Fiume an der Adria. Bis 1918 hat die Hafenstadt zum Habsburgerreich gehört, jetzt rücken italienische Freischärler ein, unter Führung eines berühmten Mannes. Gabriele D'Annunzio, Dichter, Kriegsheld und glühender Nationalist, ruft die Republik aus. In Fiume soll nun der verrückteste Staat der Weltgeschichte entstehen, Politik als Spektakel. Unter D'Annunzios Anhä ein gewisser Mussolini. Und Guido Baron Keller von Kellerer und Wolkenkeller. Der tollkühne Flieger, Nudist und Utopist ist besessen von einer Idee aus futuristischen Kü Will man die morsche Welt von gestern zerstören und eine strahlende neue erbauen, braucht es die Sprengkraft des Wahnsinns. Gesagt, getan. Aus den Irrenhäusern ganz Italiens werden (möglichst ungefährliche) Patienten angefordert. Sie sollen Minister werden im neuen Staat. Und so macht sich auch der Krankenwärter Cherubino auf, um einen freundlichen Axtmörder an die Adria zu begleiten – der Morgenröte einer neuen Zeit entgegen, in die Republik der Irren.
Die Republik der Irren war das letzte Buch des diesjährigen Buchclubs im Buchcafé Melange und ich muss zugeben, dass sich meine Begeisterung bezüglich der Auswahl des Buchs durchaus in Grenzen hielt. Im Gegensatz zu anderen aus der Runde gefiel mir Stermans semi-fiktionaler Roman aber gut.
Das Buch beginnt 1920 in einer Irrenanstalt, der Ich-Erzähler Cherubino arbeitet dort als Pfleger. Alsbald bekommt er von seinem Chef, der sich im engen Dunstkreis der Futuristen rund um Gabriele D'Annunzio aufhält, den Auftrag, ein paar “harmlose Irre” nach Fiume zu bringen. Dieser Ort hat real existiert, Gabriele D’Annunzio hat im heutigen Rijeka eine eigene Republik ausgerufen. Nebenbei verliebt sich Cherubino natürlich in Letizia – ausgerechnet in eine Nonne – und seine Geliebte begleitet ihn, nachdem sie aus dem Orden geschmissen wurde, auf dem Weg in den neuen Staat. Und dort erwartet sie mehr Chaos und Irrsinn, als sie in der Irrenanstalt je gesehen haben.
Ich gebe zu, ich fand den zweiten Teil des Buches stellenweise etwas mühsam. Sterman bemüht sich dabei sehr, so viel wie möglich der historisch überlieferten Aussagen und Erzählungen in eine kohärente Handlung zu bringen. Für mich war es etwas zu überladen und ich hatte teilweise Probleme, mich im Gewirr der Figuren zurechtzufinden.
Cherubino und Letizia haben sich in ihrer durchaus holzschnittartigen Figurenbeschreibung und -entwicklung im Gegensatz dazu entspannt (wenn auch unaufregend) gelesen. Wahrscheinlich, weil man diese Art der Geschichte schon in der tausendsten Variation gelesen hat. Und ja, es ist eine sehr heteronormative Liebesgeschichte, erzählt durch einen Mann. Manche in der Buchclub-Runde haben sich daran gestört. Ich empfand sie zwar als nicht besonders originell, aber wirklich gestört hat mich daran nichts.
Am gelungensten fand ich die nebenbei eingewobene Gesellschaftskritik, das Darauf-Aufmerksam-Machen, dass es immer die Vulnerabelsten der Bevölkerung sind, die am schlimmsten unter Kriegen und deren Nachwirkungen leiden.
Ein paar Sätze, die ich unterstrichen habe:
S. 42: “Man kann so einen Krieg schwer beenden. Nur weil Frieden herrscht, heißt das nicht, dass der Krieg vorbei ist.”
S. 48: “Die Armen starben gratis, und wenn sie den Tod überlebten, gab man ihnen auch nichts.”
S. 88: “Und einige Spinner, vor allem wenn sie sich in Massen versammeln, wollen, dass alles wahr ist, was er erzählt. Für sie ist wahr, was sie als wahr ansehen wollen. Zweifel gibt es nicht, wenn viele zusammen sind. Sie werden zu einer folgsamen Herde, die nicht mehr ohne ihren Hirten weiterleben kann. Alle Logik verschwindet. Aber es sind die Worte von Wölfen, nicht von Hirten.”
Ein Buch, das ich im Großen und Ganzen empfehlen kann, auch wenn es wahrscheinlich keinen dauerhaften Eindruck bei mir hinterlassen wird.
„Hier nur ein paar, vielleicht nicht einmal die Richtigen“, steht auf dem Schild, das der Pfleger Cherubino ans Tor der Irrenanstalt im Trentino schrauben muss. Er ist der Ich-Erzähler in dem erstaunlichen historischen Roman über wenig mehr als 500 Tage im frühen 20. Jahrhundert. Dirk Stermann beteuert im Nachwort: „Was in diesem Roman am unglaubwürdigsten klingt, entspricht in der Regel den historischen Tatsachen.“ Zweifellos gab es im Jahr 1919 auch außerhalb der Psychiatrie genug Irre. Beispielweise den präfaschistischen Dichter und Politiker Gabriele D’Annunzio, den Begründer des Futurismus Filippo Tommaso Marinetti oder den politischen Abenteurer Guido Baron Keller von Kellerer und Wolkenkeller (s. Bild). Diese drei waren maßgeblich an einem politischen Experiment beteiligt, das an Verrücktheit kaum zu überbieten ist. D‘Annunzio nutzte die instabile politische Lage nach dem Ersten Weltkrieg aus und besetzte mit seinen Legionären die Stadt Fiume (heute: Rijeka). D‘Annunzio gerierte sich sofort als Comandante der kurzlebigen „Republik“, deren Inhalte und Rituale aber umso länger fortdauerten – in Italien und Deutschland: die Führerverehrung, die Massenmobilisierung, die Balkonreden zum Volk oder der Römische Gruß. Stermann brauchte nur mehr wenig dazuerfinden, um die wunderlichen historischen Geschehnisse in einen Roman zu verwandeln. Cherubino wird von seinem Vorgesetzten beauftragt, einen der „harmlosen“ Irren seiner Anstalt nach Fiume zu begleiten. Dort sollen sie die Regierung bilden. Ausgewählt wird der nach einer Lobotomie vorgeblich so harmlose riesenhafte Axtmörder Zino. Er wird Minister für Handstreiche. Aus allen Teilen Italiens lässt Keller die Irren zusammenholen. Einer ist für Schulen und Mutproben zuständig, einer für „Adler Schlangen, Windhunde und Lebewesen, die erst noch entstehen werden“, einer für „abzureißende Mauern und neue Wände“, einer für „Schönheit, Maschinen und Märsche“ und einer für Luft. Der Ich-Erzähler Cherubino fungiert als distanzierter Beobachter des Rummels. Und das ist eine Schwachstelle des Romans. Cherubino registriert und bewertet, bleibt aber am Rande des Geschehens. Leider ohne viel Tiefe. Die andere Schwachstelle: Die absurden Episoden ziehen sich etwas. Dennoch: eine wirklich frappierende Geschichte, die Dirk Stermann manchmal ironisch, aber meist sehr nüchtern erzählt. Gewisse Parallelen zu heutigen Herrscherattitüden in Übersee sind nicht ganz von der Hand zu weisen.