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Die Ausweichschule

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Die Vermessung des Unfassbaren

Am letzten Tag der Abiturprüfungen im Jahr 2002 fallen Schüsse im Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Unser Erzähler erlebt diesen Tag als Elfjähriger, wird mit seinen Mitschülern evakuiert und registriert in den folgenden Wochen die Hilflosigkeit der Erwachsenen im Angesicht dieser Tat. Mehr als zwanzig Jahre später bricht das Ereignis völlig unerwartet erneut in sein Leben ein und löst eine obsessive Beschäftigung mit dem Sujet aus, die in ein Romanprojekt resultieren soll. Aber warum nach so vielen Jahren alte Wunden aufreißen? Hat er ein Recht dazu? Wie verhält es sich mit seinen Erinnerungen, welche Geschichten hat er so häufig erzählt, dass sie wahr wurden?

Kaleb Erdmanns Roman »Die Ausweichschule« ist ein gekonntes Spiel mit Perspektiven, ein Stück Autofiktion, das gleichermaßen publikumskritisch (wie voyeuristisch ist unser Interesse an der Aufarbeitung von Gewalttaten?) wie autokritisch ist (was gibt mir das Recht, über diesen Tag zu schreiben?). Ein pointiertes, persönliches, erschütterndes Hörbuch über ein Phänomen, das uns weltweit umtreibt.

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Published July 31, 2025

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About the author

Kaleb Erdmann

3 books15 followers

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42 (3%)
1 star
8 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 171 reviews
Profile Image for Meike.
Author 1 book5,089 followers
September 30, 2025
Shortlisted for the German Book Prize 2025
Erdmann was eleven years old when he lived through the Erfurt school massacre which left 17 people dead (including the shooter). Now, over 20 years later, he has written this metafictional novel - not exactly about the terrible incident, but about a fictional Kaleb grappling with the attempt to turn the massacre into fiction. This is the Laurent Binet extravaganza of writing history and memory, and I'm here for it; not trauma porn, but a multilayered artistic project triggered by a bar fight, when a man claiming to have known the shooter defends the murderer and breaks the narrator's nose.

The novel is comprised of multiple story lines: The narrator talking to and meeting with a playwright who aims to turn the Erfurt massacre into a play (the descriptions hint to Björn SC Deigner), the narrator's girlfriend Hatice who works at an art gallery and is very involved in discussions about the impact and possibilities of art, and the narrator's meetings with his therapist Frau Czerny. In his research, the narrator wonders what he knows, what he can know, and what determines his perspective, he studies the official Gasser-Bericht about the shooting and travels to the places where everything happened. But how he reconstructs it, not what he reconstructs is the main point here: it's not for nothing that the novel starts with a quote by W.G. Sebald. Jan Assmann and Aleida Assmann come to mind.

The text also ponders the true crime trend, media exploitation, spectacle, and nihilism, and it looks at other art that illuminates violence: The Raft of the Medusa and Julian Barnes' thoughts on it, Ines Geipel's «Für heute reicht's»: Amok in Erfurt, and the works of Emmanuel Carrère, especially The Adversary: A True Story of Monstrous Deception. What renders the book so easy and, yes: fun to read is the quirky personality of the narrator: If a guy wears a hat that says "Diddl Eribon", he already won me over, and his astute observations and struggles with emotional regulation make for a three-dimensional, intriguing character.

A novel that is somehow both meta and fancy and complex, but also cool and smart and entertaining. Give this man the German Book Prize, I'd clap.

You can listen to the podcast crew discussing the novel (in German) here: https://papierstaupodcast.de/podcast/...
Profile Image for Elena.
1,045 reviews416 followers
September 11, 2025
Als der Erzähler in Kaleb Erdmanns Roman "Die Ausweichschule" von dem Dramatiker kontaktiert wird, der ein Theaterstück über den Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 2002 schreiben möchte, ist plötzlich alles wieder da: Die Schüsse, die am Tag der Abiturprüfung fielen, die 16 ermordeten Menschen, die Evakuierung seiner fünften Klasse und das, was er damals als elfjähriger Schüler des Gymnasiums selbst gesehen hat. Schon lange möchte auch der Erzähler einen Roman über den Amoklauf schreiben, alle bisherigen Versuche, die Tat in Fiktion zu verpacken, scheiterten aber. Denn wie soll man schreiben über so eine Katastrophe, ohne Sensationsgier und ohne wie ein True-Crime-Podcast zu klingen? Und ist er überhaupt der Richtige, um so einen Roman zu schreiben, obwohl er doch keinen Mord, kein Blut gesehen hat und eineinhalb Jahre später bereits weggezogen ist?

Kaleb Erdmanns Buch ist mehr Meta-Roman als True-Crime-Geschichte, es geht zwar auch um den Erfurter Amoklauf an sich, etwa wenn der Protagonist Polizeiberichte liest und mit Zeitzeug*innen spricht, eher möchte sich Erdmann aber mit dem Schreiben über Gewalttaten beschäftigen. Der Roman spielt dabei auf zwei Zeitebenen, auf der einen berichtet der fiktive Autor von seinem Besuch in Bamberg, um das fertige Theaterstück des Dramatikers zu sehen, auf der anderen erzählt er von der Zeit des ersten Kontakts mit dem Dramatiker bis hin zu seiner Bamberg-Reise. Die Lesenden erfahren so auch viel über das Leben und die Gefühlswelt des oft zweifelnden Autors, es wird klar, wie sehr ihm das Erlebte bis heute zusetzt. Kaleb Erdmanns Herangehensweise an das Schreiben über eine Gewalttat lässt auch heitere, humorvolle Textstellen zu, besser verdaulich ist die schwere Thematik des Romans dadurch aber nicht. Mich hat "Die Ausweichschule" sehr nachdenklich gemacht, auch wenn ich auf einige allzu detailliert geschilderte Alltagssituationen im Buch hätte verzichten können. Der Autor möchte mit seinem autofiktionalen Roman gerne eine Diskussion anstoßen - in meinen Augen ist ihm das wirklich gut gelungen. Von mir gibt es eine Leseempfehlung! "Die Ausweichschule" ist nominiert für den Deutschen Buchpreis und mein Patenbuch als diesjährige Buchpreisbloggerin.
Profile Image for Alexander Carmele.
487 reviews465 followers
September 23, 2025
Requiem auf ein gescheitertes Erzählexperiment. Stilistisch makellos, narrativ ein Grauen.
(Shortlist Deutscher Buchpreis 2025)

Inhalt: 1/5 Sterne (spannungslose Resteverwertung)
Form: 5/5 Sterne (intensiv-rhythmisch erzählt)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (keine Erzählinstanz)
Komposition: 3/5 Sterne (wirre Zirkelhaftigkeit)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (ärgerlich)
--> 11/5=2,2 Sterne

Die eigene schriftstellerische Arbeit zum Gegenstand des Erzählens zu erheben, weist oft auf eine gewisse Ideen- und Phantasielosigkeit hin. Es mag aber auch zu interessanten, intensiven Erzählexperimenten führen wie bei Dorothee Elmiger in Die Holländerinnen oder Christa Wolf in Voraussetzungen einer Erzählung. Kaleb Erdmanns narratives Ich betreibt eine solche Bauchnabelschau in Die Ausweichschule. Seit dessen Debüt ist einige Zeit verstrichen, und so meldet sich nun die äußerst besorgte Literaturagentin:

Im Wesentlichen warte ich und komme mir zunehmend profillos vor. Gestern hat mich meine Agentin angerufen.
Denkst du eigentlich an einen zweiten Roman?, hat sie gefragt.
Ich denke ständig an einen zweiten Roman, habe ich geantwortet.
Und schreibst du ihn auch?, hat sie nachgebohrt.
Ich denke ernsthaft ans Anfangen, bin ich ausgewichen.


Dieses Ausweichen betreibt er nun auf allen Ebenen im Text, den er nicht ohne Grund Die Ausweichschule nennt. Sein Manuskript liegt brach. Die Figurennamen wollen nicht stimmen. Der Gegenstand erweist sich als zu zäh und schwer zu durchdringen. Der Arbeitstitel lautet „Unterm Herrenberg“ und soll den Massenmord an einem Erfurter Gymnasium und dessen Folgen behandeln, womit die Ich-Erzählinstanz Kindheitserfahrungen zu verarbeiten gedenkt. Als diese nämlich die fünfte Klasse besuchte, fand ein solcher Massenmord statt. Erdmann verarbeitet hierfür den Massenmord an sechzehn Menschen, die 2002 am Gutenberg Gymnasium von einem Amokläufer erschossen wurden. Die Arbeit am Manuskript will der Erzählinstanz aber trotz Materialfülle und Brisanz oder gerade deshalb nicht gelingen:

Leider habe ich den Text am Ende begonnen, mit dem Umzug von Erfurt nach München, mit den Umzugskisten in unserer Erfurter Wohnung und dem Abschied von André, der im Buch nicht André heißt, sondern Mike, nachdem er erst Lukas, dann Luca und dann Luki hieß. Eigentlich mag ich es nicht, wenn Geschichten am Ende beginnen. Der Erzähler drängelt sich nach vorne, macht klar, wer die Kontrolle über die Geschichte hat, nämlich er, weil er das Ende kennt. Man bewegt sich nicht gemeinsam auf das Ende zu, sondern bekommt das Ziel serviert wie ein rotes X auf einer Karte.

Direkt am Anfang des Romans wird nun auch klar, dass das Manuskript abgelehnt wird. Das gescheiterte Schreibprojekt liegt schwer auf der Erzählinstanz, die aber Rückhalt bei Freundin und Familie genießt und Trost im Verspeisen von Süßigkeiten und Bratwürsten findet. Als es erneut zu einem Massenmord an einer Prager Universität kommt, an der zufällig seine Schwester studiert, erhält das Projekt neue Luft und so kann Die Ausweichschule als Resteverwertung von „Unterm Herrenberg“ letztlich verstanden werden.

Auf dem Bildschirm liegt der Text, für den ich diese Reise unternommen habe, und wartet darauf, mit den Bamberger und Erfurter Bildern und Erkenntnissen angereichert zu werden. Mir graut vor der Frage, welche Erkenntnisse das sein könnten. Ich packe mein Notizbuch aus und lege es auf die Tastatur, ich blättere hin und her, durch die ungeordneten Assoziationen des letzten halben Jahres, durch verlorene Notizen-Gedichte und eine endlose Parade hilfloser Fragen.

Mit interessantem, flüssigen Stil rekonstruiert der über dreißig Jahre alte Ich-Erzähler sein Unbehagen, seine Orientierungslosigkeit in Bezug auf den Vorfall und den Massenmord. Er weiß nicht wirklich ein noch aus, holt sich Hilfe bei seiner Mutter und bereist die Orte seiner Kindheitserinnerung nochmals. Leider überträgt sich die Hilf- und Orientierungslosigkeit komplett auf die Struktur und Komposition des Textes. Alles wird in Präsens, in situ, ohne Tiefenperspektive, Raffung und Verdichtung erzählt. Alles, was der Erzählinstanz passiert, was sie denkt, was sie isst, was sie vorhat, wird unterschiedslos Teil dieser Erzähleskapaden, auch ein Strandtag in Portugal, wo diese ihren Personalausweis verliert.

Kaleb Erdmann legt mit Die Ausweichschule ein schelmisches, unverbindliches, unsicheres Fabulieren hin, aber dies im äußerst geschliffenen, angenehm zu lesenden Stil. Selbst die Idee der Komposition, die sogar beinahe funktioniert, hilft dem völlig aus dem Leim gehenden Text nicht, Substanz zu finden. Er bleibt atemlos, hilflos, von erstem bis letztem Wort. Dass er dann noch eine Lanze für einen Massenmörder bricht, tut literarisch radebrechend, wie er sich präsentiert, auch nichts mehr zur Sache.



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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ich-Erzähler (IE), Mitte dreißig.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Rahmengebend für den Roman, seine eigene Entstehung. Haupthandlungsteil (Kapitel 1-16): eine Reise nach Bamberg, wo der IE eine Theateraufführung über den Massenmord an einem Erfurter Gymnasium. Er verbringt einen Tag in Bamberg, trifft den Dramatiker kurz, übernachtet in einer Pension und fährt am nächsten Morgen nach Erfurt, besucht dort einen Kindheitsfreund und seine alte Schule, an der der Massenmord begangen wurde. Er sucht einen geheimen Garten, einen Rückzugsort, legt Blumen für die Opfer nieder und fährt zurück nach Frankfurt am Main.
In jedem Kapitel (1-16) wird nun im Nachgang an den Haupthandlungsteil die Geschichte erzählt, wie es zur Reise nach Bamberg kam. Mehr oder weniger das Leben vom IE in Frankfurt am Main mit seiner Lebensgefährtin Hatice, wie er sich an seinem zweiten Buch über die Kindheitsereignisse versucht, aber nicht vorwärtskommt, aber anlässlich der Anfrage des Dramatikers neue Inspiration erhält, sich mit dem Massenmord erneut zu beschäftigen. Dies geschieht insbesondere auf Druck seiner Agentin hin. Er führt drei Telefonate mit dem Dramatiker, geht zu einer Vernissage seiner Freundin und arbeitet seine Erfurt-Erinnerungen durch.
Gerahmt wird die Zweiteilung durch einen Prolog, der nach Kapitel 16 handelt, nach Fertigstellung seines Manuskripts, das abgelehnt wird. Er fährt im Epilog zu seiner Mutter nach Straßburg, trifft sich dort auch mit seiner Schwester, die hört, dass an ihrer Universität in Prag wieder ein Massenmord begangen worden ist. Dieser Inzident wird zum vorliegenden Buch führen, das der IE wohl im Anschluss geschrieben.
Details:
Prolog: Nutria-Fütterung, Erinnerungen wie Tee-Aufguss – Ablehnung des ursprünglichen Manuskripts durch einen Herr Mertens, mit der IE in einem japanischen Restaurant sitzt. Er solle mehr wie Joachim Meyerhoff schreiben.
1.) Auf dem Bahnhof in Frankfurt am Main. Er sucht eine Flasche zum Urinieren. Fahrt nach Bamberg. – Mailkontakt mit Dramatiker.
2.) Auf dem Weg nach Bamberg im Zug zur Schülervorstellung des Theaterstücks des Dramatikers. – Erinnerung an erstes Telefonat, dynamischer Abgleichung ihres Wissen über das Schulmassaker.
3.) In Bamberg, auf dem Weg zum Theater. Erinnerung an den Umzug nach Erfurt. – Recherche zum Buch, Nachlesen des Gasser-Berichts.
4.) Ankunft im Theater, driftet hinein, mit einer Schulklasse. – Hatices Vernissage mit einem Huhn in Epoxid. Danach liest IE in einem Geldautomatenraum den Gasser-Bericht.
5.) Theaterstück. IE schweift ab. – Gasser-Bericht über den Tathergang.
6.) Theaterstück dauert noch an. Eltern des Täters werden gezeigt. – zweites Telefonat mit Dramatiker über Motive und Tathergang.
7.) Nach dem Theaterstück wandert IE durch Bamberg, geht in ein Gasthaus, besäuft sich und lädt sein Handy auf. – Erinnerung an den Apfelweinangriff, Matze, ein Handwerker, vermöbelt den IE nach hitziger Debatte über den Täter.
8.) Nach Gasthaus, Sightseeing in Bamberg, im Dom, Oberschenkelknochen des heiligen Bischofs Otto. – Erinnerung an eigene Recherchen, das Buch von Ines Geipel, die Kontroversen um Rainer Heise.
9.) Danach Anruf der Mutter. IE auf der Suche nach Gebäck. – drittes Telefonat mit Dramatiker über Folgen, die Renovierung der Schule, das Beziehen der Ausweichschule. Kluwe-Schleberger als gütiges Gespenst.
10.) Geht zu McDonald’s, isst zwei Apfeltaschen. Der Dramatiker holt ihn ab, bringt ihn zu einer Pension. Kurzes Gespräch über das Stück. Frage: Was darf man? – Hatice bringt Fleischabfälle. Er schmeißt sein Risotto weg. Zweifel über sein Schreibvorhaben.
11.) In der Pension. IE säuft Bier, pinkelt in Plastikflasche, nimmt Kontakt zu einem Kindheitsfreund namens André auf. Sie verabreden sich für den nächsten Tag. – Performance von Lipi, Freundin von Hatice, die als Bergfest der Ausstellung sich mit Fleischstücken anzieht. IE denkt über Namen nach.
12.) Zugfahrt nach Erfurt. Katzenwäsche auf der Zugtoilette. Reflexionen über Emmanuel Carrère. – Urlaub in Portugal, Verlust des Personalausweises. Dramatiker ladet zur Premiere ein. IE lehnt ab.
13.) In Erfurt, seltsame Erinnerung, Unwirklichkeiten, kauft Bratwurst. Kindheitsfreund versetzt ihn. Er fährt zu ihm nach Hause. – bei Therapeutin Czerny, über den geheimen Garten nahe der Ausweichschule. Ort der Geborgenheit.
14.) Bei André. Nutella-Brötchen. André will von Vergangenheitsaufarbeitung nichts wissen. – über Essen und Literatur, über die Kantine in der Austauschschule.
15.) Abschied von André. Besuch der Ausweichschule. Suche nach dem geheimen Garten, mögliches Wiederfinden. – bei sich Zuhause, Recherche über das Massentöten, Bounty, Obstfliege.
16.) Besuch der Gutenbergschule. Erinnerung an letzten Besuch, als er eine rote Rose für den Täter hinlegt. Auch ihm müsse gedacht werden. Danach Gespräche mit Kluwe-Schleberger, vielleicht Scham. Er legt weiße Rosen für die Ermordeten an die Gedenktafel. – IE schreibt Dramatiker, will doch ins Stück, bekommt eine Karte für eine Schulaufführung.
17.) Thai-Curry auf dem Weg zurück nach Frankfurt, schläft ein, kauft sich Apfelsaftschorle. Der Sitznachbar interessiert an der Erfurt-Recherche, IE gibt nichts preis. – letzter Tag vor der Abreise nach Bamberg, Fußbad, liest Donald Duck, schläft schlecht.
Epilog: Isenheimer Altar, Antoniter Mönche, mit Mutter, Fahrt nach Straßburg, Treffen mit Schwester, die erfährt, dass an ihrer Universität in Prag wieder ein Massenmörder Menschen erschießt.
●Kurzfassung: Ein IE versucht Material für seinen zweiten Roman zu sammeln, kommt nicht weiter. Durch einen Dramatiker erhält er Anstoß und Inspiration. Es entsteht ein Manuskript, das aber abgelehnt wird, zu unlustig. Als er Weihnachten mit seiner Familie verbringt, findet ein weiterer Amoklauf statt. Anlass ein neues Manuskript zu schreiben.
●Charaktere: (rund/flach) – keine Handlung, keine Figurenzeichnung, entfällt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Kluwe-Schleberger als gütiges Gespenst (Kapitel 9).
… kritisches Moment scheint im Gedenken an den Täter zu liegen. Der IE legt eine Rose für den Täter nieder, als er die Möglichkeit hat, einen der anderen sechzehn Opfer zu gedenken. Um sich zu erklären, schreibt er: Sogar er verdiene es, dass um ihn getrauert werde. Die Traumatherapeutin nimmt ihn zur Seite, ob ihm klar sei, was er da getan habe. Später, zwanzig Jahre vielleicht, legt er nun vier weiße Rosen für die anderen sechzehn Opfer ab. Der Diskurs dreht sich um Vergebung, um christliche Nächstenliebe – wie die vielen religiösen Momente im Text bezeugen. Er geht mehrmals in die Kirche, schaut sich Altare und religiöse Skulpturen an. Im Straßburger Münster zündet er drei Kerzen an.
… auf der anderen Ebene handelt es sich bei dem Text um ein gescheitertes Erzählexperiment, der gescheiterte Versuch, sein eigenes Leben zu fiktionalisieren. Dieses Manuskript heißt „Unterm Herrenberg“ oder „Zwischen den Bergen“ als Arbeitstitel. Diese Variante wurde verworfen. „Ausweichschule“ lässt sich als Abfall- oder Resteverwertungsprojekt betrachten.
●Diskurs: Ego-Shooter, Gewalt an Schulen, Massenmord, und die Frage, inwiefern auch Tätern gedacht werden sollte.
… Thema selbst eher journalistisch aufbereitet, nicht narrativ. Es gibt keine Spannung. Es gibt keinen Twist. Es gibt überhaupt keine Form von Figurenentwicklung. Das Thema selbst, der Massenmord, zieht als Stoff, wird aber durch keine Plot dynamisiert. Der Stoff selbst aber wird leidlich aufbereitet, ohne allzu starke Einseitigkeiten. Eher so etwas wie eine retrospektive Presseschau.
--> 1 Sterne

Form:
●Wortschatz: durch die vielen Diskurse, Kontroversen und Metadiskurse sehr vielfältiges Wortmaterial, das nie langweilt
●Type-Token-Ratio: 0,17 (solide Diversität) (Musil >0,25 - Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 15, STAB 11,74 – zeugt von komplexen Syntaxen.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 74,96 eher literarisch gewichtet (Musil/Mann <70% - Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: starker Verbal- und Reflexionsstil (erster Ordnung).
●Stimmige Wortfelder: ja,
●Wiederkehrende Motive/Tropen: sehr viel über Essen (knapp 10%).
●Innovation: liegt wohl in der mikroskopisch erfassten Körperlichkeit, diese Selbstwahrnehmung, die nicht stoppt, die ängstlich vonstatten geht, der Körper als Fremdes wie schon bei Joshua Groß in „Prana Extrem“.
… der Stil von Erdmann mischt einen sanften, Litanei-haften Ton mit Maximieren und Superlativen wie „extrem“, „absolut“, „hundertprozentig“, „nie mehr“, „einzig“ und martialischen Adverbien und Adjektiven wie „brutal“, „eiskalt“, „harte, kalte“, „scharf“, „heftig“, „nie mehr“, „größte“ etc… d.h. er versucht nicht durch den Gegenstand, die Beschreibung, sondern über die Wertung zu Effekten zu gelangen. (brutal 13x, heftig 8x, eiskalt 8x, „-gewalt-„ 36x …) – unangenehme, aber sehr wirkungsvolle, abwechslungsreiche Sprache
--> 5 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: die Erzählstimme findet im Präsens statt, durchweg, d.h. es gibt keine ordnende, sich zeigende, sich darstellende Instanz. Die fällt hier völlig aus. Jede Situation erzählt ein Ich im Präsens, als wäre es seine eigene Gegenwart, also völlig Immersion, was eben zu fast nicht vorhandener Reflexion führt – zweite Reflexion, Raffung und Verdichtung schon gar nicht. Die Ich-Instanz lebt im Moment, einzig in ihm.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): perspektiviert ja, aber nicht situiert, nicht reflektiert, dazu fehlt der Abstand.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: wertend, auf den Putz hauend, sich relativierend, zögernd, in einem gewissen Rhythmus zwischen heftigen Urteilen und alles weichwischenden Beschreibungen, Pendel zwischen einer Erwachsenen- und einer Kindersicht.
●Einschätzung: keine Instanz, keine literarische Organisation, eher Essaystil
--> 1 Stern

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Idee, jeweils in jedem Kapitel zwei Zeitebenen zu haben, die sich (Kapitel 1-16) dann zirkelhaft zusammenschließen, veranschaulicht den Teufelskreis, in welchem sich das Erzählen befindet, nämlich nicht von der Stelle zu treten. Diese Komposition überzeugt.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, alles spielt sich in der Erzählwelt ab
●Lose Versatzstücke: viele, die Vernissage, die keine Rolle spielt; der Portugalurlaub, von dem niemand wissen muss; die ganzen Nahrungsmittelaufnahmen, die keinen narrativen Mehrwert besitzen.
●Reliefbildung: rein kompositorisch nicht.
●Einschätzung: die Zirkelhaftigkeit kann gewürdigt werden, die geht auf, wirkt auch nicht erzwungen, dazwischen aber viele Lückenfüller (Plastikflasche zum Urinieren; Besprechen von Filmen, von Vernissagen, von einer Fleisch-Performance) etc … insofern entsteht ein Resteverwertungseindruck, sehr unentschieden, sehr verzweifelt, alles von sehr gemischter Intensität. Ohne diese losen Versatzstücke (Huhn in Epoxidharz, Portugal, Fleisch-Anzug) wäre die Komposition eindrucksvoll gelungen.
--> 3 Sterne

Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja, triste Aufzählung von Körperbefindlichkeiten, Schweiß, Stinken, Essen.
●Geärgert: ja, über die Ideenlosigkeit, das bloße Repetieren, Zitieren von allem, was es schon gibt über das Thema, wie ein wissenschaftlicher Aufsatz nur ohne Quellenarbeit.
●Amüsiert: nein, an keiner Stelle.
●Gefesselt: nur bei dem glühenden Gespenst der Kluwe-Schleberger.
●Zweites Mal Lesen?: nein, gibt keinen Grund. Reiner Täterdiskurs.
--> 1 Sterne

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Profile Image for nettebuecherkiste.
690 reviews179 followers
November 17, 2025
Formal und inhaltlich interessante, intensive Beschäftigung mit der Frage, inwiefern es zulässig ist, aus einem Amoklauf Literatur zu machen. Es fiel mir ein wenig schwer, den Text als Roman aufzunehmen.
Profile Image for Sandra.
205 reviews49 followers
September 23, 2025
Erdmann erarbeitet sich in diesem Roman die literarische Annäherung an den Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium. Der Protagonist des Buches sucht und hinterfragt seine Erinnerungen an dieses schreckliche Ereignis, das er mit 11 Jahren als Schüler ebenjener Schule miterleben musste.

Die Form des Romans ist außergewöhnlich. Wir bewegen uns auf einer Art Metaebene und folgen dem Autor (bzw. dem Erzähler) in seinem Schaffensprozess an dem Buch. Dabei wird häufig reflektiert, über die Unzuverlässigkeit und Ungenauigkeit von Erinnerungen im Allgemeinen, aber eben insbesondere der sehr traumatischen an den Amoklauf. 

Trotz des ernsten Themas lässt das Buch sich lesen, ohne das allzuviel "Schwere" entsteht. Das liegt zum Teil an der Distanz, die der Autor durch die Metaebene erschafft. Aber auch der Witz und die Ironie, oft Selbstironie, mit der Erdmann immer wieder arbeitet, bringen Leichtigkeit in den Text.

Es gab leider ein Paar Stellen (und sogar einmal ein ganzes Kapitel), bei dem der Roman sich, in meinen Augen, ein bisschen selbst im Erzählen und Fabulieren aus den Augen verliert.

Insgesamt aber empfehlenswert!
Profile Image for Anika.
967 reviews325 followers
October 3, 2025
Der Protagonist hat (wie auch der Autor) als Kind den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 2002 miterlebt und will diese Ereignisse Jahre später in Romanform verarbeiten, scheitert aber an der Aufgabe. Das ist sehr angenehm erzählt, was vor allem an der speziellen Stimme und der Vielfalt der Blickpunkte zum Thema Amoklauf/Schreiben über Gewalt liegt. Zahlreiche Literaturtipps gibt's on top. Spannende Einblicke in eine literarische Werkentstehung.

Mehr zum Buch in unserer ausführlichen Besprechung @ Papierstau Podcast: #332: Deutscher Buchpreis 2025.

Profile Image for Dunja Brala.
610 reviews47 followers
August 23, 2025
An dieses Buch musste ich mich ganz langsam herantasten. Ich war sehr unsicher, ob ich das lesen möchte. Nach mehreren Gesprächen mit anderen Büchermenschen chen hat man mich aber doch davon überzeugt, dass dieses eine ganz besondere Art hat, sich an ein schreckliches Ereignis anzunähern, welches mir noch gut in Erinnerung ist: den Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt.

Kaleb Erdmann ist 11 Jahre alt, als der Täter die Türe zu seiner Klasse öffnet, sich kurz umschaut rausgeht und dann 16 Menschen und sich selbst erschießt. Das Kind, das er war, hat nach vielen Therapien, einer Zeit in einer Ausweichschule (das Gutenberg Gymnasium wurde fast kernsaniert) und einem Umzug manche Erinnerungen falsch abgespeichert, und als der erwachsene Schriftsteller nun ein Buch über die Ereignisse schreiben will, nähert er sich auch den Konfabulationen an. Doch nicht nur diese dienen dazu dem Plot Substanz zu geben. Er legt Interviews und Zeitungsberichte, Erinnerungskultur, Recherchearbeit über den Täter, seine Eltern, sein Umfeld, die Lehrer*innen die Psychologin, die politische, soziale und kulturelle Verarbeitung dieses Ereignisses, aber auch den Tathergang auf Objektträger und beobachtet sie intensiv und stark vergrößert. Dabei reflektiert er sein Verhalten, setzt sich mit dem Problem auseinander wie etwas, dass seine eigene Erinnerung abstrahiert aufgeschrieben werden kann. Es ist also auch ein Buch über das Schreiben. Den Prozess, den er dabei durchläuft, nehmen auch die Menschen in seinem Umfeld war. Seine Mutter ist dabei klar und deutlich, seine Freundin reagiert oft ungehalten und ein Klassenkamerad, von dem Erdmann sich Input erhofft, möchte die Büchse der Pandora nicht mehr öffnen.

Es ist eine interessante Herangehensweise die Erdmann für diesen… – ja, was ist es? Ein Roman? Ein Memoir? Ein Sachbuch?- …wählt. Auf jeden Fall ist es autofiktional und genau darin liegt für ihn immer wieder das Problem. Wie weit kann er sich selbst trauen?

Ich mag eigentlich keine Bücher über das Schreiben, doch hier hat der Autor so geschickt seine posttraumatischen Probleme eingearbeitet, von denen er in weiten Teilen der Meinung ist, dass er sie gar nicht mehr hat, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte. Die Frage ob ein Kind, das so ein schlimmes Ereignis erlebt hat, jemals davon befreit werden kann, habe ich mir oft gestellt. Ich denke, dass das nicht möglich ist

Erdmanns Erinnerungsarbeit hat uns einen Text beschert, der mich sowohl inhaltlich wie auch stilistisch mitnimmt, und mit dem ich selber in die Auseinandersetzung gehen kann. Als Mutter zweier Kinder, die im Alter von Erdmann sind könnt ihr euch vorstellen, dass ich damals mit großer Sorge, die zwar völlig unbegründet, aber irgendwie auf einmal real war, meine Kinder in die Schule gebracht habe. Die Beklommenheit war auf einmal wieder sehr präsent. Vielleicht wollte Erdmann dieses Gefühl gar nicht transportieren, mich hat’s auf jeden Fall erwischt. Dass ich trotzdem Leichtigkeit in der Art seiner Schreibweise erkenne, ist für mich kein Widerspruch.

Ich sehe hier auf jeden Fall einen würdigen Kandidaten für die Longlist und empfehle das Buch allen, die die Schwere der Thematik ertragen können und auf der Suche nach dem Besonderen sind.
Profile Image for Anna.
627 reviews40 followers
October 17, 2025
Longlist des Deutschen Buchpreises # 5

Mein persönliches Ranking Platz 3 von 20 - und damit auf der exklusiven Anna Shortlist!

Jetzt auch wenig überraschend aber verdient auf der Shortlist!

(English below!)

Dies ist ein großartiger Roman, auch wenn es schwer zu beurteilen ist, wie viel Fiktion eigentlich drinsteckt. Der Autor Kaleb Erdmann war 2002 elf Jahre alt, als seine Schule als Schauplatz Erfurter Amoklaufs traurige Berühmtheit erlangte. Jetzt, in seinen Dreißigern, möchte er ein Buch über seine Erfahrungen schreiben, weiß aber nicht, wie das gehen soll. Schreibt er da wirklich über seine Erfahrungen? Da er weniger Schreckliches gesehen hat als einige seiner Klassenkameraden (nur den Amokläufer, nicht die Schießerei selbst), hat er das Gefühl, sich ein Trauma anzueignen, das nicht sein eigenes ist. Er will eine Sprache finden - weiß aber nicht so richtig, was er eigentlich sagen will, und was er eigentlich zu sagen hat.

Erdmann steht auch in Kontakt mit einem Dramatiker, der ein Theaterstück über einen Amokläufer schreibt. Er denkt darüber nach, was er diesem anderen Schriftsteller über seine Erfahrungen erzählt, hört sich selbst zu, wie er spricht und dabei nicht auf den Punkt kommt. Er versucht zu erklären, worum es ihm geht, manchmal sich selbst, manchmal seiner Freundin, manchmal seiner Mutter. Er spricht über seine Therapie und besucht schließlich einen alten Freund und die Stadt, die er als Kind verlassen hat. Ein Großteil des Romans ist innerlich, obwohl er uns einige der besten Dialoge liefert, die ich seit langem gelesen habe.

Ich war skeptisch, weil schon die Anlage so verkopft ist: Es handelt sich weder um ein Buch über Erfurt noch um eine fiktionalisierte Version der Ereignisse, sondern vielmehr um einen Roman über die Versuche des Autors, ein Buch zu schreiben, das letztendlich zu dem Buch wird, das wir gerade lesen. Das ist eine Menge Abstraktion, und das könnte leicht schiefgehen, schwer und überintellektuell werden. Aber obwohl die Kombination von autobiografischem und metafiktionalem Schreiben immer ein Risiko ist, zahlt es sich hier wirklich aus.

Die erste Szene ist grandios: Der Autor isst unbeholfen japanische Nudelsuppe, während ein Literaturagent ihm sagt, dass sein Buch nicht besonders gut ist, und ihm vorschlägt, einen Kriminalroman aus dem Stoff zu machen. Das gibt den Ton an und führt uns in das Kernproblem ein. Ich habe es insgesamt sehr genossen, ein Buch über ein wichtiges historisches Ereignis in der deutschen Geschichte zu lesen, das weder mit Nazis noch mit dem Zweiten Weltkrieg oder der DDR zu tun hat. Ich fand den Roman spannend, fesselnd und unterhaltsam. Er ist meta, aber im besten Sinne des Wortes. Ich wäre schockiert, wenn er nicht auf der Shortlist stünde.

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German Book Prize Longlist #5

This is a great novel, although it's difficult to judge how much of it is fiction. Kaleb Erdmann, the author, was 11 years old in 2002 when his school became infamous across Germany as the site of the country's worst school shooting. Even today, Erfurt, the city where it happened, has become synonymous with this kind of violence. Now in his thirties, he wants to write a book about his experience, but he can't figure out how to approach it. Is it even his experience? Having seen fewer horrible things than some classmates (only the shooter, not the shooting itself), he feels like he is appropriating trauma that isn't his own. He wants to write about the event without making it stand for something. But what can he contribute?

Erdmann is also in contact with a dramatist who is writing a play about school shootings. He reflects on what he tells this other writer about his experience, he listens to himself talk and fail to make his point. He tries to explain what it's all about, sometimes to himself, sometimes to his girlfriend, sometimes to his mother. He talks about his therapy and finally visits an old friend and the city he left as a child. Much of the novel is internal, although he gives us some of the best dialogue I have read in ages.

I was wary of this book because it is so intellectual: It is neither a book about the shooting nor a fictionalised version of events, but rather a novel about the author's attempts to write a book, which ultimately becomes the one you are reading. That is a lot, and it could easily go wrong, become heavy and highbrow. But while combining autobiographical and metafictional writing is always a risk, it really pays off here.

The first scene is just perfect: The author is awkwardly eating Japanese noodle soup while a literary agent tells him that his book is not very good and suggests that he try writing a crime novel. This sets the tone and introduces us to the core problem. I really enjoyed reading a book about an important historical event in German history that is neither Nazis nor World War nor GDR. I found the novel engaging, engrossing and entertaining. It is meta, but in the best sense of the word. I would be shocked not to see it on the shortlist.
Profile Image for Tom K..
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October 12, 2025
Ich hatte einen Roman über den Amoklauf an der Erfurter Schule erwartet, stattdessen ist das Buch eine fragmentarische Erzählung über den Jungen, der als Elfjähriger diesen Amoklauf miterlebt und nun - Jahre später - versucht, sich dem Ereignis zu nähern, es in Worte zu fassen, es neu zu begreifen. Die Erzählperspektive hat mich überhaupt nicht erreicht, stattdessen werden Episoden aus dem heutigen Leben der Erzählers berichtet, dazu in einem Stil, der mich eher kaltgelassen hat. Hier wird nichts narrativ bearbeitet, nichts durcherzählt, der Text ist eher eine Chronik des Scheiterns und Suchens, unter Einbeziehung vieler theoretischer Aspekte.

Ganz und gar nicht mein Buch. Für mich ist die Aufnahme des Buches auf die Shortlist des Buchpreises vor allem mit dem Thema zu erklären.
Profile Image for Billy.
75 reviews13 followers
December 1, 2025
Dass mein Zugang ein tastender sein wird, kein zugreifender oder gar zupackender. Meine Figuren sollen keine Rammen und keine Schilde sein [...], sondern den Elementen ausgeliefert [...], vielleicht Holzboote, die man auf Wasser setzt. (S.135)

Ein schwieriges, mutiges Buch. Die Ausweichschule erzählt von Trauma, Erinnerung und der Frage, wie man über das Unfassbare schreiben kann.
Die Passagen, in denen er die eigene Sprachlosigkeit thematisiert, sind eindringlich. Auch die Reflexion darüber, wer überhaupt das Recht hat, über Gewalt zu schreiben, wirkt klug und selbstkritisch. Stilistisch ist das Buch präzise, oft fast dokumentarisch, ohne in Sensationslust zu kippen.

Und doch hat mich der Roman nicht wirklich gepackt. Der Protagonist bleibt in seiner Selbstbeobachtung gefangen, die grotesken Nebenhandlungen (Fleischperformances, Urinieren in Flaschen) wirken eher störend als erhellend.

Die poetologische Dimension dieses Buches ist vielleicht sein stärkster Zug. Erdmann lässt einen Erzähler sprechen, der genau weiß, dass sein Text nie genügen wird, dass jede Annäherung immer schon ein Verfehlen ist.
Profile Image for Uralte  Morla.
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October 12, 2025
Kaleb Erdmann hat mit "Die Ausweichschule" einen klugen Roman über das Schreiben selbst und über Traumaaufarbeitung geschrieben.
Der protagonist war wie der Autor selbst als 11-Jähriger Zeuge des Amoklaufes am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002. Zunächst denkt er, das schreckliche Ereignis habe keine Nachwirkungen auf ihn, weil er eigentlich nichts schlimmes gesehen hat. Doch 20 Jahre später bricht er nach einer Kneipenbegegnung zusammen und macht sich auf die Spurensuche.
Er studiert die Akten über den Täter, trifft sich mi einem ehemaligen Mitschüler und versucht das Erlebte in einem Roman festzuhalten.
Dabei stellt er sich die Fragen, wie man über so ein Ereignis überhaupt schreiben kann. Ob man es überhaupt sollte und wenn ja, wer. Die Gedanken zum schreiben sind wirklich interessant und gehen tief, die ganz persönliche psychische Aufarbeitung kam mir allerdings etwas zu kurz.
Ein sehr gutes Buch, das mich aber nicht so geflast hat, wie viele hier. (Wahrscheinlich waren meine Erwartungen zu groß!) Trotzdem eine Leseempfehlung!
Profile Image for Manuel.
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September 16, 2025
Buchpreislesen Nr. 2:

Kaleb Erdmann verbindet wunderbar zwei Zeitlinien miteinander und schafft es, über den Amoklauf von Erfurt 2002 zu schreiben, ohne 300 Seiten nur über den Amoklauf zu sprechen.

Es geht um das Verarbeiten, die Emotionen, die Umstände, den Umgang mit diesem einschneidenden Ereignis. Sehr spannend, dem Erzähler auf dieser Reise zu folgen und den Schreibprozess zu begleiten, der dieses Buch entstehen ließ und trotzdem nicht so ganz.

Verdienter Shortlist-Platz heute :)
Profile Image for Rosa.
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September 4, 2025
#longlistlesen Nummer 6

„Ich glaube, wenn man schreibt, nimmt man in Kauf, Töpfe umzurühren, die einem nicht gehören, sagt er. Glaubst du nicht? Man könnte vielleicht so weit gehen, zu sagen, dass es das ist, was Schreiben überhaupt bedeutet.“

Eigentlich habe ich mir ein sehr geradliniges, wahrscheinlich zeitweise traumatisches Werk über den realen Erfurter Amoklauf 2002 erwartet - was im Grunde schon gut genug gewesen wäre - wurde aber positiv überrascht: Eigentlich geht es in „Die Ausweichschule“ weniger um den Amoklauf an der Schule, an der der Erzähler und Autor zugegen war, sondern vielmehr um die Frage, kann man jemals zufriedenstellende Kunst über solche vergleichslosen Taten schreiben?

Dieser Prozess wird im Erzähler angestoßen, als er eine Mail von einem Dramatiker bekommt, der ihn gerne zu seiner Erfahrung beim Amoklauf befragen würde, weil er ein Stück schreiben möchte. Die zwei treffen sich über Wochen hinweg zu mehreren Terminen, in denen sie sich austauschen, bis das Stück schließlich geschrieben ist und auf die Bühne kommt.

Der Dramatiker selbst ist nicht betroffen - aber er ist Schriftsteller, weshalb ihn solche Ereignisse interessieren. Der Erzähler hingegen ist sehr stark davon betroffen - auch, wenn er sich dessen nicht gewahr ist, ist er nachhaltig traumatisiert, selbst, wenn er es immer relativiert, indem er sagt, er habe nicht einmal einen Toten gesehen. Diese Aussage ist allerdings in Abrede zu stellen, weil er gegen Ende bei Rückkehr an die Schule sich plötzlich daran erinnert, dass er tatsächlich noch einmal dort war, um Abschied zu nehmen: Man kann seinen Erinnerungen also nicht zu 100% trauen.

Der Erzähler befragt sich selbst die gesamte Zeit über in dem Belang, ob er möglicherweise zu betroffen ist, um darüber zu schreiben. Er befasst sich daraufhin das erste Mal in seinem Leben mit den harten Fakten - indem er beispielsweise einen Bericht liest, der alles kalt und nüchtern darlegt. Auch reflektiert er einen vorangegangenen Versuch einer weiteren unbeteiligten Autorin, eine fiktionalisierte Version dieser Geschichte zu schreiben, die bei den Betroffenen auf sehr viel Ablehnung gestoßen ist. Es arbeitet sich also langsam heraus, dass das vermutlich die Grundfrage des Romans ist: Wer darf über Leid schreiben?

Deshalb ist dieses Buch auch großartig: Der Autor hat in meinen Augen die genau richtige Herangehensweise an solch ein Ereignis gewählt, das man vermutlich nie wirklich - auch künstlerisch - wirklich beschreiben kann. Gleichzeitig seine Erinnerungen aufzuarbeiten und wie ihn der Amoklauf auch Jahre später auf die unwahrscheinlichsten Arten noch prägt, und seine Überlegungen zum Thema schriftstellerischen Grenzen, machen diesen Roman zu einem ganz besonders spannenden Werk, das weitaus mehr ist als bloß die Erinnerungen eines Betroffenen eines Amoklaufs.

Ich kann dieses Buch wirklich sehr empfehlen, es ist auch gleichzeitig wieder äußerst lustig und unterhaltsam, und ich gebe 5 Sterne. Außerdem bedanke ich mich bei Ullstein für das Rezensionsexemplar auf Netgalley.
Profile Image for Marie.
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November 7, 2025
"Da ist ja nichts dagegen zu sagen, aber ich frage mich - entschuldigen Sie die Frage -, aber ich frage mich, ist das von Interesse für ein größeres Publikum?"

Dem Erzähler des Textes, der zumindest einige biographische Parallelen zum Autor Erdmann aufweist, wird diese Frage von seinem Lektor gestellt, nachdem er sein Exposé gelesen hat. Der Erzähler hat darin vorgeschlagen, ein Buch über seine Erfahrungen mit dem Amoklauf von Erfurt zu verfassen. Im Grunde genommen ist damit auch das gesamte Konzept von "Die Ausweichschule" erklärt: Das Buch handelt von einem jungen Mann, der als Fünftklässler den Amoklauf an seiner Schule miterlebt hat. Jahre später wird der Stoff als Theaterstück aufbereitet. Der Regisseur bittet den Protagonisten in Telefongesprächen um Informationen aus der Zeit. Dabei stellt sich recht schnell heraus, dass dieser gar nicht viel mitbekommen hat. Das es ein Amoklauf gewesen sei, habe er erst zuhause begriffen. Den Täter habe er nur einmal kurz gesehen. An die Wochen nach der Tat erinnere er sich noch heute wie ein Fünftklässler, erwachsenere Zugriffsmuster verweigert ihm sein Gehirn. Allerdings - und das wird an mehreren Stellen überdeutlich - leidet der Protagonist bis heute unter Angststörungen, die er nur mühsam in den Griff bekommt.

Neben den Angststörungen steht der Anspruch, angemessen - also nicht effektheischerisch - über die Tat zu sprechen. Im Kern dreht sich der Roman um diese beiden Punkte. Das ist zwar nicht uninteressant, aber als Leser fragt man sich doch: Warum jetzt? Wo liegt der Mehrwert? Gerade wenn so oft betont wird, dass der Erzähler eigentlich nichts gesehen hat. Warum berichtet dann gerade er etwa zwanzig Jahre später von der Tat? Diese Fragen stellen sich einmal mehr, wenn der Roman ab der Hälfte etwa nur noch den offiziellen Ermittlungsbericht vorstellt, der seit Jahren einsehbar ist. Insgesamt habe ich mir hier mehr erhofft.
Profile Image for Alexa.
140 reviews8 followers
September 15, 2025
Daumen sind gedrückt für den deutschen Buchpreis! 🙏❤️
Profile Image for Robert.
141 reviews4 followers
September 8, 2025
8/10
Da ich es in noch keiner anderen Review gelesen habe, kommt es bei mir zuallererst: Was für ein peinliches Cover aus der Midjourney-Hölle. Wollen wir Verlage damit wirklich durchkommen lassen? Meine Review bezieht sich auf das Buch ohne Schutzumschlag.
Die Ausweichschule ist mein erster Titel der diesjährigen Buchpreis-Longlist. Kaleb Erdmann hat den Amoklauf in Erfurt am 26. April 2002 überlebt und will diesen Umstand nun literarisch bearbeiten. Doch wie soll das funktionieren, ohne alte Wunden aufzureißen oder in die Falle des True-Crime-Voyeurismus zu tappen? Erdmann schreibt ein autofiktionales Buch. Er nimmt den Struggle, ein Buch über einen realen Amoklauf zu schreiben, als Hauptthema in das Buch auf. Das ist nicht nur sehr clever, da Erdmann damit alle Probleme mit einem solchen Werk offen anspricht, sondern funktioniert auch großartig. Damit ist Die Ausweichschule nicht nur ein Buch über einen Amoklauf, sondern zu gleichen Teilen ein Buch über das Schreiben selbst. Dies waren die Stellen, die mir persönlich am besten gefallen haben. Auch die Erinnerungen an die Zeit nach dem Amoklauf – persönlich sowie medial – fand ich sehr interessant. Für mich ging es etwas zu viel um Privates, wobei ich natürlich verstehe, dass bei einem so persönlichen Thema Privates in das Buch einfließen muss. Dennoch hätte für einen besseren Lesefluss gern eine McDonalds-Apfeltasche weniger sein können. Unverzeihlich bleibt das Cover, auch wenn Kaleb Erdmann wahrscheinlich nur bedingt Verantwortung dafür trägt.
Profile Image for jonah.
16 reviews
October 2, 2025
ich habe selten etwas gelesen das gleichzeitig so echt mit so viel feinfühliger trauer aber auch unglaublichem witz geschrieben wurde. einfach toll. ausführlicher review folgt.

(shoutout an das epoxy huhn)


kurzer nachtrag nach lesen eines, ahem gewissen anderen reviews: dem autor einfallslosigkeit und trauma-suche-wo-kein-trauma ist vorzuwerfen ist nicht nur einfach eine straight up schlechte meinung, sondern extrem aussagekräftig über das eigene abgehobene verständnis von literatur. ein charakter der nicht loslassen kann und ständig von wortwörtlichen panikattacken erzählt aus denen er sich nur mit kontrollübungen rauskriegt ist wohl alles andere als nicht traumatisiert… trauma ist halt ein spektrum, keine eintönige extremdiagnose. schade, dass die freude an einem liebevollen text hier nicht gefunden werden konnte.
Profile Image for Matthias.
409 reviews8 followers
August 30, 2025
Tee trinken hat ja etwas Masochistisches, das dachte ich schon immer, sage ich. Dieses brühend heiße Wasser, man schüttet dieses brühende Wasser in sich rein, es muss gerade so heiß sein, dass es den Mund nicht verletzt, aber Schmerz ist ganz klar Teil des Rituals, den Schmerz auszuhalten, das ist ein zentraler Teil der Tee-Erfahrung.


Dieser kurze Paragraph scheint so belanglos und lässt nicht ahnen, was kommt. Ich fürchte, ich werde nie mehr Tee trinken können, ohne an dieses unglaublich schonungslose Buch zu denken.
Profile Image for Charlie.
775 reviews26 followers
December 13, 2025
4.75 STERNE

Danke an NetGalley und den Verlag für ein kostenloses Leseexemplar. Das beeinflusst meine Meinung nicht.

Bevor ich mit der Lektüre begonnen hatte, hatte ich schon eine Ahnung, dass mir das Buch gefallen würde. Das hat sich mit Beginn des Lesens nur verfestigt, denn das Buch beinhaltet zahlreiche Charakteristika, die ich an Literatur liebe. Die Geschichte wird erzählt in zwei parallelen, aber versetzten Zeitlinien und beschäftigt sich hauptsächlich mit sich selbst, d.h. es geht um die Entstehung eines Buches über den Amoklauf in Erfurt 2002.

Dieser steht zwar im Mittelpunkt der Geschichte, aber irgendwie auch nicht, ist gleichzeitig immer präsent und doch nie so richtig, denn es geht um die Aufarbeitung, das Damit-Fertig-Werden, die Bewältigung, aber letzten Endes zentral um die Beschäftigung mit dem Nachlass der Tat, deren Effekt, deren Erbe für den Erzähler. Ich war voll und ganz gefesselt.

Vom erzählerischen Prinzip hat mich dieses Buch stark an Kim de l'Horizont's Blutbuch erinnert, weil beide sehr selbstreflektiert und bewusst an die eigene Texualität herantreten und sich mit ebendieser auseinandersetzen, was ich immer in jeglichen Kontexten äußerst interessant und faszinierend finde. Beide Bücher vereint auch das Detektivspiel, Sinn aus Erlebtem oder nennen wir es Mythen der Kindheit herauszuziehen. Ich denke man könnte diesen Gedanken definitiv noch weiter und genauer verfolgen, aber hier ist nicht die richtige Stelle dafür.

Weitere Aspekte des Textes, die für mich rundum positiv hervorzuheben sind, sind zB die Analysen von anderen fiktionalen Werken verschiedener Autor*innen, welche das Lesen und die GEschichte immens bereichert haben und gut zugänglich waren, auch wenn man die eigentlichen Bücher nicht kennt. Das Abrunden der Geschichte am Ende war auch voll nach meinem Geschmack, ich mag es, wenn sich der Kreis (oder eher die Kreise) schließt. Der Epilog wiederum macht dann die Diskussion irgendwie auch wieder auf und es ist diskutabel, ob die Geschichte überhaupt in sich Abschluss findet und ob sie das kann.

Mein Literaturwissenschaftler-Herz ist jedenfalls aufgegangen beim Lesen und ich bin sehr begeistert von diesem Buch. Ich werde mir auf jeden Fall auch eine physische Ausgabe des Buches kaufen. Die Nominierung für den Deutschen Buchpreis ist meiner Meinung nach auf jeden Fall gerechtfertigt und meinen Geschmack hat es zu 100% getroffen. Ein wichtiges Buch, das sehr bewusst ein schweres Thema behandelt und dabei so viel Raum für Diskussion und Nachdenken öffnet, was das Leseerlebnis sehr positiv beeinflusst hat. Definitiv empfehlenswert!
Profile Image for Wal.li.
2,566 reviews71 followers
September 6, 2025
Ein Blick in die Vergangenheit

Ein Dramatiker will mit seinem Stück einen Amoklauf aufarbeiten. Deshalb nimmt er mit dem Autor Kontakt auf, der als Elfjähriger den Amoklauf von Erfurt miterlebt hat. Lange hat der Autor gedacht, er habe die Ereignisse von damals überwunden. Nun muss er jedoch feststellen, dass doch einiges wieder hochkommt. In ihm selbst festigt sich die Überlegung, er könne sich den Ereignissen aus seiner Jugend selbst noch einmal mit einem Text widmen. Die Idee beginnt in ihm zu arbeiten. Er sucht nach seinen Erinnerungen, nach Artikeln, nach Menschen. Er besucht Orte, trifft Menschen. Und irgendwann will er der Einladung des Dramatikers folgen, sich das fertige Stück anzuschauen.

Wie will man das begreifen, was eigentlich unbegreiflich ist. Wie muss das erst für die Kinder und Jugendlichen sein, die das Unbegreifliche erleben mussten. Der Autor, der das Glück hatte, nicht das Allerschlimmste sehen zu müssen, merkt, dass ihn die Beschäftigung mit der Vergangenheit und mit seinem zukünftigen Buch mehr mitnimmt als er erwartet hatte. Er stellt auch fest, dass andere anders an eine mögliche Aufarbeitung herangehen. Auch der Dramatiker hat eine andere Sichtweise. Vielleicht kann ihm das sogar helfen, selbst unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen. Wie weit wird er mit seinem Buchprojekt kommen?

Kaleb Erdmann war als Elfjähriger tatsächlich am Gutenberg Gymnasium in Erfurt. Er war am Tag der Tat in der Schule. Er hat sich entschlossen zwanzig Jahre nach der Tat, ein Buch über die Ereignisse zu verfassen. Wie er den Autor in das Werk stellt, der dabei ist, an dem Text zu arbeiten, das gibt dem Roman, der eben auch Roman genannt wird, eine besondere Perspektive. Einerseits sehr dicht dran, aber auch mit einer gewissen Distanz. Er beschreibt den Prozess des Arbeitens, die unsicheren Erinnerungen eines Fünftklässlers, sein Umfeld. Das gibt dem Werk zwar etwas unfertiges, aber auch etwas Besonderes. Vielleicht kann man eine solche Tat einfach nicht hundertprozentig erfassen, vielleicht bleiben immer Fragen offen. Der Roman ist nicht so wie man möglicherweise erwartet hat, das kann im ersten Moment ein wenig unbefriedigend wirken, doch je länger man darüber nachdenkt, desto mehr ist man berührt und empfindet, dass es mit dieser Herangehensweise doch alles seine Richtigkeit hat.

4,5 Sterne
Profile Image for Amelie.
34 reviews
November 4, 2025
dieses buch hat so viel mit mir gemacht! musste es zwischendrin immer wieder weglegen weil es so intensiv war. sprachlich wirklich unglaublich geschrieben!!!
„und plötzlich zieht sich wieder etwas in meinem inneren mit großer kraft zusammen, als hätte jemand mit einem ruck einen kabelbinder um meine lungenflügel festgezurrt.“
„ich rühre einen topf um, von dem ich nicht weiß, ob ich mich ihm überhaupt nähern sollte, einen völlig fremden topf, so fühlt es sich an, als würde ich irgendwo durch ein fenster einsteigen, um einen topf umzurühren.“
„obwohl alles an der ausweichschule nach vorne ausgerichtet war (…), waren wir mit einem langen, starken gummiband an das massaker gebunden, und je mehr wir uns in richtung normalität bewegten, desto stärker zog uns das band zurück zum 26.04.2002.“
Profile Image for MaggyGray.
673 reviews31 followers
November 4, 2025
Auf dieses Buch war ich schon sehr gespannt, weil ich mich für - im weitesten Sinne (!) - TrueCrime interessiere, und ich von 2007 bis 2012 in Erfurt studiert habe. Ich kann mich daran erinnern, dass ich 2002 in der 12. Klasse FOS war und wir in der Klasse eine Schweigeminute eingelegt haben, unser Lehrer aber vor allem die Lehrer:innen als Opfer gesehen hat und nicht die Schüler:innen. Auch meinte er damals, das wäre ein Resultat der Baller- und Gewalt-PC-Spiele, die damals in den Fokus rückten. Ansonsten kann ich mich an diesen Vorfall überhaupt nicht mehr erinnern, weder an Zeitungsberichte noch Fernsehsendungen (beides gab es sicherlich); wahrscheinlich deshalb, weil wir heute durch die SozialenMedien es gewohnt sind, immer und überall "dauerinformiert" zu sein.

Jedenfalls war ich sehr gespannt auf "Die Ausweichschule" und wurde auch nicht enttäuscht. Das Herantasten an diesen Vorfall, den Kaleb Erdmann miterlebt hat, finde ich gut gelungen und stilistisch gut erzählt, auch die Zeitsprünge lassen sich leicht auseinanderhalten. Auch finde ich die Entscheidung, den Amoklauf selbst nicht in allen blutrünstigen Einzelheiten zu beschreiben, es gibt immer mal wieder Abschnitte, die sehr nüchtern den Ablauf dieser Tat erzählen, ohne dabei sensationsgeil zu sein. Interessant fand ich auch die Aufzählung von anderen Büchern, die kurz nach diesem Vorfall herausgebracht wurden und teilweise für viel Verärgerung und Schmerz gesorgt haben.
Doch bei allem Wohlwollen dem Buch gegenüber - wie gesagt, ich habe es sehr gerne und dadurch auch sehr schnell weggelesen - bleibt am Schluss tatsächlich die Frage, die auch immer wieder im Buch auftaucht: warum beschäftigt sich der Autor (nochmal) mit diesem Erlebnis? Warum und wie möchte er sich diesem Monströsen annähern? Welchen Grund sieht er darin? Die Antwort auf diese Fragen bleibt der Autor, meiner Meinung nach, letztendelich schuldig, aber trotzdem bleibt das Buch lesenswert.
Profile Image for Paula.
38 reviews
October 28, 2025
Ich wollte dieses Buch wirklich mögen, doch statt einer intensiven Auseinandersetzung mit den unsichtbaren Folgen eines Amoklaufs handelt es sich hier um eine zusammenhanglose Erzählung, die zu keinem Fazit kommt. Auch der Schreibstil hat mir garnicht zugesagt. Was haben junge, deutsche Autoren eigentlich gegen die übliche Form der wörtlichen Rede?? Außerdem wird man immer wieder durch völlig banale Dinge aus der eigentlichen Geschichte rausgerissenen, sodass ich wirklich fast in eine Leseflaute geraten bin.

Fazit: Überhaupt nicht meins! Die Nominierung zum Buchpreis kann ich mir auch nur durch das allgemeine Thema (Erfurt 2002) erklären…wobei mir hier der Mehrwert auch unerklärlich bleibt
Profile Image for Chiara.
72 reviews
September 28, 2025
Noch nie haben mich Zeitsprünge so gut abgeholt, wie in diesem Buch. Die gesamte Reihenfolge der Traumaufarbeitung war so schlüssig und gut gewählt, dass es mich sehr gerührt hat. Viele Metapher, um Emotionen und Reaktion nachvollziehbar und spürbar zu machen - tolles Büchlein.
780 reviews102 followers
November 22, 2025
As a young teenager, Kaleb Erdmann was a student of the Erfurt highschool where a mass shooting took place in 2002. He was not injured and while the shooter entered his classroom, he did not see any shooting or any of the teachers that were killed.

Twenty years later Erdmann - or presumably a fictional version of Erdmann, since it says 'Roman' on the cover - feels he needs to write about it, but is also filled with doubts.

Is he the right person to do so? After all, others were affected much more than him. Or is it the opposite and is he too close? Where does this need come from? He reads his beloved Carrère - equally struggling with personal involvement in horrible crimes -, he befriends a theatre director doing a play on the massacre, but he doesn't visit victims or the school.

The book is interesting for the auto- and metafictional way these questions are approached. True crime lovers will be disappointed though.

I found it well done. And it inspired me to do a great project for 2026: read everything by Emmanuel Carrère in chronological order :)
Displaying 1 - 30 of 171 reviews

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