Begeisterung für das Werk Arno Schmidts zu wecken und dazu beizutragen, dass er nicht in Vergessenheit gerät, ist eine der nobelsten Aufgaben überhaupt, wahrscheinlich sogar die einzige ehrenhafte Aufgabe im Reich der Literatur schlechthin.
Schmidts zahllose Eigenwilligkeiten und sein einzigartiger Umgang mit der deutschen Sprache macht es schon deutschen Lesern nicht leicht, Zugang zu diesem Solipsisten zu finden. Ungleich schwerer muss es sein, den englischsprachigen Leser zu begeistern, obwohl inzwischen ein guter Teil des Schmidtschen Oevres von John E. Woods übertragen wurde, der sogar Zettels Traum in Angriff genommen hat.
Zu Schmidts 100. Geburtstag hat Orthofer im Stile der legendären Radio-Essays ein Lehr-Gespräch geschrieben, das AS dem amerikanischen Leser bekannt machen soll.
Drei Sprecher unterhalten sich in einer Kneipe über den Meister, und die Rollenverteilung entspricht der von Schmidt erprobten:
Der ältliche Sprecher A belehrt den jungen B, und gelegentlich wirft C etwas ein. Das C dabei irgendwie etwas überflüssig wirkt, hat mit einem der größten Mängel dieses Dialogs zu tun:
Während C bei Schmidt oft für eingestreute Zitate des traktierten Autors zuständig ist, verzichtet Orthofer vollständig auf Schmidt-Zitate. Aus meiner Sicht eine nicht gutzumachende Unterlassungssünde, denn Schmidt kann man lieben oder hassen, dazwischen ist wenig. Zitate würden dem zukünftigen Leser einen ersten Anhalt geben, ob dieser sonderbare deutsche Wortmetz etwas für ihn ist, und vor allem würden Zitate dem ganzen Dialog Flair, Witz und Leichtigkeit verleihen.
Inhaltlich fiel mir auf, dass Orthofer einerseits den klassischen "Fehler" begeht, immer mal wieder auf Gewichte und Preise schmidtscher Bücher anstatt auf ihre Inhalte einzugehen, und dass er Schmidts Antiklerikalismus und Antimilitarismus nur am Rande erwähnt.
Auch scheint mir, dass Orthofer Schmidt für einen sehr viel populäreren und geleseneren Autoren in Deutschland hält, als es tatsächlich der Fall ist.
In Details (so werden z.B. Dieter Stündels Übersetzung von "Finngegans Wake" und sein Register zu "Zettels Traum" rückhaltlos gelobt, obwohl es kritische Stimmen genug gab) ist erkennbar, dass Orthofer sich nicht so tiefgehend mit diesem Autoren beschäftigt hat, dem jede Ungenauigkeit ein Graus und Zeichen für Faulheit und Dummheit war - was ich Orthofer keinesfalls unterstelle, nur am Rande erwähnt haben wollte.
Das CENTENNIAL COLLOQUY ist ein lobenswertes Unterfangen, allerdings lange nicht von der Qualität seines Vorbildes. Obwohl lesbare Abhandlungen über Schmidt rar sind (darauf weist Orthofer ganz richtig hin, dass die Rezeption schwerpunktmäßig eine wissenschaftliche ist), ist dies Büchlein für den deutschen Schmidt-Leser keine unverzichtbare Lektüre. Für amerikanische Leser stellt es zumindest ein ausführlicheres Bekanntmachen mit Schmidt dar, ob daraus Liebe erwächst, vermag ich nicht zu beurteilen.