In der klassischen Literatur findet man besonders unter männlichen Autoren, viele Bezüge zu alkoholischen Getränken und den übermäßigen Konsum derselbigen. Ob Hemingway oder Yates, Buckowski oder London, alle die was auf sich hielten, haben mehrere Lieblingsgetränke und die daraus resultierende Lasterhaftigkeit literarisch verewigt. Colette Andris gehört zu den wenigen Frauen, die in wenig kritisierter und doch sehr großer Freizügigkeit, das Leben am Rande des alkoholischen Abgrunds zu Papier gebracht haben. Der Roman war ein Erfolg und ich bin erstaunt, dass er nicht als sündhaft und verrufen abgestempelt wurde. Die Autorin scheint einen gewissen Lifestyle eingefangen zu haben, wobei sie parallel den Niedergang durch Hochprozentiges schonungslos beschreibt.
Ihre Protagonistin Giuta reagiert schon als Kind mit einem Saufgelage in Folge einer Trotzreaktion. Von da an verfällt sie dem Alkohol mehr und mehr. Sie macht übergriffige Erfahrungen als sehr junge Frau, gerät in eine Ehe, die sie eigentlich nicht will, und ist sich immer sehr bewusst, was sie tut, wenn sie trinkt. Sie mutet manchmal etwas naiv an, doch wieder legt dies immer wieder durch kluge Gedanken und Reflektionen.
Erkenntnisse hat sie zu genüge: „Trinken war nie ein Trost und kann auch keiner sein; es ist zu verurteilen doch wer nicht versteht, welche Zwänge es ausübt, sollte besser schweigen. Wir müssen Mitleid haben, verzeihen, helfen und lieben…“ im Anschluss fragt sie sich, ob sie so gesprochen hätte, wenn sie nüchtern gewesen wäre.
Wir erhalten ausführliche Beschreibungen von ihrem täglichen Konsum, der durchaus variiert. Sie hat eine Vorliebe für Port, wenn sie trotzig ist, braucht natürlich Champagner, um in Schwung zu kommen, Wein ist genauso gut wie Wasser, und die Vorzüge von Pernod und diversen Cocktails, haben für Sie etwas nahezu Sakrales.
„Was ist ein Cocktail? Ein nach etlichen Erschütterungen und Tastversuchen
gebannter Fluss.
Und eine merkwürdige Erfahrung: als wäre Gott nur noch Wärme – eine strahlende Wärme, die mit der Flüssigkeit hinab läuft, sich verteilt, aufflammt und dann Trockenheit hinterlässt. Auch die Kälte, der Eiswürfel langsam absorbiert, verschmilzt mit diesem inneren Vulkan und sorgt erneut für Wärme. Ein turbulenter Gleichklang, der ein Himmel und Hölle zugleich erleben lässt…“ Das Buch transportiert schon eine gewisse Sinnlichkeit.
Wer so über alkoholische Getränke schreibt, hat eine besonders emotionale Verbindung zu Ihnen.
Es desillusionniert aber auch gleichzeitig. Die Bitterkeit von Konter Alkohol, das schale Gefühl des Erwachens, die Scham und die Hässlichkeit werden nicht versteckt. Und gleichzeitig wird Paris, die Stadt der Intellektuellen und Künstler, die in den 20er Jahren der Nabel der Welt war, von ihrem Sockel geholt. Es offenbart sich die Falschheit der Haute Volée und die Gosse, in der man landen, kann. Ob der Alkoholismus siegt oder Giuta die Oberhand behält, müsst ihr selber lesen.
Da ich in einer Kneipe aufgewachsen bin, sah ich mich mit Gestalten konfrontiert, die mir nur allzu gut bekannt waren. Ob man jetzt Kölsch/Kabänes oder Chablis/Wermut trinkt, auf mich haben Menschen, die überkonsumieren, immer die gleiche Wirkung: ich finde es sehr unangenehm, es macht mir Angst und schürt mein Mitleid. Ich selber konsumiere fast nur noch nullprozentige Getränke – nicht aus Überzeugung, sondern weil mich meist sehr schnell rasanter Kopfschmerz ereilt. Und ich begrüße einen schleichenden gesellschaftlichen Wandel, der sich vor auch darin bemerkbar macht, dass die Mocktailkarte in Bars immer umfangreicher wird.
Trotzdem konnte ich dem Buch viel abgewinnen. Es vermittelt sehr plastisch, worum es geht, ohne zu moralisieren. Zudem ist es sehr kreativ geschrieben. Wie eine Collage werden Episoden aneinandergereiht, die chronologisch voranschreiten. Manche der kurzen Kapitel bestehen fast ausschließlich aus Dialogen, manche wenden Aufzählungen an, während andere klassisch erzählen.
Andris, die mit 36 Jahren an den Folgen einer Tuberkulose starb, hatte Talent. Wie wir dem Nachwort des Übersetzers entnehmen können, hat sie als Nackttänzerin und Schauspielerin gearbeitet bevor sie als Autorin von Roman und Theaterstücken erfolgreich wurde. Wie viel von ihr selbst in diesem Roman steckt, ist nicht bekannt. Doch ihr kurzes Leben scheint voller interessanter Erfahrungen zu sein.
Wenn ihr also auf der Suche nach etwas sehr besonderem seid und vergessenen Autorinnen Raum geben möchtet, dann ist dieses Buch eine große Empfehlung