»Manchmal erzählen Opfer von Gewalt, Missbrauch und Unterdrückung, der Hass habe sie am Leben gehalten. Mehr noch: Der Hass sei ihr einziger Lebensantrieb geworden. Wenn es keinen Grund gab, an ein besseres Morgen zu glauben, dann gab es wenigstens den Hass. Jenes Brodeln, das aushalten und überdauern lässt, das blanke Überleben. Der Hass, der es ermöglicht, an den Verhältnissen, die sich zu einem Schicksal zu verfilzen scheinen, nicht vollends zugrunde gehen.« (S. 62)
Lange habe ich mich auf das zweite Buch Şeyda Kurts gefreut – einerseits weil »Radikale Zärtlichkeit« noch lange nach der Lektüre in mir nachhallte, andererseits weil ich die politische Radikalisierung der Autorin wohlwollend beobachtet habe und hohe Erwartungen an »HASS« hatte. Diese wurden leider nicht erfüllt, auch wenn so viel Potenzial zwischen den Seiten steckt.
Kurts Essay beginnt mit einer Definition des Hasses und beschreibt seine verschiedenen Modi – Hass, der Unterdrückten als etwas Natürliches zugeschrieben wird; systematisch geschürter Hass der Herrschenden; Selbsthass; das Nicht-hassen-Dürfen; der selbstermächtigende, befreiende Hass als Reaktion auf Unterdrückung.
Im zweiten Teil geht es um die Hassenden selbst – Şeyda Kurt als Jugendliche, Widerstandskämpfer*innen, Rächer*innen, Überlebende, Revolutionäre. Während der erste Teil durch die Erläuterung der unterschiedlichen Modi des Hasses noch durchaus stringent war, wird hier die Struktur völlig aufgelöst – es ist eine Aneinanderreihung vieler einzelner Textabschnitte, die sich zwar auch aufeinander beziehen, doch jedes Mal, wenn ein Gedanke, eine Schlussfolgerung greifbar wurde, wurde ich als Leserin wieder herausgerissen. Die verworrene Struktur nimmt »HASS« die geballte Schlagkraft, die das Werk entwickeln könnte, denn die erzählten Geschichten und die zitierte Literatur bieten an sich spannende neue Einblicke in dieses Gefühl als Politikum – doch leider wirkt das Buch wie ein unausgereiftes Manuskript. Dieser Eindruck wird verschärft durch ein paar sprachliche Unsauberkeiten, die im Lektorat hätten ausgebügelt werden können.
So verschenkt »HASS« leider sein revolutionäres Potenzial, ist aber dennoch eine unterhaltsame und kurzweilige Lektüre. Zurück bleibe ich nur mit einem vagen, aber keineswegs einem widerständigen Gefühl.