Von starken Frauen, dem Fluss und dem Elend der Gulags
Kurzmeinung: Hätte etwas kürzer sein können - aber was solls!
Bulgarien ist seit 2004 Mitglied der NATO und trat 2007 der Europäischen Union bei. Das ist spät. Davor erlebte das Land, wie viele andere europäischen Länder, eine wechselhafte Geschichte und war gefühlt eine Ewigkeit lang Teil des Ostblocks. Dimitré Dinev leistet mit dem Romanwerk „Zeit der Mutigen“ einen Beitrag zur Aufarbeitung dieser, einer seiner dunkelsten und finstersten Zeiten. Allerdings hat man beim Lesen den Eindruck, Bulgariens Zeiten wären immer finster gewesen. Der Roman setzt 1914 ein und zieht sich bis zum Entscheidungsjahr 1989. Die Donau als größter Fluss Bulgariens ist sinngebendes Element und Träger des Lebens. Starke Frauen aus mehreren Familien agieren, leben, halten die Familie zusammen, und hoffen trotz aller Widrigkeiten auf lebenswertes Leben. Die Männer werden unter menschenunwürdigen Umständen im bulgarischen Gulag Belene gefangen, dessen Existenz im Ausland geleugnet wird, aber todtraurige Realität gewesen ist!
Zeit der Mutigen ist die Geschichte eines Überlebenskampfes über Generationen hinweg, die Geschichte des Wassers, die Geschichte von Verfolgung wegen gar nichts, Unterdrückung, Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
„Seitdem wir an der Macht sind, zerstören wir jede Bindung des Menschen. Seine Bindung an eine Ideologie, zu einem Wissen, zu einer geistigen Tradition, Weltanschauung und Gedankengut, zu einer Ästhetik, zur Religion, zu Gott, zur Familie, zu den anderen Menschen.“
Die Kommunisten kommen aber gegen eines nicht an, gegen die Individualität und Originalität des Menschseins und es gelingt ihnen auch nicht, jedwede Empathie und Menschlichkeit auszurotten.
Der Kommentar und das Leseerlebnis:
Das Lesen des Romans ist wegen der Schilderung von deftigem Sex, von diversen Grausamkeiten, also von Sex and Crime harter Tobak, aber dann ist die Lektüre auch wieder sanft wie ein dahinplätschernder Bach, ja, man muss auch öfters mal lachen. An die Erzählart muss man sich dennoch ein wenig gewöhnen, es ist eine Mischung von einerseits der Sprache, mit der man Legenden und Märchen erzählt und anderseits die Sprache naiver Kunst. Sie ist schlicht, aber manchmal unerwartet ausdrucksstark:
„Ein blonder Schnurrbart verdeckte seine Lippen, eine Schirmkappe seine Gedanken.“
„Als er abwog, von wem er lieber geplagt werden wollte, von Geistern oder Kommunisten war seine Entscheidung schnell getroffen.“
Die Figuren sind sehr stark in diesem Roman und echte Originale. Manche wechseln die Identität und es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten. Die Einzelschicksale der Kriegswirren überzeugen: Ob es sich um Eva handelt, die sich mehrmals seit 1914 suizidieren wollte – aber immer auf wundersame Weise in letzter Minute gerettet wird und schließlich ein langes und erfülltes Leben lebt, nicht eins ohne Leid zwar, aber eines, in dem es auch unerwartetes Glück gibt oder um die Schafhirtin Neda, deren Vater Xaver vor den Augen aller Dorfbewohner ermordet wird und die seitdem das Feuer hütet und der mehrere Männer sozusagen in die Hütte und in den Schoß fallen, Männer, die sie nicht erbeten hat. Da ist zum Beispiel Meto, ein Soldat wider Willen, ein Deserteur, dem eine Kugel im Kopf gnädiges Vergessen schenkt und der in der Folge ein Doppelleben führen wird oder Slavi, ein hoher gewaltbereitet KGB-Agent, der später einem Fresko in einer verfallenen Kapelle seine Verbrechen beichten wird oder ob es sich um Angela handelt, die Tochter der Nixe, eine Bäckerin, die eisern schweigt, als ein Mann zu ihr kommt und behauptet ihr in Russland verschollener Mann zu sein. Auch ein Onkel, der kein Onkel ist, taucht auf.
Ja, die Figuren sind stark. Am stärksten aber sind die Szenen in Belene, dem bulgarischen Konzentrationslager.
Freilich, nach „Archipel Gulag“, fragt man sich, ob man Gulag-Romane wirklich noch braucht. Braucht man sie? Ich bin nicht sicher. Vielleicht braucht jedes Land seinen eigenen Gulagroman, seine eigene Aufarbeitung der verbrecherischen Geschichte. Gegen das Vergessen. Und gegen das Vergessen lernt Barko, einer, der sogar zweimal in das Lager Belene kommt, verbotenerweise alle Namen auswendig, von den gemarterten Männer, die er auf einer Insel verscharren soll. In einer der Schlussszenen weiselt Barko sein Haus und schreibt alle Namen auf die Hauswände, an die er sich erinnern kann. In das letzte Fleckchen schreibt er seinen eigenen.
Fazit: Gegen das Vergessen! Eine Leseempfehlung für Geduldige, denn über 1000 Seiten sind ein Pfund.
Kategorie: Schelmen- und Gulagroman
Verlag: Kein & Aber, 2025
Auszeichnungen: Österreichischer Buchpreis