In seinem neuen Essay "Die Zeit der Verluste" nähert sich Daniel Schreiber dem Gefühl Trauer auf verschiedenen Ebenen an: Trauer über persönliche Verluste, wie in seinem Fall den Tod seines Vaters, aber auch Trauer über den Verlust eines Zustands der Welt, an dem man gerne festgehalten hätte, dem Verlust der Stabilität, von Gewissheiten und Sicherheiten - gerade letzteres Gefühl kennen wir in Zeiten von Klimakrise und Kriegen wohl alle nur zu gut. Seine mäandernden Gedanken verbindet er mit einem nebligen Tag in Venedig zwischen Winter und Frühling, ein sehr passender Schauplatz für Verlustgefühle, steht die Stadt Venedig doch auch immer auf der Schwelle zum Untergang und bewegt zugleich durch ihre Schönheit.
Während mich Schreibers Gedanken zu seinem Vater und dem Umgang mit Trauer über den Verlust eines so nahestehenden Menschen sehr berührt haben, blieben seine Überlegungen zum Weltgeschehen hingegen für mich seltsam oberflächlich, sie muten in meinen Augen etwas wie eine Aufzählung an, es wird viel angesprochen, aber wenige Themen erhalten Tiefe, was ich schade finde. Mehr Raum nehmen die Aktivitäten des Autors an seinem Tag in Venedig ein, was auf mich entschleunigend wirkte. Ich würde "Die Zeit der Verluste" vor allem Menschen empfehlen, die Kraft in Form von klugen Worten in eigenen, persönlichen Trauerphasen suchen.