In «Blinde Geister» erzählt Lina Schwenk eine berührende Familiengeschichte von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart. Mit ihrem eindringlichen Romandebüt schreibt sie in eine Zeit hinein, in der drängende Fragen auf ein tiefes Schweigen prallen.
Olivia, die Tochter von Rita und Karl, kennt seit jeher die Angst der Erwachsenen vor einem erneuten Krieg, obwohl seit Jahren Frieden herrscht in Deutschland. Beharrlich überprüft Karl die Speisekammer auf Vorräte, und immer wieder sucht die Familie gemeinsam Zuflucht im Keller, wenn der Vater den Einfall der Russen fürchtet. Für Olivia und ihre Schwester Martha ist es ein Spiel, dem sie sich still fügen, auch weil sie längst wissen, dass den Eltern die Worte für Erklärungen fehlen und das Schweigen nur umso lauter wird, je mehr sie fragen. "Bald bin ich tot", denkt auch Olivia, als die Unruhe der Eltern schleichend zu ihrer eigenen wird. In ihrer ersten eigenen Wohnung fehlt Olivia der Keller – dieser kleine Schutzbunker ihrer Kindheit, der immerhin eins Familienzeit. Die langen Risse, die von den Eltern bis in ihre Generation reichen, erkennt sie erst, als sie später versucht, ihre eigene Tochter vor jenem Bedrohungsgefühl zu schützen. Doch dann kommt der Februar 2022, und das, was zuvor wie ein Phantom wirkte, wird plötzlich erschreckend real. "Blinde Geister" ist ein vielschichtiger und bewegender Roman, der vor dem Hintergrund deutscher Zeitgeschichte tief verwurzelte Ängste freilegt und mit feinem Gespür das Sonderbare und Entrückte im Menschen ergründet.
Das Buch beginnt am Ende des Lebens von zwei der Protagonisten, dem Paar Rita und Karl, beide die 90 überschritten und irgendwie jetzt bereit zu gehen. Nach diesem Einstieg wechseln wir die Perspektive und folgen einer der Töchter, Olivia, die schwankt zwischen der Liebe und Sehnsucht nach den Eltern und dem Gefühl, aus deren Welt ausgeschlossen zu werden. Sie"erbt"trotzdem das Kriegstrauma des Vaters, das ihrem Lebensweg immer wieder im Wege steht.
Die Ängste des Vaters, die diesem aus Kriegszeiten geblieben sind und niemals weggehen wollen, prägen die ganze Familie, aber ganz besonders Olivia. Rita steht zwischen den Stühlen und versinkt im Konflikt zwischen dem Wohl des Ehemanns und dem der Kinder. Die bedingungslose Liebe sowohl für den Mann als auch für die Töchter, steht sich gegenseitig im Weg und wird zum unlösbaren Dilemma.
Die Komplikationen, die sowohl Trauma als auch transgenerationales Trauma mit sich bringen, werden sehr glaubhaft und einfühlsam gezeichnet. Die Beziehungen und Charaktere haben Tiefe und die "Überlebensstrategien", die die Figuren jeweils für sich wählen sind spannend zu verfolgen.
Blinde Geister erzählt die Geschichte von Olivia, die als Kind in einer von Angst geprägten Familie aufwächst. Ihre Eltern Rita und Karl sind von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs gezeichnet, und auch Jahrzehnte später prägen ihre Ängste und ihr Schweigen das Leben der nächsten Generation.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen, weil es eine unglaublich wichtige, berührende und leider hochaktuelle Thematik aufgreift. Ich selbst bin noch relativ jung und hatte bislang das Glück, keinen direkten Kontakt mit Krieg zu haben in der festen Überzeugung, dass das auch so bleiben würde. Doch in den letzten Jahren sind die Ängste größer geworden. Ich sehe es bei meinen Großeltern, wie sehr die Nachrichten über den Krieg in der Ukraine sie bedrücken. Blinde Geister hat mir auf sehr eindringliche Weise gezeigt, wie Kriegserfahrungen nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Kinder und Enkel prägen. In Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern oder in Partnerschaften, aber auch in der Beziehung zu sich selbst.
Besonders musste ich dabei an meine Großmutter denken. Sie ist 1950 geboren, also nach dem Krieg, aber sie ist in ein Haus hineingeboren worden, das voller Trauer war. Zwei ihrer Onkel sind im Krieg gefallen, beide noch keine 20. Diese Trauer hat das ganze Leben der Familie geprägt. Gleichzeitig wurde nicht groß darüber gesprochen, weil es überall so war, in jedem Haus in ihrer Straße ist ein Sohn gefallen.Meine Urgroßmutter musste jung Verantwortung übernehmen, ihr Mann kehrte zwar aus dem Krieg zurück, war aber gezeichnet, vermutlich von einer posttraumatischen Belastungsstörung, die damals nicht so benannt wurde. Geschichten wie die, dass meine Uroma als junges Mädchen nach Kriegsende von russischen Kriegsgefangenen im Schrank versteckt werden musste, um nicht vergewaltigt zu werden, machen für mich noch greifbarer, was Schwenk in Blinde Geister beschreibt: wie tief Kriegserfahrungen in Familien hineinwirken und Generationen prägen.
Der Schreibstil hat mir insgesamt gut gefallen, auch wenn ich anfangs etwas gebraucht habe, um richtig in die Geschichte hineinzufinden. Durch die relativ knappe Länge des Romans (knapp 180 Seiten) hatte ich das Gefühl, sehr schnell durch ein ganzes Leben zu gehen. Dadurch habe ich nicht die gleiche persönliche Nähe zu Olivia entwickelt wie in manch anderen Büchern. Gleichzeitig fand ich es beeindruckend, wie viel Tiefe Schwenk ihrer Protagonistin dennoch verleihen konnte; ihre Gedanken, Ängste und Sehnsüchte werden sehr spürbar.
Am Ende bleibt für mich: Blinde Geister ist eine starke und bewegende Geschichte, die mich nicht nur berührt, sondern auch zum Nachdenken gebracht hat: über meine eigene Familie, über die Generationen vor mir und auch über die Gegenwart.
Deutscher Buchpreis Longlist #14 Mein persönliches Ranking Platz 8 von 20
(English below.)
Blinde Geister hat mich überrascht. In seiner Anlage erscheint es sehr klassisch, und auch sehr deutsch – eine Familiengeschichte von den 1950ern bis in unsere Zeit, geprägt vor allem von Kriegstraumata und der Unfähigkeit, über das, was geschehen ist, zu reden. Und das Debüt gewinnt sicher keine Preise dafür, innovativ zu sein. Aber der Roman ist ganz zart, ganz zärtlich und auf seine Art sowohl traurig als auch tröstend.
Unsere Protagonistin ist Olivia, die wir als Kind und Jugendliche kennenlernen. Ihre Mutter ist streng, ihre Schwester Martha ständig dabei, aus der Enge ihres gemeinsamen Lebens auszubrechen, und ihr Vater still und liebevoll. Lina Schwenk schafft es, die komplexen und komplizierten Familienbeziehungen anzudeuten, und ist sehr erfolgreich darin, uns ein Kind zu präsentieren, das auf die Bedürftigkeit seiner Eltern reagiert und so deren Traumata zu einem Teil von sich werden lässt. Immer wieder verbringt die Familie Tage im Keller, weil der Vater sich vor dem nächsten Krieg fürchtet, oder sie machen sich auf in einem Wohnwagen, um der Gefahr zu entkommen. Die Schwestern reagieren sehr unterschiedlich – und doch merkt man, dass sie derselben Situation entspringen. Die Mutter ist zugleich Antagonistin und Verbindungsfrau, sie übernimmt Verantwortung für das Verhalten des Vaters, und kann doch nicht verhindern, dass ihre Töchter davon stark geprägt werden. So bestimmt denn auch die Kriegserfahrung des Mannes die Beziehung der Mutter zu ihren Töchtern. Hier liegt auch die klare Stärke des Romans: Er nimmt seine Figuren ernst, und lässt uns wirklich mit ihnen mitfühlen. An manchen Stellen wird es etwas kurz - so die Zeitraffer, in die die Therapie Olivias fällt - aber insgesamt sind mir in dem Roman echte, komplexe Menschen begegnet. Selbst das Ende, das zusammen mit dem Prolog fast etwas kitschig wird, passt.
Thematisch ist der Roman breit aufgestellt: Es geht um Psychiatrie, um Trauer, Trauma und Familie. Wir lernen viel über Alter, Krankheit und Fürsorge, und, natürlich, darüber, wie sich Ängste und Traumata generationell fortschreiben. Hier besteht ein deutlicher Zusammenhang zu einem zweiten Buch auf der Longlist, Lebensversicherung von Bach. Für mich hat Blinde Geister hier aber noch eindrücklicher funktioniert.
Ich fand das Buch so gut, dass es auch auf die Shortlist gekonnt hätte. Gleichzeitig ist es sowohl narrativ als auch thematisch so klassisch, dass ich froh bin, dass andere Titel den Sprung geschafft haben. Also, im Grunde das perfekte Longlist-Buch: Vielleicht nicht innovativ ohne Ende, aber sehr wert, ein breiteres Publikum zu erreichen.
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German Book Prize Longlist #14
Blinde Geister surprised me. It is a relatively conventional and very German debut novel: A family history from the 1950s to the present day, marked above all by war trauma and the inability to talk about what has happened. Everyone needs therapy, honestly. This ist to say: This is not a contender that surprises by innovation. But the novel is very delicate, very tender and, in its own way, both sad and comforting.
Our protagonist is Olivia, whom we get to know as a child and teenager. Her mother is strict, her sister Martha is constantly trying to break out of the confines of their shared life, and her father is quiet and loving. Lina Schwenk manages to hint at the complex and complicated family relationships and is very successful in presenting us with a child who responds to her parents' neediness and thus allows their traumas to become part of herself. Again and again, the family spends days in the basement because the father fears the next war, or they set off in a caravan to escape the danger. The sisters react very differently - and yet you can see that they come from the same situation. The mother is both antagonist and liaison; she takes responsibility for the father's behaviour, yet cannot prevent her daughters from being strongly affected by it. In this way, his war experience also determines the mother's relationship with her daughters.
The novel covers a wide range of topics: it deals with psychiatry, grief, trauma and family. We learn a lot about age, illness and care, and, of course, how fears and traumas are passed down from generation to generation. There is a clear connection here to a second book on the longlist, Lebensversicherung by Bach. For me, however, Blinde Geister was more effective.
This would have been fine on the shortlist, even though the competition is strong this year. At the same time, it is so classic in both narrative and theme that I am glad other titles made the cut. So, basically, the perfect longlist book: perhaps not endlessly innovative, but very worthy of reaching a wider audience and deeply human.
Olivia geht in den 1960ern zur Schule, ihre Schwester Martha ist vier Jahre älter als sie. Die Eltern der Beiden, Rita und Karl haben den Krieg überlebt. In ihnen sitzt aber immer noch die Angst vor dem nächsten Krieg. Besonders Karl, der nichts erzählt, überkommt manchmal die Angst. Dann geht es in den Keller, in dem Vorräte gelagert sind. Am Radio wird nachgehorcht, ob die vermeintliche Gefahr vorüber ist. Rita erkennt, dass diese Ausflüge in den Keller den Kindern nicht guttun. Und Martha seilt sich auf gewisse Art ab, indem sie irgendwann einfach nicht mehr mitkommt. Doch Olivia hat die Angst gepackt.
Besonders Olivia hat die Ängste der Eltern mit aufgenommen. Rita muss sie förmlich aus dem elterlichen Haus rausschmeißen, um sie vor der familiären Umklammerung zu schützen. Doch gerade das nimmt Olivia nicht gut auf. In ihrer kleinen Wohnung findet sie sich überhaupt nicht zurecht. Die Balance zwischen Klammern und Freiheit will sich nicht einstellen. Olivia fällt ein wenig auseinander. Sie findet nirgends Halt. Und die Eltern suchen weiterhin Schutz im Keller. Diese ungewisse Angst will nicht aus Olivias Leben weichen, Der Kontakt zu Martha ist nicht besonders eng. Martha hat einen anderen wohl weniger angstbesetzten Weg gesucht.
Mit Spannung hat man, durch die Longlist des Deutschen Buchpreises auf den Roman aufmerksam geworden, mit der Lektüre begonnen. Vielleicht hat man im Vorfeld auch kleine Parallelen zur eigenen Jugend gesehen. Doch zum Glück ist die eigene Jugend, wenn auch nicht in jedem Moment prickelnd, doch günstiger verlaufen. Eine große Angst hat man nicht empfangen. So wäre vielleicht interessanter gewesen, was Martha zu sagen gehabt hätte, die sicher nicht völlig unbeeindruckt war, aber doch anders reagiert hat. In Olivia leben die Ängste fort. Das überschattet ihr ganzes Leben. Das ist tragisch zu lesen und man freut sich, dass Olivia später wieder mit ihrer Schwester zusammenfindet. Auch wenn man persönlich nicht so den Erkenntnisgewinn hat, ist es wichtig und herausragend, dass die Autorin das Schweigen anspricht. Das ist etwas, was man selbst gut kennt.
"Blinde Geister" ist das zweite Buch, das ich beim Longlist-Lesen gelesen habe und ich muss sagen: Ich denke wirklich, dass dieses Buch allein durch meine Einschätzung der anderen Bücher, eine hohe Chance hat, dieses Jahr zu gewinnen! Es ist ein Roman, der durchaus gelungen etwas betrachtet, was wohl einen großen Teil des deutschen Bürgertums von den 50ern an bis heute geeint hat: Die Angst vor einem erneuten Krieg.
Olivia, Tochter von Rita und Karl, versteht bereits als Kind, was den Erwachsenen am meisten Angst macht: Ein erneuter Krieg. Und das, obwohl seit Jahren Frieden in Deutschland und Europa herrscht. Beharrlich prüft Karl regelmäßig die Vorräte im Bunker und immer und immer wieder drängen Karl und Rita ihre Kinder dazu, mit ihnen in den Bunker zu gehen und dort mehrere Tage auszuharren. Zu Beginn war es für Olivia und ihre Schwester nur ein lustiges Spiel, doch je älter Olivia wird, desto stärker bemerkt sie, wie die irrationale Angst der Eltern auch zu ihrer eigenen Angst wird. "Bald bin ich tot", denkt sie immer wieder. Als sie in eine Wohnung ohne verfügbaren Keller zieht, beginnt die Panik sie gänzlich einzunehmen. Und so ziehen sich die tief verschlagenen Wurzeln der Angst durch ihr gesamtes Leben hindurch. Und dennoch oder genau deswegen versucht sie ihre eigene Tochter davor zu beschützen. Bis diese unbegründete Angst im Jahre 2022 doch zur schrecklichen Realität wird und die tief verborgenen Wurzeln ans Tageslicht gerissen werden.
Lina Schwenk hat hiermit definitiv einen Roman geschrieben, der die Ängste der Deutschen vor einem erneuten Krieg, begonnen im kalten Krieg bis hin zum Ukraine-Krieg, auf durchdringende Weise bündelt und als einheitliche Angst betrachtet. Es geht um generationenübergreifende Traumata, ausgelöst durch sie stets verschwiegenen Kriegserlebnisse von Karl, die selbst bis ins Jahr 2022 an die Tochter von Olivia weitergetragen werden. Und dennoch wird das Konstrukt Familie, die Prägung, die deine Eltern als Kind dir mitgeben, thematisiert und auf besondere Weise behandelt. Es ist, wie ich finde, ein Roman, der gefehlt hat. Ein Roman, der all die Ängste, die seit Jahrzehnten stets in den Köpfen der Bürgern endlich verbalisiert und offenlegt. Und genau deswegen und wegen seiner Aufarbeitung deutscher Angstkultur hat "Blinde Geister" eine gute Chance, dieses Jahr den Deutschen Buchpreis verliehen zu bekommen.
Und dennoch muss ich leider sagen, dass mir das Lesen dieses Romans keinen Spaß gemacht hat. Ich habe mich teilweise durchgequält und hatte wenig Interesse daran, weiterzulesen. Und das, obwohl es ein brillantes Buch ist. Ich weiß nicht, woran es gelegen hat. Ob es einfach die falsche Zeit für mich war, dieses Buch zu lesen oder ob der Schreibstil nicht zu mir gepasst hat, ich kann es leider nicht genau benennen.
Trotzdem ein starker Roman, der sich zu lesen lohnt!
DNF 50% Der Prolog hat mir den Atem genommen, so prägnant und herzzerreißend war er. In der Haupthandlung des Buches kann ich mich einfach nicht dazu bringen, dass mir Olivia wichtig ist.
Ich hab mich schon oft gefragt wie die Menschen, die im Zweiten Weltkrieg Schlimmstes erlebt haben, auf welcher Seite auch immer sie standen, dass jemals verarbeiten konnten. Die Traumata, die viele Personen ihr Leben lang mit sich herumschleppten, haben, kaum Platz in der zeit des Wirtschaftswunders, besonders dann, wenn man aus einem Milieu kommt, wo psychologischer Beistand keine Option ist
Olivia lebt mit ihrer Schwester Martha in den 50er Jahren ein skurriles Leben. Der Vater Karl ist schwer traumatisiert und lässt seine Frau Rita für ihn sprechen. Die beiden haben an unterschiedlichen Orten die Kriegszeit erlebt, und sie wird für sie niemals vorbei sein. In ständiger Angst, dass sie wiederkommen könnte, erziehen Sie ihre Töchter zu höchster Vorsicht. Sie treffen immer wieder Vorkehrungen für ein Überleben, gehen mit den Kindern in den Keller, überprüfen Vorräte und sorgen dafür, dass die Angst omnipräsent bleibt. Der Wunsch der Kinder nach Geborgenheit, Aufmerksamkeit, Liebe, Wärme und Freiheit wird nicht erfüllt. Einzig und allein das Überleben zählt. Das führt zu einem übersteuerten Verhalten, welches die Töchter traumatisiert. Beide gehen unterschiedlich damit um. Während die eine früh in eine Ehe flüchtet, wünscht sich die andere nach ihrem Auszug zu den Eltern zurück. Doch die reagieren abweisend.
Schwenk hat sich für eine fragmentierte Erzählweise entschieden, die uns nie direkt und chronologisch etwas erzählt, sondern Szenen zusammensetzt die großen Raum zur Interpretation bieten. Darauf war ich nicht gefasst. Alles, was ich vorher dazu gelesen habe, hat mir suggeriert dass es linearer und deutlicher zugeht. Besonders die Szenen, in der Olivias Geisteszustand zu denken gibt, haben mich irritiert und mir den Zugang zu den Ursachen erschwert. Der Text ist ganz sicher durchdacht und mit großer Nähe zum Thema geschrieben worden. Für mich hat der Stil das aber Gegenteil bewirkt. Es kam mir teilweise vor, als würden mir mit Gas gefüllte Luftballons, an denen Textstellen hängen, aus den Händen entgleiten und wegfliegen.
Die Personen sind schon sehr krass gezeichnet und sie leben in erster Linie von dem Unausgesprochenen. Mutterschaft wird hier sehr unterschiedlich gelebt. Ritas Rolle war mir lange nicht klar und erst zum Ende hin erschloss sich mir, warum sie so ist, wie sie rüber kommt. Da die Verarbeitung der erlebten Ereignisse sehr unterschiedlich abläuft habe ich schon den Hauch einer Ahnung davon, wie vielschichtig der Roman sein will. Aber mir war er weder zugänglich, noch habe ich nach dem Lesen den Eindruck irgendjemanden hier richtig verstanden zu haben.
Ich kann schon nachvollziehen, warum es auf der #Longlist steht, denn genau solche Bücher mit außergewöhnlichen Stilmitteln findet man dort häufig. Aber das ist für mich kein Genuss, sondern Arbeit, die sich in dem Fall nicht gelohnt hat.
Ich empfehle es nun allen, die nach sehr besonderen, anspruchsvollen Text sind, mit dem sie sich während und nach dem Lesen auseinandersetzen möchten. Eine Herausforderung ist hier garantiert!
In Olivias Welt liegt die Nachkriegszeit wie ein feiner Nebel über allem, selbst im Frieden. Es gibt Brot, Butter und Kinderlachen, aber unter der Oberfläche bebt die Erinnerung. Der Vater zählt Vorräte, als hinge das Leben an Mehl und Dosen, während die Mutter in der Stille Zuflucht sucht. Schon auf den ersten Seiten spürt man diese enge Luft, dieses unausgesprochene Zittern, das sich durch die Generationen zieht.
Lina Schwenk erzählt mit einer leisen, aber unerschütterlichen Stimme. Die Sprache wirkt klar, fast schlicht, und doch trifft jeder Satz mitten ins Herz. Ich habe das Buch nicht einfach gelesen – ich habe es gefühlt. Besonders Olivias Blick auf ihre Kindheit, diese Mischung aus kindlicher Anpassung und stillem Begreifen, hat mich tief berührt. Es ist ein Roman, der keine großen Gesten braucht, um zu wirken.
Gleichzeitig hat mich das Tempo manchmal herausgefordert. Die Autorin nimmt sich Zeit, verweilt in Szenen, die fast stillstehen. Doch gerade dieses Innehalten lässt die Emotionen wachsen. Man merkt, dass Schwenk die Angst nicht erklären will – sie zeigt sie, lässt sie in den Bewegungen, im Schweigen und in den Ritualen der Familie aufleben.
Als Erwachsene trägt Olivia die Schatten weiter. Der Keller ihrer Kindheit, einst Schutzraum, wird zum Symbol einer inneren Enge, aus der sie sich langsam befreit. Die Frage, wie man die Familie lieben kann, ohne sich von ihr verschlingen zu lassen, begleitet das Buch bis zur letzten Seite.
Am Ende bleibt ein Gefühl von Verständnis und Versöhnung. Kein großes Finale, kein Aufschrei – nur leise Klarheit. Blinde Geister ist ein stiller, nachhallender Roman über das Erbe des Schweigens und die Kraft, die im Erkennen liegt. Ich habe ihn mit schwerem Herzen, aber dankbarem Gefühl aus der Hand gelegt.
DNF Dotarłam do połowy i uznałam, że jednak nie. Nie zaiskrzyło, nie porwało. Historia rodziny, ale pełna białych plam, autorka dokonuje dziwnej ekwilibrystyki, by nie wyjaśniać, by pozostać zagadkową, ale całość pozostaje szara, niemrawa, nieciekawa.
Das Thema des Buches ist schwer, aber es zu lesen, war ein Vergnügen. Es sind nur 190 Seiten, aber ich habe das Gefühl, ein ganzes (Frauen-)Leben miterlebt zu haben. Eine außerordentliche Leistung - wie ich finde. Ihr Sinn für Details ist wunderbar und kein Wort ist zu viel.
Ein berührendes Buch über transgenerationale Traumata und die stille Generation. Trotz der Kürze hatte ich bei jeder Figur ein klares Bild vor Augen, sehr beeindruckend!
Lina Schwenk erzählt eine Geschichte, die eigentlich super spannend klingt: transgenerationales Trauma, eine Familie im Schatten des Kriegs, ein Vater, der nie loslassen kann, eine Tochter, die mit den Ängsten groß wird und in der Gegenwart mit ihrer eigenen Psyche kämpft. Über mehrere Jahrzehnte hinweg folgen wir Olivia, die versucht, zwischen dem Schweigen ihrer Eltern und dem Lärm ihrer eigenen Gedanken irgendwie ein Leben zu führen. Aber: Ich bin leider nicht warm mit dem Buch geworden. Thematisch? Voll mein Ding. Stilistisch? Leider gar nicht.
Ich hatte ehrlich gesagt mit etwas mehr Klarheit gerechnet oder zumindest mit einem roten Faden, der sich durchzieht. Aber die Erzählweise ist so fragmentiert, so sprunghaft, dass ich mich streckenweise eher verloren als berührt gefühlt hab. Szenen tauchen auf, ohne Kontext, Zeitebenen wechseln ohne Vorwarnung und die Figuren bleiben oft in einer Art Nebel hängen. Ich hatte mehrmals das Gefühl, dass mir was entgleitet, dass ich knapp an der Emotion vorbeischramme, obwohl sie da sein müsste.
Olivia als Figur ist eigentlich total interessant. Ihr Blick auf die Welt, ihr Erleben, ihre Angst...all das hätte Potenzial gehabt, mich emotional voll reinzuziehen. Aber irgendwie war immer so eine Art Scheibe zwischen mir und ihr. Ich hab verstanden, was sie durchmacht. Ich hab’s aber selten wirklich gespürt. Auch Mutter Rita und Vater Karl bleiben eher Symbole als echte Menschen. Sie stehen für was, aber sie leben für mich nicht. Und gerade das fand ich schade, weil das Thema eigentlich so menschlich ist.
Ich hab überhaupt nichts gegen anspruchsvolle Literatur, ich lese sie sogar sehr oft. Ich mag Bücher, die mich fordern, die ich nicht beim Lesen, sondern erst beim Nachdenken verstehe. Aber hier war’s eher so: Ich hab gesucht, gelesen und am Ende das Gefühl gehabt, emotional trotzdem außen vor geblieben zu sein. Der Stil ist definitiv bewusst gewählt, literarisch, kunstvoll, aber für mich leider auch zu verkopft und zu wenig zugänglich. Ich musste mich durchkämpfen. Und dafür hat’s mich nicht genug berührt.
Trotzdem: Das Buch zeigt sehr eindrücklich, wie sich Traumata durch Generationen ziehen. Wie Ängste vererbt werden können, nicht nur biologisch, sondern atmosphärisch. Wie Kinder sich in elterlichen Schweigen einnisten und dieses Schweigen irgendwann ihr eigenes wird. Und ja, ich verstehe, warum dieses Buch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Es ist formal anspruchsvoll, thematisch relevant, politisch wie psychologisch aufgeladen. Aber meins war es leider nicht.
Fazit: "Blinde Geister" hat bei mir leider nicht das ausgelöst, was ich mir erhofft hatte. Ein wichtiges Thema, aber in einer Form, mit der ich einfach nicht connecten konnte.
Es sind die Jahre nach dem Krieg. Die Familie hat ein Haus am äußersten Rand der Stadt, nahe am Fluss, damit man gleich wegkommt für den Fall, dass … Karl, der Vater, hat ein Kriegstrauma. Er war in einer Baracke verschüttet worden damals. Die Angst vor dem Krieg ist immer präsent. Wenn die Nachrichten im Radio beunruhigend sind, geht er in den Keller. Die Familie muss mit. Die Konserven liegen bereit, die Kerze, die Decken, das Spielzeug für die zwei Töchter. Olivia, die jüngere der beiden und Ich-Erzählerin, ist die empfindsamere, die verletzlichere. Auf sie überträgt sich die Angst am stärksten. Geredet wird kaum. Den Schulsport schwänzt sie, bis blaue Briefe von der Schule eintreffen. Dort gibt es einen Lehrer, der noch mitten im Krieg steckt. Seine Schülerinnen müssen in der Turnhalle üben, wie man schnell zum Schützengraben rennt, sich anschleicht, Deckung sucht, angreift. „‘Gefallene bleiben zurück‘, höre ich den Lehrer neben meinem Ohr. Er sagt es ganz leise, denn das ist eigentlich auch verboten.“ Nach der „Gefechtsübung“ nehmen die Mädchen Aufstellung und müssen die Namen russischer Flüsse aufsagen und lokalisieren. Grauenhafte Erfahrungen, sehr eindrucksvoll geschildert! Olivia zieht sich zurück, baut sich aus Angeschwemmtem ein Versteck am Fluss – ihre Version des Kellerbunkers, mit Regendach, Feuerholz und Konserven. Die Bedrohung ist immer da. Quälend. Mutter Rita versucht zwar, so gut es ihr möglich ist, für Erleichterung zu sorgen, liest Geschichten mit gutem Ausgang vor, kann aber (aus Liebe zu ihrem Mann) Olivia nicht schützen, nicht verhindern, dass die junge Frau sehr krank wird. Das Trauma ist schon längst in der nächsten Generation angekommen. Irgendwann erkennt Olivia, dass sie sich befreien muss, auch um nicht noch ihre Tochter „anzustecken“. Das scheint ihr zu gelingen, denn ihre erwachsene Tochter meint: „Ich musste in der Schule keine russischen Flüsse auswendig lernen. Ich musste keine Schützengräben im Sportunterricht bauen. Mich auf Ellbogen zur nächsten Turnmatte ziehen. Meine Angst hält sich in Grenzen.“ Es ist ein sehr schmerzhafter Prozess der Ablösung von den Eltern, den Lina Schwenk in Gedankengängen ihrer Protagonistin, Bildern und Szenen schildert. Rückfälle inbegriffen. Sie findet Szenen, die im Gedächtnis bleiben, wie die militärische Turnstunde, oder die Episode, als Olivia als Krankenschwester einem sterbenskranken Auschwitz-Überlebenden hilft, seine Häftlingsnummer loszuwerden. Am Ende Hoffnung. Rund gebaut: Die Eltern, ihre Liebe zueinander am Anfang und am Ende. In der Mitte das Leben des Mädchens, der erwachsenen Frau. 190 Seiten für ein ganzes Leben: fein beobachtet, intensiv, berührend. Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025.
"Die Welt muss gefährlich sein, sonst lebt man nicht."
Die Familie von Olivia und ihrer Schwester Martha hat eine besondere Reaktion auf drohende Kriegssituationen, egal, wie weit diese entfernt sind. Die Eltern Rita und Karl verschanzen sich und ihre Kinder stets in den Keller. Über den Krieg, der besonders für Vater Karl so ein großer Trigger ist, wird jedoch nicht gesprochen. Nichts wird erklärt. Aber die Angst vor "den Russen" prägt die beiden Kinder stark, besonders Olivia, die auch in ihrer Schulzeit schlimme kriegsbezogene Erfahrungen gemacht habt. Über viele Jahre hinweg wird deutlich, wie sehr ihre Eltern sie belastet haben.
Ein transgenerationales Kriegstrauma ist der Dreh- und Angelpunkt dieser sehr bewegenden Geschichte. Sie ist traurig, sie frustriert und sie zeigt, wie wichtig Aufarbeitung ist. Karl und Rita sind so festgefahren in ihren eigenen Strukturen, dass sie nicht einmal auf die Idee kommen, ihr Verhalten zu hinterfragen. Sie bürden ihren Kindern ein schweres Schicksal auf, dass auch ihre Enkelkinder erreicht. Doch Krieg ist nun mal bedrohlich, das ist unbestreitbar. Und ist man nicht lieber auf das Schlimmste vorbereitet?
Dieser Roman stell viele wichtige Fragen, auf die es keine pauschalisierten Antworten zu geben scheint. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Es ist gut strukturiert und zeigt den Verlauf bzw. die Folgen des Traumas sehr gut auf. Durch die Zeitsprünge fand ich es jedoch auch ein wenig schwierig, eine durchgänige Beziehung zu Olivia aufzubauen. Sie bleibt distanziert (vermutlich ist das beabsichtigt), was mir eine emotionale Verbindung leider etwas schwer gemacht hat.
Große Leseempfehlung für diese eindrückliche Erzählung!
“Blinde Geister” von Lina Schwenk ist eine Familiengeschichte, deren Handlung sich über mehrere Jahrzehnte im Deutschland der Nachkriegszeit erstreckt. Im Mittelpunkt steht Olivia, aus deren Perspektive größtenteils erzählt wird (Pro- und Epilog sind aus Sicht ihrer Eltern Karl bzw. Rita gestaltet). Karl und Rita haben als Jugendliche resp. junge Erwachsene selbst den Krieg erlebt und diese Erfahrungen und Traumata spiegeln sich im Aufwachsen Olivias und ihrer Schwester Martha und beeinflussen die gesamte Familiendynamik. In Zeitsprüngen bewegen wir uns von Olivias Kindheit bis in ihr Rentenalter. Der Text ist ebenso fragmentarisch gestaltet wie die komplizierte Beziehung der Schwestern zueinander und zu ihren Eltern; man braucht immer eine Weile, um sich in ein Kapitel einzulesen und alle Auslassungen zu begreifen, um dann gleich wieder in die nächste Zeit geworfen zu werden. Vieles muss man sich inhaltlich zusammen reimen, wie auch die Ambivalenz der Figuren zueinander viel Interpretationsspielraum lässt. Darüber misslingt es immer wieder, die zarte und poetische, pointierte Sprache der Autorin ausreichend zu würdigen. “Blinde Geister” ist ein Buch, das Raum braucht, um sich entfalten zu können, und bestenfalls liest man es mehrfach, um es inhaltlich wirklich erfassen zu können.
*Das ebook wurde mir kostenfrei vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Lina Schwenk lässt den Roman, Blinde Geister, einen Familiengeschichte zwischen 1950er bis in die Gegenwart teilnehmen. Sie lässt Olivia ihr Leben erzählen und die Ängste, die durch ihren Vater geschürt wurden. Es ist die Angst,, das die Russen einfallen könnten. Ich bin im ähnlichen Alter wie Olivia, aber Gott sei Dank, haben meine Eltern mir keine Angst gemacht. Auch meine Freundinnen und Verwandten mussten das nicht erleben. Olivia lassen ihre Ängste dann auch nicht los und hat dann immer auch Angst um ihre Tochter. Dieser vielschichtige Roman, ist ein Stück Zeitgeschichte Deutschlands. Die Autorin hat ihn gefühlvoll gestaltet. Das Buch liest sich gut und ich kann es empfehlen.
Lina Schwenks Roman Blinde Geister überzeugt vor allem durch sein starkes zentrales Thema: das transgenerationale Trauma und seine leisen, aber nachhaltigen Auswirkungen auf eine Familie. Mit großer Sensibilität zeigt die Autorin, wie seelische Verletzungen über Generationen hinweg nachwirken und familiäre Beziehungen prägen. Allerdings wirkt die Erzählstruktur etwas unruhig. Zwar bleibt die Handlung im Grunde chronologisch, doch die vielen Zeitsprünge und Episoden lassen die Geschichte teilweise sprunghaft und durcheinander erscheinen, was den Lesefluss stört und die emotionale Bindung zu den Figuren zeitweise erschwert. Insgesamt hinterlässt Blinde Geister einen nachdenklichen und respektablen Eindruck – ein Roman mit starker Thematik und leichten strukturellen Schwächen.
Die Geschichte über lange verschüttete Themen einer Familie wird behutsam und mit großer Genauigkeit erzählt. Die dichte Atmosphäre macht die Beklemmung fühlbar. Der fast poetische Schreibstil schafft es, in dem eher kurzen Roman zu erzählen, wie sich Traumata der Elterngeneration auf die folgenden Generationen übertragen. Die Protagonistin schafft es nachvollziehbar, einen individuellen Umgang mit den unterschwelligen Ängsten zu finden. Die Haltung der Akzeptanz hilft ihr, mit den Ängsten und Bedrohungen ihrer eigenen Lebenswirklichkeit (dem Überfall der Ukraine durch Russland) umzugehen.
Vgl. auch Stephan Lebert - Louis Levitan, Der blinde Fleck (in der Liste meiner gelesenen Bücher): Lina Schwenk schafft überzeugend eine literarische Familiengeschichte. Wie gehen die Nachfolgegenerationen mit den Kriegs-Traumata ihrer Vorfahren um? Der Keller als zentrales Motiv: ihn werde ich erinnern, wenn ich an die "Blinden Geister" denke, die Olivia und ihre Schwester Martha bei ihrer Großmutter begleiten. Ein lesenswertes Buch, das sich nach und nach immer mehr entfaltet.