August Drach wächst in einem Haus am Dorfrand auf, das Hölle und Paradies zugleich ist. Der Vater, von sich und dem Leben enttäuscht, misshandelt seinen Sohn, Zärtlichkeit hat er nur für die Hunde übrig. Trost findet August bei seiner Mutter, die ihn liebevoll umsorgt. Doch als der Vater die Familie verlässt, verwandelt sich die Zuwendung der Mutter: Sie mischt August heimlich Medikamente ins Essen, schwächt das Kind, macht es krank; von seiner Pflege verspricht sie sich Aufmerksamkeit und Bewunderung. Erst Jahre später gelingt es August, sich aus den Fängen der Mutter zu befreien, ein unabhängiges Leben zu führen, erste Liebe zu erfahren. Doch wie lernt ein erwachsener Mensch, das Rätsel einer Kindheit zu lösen, in der Grausamkeit und Liebe untrennbar zusammengehören? Wie durchbricht er den Kreislauf von Lügen und Betrügen? Und was passiert, wenn sich dieser Mensch, Jahre später, an den Ursprung des Schmerzes zurückwagt?
Sprachgewaltig, in packenden Bildern und Episoden erzählt Valerie Fritsch in ihrem neuen Roman von der Ungeheuerlichkeit einer Liebe, die hilflos und schwach macht, die den anderen in mentaler und körperlicher Abhängigkeit hält. Ein Entkommen ist nicht vorgesehen, es sei denn um den Preis, selbst schuldig zu werden.
Wow! Das muss ich bei 15% aus Selbstschutz abbrechen. Nicht aufgrund des heftigen Inhaltes sondern aufgrund der Sprache und des Stils, die für mich der reinste Psychoterror sind.
Hier ein längeres Zitat, das für mich die Überforderung und Toxizität des Textes verdeutlicht :
„Schuld schien keine persönliche Leistung in dieser Welt, aber eine fremde Zuweisung, ein Päckchen, das man nicht ablehnen konnte, ein Stein, der einem jede Nacht heimlich tief in die Hosentasche gesteckt wurde, so dass man tags darauf unter seinem Gewicht zusammensank. Alle belogen einander, und nicht zuletzt sich selbst, in diesem Haus, und jede weitere Lüge machte sie gierig, auch die nächste zu glauben .Alles wird gut, hörte August die Eltern sagen. Es war ein Glauben gegen alle Wahrscheinlichkeit, eine Hoffnung gegen jede Erfahrung. Es bedurfte einer Vergesslichkeit, einer Erinnerungslücke, die nach einem schönen Moment den schlechten, der ihm vorangegangen war, verschlang. Die Mutter sagte kein Wort gegen den Vater, stellte sich seinem Wüten nie entgegen, schaute lethargisch in sich selbst hinein, aber eilte, kaum war es vorbei, geschäftig und mit roten Wangen zu August, um ihn mit Zärtlichkeiten zu überschütten. Fast schien sie froh, endlich Gelegenheit gefunden zu haben für ihren Trost, es war, als habe sie die entschlossenen Handgriffe ihrer großen Trägheit für gerade jene Augenblicke abgespart, in denen sie einen blauen Fleck mit Franzbranntwein abrieb oder dem weinenden Kind eine süße Milchkaramelle in den Mund steckte.“
Das ist die reinste Symbol, Metaphern und Adjektivschlacht. Zu dicht, erschlagend, überfrachtet. Zu stark aufgeladen. Der gesamte Text (bis zu den gelesenen 15%) ist so! Keine Erholung!
Psychologisch komplex, aber, alles wird durch den Erzähler eingeordnet, interpretiert und mit Bedeutungen versiegelt. Mir nimmt es die Interpretationsfreude, die geistige Beweglichkeit.
Ich kann mich hier nur an der Sprache berauschen. Und die ist für mich wie ein Treffen in einer Großgruppe. Von sämtlichen Seiten hämmern Gespräche, Gedanken, Stimmen auf dich ein. Das zu filtern, ist mir nicht möglich. Ich stehe mit solch einer Anlage des Textes kurz vorm Meltdown.
Interessant ist, dass mich der Text, solange er ohne die dunklen, gewalttätigen Seiten vor sich hinschwebt, ganz schnell langweilt (Abschalten, Langeweile hier schon als Selbstschutz?) und im hallo wach Moment, der mich zwingt aufmerksam zu sein, die Flut der benannten Symbolik etc. nicht mehr ausbremsen kann und mich an die Wand der ausladenden Bedeutungszuweisung klatscht.
Eine Schönheit die zu viel will, blendend strahlt, Migräne und aus. Schachmatt.
Valerie Fritsch legt mit Zitronen abermals einen sentimental-stoisch aufgeladenen, barocken Roman vor, der mit lyrisch aufgeladenen Sätzen eine grausige, erkaltete bukolische Dystopie beschreibt und so an ihren 2015 erschienen Roman Winters Garten anschließt, der ihr zum Durchbruch verhalf. Abermals steht eine agrarisch-gefärbte Welt, eine Familie im Zwiespalt und eine dunkle Romantik im Vordergrund:
Nun war es ein Unterstellplatz für die Menschen, eine Garagenkapelle ohne Kanzel, eine Rumpelkammer mit Volksaltar und blecherner Monstranz, voll von Ikonenbildchen, abgebrannten Kerzen und den Ramadan-Laternen des letzten Zuckerfests. Die blauen Augen starrten lidlos gegen den bösen Blick. In einer Schatulle in Form einer Hand, die wie das Endglied eines unsichtbaren Arms schwer auf einer Holzkiste lag, war Gerüchten zufolge die Fingerkuppe eines Heiligen verwahrt, aber als jemand sie nach Jahren öffnete, fand sich nichts als eine tote Fliege darin.
Was gut beginnt, muss nicht gut enden: August Drach, der Protagonist aus Zitronen, muss dies am eigenen Leibe erfahren, wie seine eigene Mutter mehr und mehr dazu übergeht, ihn mit kriminellen Methoden, nämlich mit Medikamenten und Giften, krank und damit von ihr abhängig zu halten. Nach dem plötzlich Verschwinden seines brutalen, ihn und seine Mutter prügelnden Vaters wird die Zweisamkeit so schnell zur Hölle. Erst ein Blitzschlag befreit August:
Mit einem Mal hatte es ein Krachen gegeben, so laut, dass das Trommelfell gerade nicht platzte, und ein Rauschen in den Ohren, das jeden Ton außerhalb der eigenen Haut verschluckte. Eine Helligkeit hatte die Welt erfasst, und ein Licht war August in den Körper gefahren, dass sein Herz flimmerte und aus dem Rhythmus fiel, zu dem der Mensch tagein, tagaus marschierte.
Sprachlich dicht, intensiv beschrieben beschreibt Fritsch in rhythmisch-fließender Prosa, wie August durch die Welt irrt. Als Kind dem Vater ausgeliefert, als Jugendlicher vergiftet von der Mutter, und als Erwachsener dann in einer Großstadt, als Barkeeper, der seine Eifersucht gegen seine Partnerin und Ehefrau nicht mehr im Zaum halten kann und selbst gewalttätig wird, um dann, im nächsten Schritt, sich an seiner krebskranken Mutter zu rächen. Es handelt sich bei Zitronen also um eine Rachegeschichte, und so um eine psychologische, mythologisch aufgeladene Täterstudie, die anfangs noch durch Zeitraffung und Bildlichkeit besticht, am Ende jedoch ins Konstruierte ausufert.
Ab dem Moment, wo die narrativen Sprünge und perspektivischen Dissonanzen überhand nehmen, klar wird, dass die Erzählung einen Täter beschreibt, der quasi zur Gewalt erzogen wurde, verliert der literarische Schwung Zitronen vollends, denn der Ton, die elegisch-sentimentale Stoizität passt hier nicht mehr als Atmosphäre und schlägt um ins Psychologisch-Triviale:
Er hasste sich selbst nicht konsequent genug, war nichts weiter als ein gewöhnliches Arschloch. Schon bevor er das Falsche tat, wollte er, dass ihm verziehen wurde.
So etwas bricht die narrative Illusion. Die Erzählweise erinnert an ein Gleiten, Dahintreiben, ohne Widerstände, stoisch, fließend, ozeanisch. Je länger aber Zitronen andauert, desto klarer wirkt eine Intention und Konstruktion in die erzählte Welt hinein, desto bemühter gerät das Psychogramm und Programm und desto beliebiger erscheinen auch die Szenen und die Abfolge derselben prätentiös. Mit hastigen Strichen wird Augusts Welt dann abgehandelt. Vieles bleibt unklar. Vieles vage. Vieles einfach nur angedeutet. Da hilft die verschnörkelte Sprache nicht mehr über die Leere der Erzählung hinwegzutäuschen. Seine eigen Figur zu verraten, heißt die Erzählung selbst zu destruieren. Zumindest dies gelingt, fast mit postmoderne Verve, Valerie Fritsch in Zitronen ganz formidabel: August mag am Ende niemand(en) mehr.
Entfremdung Kurzmeinung: Valerie Fritsch setzt sich mit diesem Roman ein literarisches Denkmal. Valerie Fritsch beschreibt in einem wirklich schmalen Büchlein einerseits die Kindheit und das junge Erwachsensein des Knaben August Drach, andererseits aber liefert sie in ihrem Roman auch gestochen scharfe Kurzcharakterisierungen und kleine Gesellschaftskritiken und zeichnet sich durch eine leuchtende Sprache aus. Den Süden beschreibt sie so: „Ein Licht herrschte als hätte man mit einem Mal andere Augen“. Die Lebensgeschichte Augusts ist schockierend, es ist eine Geschichte von Kindesmisshandlung, von Gewalt, sowie Vater wie Mutter vergehen sich an dem Kind und auch ein späterer erwachsener Freund kommt ihm nur zag- und mangelhaft zur Hilfe. „Dem Vater fiel er in die Hände, der Mutter in die weit ausgebreiteten Arme“, vom Regen in die Traufe. Kann man es besser sagen? Und der Leser hält die Luft an. Valerie Fritschs blumig-fulminante Sprache steht in krassem Widerspruch zum äußeren Geschehen und gerade das macht den Roman aus; widersprüchlich wie das Leben selber ist der Roman, denn im Schönen ist auch das Schreckliche zu Hause und umgekehrt. Ich mag es, wie sie Substantive personalisiert, „die verlegene Freude“, „die betrunkene Nacht“ – ja, eigentlich ist dies falsch, aber man weiß sofort, was damit gemeint ist. Und ich mag es, wenn ein Autor etwas wagt. Manchmal ist es vielleicht ein wenig zu viel, zum Beispiel sind „blühende Satelittenschüsseln“ für mich zu viel. Aber auch hier stellte das Bild einen Gegensatz dar. Es passieren Valerie Fritsch auch Formulierungen, unter denen ich mir nichts vorstellen kann, aber das gehört zum experimentellen Schreiben dazu. Die Österreicherin ist auf alle Fälle keine konservative Erzählerin, aber eine charmante. August erlebt einiges, als er sein Dorf endlich hinter sich lässt und er schlussfolgert schließlich: „Es gab nichts, was es nicht gab, aber es gab vieles, was es nicht hätte geben dürfen, wenn man die Welt für eine schöne halten wollte.“
Warum heißt der Roman „Zitronen“ und kommen diese leuchtend gelben Früchte immer wieder vor? Sie sind Symbole des Gegensatzes, leuchtend schön, prall und voller Leben und in ihrem unmittelbaren Gefolge das Schreckliche und die Auslöschung gesunden Empfindens. Es fällt einem auch sofort das Sprichwort ein "Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus". Wenn das mal so einfach wäre!
Der Roman ist in seinem depressiven Grundton gesellschaftskritisch in sich. Die wegsehenden Nachbarn, die Folgen der Misshandlungen, die Autorin beschreibt es mehr so nebenbei. So nebenbei wie diese Dinge in der Gesellschaft ja auch geschehen. Auch der Mob findet Eingang in den Roman, die Reaktion der Menge. Die Autorin beschreibt eben nicht nur Augusts Leiden, wie es manche Rezensentinnen bemängeln werden, die Autorin verliere den Fokus, nein, ihr Fokus ist die Gesellschaft. Und da ist August nur ein Teil davon.
Letztendlich geht es um Entfremdung. Entfremdung vom Leben. Valerie Fritsch erweist sich mit „Zitronen“ als waschechte Existenzialistin, als eine moderne Autorin. Vater und Mutter sind sich selbst entfremdet, „Sie (die Mutter) lebte ein anstrengendes Leben unter dem löchrigen Deckmantel eines unangestrengten Tagesablaufs“, auch der Vater ist sich fremd. Und August, eigentlich ein ganz normales, aufgewecktes Kind wird ein Erwachsener, der sich selbst und dem Leben ohnmächtig und hilflos gegenübersteht, unfähig zur Eigeninitiative, ein ratloser Reagierender. Seine Erziehung wird sich rächen, das Muster sich wiederholen.
Fazit: Dieser Roman hat alle meine Erwartungen übertroffen. Es ist in gewisser Weise ein experimenteller, existentialistischer Roman. Ein echter Deutscher Buchpreisanwärter (2024) und auf seine Weise ein kleines Meisterwerk.
Ich habe überhaupt noch nie einen Roman über das Münchhausen-Stellvertrer-Syndrom gelesen, und ich weiss auch nicht, ob es jemals einen besseren als diesen hier darüber geben wird. Valerie Fritsch beschreibt in einer extrem rhythmischen, bildreichen, intensiven Prosa, die auch die kleinsten Details wahrnimmt und würdigt, die scheinbar fliessenden Grenzen zwischen Fürsorge und Gewalt. Die Figuren sind komplex und mit Tiefe geschrieben, und ich konnte mich dem Sog, den dieser Text auf seine Leserin ausübt, nicht entziehen. Jeder Satz ist ein neues, treffsicheres Bild. Präziser und besser geht Literatur nicht. Definitiv eins meiner neusten Lieblingsbücher.
Ein dunkler Roman über das Trauma und die Auswirkungen von Missbrauch in Form des Münchhausen-Stellvertretersyndroms. Ich fand die strukturelle Umsetzung sehr ansprechend, ebenso die überzeugende Verhandlung des Themas auf der Plotebene. Der Vorgänger Herzklappen von Johnson & Johnson hat mich nicht so überzeugt, dieses Buch dafür umso mehr!
2,5 Sterne, aufgerundet. Ich habe lange über dieses Buch nachgedacht und was ich damit anfangen soll. Lange war ich nicht mehr so ratlos und habe mich so leer gefühlt nach dem Lesen eines Buchs. Sprachlich schön, wobei ich mich an den Stellen, an denen nichts konkretes passiert, dabei ertappt habe gedanklich abzuschweifen, weil mir die ausufernden, poetischen Beschreibungen Fritschs zu langweilig wurden. Aber die Geschichte, die, wie gesagt gut erzählt ist, hat mich einfach nur an jeder Stelle runter gezogen und mir hat ein kathartisches Element der Erleichterung gefehlt. Es wird gefühlt mit jeder Seite schlimmer und endet dann im Desaster. Ich bin keine Leserin die immer ein Happy End braucht, aber ehrlich, ich brauch zumindest irgendeinen Hoffnungsschimmer, das Leben ist eh oft hart genug.
Bücher unter 200 Seiten frühstücke ich am Wochenende einfach so weg. Bei diesem Buch war mir das nicht möglich. Jeder Satz ist so gehaltvoll, dass er langsam zerkaut, erst über Zunge und Gaumen und dann ins Gehirn wandern musste. Jedes Wort ist und muss langsam verdaut werden. Somit wurde „Zitronen“ zu einem intensiven Lese-Erlebnis.
August wächst in einem Elternhaus auf, dass von Gewalt geprägt ist. Sein Vater ist grob und brutal. Es scheint keinen Tropfen Liebe in ihm zu geben. Und egal, was der kleine Jungeunternimmt, wie schnell er rennt und wie gut er sich versteckt, die Prügel des Vaters, erreicht ihn zuverlässig. Seine Mutter hingegen war ambivalent, schützt ihn nicht, aber überschüttete ihn mit Fürsorge, wenn der Vater abwesend war. „Augusts Mutter war eine seltsame Person, der man ihre Schrulligkeit nicht übel nehmen konnte, weil sie so gern besonders sein wollte, dass sie gar nicht bemerkte, dass die Leute sie bloß eigenartig fanden.“(S.18) Nachdem der Vater verschwindet, leidet August unter der Mutter im Sinne des Münchhausen- by- Proxy- Syndroms agiert. Der Junge entwickelt sich also zu einem Erwachsenen, der nie wahre Liebe erfahren hat. Er verlässt das Elternhaus und auch das Dorf seiner Kindheit, wählt einen Beruf der näher am Tod als am Leben ist und erfährt eine große Liebe mit der er nicht umgehen kann. Am Ende kehrt er zurück. Seine Augen öffnen sich und er zieht einen Schlussstrich, der mir plötzlich und unerwartet Herzrasen beschert hat.
Soweit kann man den Plot kurz zusammenfassen. Was man nicht transportieren kann, ist die besondere Art der Sprache mit der dieser Roman literarisch glänzt. Die fehlende wörtliche Rede verstärkt die Poesie der Grausamkeit, die August hier widerfährt. sie hält aber auch Distanz und lässt uns wie in einem Luftschiff über das Geschehen schweben. ich war nicht in den Figuren, sondern hatte phasenweise das Gefühl ein grausames Märchen erzählt zu bekommen. Dabei mäandert Fritsch auch auf Nebenschauplätze die mir manchmal die Konzentration raubten. Ob die Geschichte rund um das vermisste Mädchen, oder die Vergangenheit von Herrn Sappara, die Seitenstränge wirken wie Abgründe die eigene Bücher füllen könnten. Insgesamt sind wir hier in einem Kosmos unterwegs, in dem Menschen wegschauen oder durch das wegschauen Anderer ins verderben gestürzt werden. Eine große Stärke der Autorin ist ihre Fähigkeit, Atmosphäre durch Beschreibung herzustellen. Der Roman kitzelt unsere Sinne und lässt Gerüche und Geräusche lebendig werden.
Das helle sommerliche Cover führt allerdings in die Irre, denn diese Geschichte ist voller Düsternis und Schwere, die Lebensrealitäten widerspiegeln, die in unserer Gesellschaft keine Seltenheit sind. Der Protagonist erinnerte mich manches Mal an Jean Baptist Grenouille und auch der Stil lässt mich oft an Süskinds „Das Parfüm“ denken, obwohl Handlung und Setting nicht wirklich vergleichbar sind.
Die richtige Lektüre für Herbsttage, an denen wir uns literarisch anspruchsvoll gruseln möchten. Und warum war dieser Roman eigentlich nicht mindestens auf der Longlist? Ist mir ein Rätsel.
Inhaltlich kann man kaum sagen worum es geht. Ein bisschen verlorene Liebe, ein bisschen Gewalt in der Beziehung zu den Eltern, ein bisschen Münchhausen by Profi. Sprachlich ist es sehr dicht und intensiv, sehr anstrengend zu lesen und zieht sich extrem. Es gab immer wieder stellen, die mir sehr gut gefallen haben, allerdings wirkt alles für mich sehr gewollt, erzwungen.
This entire review has been hidden because of spoilers.
„Zitronen“ ist ein Roman über das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Ein Roman über die Nähe von Liebe und Gewalt, Glück und Unglück - Opfer und Täter. Zugleich feinfühlig und brutal. Zart und zerbrechlich wie hart und brachial.
Dabei gewohnt sprachgewaltig, reduziert und roh, präzise bis in die letzte Silbe, bis in die die letzte Bedeutungsdimension.
Rhetorisch an manchen Stellen für mich ein bisschen zu gewollt. Das Buch hätte auch ein paar Seiten länger sein können, einiges ist mir da zu kurz gekommen 🙆🏻♀️
Ich hab das ganze Buch irgendwie auf einen Racheakt gewartet. Und dann, als er da auf der letzten Seite geschah, brachte er mir keine Befriedigung. Und ich glaube um genau das ging es.
Sprachlich ist das Buch eine echte Wucht und krass heavy aber ich habe es sehr gerne gelesen, auch wenn ich finde, dass der letzte Drittel etwas schwächer war als die ersten beiden.
Valerie Fritsch erzählt in ihrem Roman »Zitronen« die Geschichte von August Drach, der bis zum Weggang seines Vaters unter dessen Alkoholkrankheit leidet, später unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom seiner Mutter. Als junger Erwachsener versucht er, sich ein freies Leben aufzubauen, allerdings gelingt ihm dies nur schwer. Er übernimmt die Bewältigungsmechanismen seiner Eltern, sodass Lügen und Alkohol seine permanenten Begleiter sind. Auch die Beziehung zu Ava zeigt, dass er nicht frei ist von den Bewältigungsstrategien, die ihn seine Eltern gelehrt haben: Impulsivität sowie Destruktion gegen sich selbst und gegen die, die er liebt, zeichnen die Beziehung.
Valerie Fritsch zeigt in einer gewaltigen Sprache die Unterwelt des Menschen und wie die Kindheit den Protagonisten prägt. Die Eltern sind psychisch krank, die Beziehung Augusts zu den Eltern changiert zwischen Abwesenheit und zu viel Anwesenheit; emotionale Stabilität wird dem Kind nicht geboten. Der Roman zeigt psychologisch feinfühlig, wie sich die Kindheitserlebnisse ins Erwachsenalter verketten; wie August auf die Strategien, die er in seiner Kindheit von den Eltern gelernt hat, als Erwachsener zurückgreift, weil er darin Sicherheit und Wahrheit vermutet. Nicht nur das unmittelbare Umfeld der Eltern, auch das Dorf, in dem er aufwächst, beeinflussen und beschäftigen August nachhaltig. Fritsch skizziert bravourös, wie sich die Sozialisation eines Menschen nicht nur im Mikrokosmos abspielt, sondern auch weitere, größere Ebenen braucht. Ein großartiger Roman, der aus vielen filigranen, verflochtenen Schichten besteht, in einer poetischen, feinsinngen Sprache, wie man sie selten in der Gegenwartsliteratur findet.
Es ist der Stil und die Verarbeitung dieser Missbrauchsgeachichte, die mich nicht überzeugen konnten. Im ersten Teil, der davon berichtet, wie die Hauptfigur August als Kind von seinem Vater geschlagen und gedemütigt wird, einem Vater, der selbst schwach mit dieser Machtdemonstration sich erhöhen will, überwiegen für mich überfrachtete Metaphern und Zustandsbeschreibungen des dumpfen ländlichen Lebens, die ich schon in vielen anderen österreichischen Romanen gelesen habe, teilweise besser und packender. Dann kommt die Geschichte der übergriffigen Mutter, die Darstellung eines sogenannten Münchhausen-by-proxy Syndroms. Gut angelesen, muss ich aber in diesem Roman nicht unbedingt lesen. Dann ein kurzer Liebeshoffnungsschimmer der natürlich an dem traumatisierten August zerbricht. Damit nicht alles verraten wird, werde ich über den - sich durchaus logisch ergebenden - Schluss nichts schreiben. Also auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis sehe ich diesen Roman nicht. Wenn es um das Thema Kindheitstrauma geht, sollte sich die Autorin mal ein Beispiel an ihrer ebenfalls für den Buchpreis nominierten Kollegin Winkler nehmen.
I think i need some time to process this cause idk what to think. So the story is horrifying: you start and you're like okay village family okay and then you're like oh disfunctional family and it just gets worse and worse. Lots of TWs. At least the main character gets of bit of clarity at the end cause dang. As the back says, there is no possible escape. Otherwise i was annoyed by the fact it lacks identification in time, and i liked the recurring dog theme. The writing style is kinda flowery though and sometimes looses the plot which complicated your reading. But yeah, finally finished it, and this is book one of five for the austrian book prize jury :)
Dass die Autorin schreiben und mit Sprache umgehen kann, merkt man sofort, für mich persönlich leider zu 'gewollt', zu 'gezwungen', was einem leider schon nach ein paar Seiten den Lesespaß verdirbt.
3.5* Ich habe am Anfang etwas gebraucht um reinzukommen, weil ich mich auf den Schreibstil konzentrieren musste. War dann aber schnell gefesselt und konnte das Buch gar nicht mehr weglegen. Definitiv sehr heftige Geschichte aber sehr spannend.
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Sprachlich herausragend; inhaltlich heftig und stark; in keiner Hinsicht beschönigend, gleichzeitig nachvollziehbar; nüchtern und gerade dadurch empathisch vermittelt.
Erst wird die furchtbare Kindheit von August Drach, der den Erwachsenen in seinem Leben schutzlos ausgeliefert ist, erzählt. Dann folgt im zweiten Teil sein Erwachsenenleben, das die Frage aufmacht, wie bzw. ob ein Mensch nach einer solchen Kindheit (glücklich) sein kann? Und weiter fragt: Was tut mensch, wenn er versteht, was passiert ist?
Ich konnte dieses Buch kaum ertragen. Das Kind wurde in seiner Abhängigkeit und seiner Schutzbedürftigkeit von den Menschen verraten, auf deren Liebe es am meisten angewiesen war. Ich fühlte mich nicht "abgehärtet" genug, um mich auf die Tiefe des Buches einzulassen.
Diesem Buch lässt sich mit einem Wort beschreiben: Beeindruckend. Ein beeindruckendes Übermaß an in morbider Wortwahl geschriebenen Metaphern, die beim Leser ein Gefühl der Beklemmumg auslösen. Ein beeindruckend substanzloser Hauptcharakter (das Wort Protagonist wäre für ihn zu positiv konnotiert), bei dem das Kunststück gelingt, zwar in schmerzhafter, zermürbender Ausführlichkeit sein schweres Schicksal zu schildern, ihn zugleich aber mittels eines fragwürdigen Schreibstils derart emotional vom Leser zu distanzieren, dass es diesem schwerfällt, ihm gegenüber Mitleid zu empfinden, geschweige denn ein Interesse an seinem Fortkommen in der Geschichte zu entwickeln. Eine beeindruckend zähe, uninteressante und fantasielos endende Abfolge von Ereignissen, die nur im äußerst weiten Sinn des Wortes als "Handlung" bezeichnet werden kann. Dies ist der auktorialen Erzählperspektive geschuldet, die dem Leser gänzlich offenlegt, was dem Hauptcharakter entgeht und zugleich dafür sorgt, dass der (womöglich zutreffende) Eindruck vermittelt wird, der Hauptcharakter habe keinen freien Willen und könne weder auf den Verlauf der Geschichte einwirken noch wolle er das. Das Buch mutet somit zutiefst deterministisch an, wobei die Determination überwiegend zu sein scheint, beim Leser maximales Desinteresse hervorzurufen. Wäre ich nicht aufgrund meiner Mitgliedschaft in einem Buchclub einer erheblichen fomo ausgesetzt gewesen, hätte ich das Lesen dieses Buches definitiv spätestens ab Seite 20 abgebrochen. Schlussendlich finde ich es besonders beeindruckend, dass es einen Verlag gibt, der zum Schluss gekommen ist, dass dieses Buch publiziert werden sollte.
Ein Buch, von dem ich nicht recht weiß, wie ich es bewerten soll. Rein emotional gesehen, was den Lesegenuss angeht, würde ich es eher zwischen zwei und drei Sternen bewerten. Die Geschichte hat es nicht so richtig geschafft, mich in einen Lesesog zu reißen - aus verschiedenen Gründen. Paradoxerweise waren es eben diese, die mich dann literarisch begeistert haben. Ich schreibe selbst, und kann deswegen das (für mich persönlich grandios beherrschte) literarische Handwerk anerkennen. Ich versuche mal, diese Faktoren näher zu benennen.
Ganz vorneweg ist da der Schreibstil der Autorin zu nennen. Hätte ich das Printexemplar gelesen, wäre dies am Ende voll mit markierten Stellen gewesen. Manche Stellen waren so beeindruckend, dass ich sie mehrfach gelesen, mein Haupt verneigt und die Geschichte kurz pausiert habe. Die Geschichte an sich wird eher nüchtern und sachlich erzählt, manche Passagen dagegen sind einfach wortgewaltig. Einen besseren Begriff kenne ich dafür nicht. Diesen Gegensatz finde ich unglaublich interessant.
Spannend fand ich auch die Unterteilung in Augusts Kindheit, und später in sein Erwachsensein. Dadurch erfährt man zum einen die schrecklichen Handlung seiner Eltern in der Kindheit, und die Auswirkungen auf sein gesamtes Leben zum anderen. Durch beide Teile wird diese erschreckende Geschichte erst so richtig rund.
Zum Inhalt will ich gar nichts weiter sagen, den sollte man in diesem kurzen Roman lieber selbst entdecken.
Fazit: Ein Buch, bei dem man emotional einigermaßen gefestigt sein, bzw. in der Lage sein sollte, sich auf das Schreibhandwerk zu konzentrieren.
Ich werde das Buch vorerst nicht bewerten, da ich mich nicht in der Lage dazu fühle. Einerseits finde ich den Schreibstil sehr komplex und bewundere ihn, andererseits hat es mir in meiner aktuellen Lebensphase mit Schlafmangel (Kleinkind und Baby) das Lesen erschwert. Deswegen konnte ich das Geschriebene nicht so aufnehmen und verarbeiten, wie ich es mir wünschen würde und nehme mir vor, dem Buch noch einmal zu einem anderen Zeitpunkt, eine Chance zu geben!
Ein krasses Thema. Diese Traumata von Augusts Kindheit lassen ihn nie wieder los. Man schwankt zwischen Verständnis und Unverständnis darüber, dass auch er selbst gewalttätig wird und sogar seine frühere Peinigerin tötet. Schrecklich gestört hat mich der Schreibstil und dieser ist auch der Hauptgrund für 2 Sterne Abzug. Unfassbar lange, verschachtelte Sätze machen das Leseeröebnis erschwerlich.
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bei mir hat es einige Seiten gedauert bis ich mich in das Buch hineingelesen habe und mochte es später von Seite zu Seite immer wie mehr. sehr tiefgründig.