Teil 1/2
Obwohl Ulf Poschardt und ich aus verschiedenen Denkschulen kommen, habe ich mich hier und da dabei erwischt, ein paar Kommentare seinerseits gut zu finden und heimlich zu liken. Diese Tweets behandelten oft das Thema „die geheuchelte Moral und der missionarische Eifer des linksliberalen Lagers.“
Während ich kritisierte, dass LinksLibs nicht links seien, kritisierte er, dass diese keine Liberalen seien.
Abgesehen von dieser kleinen Schnittstelle befinde ich mich politisch und weltanschaulich ein bisschen entfernter von Herrn Poschardt (ich benutze das Wort „ideologisch“ ausdrücklich nicht, weil meine Weltanschauungen sich aus der eigenen Realität ergeben – nach dem Bottom-up-Prinzip, während Ideologien genau andersherum nach einem Top-down-Approach die Wahrnehmung der eigenen Realität stark einschränken).
Ich werde in der Review ausdrücklich nur auf die Themen und Inhalte dieses Werkes eingehen. Meine Meinung zu woanders veröffentlichten Thesen wird in meine Bewertung nicht einfließen.
Das 160 Seiten lange Büchlein wurde stilistisch simpel gehalten. Auf der Vorderseite des Buchcovers steht der Titel Shitbürgertum. Auf der Rückseite steht der Satz „Mach kaputt, was dich kaputt macht.“ Das Cover verrät schon, was die Leserschaft erwarten kann: eine Kampfansage an das „Shitbürgertum“, wie er es im Laufe seines Buches durchgehend bezeichnen wird. Poschardt greift im Vorwort die erwartbare Kritik auf und begründet seine Sprache mit dem folgenden:
"Warum dieses Buch mit diesem Titel? Das kann man polemisch verstehen. Oder aber als eine notwendige Diskursverschiebung um mit unverstellter Respektlosigkeit zu signalisieren, dass ein Teil des Bürgertums den Respekt, der ihm entgegengebracht wird, zur Unterminierung freiheitlicher Grundlagen des Westens genutzt hat."
Aus strategischer Sicht verstehe ich die Motivation Poschardts. Er zitiert mit Bewunderung im Buch ebenfalls Javier Milei, der in einem Interview gefragt wird, wieso er die Linken nur als Scheiße beschreibt. Milei beantwortet die Frage mit der Behauptung, weil es kein passenderes Wort gäbe. Poschardt geht es nicht darum, „nur“ einen Beitrag zu einer fortlaufenden intellektuellen Debatte beizutragen. Poschardt ist der Meinung, dass diese Debatte in Deutschland nicht losgetreten wurde oder zumindest nicht aus der Mitte der Gesellschaft heraus.
An etlichen Stellen bewundert er die Scharfsinnigkeit Trumps, der es schaffte, den Nerv der Zeit zu treffen und die Unzufriedenheit „des einfachen Mannes mit dem politischen Establishment“.
In einer fachlichen Diskussion wäre die aufgesetzte Polemik Poschardts völlig fehl am Platz. Das weiß er auch, da er als mittlerweile erfolgreicher Herausgeber einer der größten privaten Zeitungen des Landes es besser kann. Das will Poschardt aber nicht – er will die Aufregung. Ganz nach dem Motto: Egal, was ich mache, ich werde persönlich angegriffen. Wieso soll ich dann nicht selbst mit demselben angreifen?
Ich hätte seine Motivation vor einem Jahr wahrscheinlich nicht nachvollziehen können. Aber ich habe zum Glück Anfang letzten Jahres Die vierte Gewalt von Richard David Precht und Harald Welzer gelesen. Im Vorhinein habe ich mir viele Artikel zu dem Buch durchgelesen und zahlreiche Diskussionen auf Twitter verfolgt, wo ich den Eindruck bekommen habe, die Autoren wären dabei, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu unterwandern – bis ich das Buch selbst gelesen habe und mich fragte: Das war’s? Die Aufregung war wegen dieser sachlichen „Lite“-Kritik?
Das sollte keine Rechtfertigung für das Vorgehen Poschardts sein. Und ich werde an einigen Stellen beispielhaft Passagen aus dem Buch zeigen, bei denen man nur den Kopf schütteln kann. Aber genau das will er. Ihm ist klar, dass man Feuer grundsätzlich nicht mit Feuer bekämpft, doch er glaubt, überhaupt erst ein Feuer in der Mitte der Gesellschaft zu brauchen, um die Debatte anzuzünden.
Beginnen wir mit dem Begriff: Wen meint Poschardt genau? Er formuliert es so:
"Jeder erkennt den Shitbürger an seinem strengen Blick, den schmallippigen Gesten des Missfallens, dem ewig urteilenden Gestus der Uberheblichkeit. Als Disziplinar-macht im foucaultschen Sinne richtet das Shitbürgertum in seinen Berufen im Kultur- und Medienbereich, in Kirchen und NGOs, im vorpolitischen Raum und in den Parteien über Alltag und Leben der Anderen. Das Shitbürgertum operiert am Nerv der Gesellschaft, in dessen Sprachzentrum und dort, wo der Elan des einzelnen zum Kollektiv wird."
Wie bei vielen weiteren Passagen dieses Werkes muss man – bevor man über den Inhalt sprechen kann – die flachen und unterkomplexen Angriffe sich wegdenken und bewusst versuchen, ihn zu verstehen, statt ihn misszuverstehen. Man könnte sagen, die Verantwortung für eine differenzierte Formulierung sollte beim Autor und nicht beim Leser liegen. Ja, das stimmt, aber der zweite Ansatz ist hier, glaube ich, mutiger.
Poschardt trifft (zwar aus anderen Motivationen heraus) einen Nerv. Im Rahmen der Studie Journalismus und Demokratie der TU Dortmund hat eine Journalistenbefragung ergeben, dass 41 %!!! der Befragten Grün wählen würden. Das heißt, fast viermal so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Ein Rechtfertigungsversuch des linksliberalen Lagers besteht in der Behauptung, dass die „Experten“ befähigter seien, differenziert und ohne Vorurteile richtige Politik zu erkennen. Das mag zu einem bestimmten Grad stimmen, aber es wäre naiv und gefährlich zu glauben, das sei der Hauptgrund.
Wie Poschardt richtigerweise erkennt, sind die meisten Journalistinnen und Journalisten bürgerliche, akademisch gebildete, urbane Menschen, die die Deutungshoheit über den Diskurs haben. Das bedeutet dementsprechend, dass viele Perspektiven deutlich unterrepräsentiert bleiben. Es nützt mir als Mensch mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrung nichts, wenn weiße, privilegierte Großstadt-Lifestyle-Linke sich als Sprachrohr für mich und meine Probleme sehen, weil sie es nicht normal sein können.
Poschardt geht auf diesen Aspekt ein und zitiert eine mittlerweile berühmte Studie:
“Die Lauchbourgeoisie schottet sich in einer Mischung aus Schwäche und Arroganz ab. Eine Studie von 2023 fand heraus: Grünen-Wähler bilden eine unerschütterlichere Parallelgesellschaft als Menschen muslimischen Glaubens. In der Studie ging es um ‚entkoppelte Lebenswelten‘, also um die
Frage, inwieweit sich die deutsche Gesellschaft in Grüppchen von Gleichgesinnten zersplittere, wie ‚Die Zeit‘ vermeldete. 62 Prozent der Grünen-Wähler gaben an, dass sich ihr Bekanntenkreis hauptsächlich aus anderen Grünen-Wählern zusammensetze. Als offene und tolerante Menschen neigten sie dazu, sich überwiegend mit ähnlich offenen und toleranten Menschen zu umgeben.”
Diese beiden Studien in Kombination unterstreichen die Gefahren der empfundenen fehlenden Repräsentation entlang der gesamten politischen Landschaft – angefangen beim einfachen Facharbeiter, der sich nur noch von den Parolen der AfD ernst genommen fühlt, bis hin zu dem Migranten, der völlig entfremdet zuschaut, wie weiße, privilegierte Großstadtkinder in seinem Namen für mehr Sichtbarkeit in Medien oder auf Straßenschildern kämpfen. Dies entsteht nur, weil diese Menschen sich in die Welt der Migranten gar nicht hineinversetzen können und dementsprechend nur Probleme thematisieren, die irgendwo in ihrer eigenen Realität von Relevanz sein könnten.
Man könnte entgegenhalten, dass man sowohl über Straßenschilder als auch über Kinderarmut in migrantischen Familien sprechen kann. Aber die Wirklichkeit ist nun mal ein bisschen komplizierter. Wir leben in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie. Das bedeutet, dass jeder Beitrag über Straßenschilder weniger Aufmerksamkeit bedeutet für Themen wie Waffenlieferungen der Bundesregierung an Erdogan, die Unterversorgung von Gebieten mit einem hohen Migrationsanteil oder die fehlende Unterstützung sogenannter Brennpunktschulen. Das Bildungsbürgertum berichtet über all diese Themen in der gleichen Frequenz – und immer aus der eigenen Perspektive. Das ist fatal für den Kampf um gelungene Integration und das Vertrauen in die demokratischen und zivilgesellschaftlichen Institutionen.
Diese überproportionale Repräsentation ist nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich eine große Gefahr für Deutschland, so der Autor, da dieses Milieu an der Aufblähung des Staates interessiert sei.
Er sagt "Die politische Ebene der Unfreiheit hat ihren Ursprung stets beim Staat. Dort, wo er Freiheit ermöglicht, gibt es Prosperi-tät, überall dort, wo er die Bürger in Abhängigkeit lockt, gehen Selbstbestimmung und Wohlstand verloren. In Deutschland haben sich steuer- und gebührenfinanzierte akademische Milieus in ihrer Abhängigkeit von staatlicher beziehungsweise öffentlicher Finanzierung zu Super-Agenten der Unfreiheit entwi-ckelt. Wer des Staates Geld nimmt und sich damit in Sicherheit weiß, wird dieses Privileg verteidigen."
An einer anderen Stelle erklärt er beispielhaft, wo diese Aufblähung zum Dämpfer der deutschen Wirtschaft und damit zum deutschen Wohlstand wird. Er erläutert:
“Seit 2008 ist die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst um 17 Prozent gewachsen.
Laut Statistischem Bundesamt waren 2023 in Deutschland 5,3 Millionen Personen in diesem Bereich beschäftigt – das ist mehr als jeder zehnte Erwerbstätige. Zusätzlich arbeiten 1,5 Millionen Personen in öffentlichen Einrichtungen in privater Rechtsform, etwa vielen Stadtwerken und kommunalen Verkehrsbetrieben.
Seit den Zehnerjahren des 21. Jahrhunderts wächst der öffentliche Dienst schneller als die erwerbsfähige Bevölkerung.
Nicht eingerechnet sind die Angestellten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die via Finanzierung quasi verbeamtet sind, und auch nicht die zigtausenden Angestellten einstiger NGOs, die längst weitgehend steuerfinanziert sind. Und diese Günstlinge staatlicher Zuwendung oder Absicherung sind daran interessiert, die Geldquellen des Staates sprudeln zu lassen. Zugleich versuchen sie das Urvertrauen in den Staat trotz zunehmender Dysfunktionalität und einer lähmenden Bürokratie intakt zu halten.”
Das ist an sich ein legitimer Punkt. Der deutsche Staat ist ineffizient, und Deutschland wird voraussichtlich in diesem oder nächsten Jahr in den sauren Apfel beißen müssen, um die Wirtschaft aus der Rezession zu retten. Die These des linksliberalen Interesses an einem möglichst großen Staat könnte man sogar damit belegen, dass die Partei Die Grünen die Partei ist, die von Beamten am meisten gewählt wird – mit 33 %. Dennoch lässt man außer Acht, dass 47 % aller Beamten sich keiner Partei zugeneigt fühlen, so eine Umfrage des Deutschen Beamtenbundes aus dem Jahr 2021. Das zeigt, dass es keine ausschlaggebende Tendenz zwischen „ein eigenes wirtschaftliches Interesse am Staat haben“ und Grün wählen gibt.
Wie gesagt, Poschardt neigt dazu, ein bestimmtes Milieu und seine Heuchelei frontal anzugreifen, statt konstruktiv zu kritisieren. Das hat, wie bereits erwähnt, in einer fachlichen Diskussion keinen Platz. Dennoch erwische ich mich dabei, wie ich kräftig zunicke, wenn er sagt:
“Die Studienabbrecher und Sabbatical-Teenies, die Auszeitnehmer und ‚Ich finde Arbeit nicht so wichtig‘-Leute halten sich für progressiv, dabei sind sie vor allem unsozial, weil andere ihnen die Sozialleistungen, das BAföG, das Stipendium, das Wohngeld, die Vergünstigungen und Privilegien finanzieren müssen, ohne die ihr Leben nicht so angenehm sorgenfrei wäre.”
Ich hätte diesen Satz am liebsten noch weiter ausgeführt und geschrieben:
“Und genau diese privilegierten, durch Papi finanzierten Rich Kids sind so dreist und trauen sich, sich als links zu bezeichnen, weil es hip und cool ist.”
Ich finde es außerdem sehr zutreffend, wenn Poschardt sagt:
“Die keim- und schwingungsfreie Sprache ist das Statussymbol des Shitbürgertums. Wurde bei den alten Calvinisten der Reichtum ausgestellt, mit prunkvollen Innenräumen der Auserwählten, die ohne Gardinen von der Straße aus bewundert werden konnten als Ausweis der Auserwähltheit, ist es bei den neuen Calvinisten das ‚virtue signalling‘: die Tugendanzeige, das angestrahlte Leuchten des Anstands durch Worte und Gesinnung.”
Aus eigener Erfahrung sehe ich täglich unter meinen Kommilitonen, wie alle darauf achten, nicht von Ausländern, sondern von Migrantinnen* zu sprechen, wie sie mir erzählen, dass man in der Sprache und auf dem Campus für mehr Sichtbarkeit für „marginalisierte Gruppen“ sorgen müsse. Der Witz an der ganzen Sache ist, dass ich der einzige Schwarzkopf bin, mit dem sie jemals mehr als zehn Minuten geredet haben.
Ein Kommilitone – wir studieren beide Medizin – hatte mich einmal gefragt, ob er einen Patienten, der „mediterran“ aussieht, fragen dürfte, ob seine Eltern verwandt sind. Eine Frage, die oft wichtig für die Diagnose vererbbarer Krankheiten ist. Sie wird von dem einen oder anderen zukünftigen Arzt aber vermutlich nicht gestellt, weil er mehr daran interessiert ist, die Gefühle des Patienten zu schonen, als dessen Gesundheit zu sichern. In Wahrheit ist er nur daran interessiert, nicht als Mensch mit Vorurteilen wahrgenommen zu werden.
An einer anderen Stellen behauptet der Autor:
"Die Sprache als Herrschaftsinstrument ist dabei unerlässlich, deshalb hat das Shitbürgertum so virtuos an deren Reinigung und Desinfizierung gearbeitet. Was mit der Sprache im 21. Jahrhundert passiert ist, wirkt wie ein Echo jenes orwellschen Newspeaks, dieser gereinigten Sprache, die in Orwells dystopischem Roman verhindern soll, dass Menschen kritische Gedanken überhaupt nur denken können, bevor sie sie artikulieren."
Dieses Zitat unterstreicht die größte Kritik an dem Werk nämlich die viel verschiedenen unsachlichen und unzutreffenden Vorwürfe. Poschardt neigt (wahrscheinlich bewusst wie seine Vorbilder Trump und musk) zu Übertreibungen und Zuspitzungen. Er scheisst weit übers Ziel hinaus, was super schade ist, weil er auch viel richtiges an anderen Stellen sagt.
Für Poschardt ist der einzelne Linksliberale ein "Lauch", der bestimmte Charaktere aufweist:
"Die Umarmungs- und Begrüßungsrituale haben in ihrer überherzlichen Synthetik etwas Sektenhaftes. Der Lauch braucht andere Lauche, damit er nicht stürzt oder in sich zusammenfällt. Und je ähnlicher sie sich werden, in der Sprache, an der veganen Bowl-Bar oder beim Abfassen ihrer Begeiste-rungspostings mit all den karriererelevanten Buzzwords, umso zorniger werden sie auf die Spielverderber und Verweigerer. Es liegt in der inneren Anpassungslogik der Lauche den widerstän-digen Individualismus als Bedrohung zu verstehen. Die Lauche machen begeistert mit, weil ihnen die Unterwerfung Entlastung bedeutet. Mündigkeit bedeutet für sie zu sein wie alle anderen Anständigen auch. Wer den Staat mit dem Allgemeinwohl ver-wechselt, verehrt die leitenden Figuren der Staats- und Macht-kultur als Beschützer und Helden. Gehorsam ist für den Lauch Entspannung und Erlösung von dem verschütteten Gefühl, den eigenen Lebensweg unabhängig begründen zu müssen. Im Spiegel sieht der Lauch nicht sich, sondern das Wir."
An der Stelle musste ich tatsächlich schmunzeln, und ich würde lügen, wenn ich nicht bestimmte Gesichter aus meinem universitären Umfeld vor Augen gehabt hätte. Aber genau hier liegt der Haken: Poschardt kopiert Trumps Strategie – und das sage ich wertfrei. Er verschiebt die Grenzen des Sagbaren, indem er Dinge ausspricht, die bestimmte unausgesprochene Gedanken seiner Leser aufgreifen, die sie selbst niemals öffentlich äußern würden. Für den unreflektierten Leser entsteht so der Eindruck, Trump oder in diesem Fall Poschardt spreche einem „aus der Seele“.
Aber das stimmt nicht – zumindest nicht bei diesem Beispiel. Dass Trump die Wahl gewann, weil er die wirtschaftlichen Ängste des durchschnittlichen Amerikaners besser erkannt und angesprochen hat als die Demokraten, die auf Minderheiten und Identitätspolitik setzten, steht außer Frage. Doch um beim Thema der unausgesprochenen Gedanken zu bleiben: Nicht jeder Gedanke, der einem durch den Kopf geht, vertritt tatsächlich die eigene Position. Erst wenn man diese Ideen reflektiert und für sich artikuliert hat, werden sie zur eigenen Überzeugung. Deshalb heißt es nicht automatisch, dass jemand, der etwas ausspricht, was man selbst nie äußern würde, tatsächlich das eigene Denken widerspiegelt.
Meine Notizen zu Poschardts Werk mögen unstrukturiert und durcheinander wirken. Das liegt daran, dass ich sie chronologisch parallel zum Lesen festhalte. Poschardts Werk ist voller interessanter Gedanken, aber es fehlt ein klarer roter Faden, dem man folgen kann. Manche Themen werden doppelt behandelt, andere kommen zu kurz, und gelegentlich hält der Titel eines Kapitels nicht, was er verspricht.
Im weiteren Verlauf seines Buches versucht Poschardt zu erklären, woher der moralisierende Postmaterialismus des linken liberalen Lagers stammt. Er schreibt:
“Mag man sich über weltläufige Klimaschützerinnen amüsieren, die ihre Vielflieger-Jugend damit abspalten, aber sie repräsentieren zumindest die Kenntnis der anderen Seite. Die wirklich Verbitterten aber benutzen ihren Moralismus, um die ökonomischen Niederlagen ihrer Biographie mit einem ethischen Mehrwert zu versehen. Nur so lässt sich erklären, dass der neudeutsche Moralismus so eitel gesinnungsästhetisch poliert ist, während die Souveränität der Verantwortungsethik zunehmend in den Hintergrund gerät. Deswegen steigt man auch dann aus der Atomkraft aus, wenn man dafür mehr Kohlekraftwerke anwerfen muss. Nahezu alle aktuellen politischen Konflikte werden als gesinnungsethisches Theater inszeniert und in den Medien, insbesondere den öffentlich-rechtlichen, als Lehrstück über Gut und Böse aufgeführt.”
Ich stimme dem Kern seiner Aussage zu: Dieses bestimmte Milieu ist stets darauf bedacht, den eigenen Lebensentwurf als dem anderer Gruppen überlegen darzustellen. Es mag auch zutreffen, dass manche versuchen, sich durch moralische Überlegenheit von Menschen abzugrenzen, die wirtschaftlich besser oder ähnlich gestellt sind. Für mich ist das jedoch noch hinnehmbar.
Das weitaus größere Problem sehe ich in der Verachtung gegenüber der Lebensweise der einfachen Menschen aus der Unterschicht. Der Konsum von Fleisch aus der Massentierhaltung, das Fahren eines alten Autos mit überdurchschnittlichem CO₂-Ausstoß oder die fehlende Bereitschaft, teure Bio- oder Fairtradeprodukte zu kaufen, wird als ignorant und rückständig betrachtet. Doch am Ende des Tages ist dies schlicht eine Frage finanzieller Ressourcen. Schon Bertolt Brecht stellte fest: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Viele aus diesem Bildungsbürgertum verdrängen, dass sie es ihren Privilegien verdanken, sich überhaupt mit solchen „Problemen“ beschäftigen zu können – während diese für Menschen im Niedriglohnsektor keine Rolle spielen.
Deshalb läuft Poschardts Vorwurf ins Leere, wenn er sagt, die „Postmaterialisten reagierten mit einem noch hysterischeren Postmaterialismus“ auf Gerhard Schröders Kanzlerschaft. Die damalige Kritik an Schröder als „Genosse der Bosse“ kam hauptsächlich aus dem eigenen sozialdemokratischen Milieu, nicht aus dem linken liberalen Lager. Sie basierte auf der Wahrnehmung, dass Schröder kein glaubhafter Interessenvertreter der Arbeiterschaft sei – ein Vorwurf, den Poschardt wiederum den Grünen macht.
Fairerweise muss man anerkennen, dass Poschardt zumindest minimal die Überheblichkeit des linken Lagers thematisiert. Er zitiert Helmut Schelsky, der bereits 1971 in einem Essay über den „langen Marsch durch die Institutionen“ schrieb:
“Das karrieristische Shitbürgertum sah er als eine neue Priesterherrschaft, die, hinter den Götzen des Sozialen verschanzt, vor allem eigene Ambitionen und Karriereinteressen betrieben. Ihre Sozialvormundschaft über die Arbeitenden war Machtstrategie, nicht Emanzipationsentwurf im liberalen Sinne.”
Was mich jedoch besonders stört, ist Poschardts ständiger Versuch, linke Positionen persönlich zu delegitimieren und sie per se als antidemokratisch darzustellen.