Longlist des Deutschen Buchpreises # 5
Mein persönliches Ranking Platz 3 von 20 - und damit auf der exklusiven Anna Shortlist!
Jetzt auch wenig überraschend aber verdient auf der Shortlist!
(English below!)
Dies ist ein großartiger Roman, auch wenn es schwer zu beurteilen ist, wie viel Fiktion eigentlich drinsteckt. Der Autor Kaleb Erdmann war 2002 elf Jahre alt, als seine Schule als Schauplatz Erfurter Amoklaufs traurige Berühmtheit erlangte. Jetzt, in seinen Dreißigern, möchte er ein Buch über seine Erfahrungen schreiben, weiß aber nicht, wie das gehen soll. Schreibt er da wirklich über seine Erfahrungen? Da er weniger Schreckliches gesehen hat als einige seiner Klassenkameraden (nur den Amokläufer, nicht die Schießerei selbst), hat er das Gefühl, sich ein Trauma anzueignen, das nicht sein eigenes ist. Er will eine Sprache finden - weiß aber nicht so richtig, was er eigentlich sagen will, und was er eigentlich zu sagen hat.
Erdmann steht auch in Kontakt mit einem Dramatiker, der ein Theaterstück über einen Amokläufer schreibt. Er denkt darüber nach, was er diesem anderen Schriftsteller über seine Erfahrungen erzählt, hört sich selbst zu, wie er spricht und dabei nicht auf den Punkt kommt. Er versucht zu erklären, worum es ihm geht, manchmal sich selbst, manchmal seiner Freundin, manchmal seiner Mutter. Er spricht über seine Therapie und besucht schließlich einen alten Freund und die Stadt, die er als Kind verlassen hat. Ein Großteil des Romans ist innerlich, obwohl er uns einige der besten Dialoge liefert, die ich seit langem gelesen habe.
Ich war skeptisch, weil schon die Anlage so verkopft ist: Es handelt sich weder um ein Buch über Erfurt noch um eine fiktionalisierte Version der Ereignisse, sondern vielmehr um einen Roman über die Versuche des Autors, ein Buch zu schreiben, das letztendlich zu dem Buch wird, das wir gerade lesen. Das ist eine Menge Abstraktion, und das könnte leicht schiefgehen, schwer und überintellektuell werden. Aber obwohl die Kombination von autobiografischem und metafiktionalem Schreiben immer ein Risiko ist, zahlt es sich hier wirklich aus.
Die erste Szene ist grandios: Der Autor isst unbeholfen japanische Nudelsuppe, während ein Literaturagent ihm sagt, dass sein Buch nicht besonders gut ist, und ihm vorschlägt, einen Kriminalroman aus dem Stoff zu machen. Das gibt den Ton an und führt uns in das Kernproblem ein. Ich habe es insgesamt sehr genossen, ein Buch über ein wichtiges historisches Ereignis in der deutschen Geschichte zu lesen, das weder mit Nazis noch mit dem Zweiten Weltkrieg oder der DDR zu tun hat. Ich fand den Roman spannend, fesselnd und unterhaltsam. Er ist meta, aber im besten Sinne des Wortes. Ich wäre schockiert, wenn er nicht auf der Shortlist stünde.
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German Book Prize Longlist #5
This is a great novel, although it's difficult to judge how much of it is fiction. Kaleb Erdmann, the author, was 11 years old in 2002 when his school became infamous across Germany as the site of the country's worst school shooting. Even today, Erfurt, the city where it happened, has become synonymous with this kind of violence. Now in his thirties, he wants to write a book about his experience, but he can't figure out how to approach it. Is it even his experience? Having seen fewer horrible things than some classmates (only the shooter, not the shooting itself), he feels like he is appropriating trauma that isn't his own. He wants to write about the event without making it stand for something. But what can he contribute?
Erdmann is also in contact with a dramatist who is writing a play about school shootings. He reflects on what he tells this other writer about his experience, he listens to himself talk and fail to make his point. He tries to explain what it's all about, sometimes to himself, sometimes to his girlfriend, sometimes to his mother. He talks about his therapy and finally visits an old friend and the city he left as a child. Much of the novel is internal, although he gives us some of the best dialogue I have read in ages.
I was wary of this book because it is so intellectual: It is neither a book about the shooting nor a fictionalised version of events, but rather a novel about the author's attempts to write a book, which ultimately becomes the one you are reading. That is a lot, and it could easily go wrong, become heavy and highbrow. But while combining autobiographical and metafictional writing is always a risk, it really pays off here.
The first scene is just perfect: The author is awkwardly eating Japanese noodle soup while a literary agent tells him that his book is not very good and suggests that he try writing a crime novel. This sets the tone and introduces us to the core problem. I really enjoyed reading a book about an important historical event in German history that is neither Nazis nor World War nor GDR. I found the novel engaging, engrossing and entertaining. It is meta, but in the best sense of the word. I would be shocked not to see it on the shortlist.