Eine schöne Geschichte und ein guter Einstieg ins Thema "BDSM"
"Perversität entsteht zum größten Teil im Auge des Betrachters." (Jan Wöllert)
Ich mag es Bücher zu lesen, die von einer “anderen Lebensart” als die der meinen erzählen. Ich mag es auch, das viele Menschen anders ticken als ich. Ich muss nicht alles “verstehen” oder “selbst ausprobieren”, aber ich war und bin der Meinung, dass wenn zwei (+) erwachsene Menschen das gleiche wollen und dies einvernehmlich “praktizieren”, können und sollen Außenstehende dies nicht verurteilen.
Das ist das, was die Welt bunt, spannend und interessant macht. Wenn man dann noch “durch’s Schlüsselloch” aka ins Buch schauen darf, um über andere “Gewohnheiten” in den Schlafzimmern dieser Welt zu lesen, dann wird nicht nur der Voyeur in uns Menschen geweckt, sondern man lernt oft auch noch etwas dazu, was vielleicht über den eigenen Horizont hinaus geht.
Genau so ein Buch ist “Zuflucht im Käfig”. Es ist Buch, dass einem einen “für Laien nachvollziehbaren” Blick hinter die Kulissen eines BDSM-Pärchens gibt. Aber es ist auch ein Buch, das mich etwas zwiegespalten zurück lässt. Nein, nicht das Thema BDSM gab mir dieses Gefühl, sondern das ganze Drumherum. Ich versuche es einfach mal auf ein paar wenige Punkte herunter zu brechen.
Positiv für mich war:
+ der liebevolle Umgang von Deacon und Kaden im täglichen Leben miteinander
+ das Gefühl, das Deacon sich auch nach einer Session fürsorglich um Kaden gekümmert hat und um sein Wohl besorgt war
+ das Selbstverständnis, mit dem Deacon mit Kadens Behinderung umgegangen ist und für jedes, aufgrund der Behinderung, auftretende Problem eine unkomplizierte Lösung fand
weniger gut fand ich:
– das Kaden im Berufsleben sehr erfolgreich seinen Mann steht, eine tolle berufliche Karriere trotz und mit seiner Behinderung vorweisen kann, wenn es allerdings in den absolut privaten Bereich ging, mutierte er zur Mimose. Schauspielern bzw. Maske tragen gut und schön, aber dafür war mir der Unterschied zu krass
– zudem blieben die Protagonisten für mich leider nicht wirklich greifbar und relativ “weit weg” … ob dies an dem extrem höflichen Umgangston lag, den ich auch in einer elitäreren Schicht als dem Durchschnitt etwas sehr “gestelzt”, sprich nicht zeitgemäß fand? Ich kann nicht definitiv sagen an was es lag und es noch weniger an etwas festmachen.
Heraus zu heben ist für mich allerdings, dass es meiner Meinung nach ein sehr gutes “erstes Buch” für den Bereich BDSM wäre (ebenso wie “Das graue Halsband”). Es zeigt, dass es eben nicht nur rein “technisch” gute Sessions geben muss, sondern dass sehr wohl auch das Thema Master/Boy aka D/s mit Gefühl, Zuwendung und Zärtlichkeit vereinbar ist. Kaden war und ist von Herzen “Boy” und genießt es, seinem Master die Verantwortung zu überlassen. Dies macht er im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeit sehr gut, denn Deacon ist mehr als zufrieden mit ihm.
Leider blieb mir der Grund, warum Kaden so wenig Selbstbewusstsein hat, zu blass. Das eine Mal, bei dem er sich nicht wahrgenommen gefühlt hat, nicht mit dem selben Erfolg wie vor seiner Behinderung bei diesem einmaligen Clubbesuch “angenommen” worden zu sein, war mir als Begründung ebenfalls zu wenig – sorry.
Für mich ist das Buch trotz meiner ganzen “aber” eine Leseempfehlung, denn wie immer sind diese, meine Eindrücke, ja subjektiv und das Buch an sich ist richtig gut.
Drum schaut euch die Welt an, verurteilt nicht das, was ihr nicht versteht, sondern (hinter)fragt und macht euch schlau. Erst dann bildet euch eine eigene Meinung.
"Erkenntnis macht frei, Bildung fesselt, Halbbildung stürzt in Sklaverei." (Wilhem Raabe)