, fand ich die kurzen Sprünge gelungen.
Dem Erzähler ist nicht nur eine zeitlich gemischte Erzählweise eigen, sondern auch ein emotionsloser Blick auf das Geschehen und das fast vollständige Fehlen der Landschaftsbeschreibungen. Die Sätze sind nüchtern, auf Wesentliches beschränkt, ohne Ausschmückungen. Einerseits kommen einem die Figuren nicht sonderlich nahe, sind die Orte in ihren wechselten Ortsbeschreibungen kaum zu unterscheiden, andererseits gelingt es mit wenigen Sätzen die Bedeutung eines Ereignisses für das Leben der Person überdeutlich zu gestalten. Dabei ist besonders der Einschub „Loretto.Höhe 165“ zu nennen, der die Schrecken des Ersten Weltkrieges auf wenigen Seiten wachrufen kann.
In die Familiengeschichte mischen sich immer wieder Bilder des Sterbens, der Verwesung und der Bedeutungslosigkeit einer Familie in Oberschlesien für die gesamte Erde. Das ist so hoffnungslos und erscheint für mich so ausweglos und düster, dass es kaum zu ertragen ist. Aber mir wurde die Zwangsläufigkeit der Entwicklung nicht klar. Obwohl ich der Meinung bin, dass sich Erlebnisse der Soldaten im 1. Weltkrieg oder in jedem anderen Krieg noch über Generationen negativ bemerkbar machen können, sah ich den Zusammenhang hier nicht. Die Ereignisse, die in wenigen Orten in Oberschlesien spielen, die durch Aufstand und Volksabstimmung plötzlich eine neue Grenze erhielten, hätten ebenso an fast jedem anderen Ort in Mittel- oder Osteuropa spielen können. Die Sinnlosigkeit der Grenze wurde überzeugend dargestellt, auch welche Absurdität die Unterscheidung zwischen Polen und Deutschen in Oberschlesien darstellte. Jeder entschied aus seiner persönlichen politischen Zugehörigkeit und seiner ganz persönlichen Situation ob er künftig Pole oder Deutscher war, jeder sprach Oberschlesisch und daneben deutsch oder polnisch, was für die spätere Zugehörigkeit keine Rolle spielte. Das war der interessanteste Aspekt des Buches. Dialoge wurden im Original in Oberschlesisch geschrieben, um dessen Erhalt sich der Autor bemüht. In der deutschen Übersetzung sind die Dialoge in Niederschlesisch abgefasst, was es den deutschen Lesern vermutlich leichter macht das Buch zu lesen als den polnischen.
Ich habe keinesfalls bereut, das Buch gelesen zu haben, aber ich habe es auch nicht völlig verstanden. Besonders auf stilistischem Gebiet geht der Autor ungewohnte Wege, die mich nicht immer überzeugten. Die Wiederholungen von Geschehnissen, die Schlaglichter auf Ereignisse, die für mich in keinem Zusammenhang zur Familiengeschichte standen und einige Geschehnisse, die nur dem Stil geschuldet sind, beeinträchtigten das Lesevergnügen. Twardoch flicht oberschlesiche Geschichte ein, aber lässt viele Jahre und Ereignisse aus, so kommt die Zeit des Sozialismus fast gar nicht vor und auch die Generation aus dieser Zeit wird nahezu ausgelassen. Andererseits beschäftigt mich das Buch, es wirkt nach und lässt meine Gedanken kreisen. Vielleicht verstehe ich es irgendwann besser.