Adorno beginnt damit Begriffe, Definitionen, Termini als etwas einzuführen, das nicht isoliert anwendbar bzw. betrachtbar sei und liefert unterschiedliche Ausprägungen der Vorstellung was einzelne Philosophische Strömungen unter dem Begriff Definition verstehen.
Termini verändern sich im Laufe der Geschichte, weshalb die ganze Philosophie in ihrer Funktion verstanden werden – eine explizierte Beziehung auf den Zusammenhang gegeben sein muss, um produktiv damit arbeiten zu können.
Deshalb sprach Hegel vom „Leben des Begriffs“ - „Philosophie erweckt das in den Worten geronnene Leben.“
Adorno bringt dies prägnant zusammen:
„Wenn diese Definitionen hervorspringen aus der Totalität eines sich entfaltenden Denkens, in dem sie ihren Stellenwert gewinnen, ist das etwas entscheidend anderes, als wenn sie atomistisch und mehr oder minder mechanisch an den Anfang des Gedankens und an den Anfang der philosophischen Reflexion gesetzt werden.“
Das Setzen an den Anfang, ist etwas das Kant in „Kritik der reinen Vernunft“ kritisiert hat.
Hier grenz er sich vom Rationalismus als Philosophie ab, die geglaubt hat “aus reinen Begriffen heraus etwas über die wichtigstens Fragen des Seins ausmachen zu können.“
„Zweitens kann auch, genau zu reden, kein a priori gegebener Begriff definiert werden.Denn ich kann niemals sicher sein, daß die deutliche Vorstellung eines (noch verworren) gegebenen Begriffs ausführlich entwickelt worden, als wenn ich weiß, daß dieselbe dem Gegenstände adäquat sei…
daß man es in der Philosophie der Mathematik nicht so nachtun müsse, die Definition voranzuschicken, als nur etwa zum bloßen Versuche.“
(Kant, Aus der transzendentalen Methodenlehre, zweiter großer Teil der "Kritik der reinen Vernunft" - erster Abschnitt, erstes Hauptstück)
Nietzsche, der Kant immer kritisiert hat, wählt erstaunlich ähnliche Worte und verleiht seiner Skepzis gegenüber dem mechanischen Verfahren des Definierens Ausdrucks:
"Ehemals definierte man, weil man glaubte, daß jedem Worte, Begriffe eine Summe von Prädicaten innewohne, welche man nur herauszuziehen brauche. Aber im Worte steckt nur eine sehr unsichere Andeutung von Dingen: man definiert vernünftiger Weise nur, um zu sagen, was man unter einem Worte verstanden wissen will und überläßt es jedem, sich den Sinn eines Wortes neu abzugrenzen: es ist unverbindlich."
Erwähnt sei, dass Nietzsche allerdings den Begriffen jegliches Eigenleben abspricht.
Er vertritt einen extremen Nominalismus → Worte sind nichts als ein Hauch.
In der Phänomenologisch und existential-ontologischen Schule fiel der scholastische, archaichische Charakter von Definitionen in Misskredit, dass hier das andere Extrem sichtbar wird – man glaubt „um Definitionen der Begriffe herum zu kommen, weil sie mit dem Anspruch auftritt, daß sie das Wesen, das von einem Begriff ausgedrückt wird, rein beschreibe, ohne daß dabei der Charakter der Festsetzung in den Vordergrund treten soll.“
Hierauf bezogen erwähnt Adorno Heidegger als Bespiel der Neologismen nutzte – eine Kryptoterminologie, die sich so gibt als sie unmittelbare Erfahrung sei, die rein aus unserer eigenen Sprache herausschöpft.
Adorno bringt dieses Verhältnis von Nomonalismus und Scholastik folgendermaßen zusammen:
„Man kann sagen, in der Terminologie habe die Scholastik diejenigen, die sie in der Geschichte der Philosophie besiegten, überlebt, nämlich die Nominalisten. Wahrscheinlich ist auch zu einem nicht geringen Teil das Überleben des realistischen Motivs - also der Lehre von der Wirklichkeit der Begriffe in der neueren Philosophie, die ja in einem ständigen Konflikt mit dem nominalistischen Motiv geblieben ist, darauf zurückzuführen, daß die Übernahme der Terminologie von vornherein bereits so etwas wie Sympathien mit den realistischen Richtungen mit sich gebracht hat. Ein konsequenter Nominalismus, der das Ansichsein der Begriffe leugnet, läßt dagegen, wenn man es ganz streng nimmt, so etwas wie Terminologie gar nicht zu.“
Ich musste die Begriffe Nominalismus und Scholastik nachschlagen. Daher eine kurze Ausführung, die mir das Zitat mit etwas Kontext füllt:
Die Nominalisten sagen: Allgemeine Begriffe sind nur Namen (nomina).
Sie existieren nicht wirklich, sondern sind bloße Bezeichnungen, die wir Menschen erfinden, um die Welt zu ordnen. Nur die einzelnen Dinge sind wirklich; das Allgemeine ist ein Denkprodukt, eine sprachliche Abstraktion.
Im Verlauf des Buches definiert Adorno den Nominalisus dann doch. Hier sein Auszug:
"Nominalismus. Nach dieser Anschauung wird den Begriffen als solchen keine Realität zugesprochen, sondern die Begriffe gelten nur, wir würden sagen, als Abkürzungen, als Abbreviaturen für darunter befaßte Tatbestände. Diese sollen demgegenüber, was unter ihnen befaßt sein soll, eigentlich Selbständigkeit überhaupt nicht besitzen, sondern, wie man es im Mittelalter formuliert hat, nichts anderes als ein flatus vocis, ein Hauch der Stimme, sein, der an sich genauso ephemer, genauso substanzlos ist wie eben das Wort, das man bloß ausspricht."
Hauptvertreter des Nominalismus: Wilhelm von Ockham (14. Jh.).
„Es gibt keine Allgemeinheiten außerhalb des Geistes.“
Sein Prinzip: „Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem“ – man soll nichts annehmen, was nicht notwendig ist.
Das ist der berühmte Ockham’sche Rasiermesser: streiche alle unnötigen metaphysischen Entitäten.
Die Scholastik war ursprünglich realistisch: Sie glaubte an die Realität der Begriffe (Begriff = Sein).
Die Nominalisten „besiegten“ sie geschichtlich, weil die neuere Philosophie (Empirismus, Aufklärung, später auch Nietzsche) den Vorrang der einzelnen, sinnlich gegebenen Dinge betonte und das Allgemeine nur als Konstrukt sahen
Aber, sagt Adorno, paradox:
„In der Terminologie hat die Scholastik diejenigen, die sie in der Geschichte der Philosophie besiegten, überlebt.“
Auch wenn der Nominalismus (die Skepsis gegenüber allgemeinen Begriffen) sich durchgesetzt hat, benutzen die Philosophen immer noch eine Sprache (Terminologie), die realistisch geprägt ist.
Denn jedes abstrakte Wort („Wesen“, „Sein“, „Geist“, „Menschheit“, „Subjekt“) trägt implizit die Annahme, dass es etwas bezeichnet, das wirklich existiert.
Die Sprache selbst verrät also noch die „alten metaphysischen Sympathien“ der Scholastik.
Ein echter Nominalist müsste immer neu, situationsabhängig sprechen – nie dieselben Begriffe wiederverwenden, weil sie sonst wieder zu „Wesenheiten“ erstarren.
So versteht sich Adornos Aussage Philosophie versucht sich dem verdinglichten Denken zu entziehen und kann sich der Ausbildung einer festen Sprache (Terminologie) nicht entziehen. auch besser.
Adorno sieht dies als Prozess. Terminologie abschaffen geht nicht, da ich dadurch die geschichtliche Kontinuität verleugne. Mich an Begriffen festbeißen, geht auch nicht, da ich sie bereits verloren habe. Oder die Philosophie. Er verweist auf ein dialektisches Moment im Umgang mit der Terminologie:
"Die Philosophie muß viel eher suchen, die Dinge, die ihr entrissen werden und entrissen werden müssen, ebenso wie diesen Prozeß selber, in dem sich das abspielt, zu begreifen und an ihnen das zu entfalten, was durch jenen Aneignungsprozeß an ihnen zerschlagen oder verloren wird".
Und sieht darin den positiven Aspekt einer außerordentlichen Differenzierung der Sprache, die man nirgendwo anders so findet.
Dem prozessualen Gedanken verfolgt er weiter, mit dem Verweis auf Hegel, dessen Philosophie nichts anderes sei, „als der Versuch, den Begriff der Philosophie durch Denken selbst so zu entfalten, dass er am Schluss sich erfüllt.“
Und aus der Form des Denkens springen der Philosophie die 3 klassischen Disziplinen: Logik, Ethik, Ästhetik entgegen, die immer im Spannungsverhältnis Subjekt-Objekt verhandelt werden müssen, und ehr als Stufen des Geistes erscheinen, deren Fragen man nicht auf eine Einheit bringen kann.
Adorno will zeigen, dass Logik – und damit Wahrheit selbst – kein festes System ist, sondern ein bewegliches Verhältnis zwischen Denken und dem, was gedacht wird.
Kant, Fichte, Hegel und Husserl markieren für ihn verschiedene Versuche, dieses Verhältnis zu stabilisieren – aber die eigentliche Wahrheit liegt in der Instabilität selbst, in der Selbstbewegung des Denkens zwischen Subjekt und Objekt.
Er bezeichnet die Philosophie als etwas, das die auseinandergefallenen Momente von Wissenschaft und Weltanschauung vermittelt.
Wissenschaft steht für Form – für Struktur, Methode, Begründung.
Weltanschauung steht für Sinn – für Orientierung, Zusammenhang, Bedeutung.
Die Philosophie ist das Dritte, das zeigt, wie beide voneinander abhängen und sich gegenseitig durchdringen, ohne je zu einer Einheit verschmolzen werden zu können.
Keine der beiden Seiten kann für sich Wahrheit beanspruchen – und doch sind wir genötigt, in einem Absoluten zu denken, weil ohne diesen Bezug kein Denken möglich wäre.
So hält die Philosophie die Spannung zwischen Form und Sinn offen:
Sie darf Begriffe nicht wie Dinge behandeln oder für unmittelbar wirklich halten, wie die Wissenschaft, aber auch nicht in bloßer Sinnsuche verflachen wie die Weltanschauung.
Wahrheit entsteht für Adorno nur im Denken, das seine eigenen Grenzen reflektiert, sich weder an Dogmen bindet noch in Beliebigkeit zerfällt.
In dieser Haltung, die Bindungen kritisch prüft und doch nicht in Leere mündet, zeigt sich das, was für Adorno Freiheit heißt.
"Sie muß indessen auch diese Bindungen um der Bindungen willen reflektieren, sie muß über ihren Ursprung und über ihren Grund nachdenken und muß die Gehalte, die in dieser Bindung erscheinen, dann selbst durch das konsequente, das fortgeschrittenste und das unbeirrte Denken sich kritisch vergegenwärtigen."
Wie kompliziert das Thema der Bindung und dem Bedürfnis nach einer Weltanschuauung ist, führt er im weiteren aus.
Ohne Bedürfnis könnten wir gar nicht denken, denn Denken bedeutet immer, über das Gegebene hinauszugreifen; aber wo das Bedürfnis zum Ersatz für Denken wird, verwandelt sich Transzendenz in Täuschung.
So entstehen jene Bindungen, die wir heute oft nur noch wählen, weil sie uns Halt geben sollen – Bindungen, die das Denken blockieren, weil sie Angst haben, in seiner Bewegung zerbrechen zu müssen.
Der philosophische Gedanke dagegen verweigert diese Sicherheiten: Er denkt aus Bedürfnis, aber gegen die Selbsttäuschung des Bedürfnisses.
Darin liegt sein Ernst – und seine Freiheit.
Am Beispiel des Begriffs der Tiefe spinnt Adorno den Gedanken weiter und veranschaulicht, dass seinem Gebrauch nach, meist das Bedürfnis nach Festigkeit, nach Boden, nach etwas Unerschütterlichem spricht.
Tiefe wird so zum Ersatz für Glauben und verkommt zur ideologischen Pose.
Wahre Tiefe dagegen ist für Adorno keine Schicht unter der Oberfläche, sondern die Bewegung, die sich weigert, an einem Grund stehen zu bleiben.
In Hegels Sinn ist sie die Anstrengung des Begriffs selbst: das unablässige Insistieren auf Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt.
Denken, das Tiefe sucht, indem es sich selbst versenkt, verliert sich; Denken, das Tiefe erarbeitet, indem es sich der Wirklichkeit stellt, bleibt in Bewegung. Und damit kommt er beim Begriff oder der Terminologie wieder raus, das „Begriffe nicht das bleiben, was sie gewesen sind, sondern daß sie aus ihrer eigenen Konsequenz heraus zu etwas Anderem werden, als was sie sagen.
...Tief ist allein das, was intransigent, was ohne Rücksicht, was ohne Kompromiß gedacht ist."
Der Wunsch nach Sicherheit und Bindung sitzt tief. So tief, dass aus der Tiefe ein Sinn für Leid gestrickt wird und die Tiefe, das auf den Grund gehen, in ein ideologisches Intentitätsprinzip verfallen kann. Hierfür wird Heidegger als Beispiel herangezogen.
Tiefe, so dreht Adorno den Begriff, wäre nämlich genau das, sich nicht mit dem Schein, einer Ideologie oder sonstigen Ordnungsbegriffen abspeisen zu lassen. Sie ist der Widerstand der Geduld, eine Resistenz, die man ausbildet, nicht dem Affekt zu erliegen, sondern ihn zurücktreten lässt. Er zielt dabei auf die Fähigkeit zur Selbstbesinnung. Und damit meint er, der eigenen Relativität bewusst zu werden ohne den Blick für das Getriebe zu verlieren.
Und so schließt Adorno den ersten Band seiner Philosophischen Terminologie treffend mit dem Gedanken, dass in der dialektischen Philosophie die Vermittlung zwischen den Momenten das Entscheidende ist.
Das dichotomische Denken – also die Spannung zwischen Gegensätzen – ist nicht zu überwinden, sondern notwendig: erst aus dem einen Moment heraus entsteht die Notwendigkeit des anderen, und gerade darin wird Denken überhaupt möglich.
Über diese Ausführungen streut er reichlich Aussagen ein, in denen er seine Warte auf die Philosophie ausdrückt. Hier ein Zusammenschnitt:
Was ist Philosophie? Was tut Philosophie?
• Philosophie ist eine Verhaltensweise des Geistes, des Bewusstseins
• Philosophie als die Bewegung des Geistes, deren eigene Intention Wahrheit ist, ohne daß sie wähnte, nun in einem ihrer einzelnen Sätze oder in irgendeiner Gestalt der Unmittelbarkeit diese Wahrheit als ein bereits Fertiges zu haben.
• Philosophie heißt Liebe zur Weisheit oder Weltweisheit
• Philosophie setzt selbstständig, autonome denkende Menschen voraus. Philosophie ist das Gegenteil
zu der Tätigkeit von Denk-Beamten.
• Philosophie versucht sich dem verdinglichten Denken zu entziehen und kann sich der Ausbildung einer festen Sprache (Terminologie) nicht entziehen.
Fichte bezeichnet dieses verdinglichte Denken (Bewusstsein) unter dem Begriff des „Dogmatisten“, den er vom „Idealisten“ abgrenzt.
• Philosophie erfaßt immer ihren Gegenstand eigentlich nur dadurch, daß sie über ihn hinausschießt, dass sie mehr ist als der bloße Gegenstand.
• Philosophie sucht ihren Gegenstand – sie will mit dem Begriff das Nichtbegriffliche ausdrücken der
Versuch, Erfahrung oder dieses Es-sagen-wollen doch verbindlich zu machen, zu objektivieren das
Moment des sich fortbewegenden, des weitertreibenden, des sich entfaltenden Widerspruchs angelegt
ist.
• der Ausdruck wird zur Wahrheit - sie ist die Reflexion dieses Wissens, die es in Beziehung setzt zu jenem anderen, und insofern ist sie immer auch Kritik des Wissens.
• Philosophie ist die Reflexion der Wissenschaft. Sie ist ein Drittes.
• Sie vermittelt die Momente der Weltanschauung und Wisschenschaft
• Der philosophische Gedanke hat seinen Ernst ganz allein daran, daß er Bestätigungen nicht garantiert – Bindungen verhindern den philosophischen Gedanken
• Philosophie ist der zum Bewußtsein erhobene Widerstand gegen alle Klischees. Sie ist die objektive
Entfaltung des Bewußtseins, welche die subjektive Entfaltung des Bewußtseins impliziert.
• zur Philosophie gehört Naivität, daß man insoweit wieder unmittelbar zu den Dingen sich verhält, dass man sich nicht von vornherein durch die kollektiven Mechanismen, in die man eingespannt ist,
entmutigen läßt, das zu sehen, was einem an einem Phänomen aufgeht. Wenn man dazu nicht fähig ist, wenn man die Fähigkeit verkümmern läßt, überhaupt an den Dingen etwas wahrzunehmen, aufleuchten zu sehen, dann kann man zu keiner wirklichen philosophischen Reflexion gelangen.