Agit-Prop-Konzeptkunst für die Theaterbühne. Erzählerisch zu abstrakt, gewollt und leblos.
Inhalt: 1/5 Sterne (klischierte Aussteiger-Story)
Form: 2/5 Sterne (rhythmisch-leer)
Erzählstimme: 0/5 Sterne (strukturlos)
Komposition: 1/5 Sterne (unergiebiger Chor)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (leeres Lesen)
--> 5/5 = 1,0 = 1 Sterne
Am Grund des Himmels von Mariette Navarro verfehlt den Schlüssel ihres Vorgängers Über die See, in welchem eine Seekapitänin sich überraschenderweise überreden lässt, ein Schiff auf hoher See zu stoppen, um der Besatzung eine Runde Schwimmen zu gestatten. Das Thema Auszieht nimmt Am Grund des Himmels wieder auf, aber ohne die innere Dynamik der Seekapitänin-Entscheidung, die eine Lücke in ein dichtes Netz reißt, zu entfalten. Der Text Am Grund des Himmels beginnt handlungstechnisch zu spät:
So erschöpft wie ich bin, könnte man meinen, es hätte einen Kampf gegeben, aber so ist es nicht. Ich erinnere mich weder an Trauer noch an Tränen. Ich will mit der, die sich abstrampelte, um eine Position zu erreichen, um eine Position zu halten, um sich eine Position zu verdienen, um diese Position vor den anderen zu verteidigen, nichts mehr zu tun haben.
Okay, d.h. mit anderen Worten: Die Entscheidung ist bereits gefallen und nun werden die Konsequenzen durchgespielt, aber leider auch nicht wirklich, denn statt sich den Konsequenzen zu stellen, was ein Psychodrama zur Folge haben hätte können, verkriecht sich Claire, die Ich-Erzählerin, aufs Dach und harrt der Dinge, bis niemand mehr da und sie sich unerkannt unter die Menge mischen kann.
Ich laufe umher und stelle fest, dass keine einzige Straße intakt ist und es überall Löcher gibt, in die man stolpern kann, dass die Gehwege immer holprig sind, und das amüsiert mich. Sehr sogar. Manchmal mache ich zwischen zwei Unebenheiten ein paar Tanzschritte.
Kein Drama also, eher ein Tanzen. Bei Am Grund des Himmels handelt es sich um eine Form von Performance-Theater-Text, den ein Ensemble mit Tanzfiguren und übertriebenen Gesten, wahrscheinlich mit schräger Experimentalmusik feilbieten könnte – und hierfür besitzt der Navarros Text einige intensive Stellen, die sich gestisch-mimisch ausarbeiten ließen. Nur als Text, ohne Stimme, Gesicht, ohne die Verkörperung, wirkt er nicht, denn er selbst bringt keine literarische Substanz mit, ihm fehlt der Raum, das Fleisch, die Struktur, die Miasmen der Stadt, das Sengende der Sonne, das Brausen der Unwetter, die Angst, die Gefühle, die Enge und Eingeschlossenheit des sozialen Gefüges, das literarisch von Navarro nicht gesetzt, erschlossen und plausibel in Szene gesitzt.
Am Grunde des Himmels bleibt die Kopfgeburt einer Dramaturgin. Und lässt sich am besten als Agit-Prop-Konzept-Kunst betrachten. Das kommt dem Lesen von Kochrezepten ziemlich nahe, wenn alle Zutaten fehlen.
---------------------------------
---------------------------------
Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
---------------------------------
---------------------------------
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Claire, Mitte zwanzig?
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Ich-Erzählerin (IE) steht auf dem Dach, ist ausgestiegen. Es ist verboten. Überblickt die Dächer des Geschäftsviertels. Sie wurde in der Vorstadt geboren, Heimat der Schrottplätze und Flughäfen. Sie hat nicht mehr den Traum, Teil einer Institution zu sein. Ziel in den inneren Kreis der Auserwählten zu stehen. Hat die Familie zurückgelassen. Es friert sie. Sie bewegt hektisch auf dem zügigen Dach. Sie tanzt. Bewegt sich, bis sie einen geschützten Platz findet, neben dem Schornstein.
Chor: ein Wir spricht über Claire. Sie haben die Sitzung fortgesetzt, sind nach Hause gefahren, haben nicht in Richtung Dach geschaut.
Claire: Gedanken an den Arbeitsalltag, die einsame Wohnung, Musik, Telefonat mit den Eltern, die Frage, ob sie glücklich sei, so fernab ihrer Wurzeln. Sie fühlte sich stets ein wenig fremd in der Umgebung, als hätte sie die Karte für dieses Labyrinth nicht, der Reichen und Mächtigen. Sie versucht sich anzupassen, anzubiedern. Sie weinte jeden Tag. Sie findet eine Plastikplane und baut sich ein geschütztes Fleckchen zwischen Oberflicht, Schornstein und Klimaanlage.
Chor: Alle schlafen friedlich, oder mit Tabletten. Ein Sturm zieht auf. Schläge gegen die Fensterscheibe. Ignoranz als Wesenszug. Sie lassen sich nicht einschüchtern. Ein Sturm wütet über die Stadt.
Claire: Sie wacht auf, findet die offene Luken, durch die sie gestiegen ist, geschlossen vor, durch den nächtlichen Sturm. Sie ist ausgesperrt. Sie schaut den Wolken nach. Eltern fragen, ob sie überhaupt noch an Leute wie sie gedacht hat, als Aufsteigerin.
Chor: Wachen auf, können aber nicht zur Arbeit. Alles ist verlangsamt.
Claire: Spatzen hüpfen um sie herum. Sie schafft es, die Luke ein wenig zu öffnen. Sie gelingt ins innere des Gebäudes. Sie merkt voller Erstaunen, dass der Tag noch nicht angefangen hat. Sie geht ins Chef-Büro. Liest ihr Urteil über sich: »schnell/diskret/effizient/aber zu zögerlich/naiv/provinziell.«
Chor: Sie warten noch, bis die Wege in die Innenstadt erschlossen sind.
Claire: Von gescheiterten Sozialbeziehungen, Scham für ihre provinzielle Zunge. Sie streckt ihre Arme aus und reißt einen Computerbildschirm zu Boden. Sie beginnt die Computertürme einzureißen. Funkenschlag. Feuer bricht aus. Sie flieht Richtung Erdgeschoss. Sie erinnert sich an einen Kollegen, der sich aus dem Fenster gestürzt hat. Marc, der vergessen wurde. Claire spricht kurz als Wir, ein Wir, dass die Kröte geschluckt hat. Sie findet keinen Weg nach draußen, schmeißt das Fenster mit einem Metallgefäß ein und entschlüpft aus dem brennenden Haus.
Chor: Straßen sind wieder befahrbar. Sie erreichen das Bürogebäude, das in Flammen steht. Feuer wird gelöscht. Instandsetzungsarbeiten finden statt. Sie finden Claires Ohrring. Sie erinnern sich an Claires überhasteten Aufbruch vorgestern. Sie finden keine Spur von ihr. Claire ist weg. Sie rätseln Claire hinterher.
Claire: Stromert herum. Frei.
Chor: Sie steigen auf das Dach, finden Claires Stuhl. Wochen vergehen.
Claire: Geht zum Fluss. Sie lässt sich nicht von Zäunen und Privatbesitz aufhalten. Geht in der Landschaft auf.
Chor: Mitten im August (Monate später) erhält die Putzfrau den Auftrag, Claires Dinge zu entsorgen. Ihre Stelle wird neu ausgeschrieben.
Claire: Hat sich Monate zurückgehalten, um ihre Elektrizität freizusetzen. Sie wartet auf den Regen und das Überfluten des Flusses. In Taucheranzug springt sie in die Fluten, mit vielen anderen Gleichgesinnten zusammen. Sie entkommen der Stadt.
●Kurzfassung: Eine Karrieristin aus bescheidenen Verhältnissen arbeitet sich hoch, verliert aber nach dem Selbstmord eines Kollegen (Marc) irgendwann die Nerven, steigt auf ein Dach, um sich zu beruhigen. Übernachtet dort, während ein Sturm tobt. Am nächsten Morgen bleibt die City ruhig, da die Zufahrtsstraßen blockiert sind. Sie steigt zurück ins Gebäude, randaliert, ein Feuer bricht aus. Sie entkommt. Ihre Kollegen wundern sich, akzeptieren irgendwann, dass Claire verschwunden ist. Nach Monate bricht ein heftiger Regen aus und Claire verschwindet im Neoprenanzug aus der Stadt. (Nach mir die Sintflut).
●Charaktere: (rund/flach) sehr flach
●Überflüssige Szenen/Charaktere: zu kurz, der Schluss wirkt aufgesetzt
●Besondere Ereignisse/Szenen: nein
●Diskurs: Hierarchien, Klassismus
… ein dramatischer Peformance-Text, fürs Performance-Theater, keine Erzählung, eher ein Stimmungskonzept. Es gibt schlicht keinen Inhalt. Es gibt eine Persönlichkeitsskizze.
--> 1 Stern
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) stark fiktional durch den Chor, durch den Bewusstseinsstrom, das Selbstgespräch. Ein Theater der Selbstgespräche, ein Einzelnes, ein Kollektives, beide sprechen mit sich, reflektieren sich, aber sehen nichts. Blind.
●für eine digitale Auswertung zu kurz. Statistisch nicht signifikant.
●Innovation: sehe ich nicht
… eher rhythmisches Sprechen, Theater-Monologe, leben höchstens von der Darstellung, aber nicht durch die Wortmalerei. Ein Pluspunkt wäre der Rhythmus.
--> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: völlig inkonsistent, rahmenlos, beliebig, postmodern flickenteppichhaft, Konstrukt, ohne jede dynamisch selbstbezügliche narrative Struktur. Als Beispiel wie verknüpfen sich „Claire“ und der „Chor“ – vor wem? Wohl auf der Bühne, vor wem? Und wer dirigiert? Und zudem, woher weißt der Chor, was er nicht weiß?
Natürlich wissen wir noch nichts von Claire, wie auch? Vielleicht denkt ja die ein oder andere an sie und beneidet sie heute Morgen darum, dass sie keine Familie hat, um die sie sich kümmern muss.
--> 0 Sterne
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: gering
●Operative Geschlossenheit: es gibt keinen Rahmen, keine Verbindlichkeit
●Rahmenstabilisierende Details: inexistent
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): beliebig, lose
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: nein
●Einschätzung: langweilige Monologe über nichts Reales, reine Abstrakta der Zugehörigkeit, ein Agitprop-Text. Bekommt einen Punkt für den Versuch, einen Chor einzuführen, der einen Rahmen stiften hätte können.
--> 1 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja, sehr
●Geärgert: nein, ödes Bekennerschreiben
●Amüsiert: nein, alles klischiert
●Gefesselt: nein, einfallslos
●Zweites Mal Lesen?: auf keinen Fall. Aber so glatt, so schmerzlos einfach und simpel, dass es mich nicht geärgert hat.
--> 1 Sterne
--------