Die Idee von „im Leben nebenan“ ist gut - nicht wahnsinnig innovativ (ich hasse dieses Wort eigentlich, was ist schon innovativ? Damit meine ich: ich stehe der Idee unaufgeregt gegenüber), aber kann man machen, vor allem mit Themen wie Kinderwunsch oder - nichtwunsch, Fehlgeburt, Mutterschaft, und überhaupt: was bedeutet es, eine gebärfähige oder eben nicht-gebährfähige Person in Patriarchat & Kapitalismus zu sein - aus weiblicher, feministischer Perspektive.
Eine Figur Toni/Antonia - zwei Lebensentwürfe. Im einen: Leben in der Stadt mit Partner, unerfüllter Kinderwunsch, der auf ihrer Seite aber vielleicht gar kein Wunsch ist? Im anderen: Leben im Dorf, verheiratet mit der ersten großen Liebe, gemeinsames Kind, Alltag als Mutter.
Wie hätte mein Leben aussehen können, wenn ich an einem bestimmten Punkt eine andere Entscheidung getroffen hätte?
Das ist durchaus eine Fragestellung, die ich nachempfinden kann, trotzdem hat das Buch beim Lesen erstaunlich wenig mit mir gemacht. Zum einen weil das Thema Kinderwunsch, Muttersein in meinem Leben keine so große Rolle spielt, zum anderen aber auch, weil die einzelnen Figuren irgendwie anskizziert bleiben, ihre Erkenntnisse erscheinen mir nachvollziehbar, aber nicht neu, nicht tief genug - irgendwie zu „glatt“?
Was ich schade finde: Sehr heteronormative Lebensentwürfe, es gibt eine Freundin, die alleinerziehend ist, eine Bekannte/Freundin, die eine Partnerin hat. Aber eher am Rande. Und irgendwie (vielleicht liegt es aber auch an meiner Perspektive und meinen individuellen Erfahrungen) hatte ich das Gefühl, dass es ein „Machtgefälle“ zwischen den zwei Erzählsträngen gibt. Antonia, die Mutter, weiß um ihr (voriges) Leben als kinderlose Partnerin von Jakob. Allein deshalb ist ihre Erzählung vielschichtiger, hat mehr Ebenen als die von Toni, die in der Stadt lebt, und sich nur mal kurz fragt, was Adam (ihre erste große Liebe) wohl so macht. Das ist mir erst nach dem Beenden des Buches aufgefallen (jetzt kommen Spoiler) - als ich das Gefühl bekam, dass das Ende von Antonia, die Adam liebt, die ihr Kind liebt, Friends in ihr Haus einlädt, irgendwie schöner erscheint als das Ende von Toni, die (Achtung Spoiler) am Ende ohne Beziehungsperson ist, und erst noch rausfinden muss, welches Leben das zu ihr passende ist. Antonia, die Mutter, hatte eine viel größere Chance, eine Entwicklung durchzumachen bzw wurde der mehr nachgespürt (wenngleich sie sich ja nie aktiv für dieses Leben entschieden hat, sondern es ab einem gewissen Punkt eher „übernommen“ hat, was sagt auch diese Passivität aus?), als Toni, die kinderlose Frau. Sie macht zwar auch eine mega große Entwicklung durch, trifft eine krasse Entscheidung - aber irgendwie erfahre ich das nur im Nachhinein? Und als Person, die keine Partner*innenschaft in ihrem Leben priorisiert und keinen Kinderwunsch hegt, hätte ich mir so gewünscht, dieser Lebensentwurf wäre am Ende viel mehr ausgestaltet - was bedeutet das? Wie kann Gemeinschaft und Familie ohne eigenes Kind aussehen? Was bedeutet es, wenn sich der*die Partner*in trennt aufgrund eines Kinderwunsches, den man selbst nicht erfüllen kann/möchte? Überhaupt die Entscheidungsfindung von Toni - was für ein krasser Prozess, den sie da eigentlich durchmacht, die aktive Entscheidung, eben sich selbst zu priorisieren - für den hätte ich mir viel mehr Raum gewünscht.
Aber ja, meine Wünsche und Erwartungen, aufgrund meiner Perspektive. Das Buch wird auf jeden Fall seine Leser*innenschaft finden - die zum Thema vielleicht nochmal mehr Nähe hat als ich.
Insgesamt 3/5 Sternen - sprachlich sehr gut, ruhig und unaufgeregt, kann man mal so weg-snacken - und sich über die feinen Alltagsbeobachtungen amüsieren, wie die Auswahl in der Drogerie zwischen verschiedenen Schnullern usw., oder sich drüber aufregen, wie wenig Rücksicht Menschen auf Personen mit Kindern nehmen.