„Die Verwilderung“ ist zugleich anrührend und absurd, total abgefahren und sehr vertraut: Martin Lechner gelingt eine atemberaubend wilde Mischung.
Marlies ist nicht zu beneiden: Den Sommer vor dem Abitur soll sie bei ihrer verwirrten Oma verbringen, um ihr das Haus als Erbe abzuschwatzen. Seit einer Weile macht sich auch an ihrer linken Hand eine unheimliche Schwellung bemerkbar, die nicht vergehen will. Was wie eine Coming-of-Age-Geschichte beginnt, hebt ab zu einem tragikomischen Roman über Angst und Scham und Selbstbehauptung. Denn als Marlies sieht, dass ihr eine Klaue aus dem Finger wächst, die bald ein unheimliches Eigenleben entwickelt, beginnt eine rasende Suche nach Rettung – und die Ereignisse überschlagen sich. Martin Lechner versteht es, eine rätselhafte Geschichte so mitreißend zu erzählen, dass wir mit dem gefährlichen Mädchen bangen, das sich vielleicht in ein Raubtier verwandelt …
LECHNER, Martin: „Die Verwilderung“, Salzburg 2025 Die Hauptfigur, die siebzehnjährige Marlis steht vor ihrer Matura. Ihre alleinerziehende Mutter hat einen Hausfreund. Ein arbeitsloser, unfähiger Schauspieler, der mittellos in ihrer Wohnung eingezogen war. Er stört das Leben von Marlies. Sie kann in der Nacht die Liebesgeräusche der Mutter mit dem Liebhaber nicht mehr hören und zieht zum Schlafen in das Auto der Mutter in der Garage. Vor einiger Zeit hatte sie dieses Auto – ohne einen Führerschein zu besitzen – bei einem Unfall fahruntauglich gemacht. Damit hat sie Schulden. Die Mutter, oder mehr Interesse hatte der Liebhaber der Mutter, schickte sie zur Schwiegermutter, der Oma von Marlies, um herauszufinden, dass das Haus nicht an einen fremden Gärtner, sondern an sie, die Schwiegertochter vererbt wird. Ungern kommt Marlies dieser Aufforderung nach, aber die Schulden zwingen sie. Und da tritt das Unheimliche ein: sie hatte sich an einem Finger verletzt und plötzlich trat mit einem lauten Knall eine Kralle aus diesem Finger hervor. Eine Kralle, die sich zurückziehen oder ausgefahren werden kann. Marlis kommt damit nicht zurecht. Zwar verdeckt sie den schauderhaften Anblick mit einem Handschuh, aber sie sucht Hilfe. Sie geht in eine Kirche und der Priester, den sie um Teufelsaustreibung bat, schickt sie in einen alternativen Laden, wo sie an einen Hexenaustreiber weiterempfohlen wird. Sie besucht einen Tierarzt, um ihn um Rat zu fragen. Sie macht es anonym und sagt, ihre Schwester habe so eine Kralle bekommen. Der Tierarzt war an dem Sonderfall interessiert, weil er mit diesem Phänomen in der Fachliteratur aufscheinen könne. „Vermutlich langweilten den Doktor seine täglichen Hasen und Hunde. Da war ein verwildertes Mädchen eine angenehme Abwechslung.“ Marlis denkt „Statt sich auf meine Seite zu stellen, wie ein Arzt es tun sollte.“ (Seite 163) Der Großmutter zeigt sie ihre Kralle. Die Oma ist aber dement und vergisst vieles. Immer wieder begrüßt sie Marlis, als sei sie gerade angekommen. Ob sie ein Verhältnis mit dem Gärtner hat. Der Enkelin erklärt sie es so: ihr Mann sei zwar im Krieg gefallen, aber seine Seele sei im Körper des Gärtners wiedergekommen. Eine Putzfrau warnte Marlis, dass die Oma ein Verhältnis mit dem Gärtner habe. Die Großmutter leidet an den Falten ihres Körpers und hat Angst, dass sie der Gärtner verschmähen könnte wegen ihres nicht mehr jungen Anblicks. Sie klagt Marlies: „Furchtbar, Marlies, es ist furchtbar, das Alter ist ganz und gar furchtbar.“ (Seite 173) Der vorliegende Roman des in Berlin wohnenden Autors ist leicht lesbar und in einem lockeren Stil geschrieben. Schnell vergehen dem Leser die Seiten, obwohl die Handlung doch reduziert auf das Erbe der Großmutter und die Kralle am Finger der Enkelin ist. Mit diesen beiden Handlungsmustern wird eine Dramatik aufgebaut und der Leser an der Stange gehalten, bis er erfährt …. Und das verrate ich hier nicht.
„Weil, im Widerspruch zu meiner Annahme, offenbar nicht die Liebe den Weg zu gegenseitig vorgezeigten Wunden, sondern gegenseitig vorgezeigte Wunden den Weg zur Liebe bahnten.“