Elena, eine junge Frau Mitte zwanzig. Sie hatte gedacht, bei den Eltern ausziehen heißt, erwachsen zu sein. Doch in ihrer Einzimmerwohnung, der Lebensfreund weit weg in Kanada, verliert sie mehr und mehr den Halt. Dann tauchen Erinnerungen auf; Erinnerungen an weite Felder voll goldenem Licht und darin ein Haus. Wenn sie Bilder malte, war das Haus immer der Mittelpunkt. Eines Tages aber ist es abgebrannt. Auch ihre Kindheit ist seither wie ausgelöscht. Elena will das fehlende Stück in ihr Leben zurückholen und macht sich daran, die Chesa Seraina mit eigenen Händen wiederaufzubauen. In einer feinfühligen, tastenden Sprache erzählt Fanny Desarzens eine eindrucksvolle Geschichte von der Suche nach einem eigenen Weg, derweil Stück für Stück ein neues Haus entsteht und zwei Schweiger sich schöne Briefe schreiben.
Einfach nur grandios. Ein kurzer, präziser aber einfühlsame Roman über Sehnsucht, Familie, Freundschaft, Liebe und der Suche nach dem richtigen Zuhause.
Erwachsensein: Das heisst, bei den Eltern auszuziehen. Dass das nicht alles ist, merkt Elena mit Mitte zwanzig – als sie plötzlich mehr und mehr den Halt verliert.
Sie lebt in einer winzigen Erdgeschosswohnung, nur wenige persönliche Dinge findet man darin. Das Haus der Eltern: in Gehdistanz. Die ältere Schwester: wohnt mit ihrem Partner ebenfalls im Ort. Ihr Geld verdient sich Elena mit einem Job an der Kinokasse; Ambitionen, mehr aus ihrem Leben zu machen, hatte sie nie verspürt.
Bis jetzt. Während sie regelmässigen Briefkontakt zu ihrem Kindheits- und Jugendfreund Jean hält – er ist nach Kanada ausgewandert –, tauchen plötzlich Erinnerungen auf. Erinnerungen an eine verdrängte Vergangenheit, an eine ausgelöschte Kindheit. Darin: ein Haus.
Es ist das titelgebende Haus, in dem Elena und ihre Schwester Rose aufgewachsen sind. Zumindest für ein paar Jahre. Warum die Familie die Chesa Seraina zurückgelassen hatte, darüber wurde nie gesprochen. Und nun will Elena, aus einem Bauchgefühl heraus, das Haus wieder herrichten – und ein Stück verborgener Familiengeschichte ans Licht bringen.
Mit kurzen Sätzen und in knapper Sprache porträtiert Fanny Desarzens eine Mittzwanzigerin, die aus dem Alltagstrott ausbricht, den sie für sich selbst vorgesehen hatte. Sie merkt, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt, dass sie unglücklich ist; ohne benennen zu können, woher dieses Gefühl kommt. Ihrer Intuition folgend findet sie einen Weg, dem Gefühl auf den Grund zu gehen, und tut das ohne Umschweife.
Sie ist in gewisser Weise eine typische Figur, umgeben von typischen Figuren: Sie gehen ihren banalen Tätigkeiten nach, wollen ein Haus, wollen ein Kind, sprechen nicht über Gefühle und Enttäuschungen – und fragen auch nicht danach. Bis sie merken, dass es nichts Gutes mit einem macht, wenn man alles zurückhält.
Schlussendlich geht es auch gar nicht so sehr um die Geheimnisse, die die «Chesa Seraina» birgt, sondern um das, was ihr Wiederaufbau mit sich bringt: Das Eintauchen in eine sinnhafte Arbeit, das zögerliche Knüpfen von neuen und das Pflegen von alten Freundschaften, die Annäherung an die Familie. Und wenn Elena einmal dort angekommen ist, wo sie – ohne es zu wissen – hinwollte, so wird sie auch eine sich anbahnende Tragödie nicht mehr aus der Bahn werfen können. Ein wunderbarer und einfühlsamer Roman über das echte Erwachsenwerden.