Tim Meyers „Strom“ will erklären, warum sich der Markt längst für erneuerbare Energien und die Elektrifizierung entschieden habe. Das Buch führt dabei stichhaltige Argumente an: die enormen Effizienzgewinne durch Elektrifizierung, den exponentiellen Preisverfall bei Wind- und Solartechnologien dank Skaleneffekten, sowie geopolitische Vorteile wie Energieunabhängigkeit und die wachsenden Wettbewerbsvorteile bei steigendem CO₂-Preis. Auch die klimapolitische Dringlichkeit wird überzeugend herausgearbeitet.
Als Befürworter der Energiewende begrüße ich die fundierte und realistische Darstellung, wie eine vollständig erneuerbare Energieversorgung aussehen könnte, inklusive Implikationen für Endkund:innen und Industrie. Besonders positiv ist, dass das Buch mit einigen weitverbreiteten "Luftschlössern" (z.B. Atomkraft, CCS, Wasserstoff als Allheilmittel) aufräumt und die nötigen Schritte zur Transformation inklusive deren Zusammenhänge holistisch beschreibt.
Allerdings gerät die zentrale These des Buchs ins Wanken: Weder die prognostizierten Strompreise nach vollzogener Energiewende (8 ct/kWh bzw. 30 ct/kWh für Endverbraucher) noch die steigende Systemkomplexität deuten für mich auf ein Selbstläufer-Modell hin, das automatisch zu mehr Wettbewerbsfähigkeit führt. Zumal genau diese Preise dafür entscheidend wären und nicht unbedingt technische Argumente wie Effizienzgewinne. Wenn sich der Markt bereits „entschieden“ hätte, warum bräuchte es dann politische Steuerung, hohe staatliche Investitionen und Subventionen?
Gerade weil ich auf die im Titel angekündigte Begründung gespannt war, warum die Marktentscheidung längst gefallen sei, hat mich das Buch an dieser Stelle etwas weniger überzeugt. Mehr noch: Die suggerierte Unvermeidlichkeit der Energiewende kann in ihrer Selbstgewissheit auch gefährlich sein. Wer glaubt, der Wandel käme ohnehin, unterschätzt die realen Risiken politischer Blockade und gesellschaftlicher Trägheit.
Trotzdem muss ich sagen, dass sich die Lektüre von „Strom“ auf jeden Fall gelohnt hat. Das Buch liefert einen informativen, gut strukturierten und lesbaren Überblick über die energetische Zukunft und ist damit eine klare Empfehlung.