Das Buch, scheint mir, erfüllt den vom Autor angegeben Zweck: Es klärt auf und ist auch seiner einfachen Gliederung und Sprache wegen für die politische Bildung geeignet. Zweifellos hat der Autor auch Recht, wenn er davon ausgeht, dass das Phänomen "Graue Wölfe" zumindest der jüngeren Generation in Deutschland nicht wirklich bekannt ist bzw. deren Aktivitäten unter dem Schirm der Öffentlichkeit laufen. Ich erinnere mich, dass früher "im Westfernsehen" öfter mal die Rede davon war, so dass ich sogar als DDR- Bürger etwas davon wusste. Aber Informationen aus neuerer Zeit gab und gibt es nicht und so fühle ich mich vom Anliegen des Autors durchaus angesprochen.
Meint auch, ich habe zu wenig Ahnung von neuerer türkischer Geschichte, als dass ich Richtigkeit und Qualität der hier getroffenen Einschätzungen wirklich beurteilen könnte. Aber, was ich las scheint mir logisch und stimmig zu sein. Vor allem waren für mich interessant die Erläuterungen zum türkisch- kurdischen Verhältnis, weil ich erst dadurch die Vorgänge aktuell in Syrien (Kobane) oder rings um Öcalan zu verstehen beginne. Nicht neu waren mir der Genozid an den Armeniern und die gewaltsame Vertreibung der kleinasiatischen bzw. Pontus-Griechen, die hier ebenfalls mit türkischem Nationalismus in Zusammenhang gebracht werden. In dieser Zeit entstehen der politische Arm der türkischen Rechten wie auch die "Grauen Wölfe" als eine Art SA. Als solche agierte und agiert sie auch in Deutschland, was bis hin zu politischen Morden reicht. Interessant die Rolle der CSU, des BND sowie die von Franz-Josef Strauß persönlich. Man sollte so etwas nicht vergessen, denn es sind Muster, die sich wiederholen (NSU- Komplex). Immer wieder werden vom BND "Hilfstruppen" geschaffen, die dann aus dem Ruder laufen. Kurz, das ist informativ und interessant.
Eher schmunzeln musste ich bei den ideologischen Legitimationsversuchen des türkischen Nationalismus, weil die so wenig anders als andere mir bekannte historische Dummheiten daher kommen. Allerdings wirkt es auf den deutschen Leser schon etwas komisch, wenn Assyrer oder Babylonier zu Türken erklärt werden, Türken also am Beginn der Zivilisation der Menschheit standen und auch später für alles verantwortlich wurden, was mit "Zivilisation" einher ging (einschließlich ihres Einflusses auf die Chinesen). Mit 14000 Jahren Türkentum übertreffen deren Propheten Ceausescus 3000 Jahre Rumänien um einiges. ;-) Auch in der Frage, ob alle Sprachen der Welt (einschließlich Lateinamerika oder Ozeanien) vom Türkischen abstammen, sind sie "besser" als Ukrainer, die Ukrainisch (oder was auch immer das gewesen sein soll) wenigstens nur zur Mutter aller slawischen Sprachen erhoben haben. Das ist alles ziemlich grotesk, wobei man als Deutscher allerdings daran denken sollte, dass noch in meiner Generation um "das Jahr 9" herum viel Gewese gemacht und zumindest nahe gelegt wurde, dass "deutsche Geschichte" mit der Vereinigung germanischer Stämme gegen die Römer begonnen hätte. Das türkische Narrativ ist einerseits also zum Schmunzeln, andererseits kreuzproblematisch, weil die Kolleg/innen Geschichtslehrer hierzulande also gegen solcherart Indoktrination anrennen dürfen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer (und meist erfolglos) das ist. Was Hänschen gelernt hat, verlernt Hans nicht so leicht wieder - leider. (In Rumänien und der Moldau steht in jeder größeren Stadt das ikonische Standbild der kapitolinischen Wölfin, was daran erinnern soll, dass die Rumänen die "älteren Brüder" der Römer sind! Und gegen die Heldentaten der ukrainischen Kosaken ist ebenfalls ziemlich schwer anzukommen...)
Sei's drum: Das Buch ist denjenigen zu empfehlen, die - wie ich - von dieser Seite moderner türkischer Geschichte keine Ahnung haben. Es ist zumindest als Einstieg für eine tiefergreifende Beschäftigung mit der Geschichte der Turk- Völker und der Türkei hervorragend geeignet und aktuell sowieso. Ein bisschen schade fand ich, dass die Beschreibung wie die Erklärungen strikt auf politikwissenschaftlicher Ebene verbeiben und wirtschaftliche Aspekte kaum eine Rolle spielen. Dabei hätte ich gerne gewusst, warum alle Modernisierungsversuche von Kemal bis Erdogan keinen wirklichen wirtschaftlichen Aufschwung nach sich zogen, so dass die Kurdenfrage u.a. wegen der militärisch-ökonomischen Schwäche der Türkei bis heute nicht "geklärt" werden konnte. Leider reichen die Ressourcen heute offensichtlich aus, um sich in Kobane gegen die dortige kurdische Selbstverwaltung einzumischen. Man sieht die Aktualität der beschriebenen nationalistischen Auswüchse, denn man wird erst noch sehen, wohin das alles auch mit Blick auf Zypern, Griechenland sowie Armenien/ Aserbeidschan führen wird. Auch dass die Krim und das (historische wie aktuelle) Verhältnis zu Russland hier gar keine Rolle zu spielen scheinen, wundert mich nach dem Gelesenen ein wenig. Aber man kann von dem schmalen Band nicht Antworten auf alle Fragen erwarten. Zur Krim gibt es ja auch andere Bücher, die sich mit dem Thema befassen. (vgl. K.S. Jobst, Geschichte der Krim: Iphigenie und Putin auf Tauris)