Doktor Ain (Band 1 der Reihe) zeigt die humorvollen Anfänge von James Tiptree Jr. am Ende der 60er-Jahre. Ihre Erzählung »Geburt eines Handlungsreisenden« war der Durchbruch der Autorin. Ein Zollbeamter in einer interplanetarischen Verladestation, eigentlich Burn-out-gefährdet, muss im Minutentakt entscheiden, wie herkömmliche Güter verpackt werden sollen, da diese in anderen Sonnensystemen durchaus als Kriegserklärung aufgefasst werden könnten oder indiziert sind. Ein Feuerwerk von Pointen und Spitzen werden auf Leserin und Leser losgelassen, wenn man den in jeder Weise multitaskingfähigen Beamten bei der Arbeit beobachtet. Die in zwei Episoden (»Hilfe« und »Mutter kommt nach Hause«) erzählte Geschichte eines CIA-Büros, das eigens für den Fall einer Landung von Außerirdischen installiert wurde, treibt Leserin und Leser erneut Tränen in die Augen, wenn man den überforderten Protagonisten folgt, als tatsächlich ein UFO die Erde heimsucht. Trotz des Humors, den die Autorin in diese Erzählung packt, hat jedoch auch diese ein nachdenkliches Ende. Dem gegenüber stehen aber auch die ersten kritischen Texte James Tiptree Jrs. Die titelgebende Erzählung »Doktor Ains letzter Flug« schildert den von einem Wissenschaftler inszenierten Weltuntergang und die Ausrottung der Menschheit, weil er die Erde liebt. Sämtliche Erzählungen sind neu übersetzt. Weiters sind hier vier Storys James Tiptree Jrs. erstmals in deutscher Sprache enthalten.
"James Tiptree Jr." was born Alice Bradley in Chicago in 1915. Her mother was the writer Mary Hastings Bradley; her father, Herbert, was a lawyer and explorer. Throughout her childhood she traveled with her parents, mostly to Africa, but also to India and Southeast Asia. Her early work was as an artist and art critic. During World War II she enlisted in the Army and became the first American female photointelligence officer. In Germany after the war, she met and married her commanding officer, Huntington D. Sheldon. In the early 1950s, both Sheldons joined the then-new CIA; he made it his career, but she resigned in 1955, went back to college, and earned a Ph.D. in experimental psychology.
At about this same time, Alli Sheldon started writing science fiction. She wrote four stories and sent them off to four different science fiction magazines. She did not want to publish under her real name, because of her CIA and academic ties, and she intended to use a new pseudonym for each group of stories until some sold. They started selling immediately, and only the first pseudonym—"Tiptree" from a jar of jelly, "James" because she felt editors would be more receptive to a male writer, and "Jr." for fun—was needed. (A second pseudonym, "Raccoona Sheldon," came along later, so she could have a female persona.)
Tiptree quickly became one of the most respected writers in the field, winning the Hugo Award for The Girl Who was Plugged In and Houston, Houston, Do You Read?, and the Nebula Award for "Love is the Plan, the Plan is Death" and Houston, Houston. Raccoona won the Nebula for "The Screwfly Solution," and Tiptree won the World Fantasy Award for the collection Tales from the Quintana Roo.
The Tiptree fiction reflects Alli Sheldon's interests and concerns throughout her life: the alien among us (a role she portrayed in her childhood travels), the health of the planet, the quality of perception, the role of women, love, death, and humanity's place in a vast, cold universe. The Otherwise Award (formerly the Tiptree Award) has celebrated science fiction that "expands and explores gender roles" since 1991.
Alice Sheldon died in 1987 by her own hand. Writing in her first book about the suicide of Hart Crane, she said succinctly: "Poets extrapolate."
Unter dem Pseudonym James Tiptree Jr. veröffentlichte die Psychologin und Schriftstellerin Alice B. Sheldon ab 1968 zahlreiche Kurzgeschichten und Romane, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Ihre geheime Identität faszinierte Fans und Schriftstellerkolleg*innen, der ihr unterstellte stark "maskuline" Stil lies aber kaum Zweifel daran aufkommen, dass sich hinter Tiptree ein Mann verbirgt. Entsprechend groß waren Überraschung und Aufschrei, nachdem zum Ende ihres Schaffens ihre wahre Identität enthüllte. Sheldon führte ein abenteuerliches Leben, diente im Zweiten Weltkrieg, arbeitete für die CIA und war stets von schweren Depressionen geplagt, die dazu führten, dass sie im Alter von 71 Jahren zunächst ihren Mann und anschließend sich selbst erschoss.
Eine genauso große Faszination, wie die Person dahinter, übten auf mich ihre ersten Kurzgeschichten aus, die dieses Buch beinhaltet. Doktor Ain ist der erste von sieben Erzählbänden, in denen ihr Gesamtwerk in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Die Geschichten sind ausgesprochen vielseitig, beeindrucken mit ihrer Scharfsinnigkeit, einem teilweise bitterschwarzen Humor, Tiefe und Melancholie sowie einer durchaus düsteren aber stets klaren Sicht auf die Menschheit und ihre Schwächen wie auch Irrationalitäten. Themen, die sie darin abarbeitet sind u. a. Kolonialismus, Sexualität, (männliche) Gewalt und Heldentum. Der besondere Sinn für Humor bildet dabei ein gutes Gegengewicht zu der negativen Grundstimmung, da Sheldon keine Garantie für Happy Ends bietet – es wird schon auch mal die ganze Menschheit ausgelöscht. Sprachlich wirkten die Geschichten manchmal ein bisschen sperrig bzw. schwer zugänglich; da diese in der Reihe aber in chronologischer Reihenfolge veröffentlicht werden, bin ich gespannt auf Veränderungen und Weiterentwicklungen im Stil. Für Fans von intelligenter und anspruchsvoller Science-Fiction gebe ich eine hundertprozentige Leseempfehlung! Das beste am Beenden dieses Buchs ist für mich der Gedanke, dass noch sechs weitere Erzählbände, zwei Romane und eine Biografie auf mich warten.
Dies ist der bibliographisch erste Band der James Tipree, jr. Werksausgabe im rührigen Septime-Verlag, der die Riesenaufgabe einer kompletten Werksausgabe einer der geheimnisvollstgen SF-Autorinnen (Alice B. Sheldon aka James Tiptree, jr.) herauszugeben, übernommen hat. James Tiptree, jr's früheste Erzählungen zeichnen sich vor allen anderen mit dem Tempo aus, der die Geschichten antreibt. Ein sehr gutes Beispiel findet sich im ersten Satz in der ersten veröffentlichten Kurzgeschichte von 1968, in "Geburt eines Handlungsreisenden" heißt es: Der stämmige Bürger rauschte an der Vorzimmermieze vorbei und platzte durch die Innentür. Es geht darum, dass ein Logistik-Unternehmen damit beschäftigt ist, absurde Produkte via Transmitternetz zu Planeten mit absurden Namen zu schicken, wo sie bei diversen Alienvölkern absurde Reaktionen auslösen... Zu dieser Frühphase gehören auch "Treu dir, Terra, auf unsere Art und "Mama kommt nach Hause". In beiden Geschichten steht der Humor im Vordergrund, in "Doktor Ains letzter Flug" wird eine zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung - in diesem Fall zwischen einem Biologen und niemand Geringerem als Gaia selbst -, die Gleichsetzung von Liebe und Tod und so ganz nebenbei die Auslöschung der ganzen Menschheit beschrieben. Die übrigen Geschichten lassen sich am ehesten auf den gemeinsamen Nenner "Begegnungen mit dem Fremden" bringen. Die Storys sind allesamt lesenswert und bezeugen den Beginn des Schaffens einer Autorin, die in ihren späteren Arbeiten wegweisend für die Kurzgeschichten des Genres werden wird...