Erika Fatland wagt etwas, indem sie dieses norwegische Trauma genauestens unter die Lupe nimmt. Auf der einen Seite will sie den Opfern bzw. die Angehörigen der Opfer eine Stimme geben ohne Tränenjournalismus zu betreiben, auf einer anderen Seite will sie den Täter und dessen Werdegang nicht auslassen, aber auch nicht in den Vordergrund stellen. Und noch ein dritter Aspekt ist ihr wichtig, Fehler und Desorganisation bei Polizei zu analysieren ohne anzuklagen.
Als ausgebildete Sozialanthropologin analysiert Fatland auch die Mechanismen kollektiver Verarbeitung: Gedenkrituale, öffentliche Trauer, mediale Inszenierungen und politische Diskurse. Sie zeigt auf, wie schnell und wie zwanghaft nach Sinn und Einordnung gesucht wird – und wie gefährlich vereinfachte Deutungen (etwa die Reduktion Breiviks Tat auf Wahnsinn) sein können. Sie stellt unbequeme Fragen: Ist es möglich, Täter zu verstehen, ohne Verständnis im Sinne von Zustimmung zu zeigen? Was bedeutet es, wenn ein Massenmörder sich selbst als politischer Aktivist inszeniert – und damit erfolgreich Aufmerksamkeit generiert?
Der Autorin gelingt es, einen sehr klugen Ton zu treffen: distanziert, aber nicht kalt; empathisch, aber nicht sentimental; kritisch, aber nicht moralisierend. Sie betrachtet die Wirkung des Attentats als kulturelles und politisches Ereignis – ohne je die menschliche Tragödie aus dem Blick zu verlieren. Besonders stark ist das Buch dort, wo es zeigt, wie Narrative entstehen: durch Sprache, durch Schweigen, durch politische Interessen, durch Medienlogiken.
Das Buch ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie man über Terrorismus schreiben kann – jenseits von Sensationslust und Pathos. Erika Fatland bietet keine einfachen Antworten, sondern fordert dazu auf, sich mit der Komplexität von Gewalt, Gesellschaft und Erinnerung auseinanderzusetzen. Dabei gelingt es ihr, sowohl das norwegische Trauma zu beleuchten als auch allgemein gültige Fragen über politische Gewalt und die Konstruktion von Bedeutung zu stellen.
Aus meiner Sicht ist dieses Buch ein Beispiel für herausragenden literarischen Journalismus, der dokumentarische Genauigkeit mit essayistischer Reflexion verbindet. Das würde ich mir noch für viele Themen wünschen.