Gegen Ende gibt es ein paar Längen und Wiederholungen, aber auch notwendige Selbstkorrekturen. Zwischenzeitlich dachte ich, die Beschreibung der eigenen Leistungen des Autors führe dazu, das vorher Gesagte, nämlich, dass die Ost- Nachwendegeneration an fehlenden Startchancen krankt, wieder zurück zu nehmen oder zu relativieren. Aber dann beschreibt er, wie er "eins auf die Schnauze" gekriegt hat von jemandem, der eben in seinem von wiederkehrender Arbeitslosigkeit gezeichneten Elternhaus keine geordneten Verhältnisse kennengelernt hatte. Prinz sieht nun ein, was er seiner Familie verdankt, auch wenn diese ihm kein Startkapital mit ins Leben geben konnte und er kein besonderes Erbe erwarten kann...
Kryptisch? Das unbestreitbare Verdienst des Buches ist einerseits die schonungslose Beschreibung der deprimierenden Verhältnisse auf dem Land in Sachsen Anhalt und andererseits die Erkenntnis, dass da nichts spezifisch Ostdeutsches ist, sondern das dieselben Verhältnisse in ganz Westeuropa und den USA das Verhältnis Stadt- Land oder das von deindustrialisierten Zonen (Roost- Belt) zu den neuen Dienstleistungszentren prägen. Und überall dort gibt es so etwas wie die AfD, ob sich die Gebilde nun Front National nennen oder sich um ein Phänomen wie Trump kristallisieren. Deshalb ist es falsch, von einem Ost- West- Gegensatz zu sprechen; pointiert hebt Prinz hervor, dass es ein Gegensatz von Oben und Unten oder Reich und Arm ist und dass die Arroganz, mit der die reichen Eliten auf die chancenlosen Abgehängten schauen, der Grund ist für Frustrationshandlungen, die von Drogen- und Alkoholsucht bis hin zu Protestwählerverhalten führen.
Ja, die Ignoranz der Bessergestellten, die nicht wahr haben wollen, dass sie einfach mehr Start- Kapital mitbekommen haben als Menschen in dem durch den Sozialismus dekapitalisierten Osten, ist eine abscheuliche Dummheit, die sich gerade rächt. Aber sie trifft nicht "den Ossi" allein, sondern zeigt sich auch in Gelsenkirchen oder anderswo, wo z.B. Migrantenkinder der zweiten oder dritten Generation immer noch unter der Armut der Eltern leiden. Und die sollen faul gewesen sein? Zu Recht ist Prinz stolz auf die (abgewertete und ignorierte) Lebensleistung seiner Großeltern und Eltern, die er anschaulich beschreibt. Da ist keiner faul gewesen, aber was du erreichst, hängt halt auch davon ab, ob du mit einem Fahrrad oder einer Kawasaki startest. Und was nützt dir selbst die endlich erarbeitete Kawasaki, wenn dein Führerschein nicht anerkannt wird? Seine Mutter hat an einem Lehrerbildungsinstitut studiert, etwas, das es im Westen nicht gibt und das also nicht zur Weiterbeschäftigung an einer Schule berechtigt. (Das kenne ich: Nach 35 Jahren DaF im Ausland hat mir das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gerade wieder bescheinigt, dass mein (Elite!)- Studium der Diplomgermanistik mit Teilabschluss DaF im Staatsexamen nicht zum Unterricht mit Migranten befähigt, weil es keinem deutschen Lehramtsstudium entspricht! Berufsverbot die zweite, aber dieses Mal nicht 1992, sondern 2025!) Sei's drum...
Nicht bewusst waren mir bisher die tieferen Gründe für die Querdenker-Wut in Corona-Zeiten, die auf mich immer nur irrational wirkte. Prinz hat aber völlig Recht: Ungeachtet der grotesken Auswüchse dieser Frustrationsäußerungen ist es so, dass viele Selbstständige (Gewerbetreibende, Gastwirte, Künstler usw.), die sich gerade hochgearbeitet hatten und begannen, die Früchte ihrer Aufbauarbeit zu genießen, durch die Corona- Maßnahmen enteignet, zurückgeworfen, in ihrer Existenz vernichtet wurden. Im Westen gibt es den Kapitalstock, der Vielen (freilich auch nicht allen) in Form von Hilfen durch die Eltern oder die Wohnung im geerbten Häuschen geholfen hat, durch die schwere Zeit zu kommen. Im Osten standen die Existenz- Gründer nach nur einem Jahr mit nichts in den Händen dar - oder mit Kreditschulden. Da gibt es keine Bankkonten, keine Lebensversicherungen, keine Rücklagen, kein Häuschen in städtischer Lage. Ich musste an meinen Nachbarn denken, der als Taxifahrer "scheinselbstständig" ist und durch Corona alle Verdienstmöglichkeiten verloren hatte. Die Hilfen, die er damals beantragte und erhielt, werden heute zurückgefordert, da er sie nicht "zur Rettung seines Betriebes" eingesetzt hat, sondern um sich was zu Essen zu kaufen. Was sonst? Der Mann hatte schlicht keine Einnahmen mehr und auf dem Konto nix. Nun zahlt er Raten und weiß, dass er sich, im Falle, dass sein altes Mercedes- Taxi den Geist aufgibt, keinen Ersatz wird leisten können. Arbeitslos mit Kreditschulden- eine "schöne" und ganz und gar nicht selbstverschuldete "Perspektive". Nun wird er auch AfD wählen. Nein, er sei kein Fascho und die Politiker der AfD findet er abscheulich. Aber anders könne er "denen da oben" nun mal nicht zeigen, was er von ihnen halte. Ja, so ist es, und das kann man bei Prinz nachlesen, der sich dagegen ausspricht, es sei schon revolutionär zu sagen "was ist". Demgegenüber insistiert er darauf, auch zu sagen, WARUM etwas so ist. Das macht das Buch großartig, selbst wenn man nicht alle Befunde teilen mag.
Unterfüttert sind die persönlichen Urteile durch statistisches Material- nichts Neues, aber es taucht an den passenden Stellen auf und ist jeweils schlagend so interpretiert, dass es als Stütze für die Argumentation dienen kann. Kurz: Ein seriöses und kein "Jammerbuch" über den Osten, das Landsleute aus "dem Westen" lesen sollten, wenn sie den Osten verstehen und nicht nur nachbeten wollen, was Spiegel & Co. für Blödsinn schreiben. Nebenbei: Prinz erklärt auch anschaulich den Mechanismus, der kritische oder nonkonforme Stimmen im (nicht nur Ost-) Journalismus zum Schweigen bringt. Man kann viel lernen in dem Buch. Jedenfalls habe ich, der ich dachte, ich hätte die Sache durchschaut, auch noch was gelernt. ;-) Das ist für mich ein gewichtiger Grund zu sagen: Dieses Buch sollte jeder Deutsche gelesen haben!