Kiera verlässt St. Petersburg, um in Berlin zu studieren. Zwischen Seminaren und Jobs, Zukunftsangst und Crushes droht sie dort sich selbst zu verlieren. Während sich Kriege und Krisen immer weiter ausbreiten, kämpft sie darum, ihre Träume mit ihrer migrantischen Realität zu vereinbaren. Sie stürzt sich in das Übersetzen von Texten. In den Worten ihrer Vorbilder gräbt sie nach Möglichkeiten des Widerstands und nach ihrer eigenen Stimme. Dabei muss sie sich durch ein Netz aus Erwartungen navigieren: Da ist ihre Mutter, die genau weiß, wie ein richtiges Leben auszusehen hat. Da ist ihr Freund, der ihr Sicherheit verspricht und dafür ein gemeinsames Leben will. Da ist ihre Geliebte, die von ihrem politischen Aktivismus zerrieben wird und dasselbe von Kiera erwartet. Und da ist Kiera selbst, die Liebe von der Welt will, Hoffnung und das Gefühl, dazuzugehören.
Karina Papp ist eine 1988 im heutigen Lettland geborene Autorin und Übersetzerin. Sie studierte Journalismus und Literatur in Russland. Seit 2013 lebt sie in Berlin. Auf ihrer Suche nach interlingualen und politisch bewussten literarischen Formen verbindet Karina Schreiben mit Übersetzung. Sie ist Empfängerin mehrerer DÜF-Radial-Stipendien für Übersetzer*innen. Ihre Texte wurden in den Literaturzeitschriften Neznanie, m ZIN und Soft Eis Magazine veröffentlicht.
„Sprachen sind mein Drag. Ich schreibe ein Buch auf Deutsch, ich trage diese Sprache wie ein Make-up auf. Ich wickle sie um meinen Körper, um mehr queer, mehr polyamor, mehr und weniger femme zu sein. Ich bin fake und echter als je zuvor.“
Wow wow wow, ich bin sprachlos, ein absolutes Jahreshighlight! Ich habe dieses Jahr schon so einige sehr gute Bücher gelesen, aber „Zungenbrecher“ hat alles übertroffen. Karina Papp verbindet in ihrem Roman alle Themen, die mich interessieren: Queerness, Identität, Übersetzen und Übersetzungsreflexion, Sprachreflexion, Mehrsprachigkeit, Liebe, und Heimat. Sie schreibt in insgesamt drei Sprachen, Deutsch, Russisch und Englisch, wodurch ein Mehrsprachiger Text entsteht, der sich aus den Zwängen des Monolingualismus befreit. Während das Deutsche überwiegt, werden Russisch und Englisch frei eingesetzt um über Sprache(n) nachzudenken, sie zu reflektieren und in ein Verhältnis zur eigenen Identität zu setzen. Darüber hinaus gibt es immer wieder Passagen, die kursiv gesetzt sind, welche die Autorin, während ihres Schreibprozesses mit der Hand auf Russisch geschrieben und dann für den Roman ins Deutsche übersetzt hat.
Doch erstmal, worum geht es eigentlich? Der Roman handelt von Kiera und einer weiteren ich Erzählerin, die den Roman schreibt. (Diese kann als Karina Papp interpretiert werden, doch bei einer Lesung in Berlin hat Papp ausdrücklich gesagt, dass es sich bei der Erzählerin nicht um sie handelt.) Die Autorin begleitet ihre Protagonistin Kiera auf ihrer Reise auf der Suche nach Heimat. Sei es die ortsgebundene Heimat, oder die Heimat in der Sprache(n), oder die Heimat in der Liebe. Es ist eine Suche zwischen Sprachen und Ländern, zwischen weiblich und männlichem Begehren, zwischen Frühling und Winter. Kiera, die Protagonistin lebt und studiert in Berlin, doch hat Familie in Petersburg. Sie ist unzufrieden mit dem Studium, arbeitet einen Nacht Job als Putzkraft doch träumt eigentlich vom Übersetzen. Sie ist mit Simon zusammen, hat das erste Mal einen Orgasmus während des Sex (ganz anders als damals in Russland), doch als sie eines Tages Nadia am Flughafen in Petersburg kennenlernt, ändert sich alles. Plötzlich steht sie vor der Frage, was ist Begehren? Wen begehre ich? Karina Papp verwendet in ihrem Roman eine unglaublich interessante Struktur, denn er ist aufgebaut wie ein Sprachlernheft mit Modulen, einzelnen Kapiteln und Übungen am Ende jedes Moduls. Jedes Modul spielt in einer anderen Stadt, so reist die Protagonistin von Berlin nach Petersburg, nach Berlin, nach Budapest und so weiter.
Ich weiß gar nicht was mich am meisten begeistert. Ist es der Aufbau? Der Inhalt? Die Sprache? Oder einfach alles? Ihre Sprache ist poetisch, einfühlsam aber auch unglaublich direkt. Ich habe mich in ihrer Sprache und Struktur des Romans verloren, habe mich auf ihnen mitnehmen lassen und bin Karina Papp auf ihrer Suche gefolgt. Ich habe mich und meine Gedanken in vielen Überlegungen wiedergefunden und bin einfach total aufgegangen. Als Tochter einer slowakischen Mutter und einem russischen Vater denke ich auch sehr oft über meine (Mutter-)Sprache(n) und Identität nach. Bisher habe ich vor allem über Uljana Wolf den Zugang zur Reflexion gesucht, doch „Zungenbrecher“ hat mir nochmal ganz neue Türen geöffnet. An dieser Stelle möchte ich auch noch anmerken, dass ich es unglaublich beeindruckend finde, dass Karina Papp das Buch auf deutsch geschrieben hat, und es super interessant finde, wie sie in einer ihr zunächst fremden Sprache, den Zugang zu sich selbst findet. Ein unglaublich starkes Debüt, das ich nicht nur dieses eine Mal lesen werde. Ich möchte es hiermit allen sehr empfehlen und freue mich schon auf hoffentlich weitere Werke der Autorin.
Den Anfang meiner Pride Month Reads macht diese queere Perle, die wir gerade in kleiner Runde im Buchclub besprochen haben. „Zungenbrecher“ ist ein experimenteller Debütroman, der die Zerrissenheit zwischen zwei Ländern thematisiert und die Brücken, die Übersetzungsarbeit schaffen kann.
„Zungenbrecher“ (auf so vielen Ebenen ein genialer Titel!) wechselt zwischen einer autofiktionalen Ich-Perspektive (Autorin und Übersetzerin Karina Papp stammt aus Lettland, hat in Russland studiert und lebt seit 2013 in Berlin) und der Perspektive der Protagonistin Kiera Varga, 27, die im zweiten Jahr Literaturwissenschaft in Berlin studiert, nebenbei als Reinigungskraft arbeitet, in einer festen Beziehung mit Simon lebt und im Gewirr der Sprachen auch einen Zugang zu ihrer Queerness entdeckt. Der Wechsel zwischen den Perspektiven macht diesen oft zum Thema und begibt sich so auf eine Metaebene. Überhaupt stehen das Schreiben an sich und das übersetzende Schreiben im Mittelpunkt des lyrischen, sprachbildreichen und in großen Teilen auch essayistischen Textes.
Das Namedropping in „Zungenbrecher“ ist allgegenwärtig, der Roman (das konzeptuelle Sprachprojekt?) ist ein Sammelsurium an (sprach)philosophischen Gedanken und ein feministisch-literaturwissenschaftliches Who-is-Who. Dabei geht es aber nicht um ein nabelschauartiges Wissensaufgebot, sondern Karina Papp webt Theorien und Ideen so kunstvoll in ihren Text, dass sie damit unweigerlich Lust auf weitere Recherche und weiteres Lesen weckt. Besonders Anne Carson hat es der Protagonistin Kiera und der Ich-Erzählerin angetan und da kann ich mich nur aus vollstem Herzen anschließen <3.
Durch die Vielsprachigkeit, das Übersetzen, das Schreiben manifestiert sich in „Zungenbrecher“ nicht nur die Emanzipation von Elternhaus und Herkunft („Es ist wichtig, die Begriffe zu definieren. bell hooks sagt, es sei wichtig zu wissen, was Liebe ist, damit sie nicht mit missbräuchlichem Verhalten verwechselt wird. Ich versuche, „Zuhause“ nicht mit missbräuchlichem Verhalten zu verwechseln.“), sondern auch queere Lust. Die Übersetzung wird zu einem Akt der Selbstbestimmung und Liebe. Sprache ist körperlich, erotisch. Sprache ist Drag. Sprachmigration kann Freiheit bedeuten.
Ein bemerkenswertes Debüt und eine wunderbare erste Romanveröffentlichung im ehrenamtlich arbeitenden Berliner Verlag etece buch!
Kiera geht nach Berlin, um dort zu studieren und sich etwas Eigenes aufzubauen, wovon auch ihre Eltern in der Heimat träumen. Sie kommt aus St. Petersburg und trägt nicht nur einen Koffer mit sich, sondern auch Erwartungen, Erinnerungen und das Gefühl, zwischen verschiedenen Welten zu stehen. In Berlin versucht sie ihren Platz zu finden, zwischen Uni, Jobs, Beziehungen und der ständigen Frage, wer sie eigentlich sein will.
Was mich besonders bewegt hat, ist die Art, wie das Übersetzen im Buch beschrieben wird. „Wenn ich übersetze, suche ich nach einer Bestätigung meiner Gefühle. Ich möchte, dass jemand mir sagt: Ja, ich habe es verstanden. Sie müssen es nicht mögen, aber ich möchte, dass sie sehen, was ich sehe, dass sie schmecken, was ich schmecke“ (S. 42). Diese Stelle war unglaublich schön beschrieben.
Kiera übersetzt Texte, aber eigentlich übersetzt sie so viel mehr als nur Worte. Sie übersetzt Erfahrungen, Sehnsucht, Wut und vieles dazwischen. Dieses Ringen um das richtige Wort, dieses Gefühl, dass eine Sprache nie ganz das einfängt, was man wirklich meint, das war feinfühlig und ehrlich beschrieben. Ich hatte oft das Gefühl: Genau so fühlt es sich an. Nicht nur beim literarischen Übersetzen, sondern auch im Alltag, wenn man versucht, sich selbst oder die eigene Geschichte in der Muttersprache oder in einer anderen Sprache verständlich zu machen.
Ich bin allerdings nicht sofort in das Buch hineingekommen. Das war für mich persönlich etwas schwierig. Einige kursiv gesetzte Passagen, die wie Gedichte wirkten, haben meinen Lesefluss öfters unterbrochen. Das oftmals Hin und Her fand ich auf Dauer etwas anstrengend und hat mich aus der eigentlichen Handlung herausgerissen.
Gleichzeitig gab es Momente, die mich sehr abgeholt haben. Zum Beispiel, als plötzlich Fleabag erwähnt wurde. Solche Referenzen aus dem eigenen Alltag in einem literarischen Text wiederzufinden, schafft eine besondere Verbindung. Man fühlt sich fast wie in einem Gespräch mit der Protagonistin.
Für mich ist Zungenbrecher ein Roman über das Dazwischen. Zwischen Sprachen, zwischen Beziehungen und ganz privaten Sehnsüchten. Ein Debüt, das viel über Identität in Sprache erzählt und darüber, wie sehr wir manchmal darum kämpfen, überhaupt verstanden zu werden.
Es ist mir total peinlich, eine Rezension auf Deutsch zu schreiben... Ich will sie in ein paar Monaten nicht wieder lesen und mich super dumm fühlen... aber es ist auch sinnlos, in einer anderen Sprache zu schreiben, weil das Buch keine Übersetzung in eine andere Sprache hat... also lasse ich einfach eine Quote:
»Auch meine Eltern haben mich nicht ins Deutsche hineingebracht, in dieser Sprache würde für mich keine Autorität etabliert. Insofern suche ich hier nicht die Anerkennung von irgendjemandem oder zumindest soll ich das nicht«
Ein Buch über die Möglichkeiten einer Fremdsprache in einer Fremdsprache zu lesen macht das Ergebnis noch besser! normalerweise lese ich super schnell —das kann ich auf Deutsch natürlich nicht ahshsh— deshalb erfordert es mehr Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Das gefällt mir sehr.
Danke, Buchhändlerin aus Hamburg, die mir dieses wunderschöne Buch empfohlen hat 🩷🩷
btw the book is perfect for someone who's passed the B2 exam! I've learnt a lot of vocabulary without it being too hard or exhausting
Chao chao espero no haberos dado muchísimo lache con mi writing este martes tarde. cuando haya traducción os instaré a leerlo porque qué librazo pff
Zu Beginn war ich komplett drin und begeistert von der Art der Sprache und der Art der Konstruktion. Wie gesprungen wird zw. kursiv und Zitat und Überlegung und Russisch und Englisch und Deutsch. Wie sie die Geschichte entfaltet hat und wie man gemeinsam mit Kiera und sprechender Autorin-Instanz einen Zugang findet. Leider wurde es mir aber ab ein bisschen über der Hälfte zu konstruiert. Ich weiß nicht, es war mir irgendwann zu viel. Wobei ich natürlich die immer wieder kreisenden Gedanken über Sprachidentität, queere Identität verstehe und einsehe, aber vom Lesegefühl bin ich dann rausgeworfen worden. Hab die Verbindung vom Beginn verloren und leider nicht mehr wirklich wiedergefunden. Dennoch ein schönes, sehr poetisches und beeindruckendes Debüt, das ich im Großen gern gelesen habe. Allein schon wegen seiner Überlegungen zum Russischen und politischen Diskurs.
Eigentlich war es für mich ein 5-Sterne-Buch, aber dann hat es mich zwischendurch kurz verloren hat. Nicht im Sinne von schlecht, eher im Sinne von: zu viel auf einmal, zu dicht, irgendwie mehr Stolpern als Fließen. Und trotzdem: ein unfassbar starkes Buch. Eines über das ich noch lange nachdenken werde.
„Zungenbrecher“ ist ein Roman über Sprache, Übersetzen, Begehren, Identität und Heimat und darüber, wie eng all das miteinander verwoben ist. Sprache ist hier nicht nur Mittel, sondern Thema. Sprache ist wie ein Körper, eine Reibungsfläche. Etwas, das formt, mich einengt, aber gleichzeitig befreit. Man merkt beim Lesen, wie bewusst mit Deutsch, Russisch und Englisch gearbeitet wird, wie Übersetzen selbst zu einer Haltung wird. Ein Buch, in dem ich jeden Satz markieren wollte. Ein Buch, bei dem ich meine Liebe für Sprachen wieder gespürt habe. Mein Sein als mehrsprachig aufgewachsene Frau.
ohh ich liebe dieses buch! viel zu schnell habe ich es verschlungen und wollte am ende noch in dieser sprachlichen welt, queere leidenschaft und reflexion verbleiben.
Angesichts der Nachrichtenlage ist Russland fern von uns, ist uns fremd. Karina Papp übersetzt aus dem Russischen ins Deutsche und umgekehrt. An Tagen, an denen russische Truppen ukrainische Territorien angreifen, kann die Autorin nicht auf Russisch schreiben, sagt sie an einer Stelle, aber sie kann übersetzen. Was ist das Besondere am Übersetzen?
Der Roman spielt in Berlin, Sankt Petersburg und Budapest und thematisiert die queere Bewusstwerdung der Protagonistin Kiera. Kiera ist das 27-jahrige Ich der Autorin. Karina Papp bedient sich dabei eines Kunstgriffes, indem sie sich als Ich-Erzählerin immer wieder zwischenschaltet und Kieras Weg aus der Distanz von acht Jahren kommentiert oder aber über Bedingungen des Schreibens und verschiedene Sprachen philosophiert. Kiera scheint sich noch finden zu müssen. Ihre Mutter in Sankt Petersburg fragt sie oft, wo sie mit ihrem Leben hin möchte, was sie arbeiten möchte. Kiera möchte Übersetzerin literarischer Texte sein, sehr zum Unwillen der Mutter. Dann ist das noch Simon, Kieras Partner, dem sie vorschlägt, die Beziehung zu öffnen, weil sie sich in Nadia verliebt hat.
Was den Text so interessant macht, ist seine Intertextualität. Es werden in ausgewogener Balance Autor*innen wie Anne Carson, Eileen Myles, Roland Barthes, Maggie Nelson oder Yoko Tawada zitiert, in den Text eingebettet, neu arrangiert. Sowohl Kiera als auch ihr späteres Ich sind auf der Suche nach Identifikation und der eigenen politischen Stimme angesichts einer bedrohten Identität.
Der Roman ist toll für Leser*innen, die sich für Themen wie Begehren, Queerness, oder auch Interlingualität interessieren. Karina Papp scheint gar nicht „lost in translation“ zu sein, sondern gerade in der Übersetzung ein politisches, verbindendes Element gefunden zu haben: „Für mich ist Übersetzung Kommunikation. Im Prozess des Übersetzens zu sein bedeutet, im Dialog zu sein. Die Praxis des Übersetzens ist für mich eine Gelegenheit, die Sprache zu sprechen, in der ich verletzt wurde, und auch Teil einer Gemeinschaft zu sein.“ (S. 140)
Ich habe „Zungenbrecher” von Karina Papp mit gemischten Gefühlen gelesen.
Die queer-thematischen, teilweise sehr expliziten Passagen waren für mich leider nur schwer zugänglich, weil sie in einer ziemlich befremdlichen Weise geschrieben sind. Dadurch wurde das Lesen stellenweise etwas mühsam.
Gut gefallen hat mir hingegen die Auseinandersetzung mit Sprache und sprachlichen Schwierigkeiten, die ich wirklich interessant fand.
Etwas irritierend war auch, dass die Autorin immer wieder kommentierend in den Text eingreift. Dadurch fiel es mir manchmal schwer, ganz in die Geschichte einzutauchen.
Das schönste Buch seit längerer Zeit. Bin wirklich dankbar für die Empfehlung. Sprachlich toll, anspruchsvoll und gleichzeitig voll schöner kleiner Textstellen. Nachdenklich und fragend und beeindrucknd, wie es der Autorin gelingt, über drei Ebenen die Protagonistinnen zum Leben und Fühlen zu bringen. Eine unbedingte Empfehlung: ein beeindruckendes Romandebut.