»Wir sind die Brandmauer!«, schleuderte Heidi Reichinnek Friedrich Merz im Bundestag entgegen, als dieser im Januar 2025 mit den Stimmen der AfD die deutschen Migrationsgesetze weiter verschärfen wollte. Ihre Wutrede verbreitete sich auf Instagram und Tiktok millionenfach und wurde zum Symbol für das Comeback der Linkspartei. Wenig später zog sie bei den vorgezogenen Bundestagswahlen mit fast neun Prozent in neuer Stärke und mit vielen jungen Gesichtern wieder in den Bundestag ein. Es ist die Geschichte einer Wiederauferstehung. Nach dem Austritt ihrer umstrittenen Galionsfigur Sahra Wagenknecht, die mit ihren Getreuen Anfang 2024 eine neue Partei gründete, schien der Abstieg der Linkspartei unabwendbar. Doch zu den Neuwahlen im Februar 2025 kehrte sie mit Schwung und neuer Frische zurück auf die politische Bühne – und überzeugte überraschend viele von sich. Unter den Erstwählerinnen und -wählern stimmten mehr als 25% für die Linke, in der Hauptstadt Berlin wurde sie sogar zur stärksten Kraft. Die Zahl ihrer Mitglieder verdoppelte sich innerhalb eines Jahr auf über 100.000. Was sind die Gründe für diesen Erfolg? Wofür stehen Heidi Reichinnek, Ines Schwerdtner und Jan van Aken politisch? Wie verändern die vielen Neumitglieder die Partei? Woher kommt die neue Lust auf Links, und wird sie von Dauer sein? Mit Blick auf die Landtagswahlen im kommenden Jahr, unter anderem in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, stellt sich die Kann die Linke den großen Rechtsrutsch stoppen? Das erste und bisher einzige Buch zum politischen Comeback des Jahres.»Ein Buch aus dem Innersten der Partei, aus großer Nähe beobachtet und präzise analysiert, mit Blick auf die zentralen Figuren, welche die Linke geprägt haben und jetzt prägen.« Andrea Maurer, Politische Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio
Daniel Bax schreibt sehr emphatisch über die Linkspartei und ihr neues und teilweise auch ihr altes Personal. Trotz mannigfacher Kritikpunkte, die er zutreffend anmerkt, bleibt aber im Ganzen der Eindruck, eine Hagiografie gelesen zu haben. Da kommen tolle Leute zur Linkspartei, die alles anders und besser machen und dann mit Campaigning-Strategien aus USA auch noch Erfolg haben. Was fehlt, ist dabei schwer zu benennen: Wahrscheinlich ist es doch die Analyse der persönlichen wie sachlichen Gründe für die Selbstzerfleischung der Linken, z.B. dafür, warum die sogenannten "Strömungen" in der Partei eine Zeit lang eher gegen- als miteinander agierten und warum es überhaupt "Strömungen" geben musste. Wenn, Parteiaktivisten zitierend, angemahnt wird, dass die Linke noch nicht divers genug sei und die migrantische, geschlechtsmäßige, soziale etc. Zusammensetzung der Gesellschaft immer noch ungenügend widerspiegele, dann fragt sich der Leser schon, wie die Partei das daraus resultierende Gemisch kollidierender Erwartungshaltungen, Interessen und Überzeugungen aushalten könnte. Der Anspruch, auch als Partei eine pluralistische Linke abzubilden, ist gewiss edel, aber fern einer realistischen Möglichkeit der Umsetzung. Nicht nur die Milieus sind verschieden, sondern sie sind auch in sich uneinheitlich. Alle ansprechen wollen, würde daher auf die Bildung eines kleinsten gemeinsamen Nenners hinauslaufen, was im Wahlkampf funktioniert hat, perspektivisch aber eher nach einer erneuerten Sozialdemokratie denn nach einer authentischen linken Opposition klingt. Wollen Kräfte, die den Kapitalismus als reformfähig ansehen und solche, die ihn zu überwinden trachten, unter dem Dach einer Partei koexistieren, sind einander eigentlich ausschließende Grund-Strömungen da und es ist nicht zu sehen, warum die sich nicht wieder zerfleischen sollten.
Gut, das ist dem Autor insofern nicht anzulasten, als er nicht für die Partei denken und ihr keine organisatorischen oder inhaltlichen Ratschläge erteilen wollte. Er beschreibt, was er an Meinungen in der Partei vorfand. Allerdings sollte er gefragt und nachgefragt haben und entweder hat er nicht dir richtigen Fragen gestellt, oder nicht deutlich genug gemacht, dass seine Partner/innen darauf vielleicht keine zufriedenstellenden Antworten haben. Eine solche Antwort, die nicht zufriedenstellt, ist die Folgerung, es müsse mehr politische Schulungsarbeit geben. Offen bleibt, wie das konkret organisiert so werden sollte, dass man damit die akademische Neumitgliederjugend UND die gewünschte Arbeiterschaft in der Partei gleichermaßen ansprechen kann. Erwähnt wird die RLS, aber auf deren Seiten zeigt schon die Zahl englischsprachiger Beiträge, an wen sie sich hauptsächlich richtet. (Das Magazin RosaLuX ist hingegen eher schlicht und dürfte wiederum die akademisch gebildeten Neumitglieder nur mäßig begeistern.)
Ungelöst ist auch das hinter dem Erfolgsrezept, den Leuten zuzuhören und ihre (hauptsächlich) sozialen Nöte ernst zu nehmen, sich verbergende Dilemma, dass "Links-Sein" in der bisherigen Geschichte immer mit weltpolitischen Ansprüchen verbunden war. Seit Marx und dem Ende der Sowjetunion kann man wissen, dass Kommunismus in einem Land allein nicht funktionieren wird. Was Linken in einem Land also übrig bleibt, sind Reformen und mithin das Herumdoktern am Kapitalismus. Dafür hat Deutschland aber schon die SPD. Von der PdL hingegen erwartet man klare Stellungnahmen zu imperialistischen Kriegen, Analysen zur Weltwirtschaft, ihren Widersprüchen und den Vorstellungen der Partei, darauf im Verein der europäischen Linken zu reagieren. Wie steht es daher um den Internationalismus programmatischer Zukunftsvorstellungen jenseits der Frage nach der Solidarität mit Palästina oder Israel oder mit beiden. Überhaupt - die Zukunft... In den Stellungnahmen der Interviewpartner/innen ist jenseits der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft keine neue Welt zu erahnen. Wie steht es um die Utopie? Stattdessen das zaghafte Eingeständnis, dass das Verhältnis von Mitregieren und Gesellschaftsopposition ungelöst ist (und man auch nicht sieht, wie es zu einer programmatischen Lösung geführt werden soll).
Das sind natürlich Defizite innerhalb der Partei, aber ich finde schon, dass der Autor sich etwas tiefgründiger damit hätte befassen und kritischer nachfragen sollen. Mag sein, er hat es unterlassen, weil seine Auftraggeber und Unterstützer/innen eher dem linksliberalen (Taz!) denn dem gesellschaftsverändernden Milieu zuzurechnen sind. In dieser Hinsicht ist jedoch positiv anzumerken, dass ihm keine TaZ-typischen Entgleisungen mit Blick nach links anzulasten sind. Wie gesagt: Der Text kommt eher zu unkritisch daher.
Immerhin ist das Ganze aber informativ und flüssig geschrieben wer wissen will, woher die neuen linken Spitzenpolitiker so kommen, was sie früher gemacht haben und wo ihre Schwerpunkte liegen, der wird hier fündig. Eigentlich hat Bax ein Buch für die Alt- wie Neumitglieder der Partei geschrieben, in dem diese sich über die eigene Partei und ihre neuen Gesichter informieren können. Das ist schon was und genügt dem Anspruch des Autors (Woher sie kommen [....] und wie sie unser Land verändern (wollen)"), nicht aber meinem Anspruch auf Aufklärung darüber, was die neue Linke nun wirklich und entscheidend anders machen will als die alte. Wohin werden sie gehen? Die Frage ist sicher nicht abschließend zu beantworten, ein paar Überlegungen zu Richtungsentscheidungen, die sich aus den benannten inneren Widersprüchen ergeben könnten, wären aber sicher drin gewesen.
Fazit: Wer ein gut lesbares "Who is Who in der Linkspartei" sucht, dem sei das Buch zur Lektüre empfohlen. Alle anderen sollten sich lieber mit parteisoziologischen oder Texten zur deutschen Parteiengeschichte auseinandersetzen. Da lässt sich mehr über das lernen, was nicht Erfolgsrezept der Linken werden wird, sosehr man das auch wünschen mag.
Um zu verstehen woher das neue Erstarken der Linken kommt gibt das Buch verschiedenen Personen der Linken Raum. Es werden sowohl neue Gesichter als auch alt Eingesessene interviewed und samt ihrem Werdegang vorgestellt. Das Buch liest sich eher wie ein journalistisches Portrait als eine kritische Analyse.