Das Zeichen von Morval ist kein Roman, den man bloß konsumiert. Es ist ein Textzustand, in den man sich begibt – ein Raum aus Rhythmus, Brüchen und Wiederklängen. Ich lese viel und vieles verliert sich nach dem Zuschlagen der letzten Seite. Dieses Buch tut das Gegenteil: Es bleibt. Nicht, weil die Geschichte oder die Figuren per se außergewöhnlich wären, sondern weil die Art des Erzählens alles trägt. Die Sprache ist Motor und Bühne zugleich; sie treibt vorwärts, schafft aber auch Zwischenräume, in denen Bedeutungen nachschwingen.
Was mich am stärksten beeindruckt hat, ist die Konstruktion: Absätze, die wie Atemzüge wirken; Wiederholungen, die keine Redundanz sind, sondern Resonanz; Übergänge, die weniger springen als gleiten. Man kommt erstaunlich leicht hinein und flüssig hindurch – und doch verlangt der Text Aufmerksamkeit. Er lädt dazu ein, sich führen zu lassen, verlangt aber gleichzeitig eine kleine, wache Bereitschaft, die leisen Töne mitzuhören. Dieses Spannungsfeld – Sog und Achtsamkeit – macht den Reiz aus.
Die Geschichte selbst fungiert wie ein Trägerstoff: verlässlich genug, um Orientierung zu geben, zurückgenommen genug, um die Sprache glänzen zu lassen. Ich hatte nie das Gefühl, dass das Erzählte sensationell sein müsse; die Emotionen entstehen aus Bildhaftigkeit, Tempo und Setzungen, nicht aus großen Wendungen. Dadurch entsteht jenes seltene Lesegefühl, das ich nur als Fiebertraum beschreiben kann: klar konturiert, aber leicht entrückt; greifbar und doch schwebend. Einzelne Motive – Gesten, Stimmungen, kleine Beobachtungen – blieben als Echo lange in mir.
Bemerkenswert schlüssig ist auch das Ende. Normalerweise mag ich es nicht, wenn Fäden bewusst offen bleiben. Hier jedoch fühlte sich ein lückenloses Aufräumen falsch an. Das Unaufgelöste passt zur inneren Logik des Buches – zur Art, wie es Ambivalenzen zulässt und Bedeutung nicht festnagelt. Das offene Restlicht am Schluss ist kein Mangel, sondern eine Fortsetzung: Es zwingt nichts zu, sondern vertraut der lesenden Person. Genau dadurch hat die Geschichte über die Lektüre hinaus weitergearbeitet.
Form und Stil wären wenig wert, wenn sie nicht lesbar blieben – und das sind sie. Der Text ist zugänglich, man fliegt zeitweise fast hindurch. Gleichzeitig erfordert er, dass man sich von gewohnten Erwartungshaltungen löst: weniger „Was passiert als Nächstes?“, mehr „Wie wirkt das, was gerade passiert?“ Wer sich darauf einlässt, erlebt ein Buch, das man spürt, nicht nur versteht. Es ist – im besten Sinn – ein Erlebnis.
Natürlich ist das nicht für jede*n: Wer stringente Auflösung, klare Botschaft und restloses Erklären sucht, könnte unzufrieden sein. Wer hingegen Freude an formaler Eigenwilligkeit, an sprachlicher Präzision und an Texten hat, die zwischen den Zeilen sprechen, wird reich belohnt. Mir hat gerade dieses Anderssein unglaublich gefallen. Es ist eines der seltenen Bücher, von denen ich weiß: Das bleibt.
Mein Fazit ist eindeutig: ★★★★★ (5/5). Nicht, weil mir die Handlung den Atem geraubt hätte, sondern weil Form und Schreibstil ein Leseerlebnis schaffen, das weit über das letzte Kapitel hinaus nachhallt – intensiv, eigen, erinnerbar.
Transparenz-Hinweis: Ich hatte die Ehre, Das Zeichen von Morval als kostenloses Leseexemplar zu erhalten; ich bemühe mich dennoch, meine Bewertung davon nicht beeinflussen zu lassen.
Zum Schluss ein Wunsch von Herzen: Ich wünsche der Autorin Elyra Morven viel Erfolg mit diesem Buch. Es hätte es verdient, eines Tages als hochwertiges Hardcover mit wunderschönem Farbschnitt in allen Buchhandlungen zu liegen – dann bitte auch mit dem Namen der Autorin auf dem Cover!❤️