Dieses Buch hat mich angenehm überrascht. Eine im ersten Moment absurd erscheinende Grundidee wird glaubwürdig in einer detailliert ausgearbeiteten alternativen Welt zu Ende gedacht. Im Nachwort erfahren wir dann noch, dass diese Idee wirklich verfolgt wurde. Nur den Untertitel »Ein Atompunk Roman« hätte ich nicht gebraucht, denn ich denke, dass wir schon genug Punk–Subgenres in der SF haben.
Es geht um Raumschiffe, die durch explodierende Atombomben(!), also durch ein nukleares Pulstriebwerk, angetrieben werden. Dieses »Projekt Orion« wurde wirklich verfolgt und viele der im Roman auftretenden Personen sind historisch und waren auch beim echten Projekt dabei. Im sehr interessanten Nachwort erläutert der Autor Details des eingestellten Projektes und was er von den Ideen in seinem Roman verwendet bzw. verändert hat. Er erklärt den realen Hintergrund des Romans und Abweichungen. Man sollte es übrigens wirklich als Nach–wort lesen und nicht etwa als Vor–wort (was ich manchmal mache).
Die Geschichte der alternativen Welt wird in zwei Zeitsträngen erzählt: Im ersten, der Anfang 1976 beginnt, erleben wir aus der Sicht der Astronautin Georgina Camden den Start eines durch Atombomben angetriebene Raumschiffes zu einer großen Reise durch unser Sonnensystem. Georgina bricht mit ihren beiden Kollegen auf, um bis zum Pluto zu fliegen, denn dieser Antrieb liefert eine enorme Geschwindigkeit. Die zweite Ebene startet mit der Vorgeschichte, als nämlich im Jahr 1961 ein amerikanischer Spion in Moskau von einem Plan des Physikers Andrej Sacharow erfährt, ein Raumschiff mit Atombomben anzutreiben. Er gibt diese Information nach Washington zu Präsident Kennedy weiter. Schon der Einstieg in diese Ebene zeigt uns einen Autor, der sehr detailliert beschreibt, der sich Zeit lässt und hier z.B. sehr genau und faszinierend die Unterschiede zwischen Minsk und Moskau erklärt.
Zwischen den Kapiteln gibt es immer einen netten Einschub, der kleine Ereignisse der fiktiven Welt schildert, die anders abgelaufen sind als in unserer Welt
Im folgenden bekommen die Erzählebenen abwechselnd jeweils ein Kapitel, wobei der Roman insgesamt nur vierzehn Kapitel hat, was auch zeigt, dass dies kein klassischer »page turner« ist. Ted Taylor und Ryan Thomasson versuchen das Projekt Orion auf technischer und politischer Seite voranzutreiben. Politisch wird es in Zeiten des Kalten Krieges eingebunden in das allgemeine Wettrüsten und die Angst, dass die Sowjetunion den Amerikanern voraus sein könnte. Insbesondere Ryan wirkt dabei oft wie der typische Ingenieur, der sich für die technischen Möglichkeiten sehr begeistert und die Auswirkungen seines Tuns auf andere ignoriert. Dies betrifft auch seine Frau und seinen Sohn, die er vernachlässigt und kaum noch sieht; stattdessen schläft er mit seiner Sekretärin. Man kann dies klischeehaft nennen, es hat aber einen treffenden Kern und passt zur Figur. Dass Wernher von Braun in diesem Umfeld auch irgendwo mitmischt, wundert nicht. Gegenargumente, die z.B. von Freeman Dyson kommen, der auf die Strahlenbelastung der Atmosphäre durch den Antrieb hinweist, werden ignoriert. Mehrfach steht das Projekt auf der Kippe und zweimal steht dabei John F. Kennedy im Zentrum gut geschriebener Szenen, die für den Fortgang von Projekt Orion entscheidend sind. Sowohl die technischen Details wie auch die Beschreibung der alternativen 60er Jahre lassen erkennen, dass hier sehr gut recherchiert wurde.
In der anderen Erzählebene reist man in atemberaubenden Tempo zum Jupitermond Europa, wo man kurzerhand einen Reaktor in der Eisschicht versenkt und sich den Weg frei schmilzt. Weiter geht es nach Callisto und dann zum Saturnmond Titan, in dessen Ozean Georgina mit einem Astronautenkollegen im U–Boot Sex hat: »Sie lagen da in ihrem engen Stahlkokon, umgeben von einem tödlichen kalten Ozean, geschützt durch nukleare Wärme, und versicherten sich, dass sie selbst hier draußen Menschen waren« (S. 153). Später geht es über Neptun weiter bis zum Pluto und bei jeder Station gibt es ein mehr oder weniger großes Abenteuer zu bestehen. Der eigentliche Flug ging mir zu schnell und bei all der sonstigen Detailverliebtheit des Buches fehlten mir hier Einzelheiten zur Geschwindigkeit und Flugbahn, deshalb blieb mir der Flug zu abstrakt.
Die Benachteiligung der Frauen in dieser Zeit wird mehrfach thematisiert und es gibt gelungene Frauenfiguren im Buch: Da ist insbesondere Georgina zu nennen, die als Astronautin oft die entscheidenden Ideen hat. Es gibt eine Nebenhandlung um Patricia, eine intelligente Journalistin, die die Männer durchschaut und mit ihren Russischkenntnissen wichtige Beiträge liefern kann. Leider muss sie ihre Rechercheergebnisse ausgerechnet einem chauvinistischen männlichen Kollegen geben, der sich für unwiderstehlich hält. Aber: ihre Geschichte geht in einem späteren Kapitel weiter und wie Georgina schafft es auch Patricia, sich in der männerdominierten Welt zu behaupten. Die auf der Erde verbliebenen Ehefrauen der Astronauten werden gut charakterisiert.
Ich hatte beim Lesen immer wieder Spaß mit den Abänderungen der Realität. Erwähnt seien hier noch – ohne weitere Erläuterung – die Fast–Katastrophe von Apollo 13 und auch ein kurzes Kapitel mit Armstrong, Aldrin und Collins fünf Jahre nach der Mondlandung.
Die letzten beiden Kapitel bringen das Buch zu einem gelungenen Abschluss, zu dem ich hier nicht mehr sagen möchte.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Er hat zwar manchmal sein Längen und man muss ihm auch bei den Figuren Zeit lassen, aber mich hat er mehr und mehr überzeugt, weil immer wieder starke Szenen beschrieben wurden. Ich fand den Aufbau der beiden Zeitebenen, die sich ergänzen und schließlich zusammenlaufen, sehr gut. Manchmal hätte ich mir noch mehr Beschreibung der eigentlichen Reise gewünscht, mehr »Sense of Wonder«, da bleibt der Autor etwas zu nüchtern und technisch. Aber lesenswert ist das Buch auf jeden Fall.