Wenn die Familie zur Prüfung des eigenen Ichs wird!
‚Die ferne Hoffnung‘ ist eine Geschichte über einen plötzlichen Abschied in einer Hamburger Kaufmannsfamilie um 1888, der mit ein wenig Retrospektive vielleicht gar nicht so unerwartet ist. Dennoch ist er nicht weniger heftig. Denn er erfordert von der betroffenen Familie viel Geschick, Taktgefühl und das rasche Entwickeln neuer Geschäftsstrategien, um den wirtschaftlichen Fortbestand der Familiendynastie zu sichern. Sie vor dem Ruin zu bewahren, ob finanziell oder was die Beziehungen untereinander angeht. Es ist aber auch und vor allem eine Geschichte über die Zukunft einer Familie und deren Schicksale, über das Bewahren und gleichzeitig Aufbrechen von Traditionen, um auch einen Weg in die Moderne und ihre Herausforderungen zu finden. Manchmal über ganz ungeahnte Wege. Es ist eine Geschichte darüber, wie sich die gesellschaftliche Stellung wandeln kann, und dass ein vermeintlicher Abstieg vielleicht in Wahrheit ein Aufstieg ist. Ein Finden von wahrem Glück, innerer Zufriedenheit, auch wenn diese vielleicht zuvor ein Brechen aus alten Strukturen und Beziehungen erfordert. ‚Die ferne Hoffnung‘ erzählt aber auch von dem Kampf des Weges dorthin, und dem Verständnis, das es braucht, um eine Familie Familie sein zu lassen. Sie ist somit vielschichtig, so unterschiedlich wie die Mitglieder der Familie Hansen selbst. Es gibt nie nur eine Seite eines Lebens. Wenn dann gleich so viele Leben betroffen sind, sind die Ausformungen mehr als nur mannigfaltig. Ellin Carsta schafft es hier, komplexe Verhältnisse und vielgestaltige Charaktere mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Eigenheiten und Stärken, ihren Sehnsüchten und Fehlern miteinander in Einklang zu bringen und ein schönes Leseerlebnis zu gestalten.
Die Geschichte kommt mit einer langsamen, ruhigen Spannung daher, die nicht weniger packend oder tiefschürfend ist als eine laute Story mit viel Tamtam. Die Erzählweise der Autorin wirkt vornehm, nahezu edel und doch einnehmend, gefühlvoll und so bildhaft, so magnetisch, dass man das Buch in einem Rutsch verschlingen muss. Es bietet ein beeindruckendes Lesegefühl, das sowohl vom gestalterischen und flüssigen Stil der Autorin als auch vom gehaltvollen und emotional ereignisreichen Inhalt getragen wird. ‚Die ferne Hoffnung‘ ist dabei ein Titel, der eine ungekannte Sehnsucht weckt – nach Freiheit und Zusammenhalt, dem Finden der eigenen Person und dem Aufgehen in Träumen, dem Loslassen, Wiederfinden und Verbinden. Ein Titel, der so besonders ist, dass er nicht nur unter die Haut geht, sondern tief im Herzen seinen Platz findet und ein kraftvolles Bild der Geschichte zeichnet, welches man nicht mehr vergessen kann noch will. Dazu passt meiner Meinung nach hervorragend das Cover des Romans. Mit dem Blick auf das Schiff zeugt es schon von Abschied und Neubeginn, Loslassen und Finden. In mir selbst rührt es dabei zugleich Heim- und Fernweh an und lässt in meinem Leserherzen einen wunderbaren Tenor erklingen, den die Geschichte selbst später wieder auffängt und weitertreibt.
Ich habe in diesem (historischen) Roman erlebt und auch irgendwie ein Stück der Geschichte aktiv mit gelebt, was stark der packenden Erzählweise der Autorin geschuldet ist. Sie macht dabei neugierig – auf so viele Dinge. Die historischen Aspekte, die sie in die Story einwebt, wie auch in das Fortleben der Charaktere. An wenigen Stellen hätte ich mir vielleicht etwas mehr gewünscht. Gerade was die Betrachtung der unterschiedlichen Sexualität angeht. Dafür hat es mir sehr gefallen, dass trotz der für mich bildhaften Sprache keine Langeweile aufkam, es wurde sich nicht in einer überzogenen Darstellung und Beschreibung der Kulisse verloren – wie es gerade bei Romanen mit einem historischen Setting gerne passiert –, sondern kurz und treffend geschildert.
Erzählt wird in unterschiedlichen Ebenen und Strängen, was die Handlung angeht. Diese wiederum lebt von großen Dialogen. Das hat es sehr vielschichtig und anziehend gemacht. Zudem war es unterhaltsam, die unterschiedlichsten Einblicke zu erhalten. Sei es in direktem Bezug auf die Charaktere und ihr Innenleben sowie das Zwischenmenschliche oder was historische und wirtschaftliche Aspekte wie die deutsche Kolonialzeit und den Kakaohandel angeht. Natürlich weicht an manchen Stellen die Realität dem gestalterischen Freiraum. Aber so soll es ja auch sein, um eine rundum ausgewogene und den Leser mitreißende Geschichte zu erschaffen. Die Protagonisten weisen für mich die perfekte Mischung auf, sie bleiben nicht zu flach, lassen aber auch Entwicklungspotenzial. Sie haben Ecken und Kanten und sind manchmal extrem. Aber gerade das macht so neugierig auf Band zwei. Unterstützt wird diese Neugier durch den grandiosen Cliffhanger zum Schluss des Buches. Man muss unbedingt wissen, wie es weitergeht.
• Vergisst man wirklich nie, was man einst liebte?
• Gibt es überhaupt eine gute Zukunft für eine Familie in einer ungewissen Welt?
• Zerbrechen die Charaktere an ihren Herausforderungen oder werden sie von dem getragen, was sie im Herzen eint? Halten sie der Herausforderung stand?
Liebe Autorin, ich bin schon sehr gespannt.
Meine absolute Leseempfehlung.
Eure Jil Aimée