In dem Thriller „Sophie L.“ von Matthew Blake bekommt Olivia einen Anruf aus Paris, in dem sie gebeten wird, ihre Großmutter aus einem Hotel abzuholen, wo diese soeben einen Mord gestanden hat.
Olivia selbst ist Expertin für Posttraumatische Belastungsstörungen und Gedächtnisbelange und hat ein vielbeachtetes Buch zu dem Thema herausgebracht, steht aber in einem normalen Alltag als Alleinerziehende eines Sechsjährigen. Sie sieht sich vorrangig eher mit ihren eigenen Erinnerungen konfrontiert, als sie nach Paris reist, weil sie teilweise in Paris aufgewachsen ist und nach dem Suizid ihrer Mutter als junge Erwachsene dort studierte. Und mitten hinein spielt die Frage: Wie kann es sein, dass sich ihre Großmutter jetzt nach vielen vielen Jahren plötzlich für einen Mord schuldig bekennt, der 1945 stattgefunden haben soll? Als Olivias Großmutter wenig später ermordet wird, wird klar: Der Fall ist möglicherweise brisanter und gefährlicher, als zunächst angenommen. Die Geschichte wird in drei verschiedenen Zeiten erzählt: 1945 aus der Sicht von Josephine und Sophie, in der Gegenwart von Myles, Vidal und Olivia sowie ein Jahr vorher aus der Sicht von Olivia.
Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen verschlungen. Die kurzen Kapitel machten es möglich und die Thematik hat mich spontan angesprochen. Der Erzählstil ist locker und leicht, die Seiten fliegen also nur so dahin. Jedoch muss ich leider konstatieren, dass „Sophie L.“ für mich letztlich nicht ganz das gehalten hat, was ich erhofft hatte.
Olivia ist für mich eine sehr nachvollziehbare, sympathische Hauptfigur, an viele ihrer Themen (Erziehung, Überforderung, Psychologische Arbeit) kann ich anknüpfen. Dennoch war mir Olivia zu klischeehaft in ihren Überlegungen. Sie überlegt am Anfang beispielsweise, dass sie, würde sie in Paris leben, eine Wespentaille besitzen, Café au Lait trinken und andauernd über Existentialismus philosophieren würde, sich schnell verlieben würde usw. (vgl. S. 14). Das wäre witzig, würden solche französischen Klischees nicht andauernd wieder auftauchen oder irgendwann ironisch gebrochen werden. Das findet allerdings nicht statt.
Schwerwiegender ist eher, dass Olivias Arbeit eine relativ geringe Rolle spielt. Für eine Psychologin und Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt „Erinnerungen“ wird ihr Wissen kaum dargestellt. Wirklich interessante Inhalte zu dem „False Memory“-Effekt beispielsweise werden nur in rudimentären Ansätzen erwähnt, über Posttraumatische Belastungsstörungen und deren Auswirkungen erfahren wir nur durch einen der Bösewichte etwas Fundiertes (Kapitel 67). Zudem werden mir Begriffe wie „Trigger“ zu ungenau verwendet. Da die Hauptfigur eine Expertin auf dem Gebiet sein soll, müsste sie doch wissen, wann diese Begriffe zutreffen und verwendet werden können und wann nicht, oder?
Ein weiterer Kritikpunkt ist für mich Olivias Rolle an sich. Ja, sie ist die Hauptfigur der Geschichte, trägt aber überhaupt nicht zur Lösung des Problems bei. Im Gegenteil: Sie ist umgeben von Männern, die ihr die Lösung offerieren (Myles), sie beschützen (Édouard) oder sie in eine vermeintlich richtige Richtung drängen (Louis, Tom/M). Es macht auf mich den Eindruck, dass Olivia einfach nur reagiert, statt zu agieren und das macht mich etwas wütend, betont sie doch, dass sie von eigensinnigen starken Frauen aufgezogen wurde, denen ihre Unabhängigkeit heilig war.
Weiterhin bleiben einige Fragen offen: Warum war auf Olivia ein Killer angesetzt, wenn sie doch bis zum Auftauchen von Myles keinerlei belastbaren Zweifel an der Unschuld des (offensichtlich) Verdächtigen hatte? Wer ist der Vater von Olivias Mutter, wenn aus Louis und Josephine dann doch kein Liebespaar wurde, obwohl doch alle Zeichen darauf hindeuteten? Wieso glaubt Olivia sofort einem Mann, der ihr eine Liebesbeziehung vorgespielt hat, um sie dann zu ghosten?
Insgesamt bin ich also nicht wirklich überzeugt von dem Roman, der für mich nur thrillerhafte Ansätze zeigt. Insgesamt ärgert mich das Bild, was unterm Strich von Therapie und Traumatherapie gezeichnet wird etwas, auch wenn ich mir der besten Absichten sicher bin.
Ist es unterhaltsam? Definitiv. Würde ich es empfehlen: Eher nein. Schade!