ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreib-Störungen, Dyskalkulie, Mental Health: nach »Queergestreift« ein neues Sachbuch von Kathrin Köller und Irmela Schautz über Neurodiversität – empowernd, cool, stylish
Der Druck, zu funktionieren, ist groß. Von klein auf. Wer irgendwie anders tickt, hat schnell das Gefühl, nicht ganz richtig zu sein. Und kriegt das auch vermittelt. Leute mit ADHS sollen sich mal ein bisschen mehr anstrengen und autistische Personen bitte nicht so empfindlich sein. Mit Lese-Rechtschreib-Störungen und Dyskalkulie braucht es viel Glück, um nicht früh auf dem Abstellgleis zu landen. Dabei wissen wir heute, wie neurodivergente Hirne ticken: anders, aber richtig! Das neue Buch der Jugendliteraturpreisträgerinnen Kathrin Köller und Irmela Schautz nimmt mit auf eine faszinierende Reise in die Welt der Neurodiversität und ist ein leidenschaftliches Plädoyer für einen positiven Blick auf die Vielfalt unserer Gehirne.
Dieses Buch weckt gespaltene Gefühle in mir. Das Grundkonzept ist gut - es gibt zu wenige Bücher, und Jugendbücher sowieso, die sich mit Neurodivergenz auseinandersetzen und dabei sowohl die Schwierigkeiten als auch die bereichernden Aspekte und die fundamentale Richtigkeit neurodivergenter Menschen aufgreifen. So weit, so gut - weder reine Pathologisierung, noch gefährlicher "Superkraft"-Bullshit.
Was mir gefallen hat, sind die persönlichen Worte von Betroffenen, die selbst ihre Erfahrungen präsentieren. Grundsätzlich versucht man auch, gefährlichen negativen Stereotypen aus dem Weg zu gehen. Aber. Die Umsetzung lässt an vielen Stellen auch zu wünschen übrig.
Zu ADHS wird zwar in verschiedene Subtypen aufgeteilt, um mehr Nuancen zu repräsentieren, aber späteren Seiten fehlt es an genau diesen Nuancen in anderer Hinsicht: Beispielsweise werden Elemente im Alphabet teilweise als deutlich positiver dargestellt, als sie es im Erleben im Zweifelsfall sind. Auch der Ausdruck "ADHSler*in" wirkt auf mich reduktionär und verkindlichend.
Am stärksten sind mir die Defizite im Kapitel zu Autismus aufgefallen. Hier wird zwar vom breiten ASD-Spektrum gesprochen, danach jedoch oft auf einen imaginierten Subtypen zurückgefallen, der das restriktive Denken in einer neuen Richtung fördert. So werden beispielsweise im Umgekehrt-Kapitel Stereotype wie "Autist*innen verstehen keine Ironie" durch ihre Verwendung im gegenteiligen Bezug auf allistische Personen implizit reproduziert. Auch verstehe und unterstütze ich im Grunde den Gedanken, zu vermitteln, dass es nichts negatives sein muss, neurodivergent zu sein, aber vor allem bei ASD werden mit dieser Narrative vielen Betroffenen gleichzeitig ihre unausweichlichen Schwierigkeiten abgesprochen. "Du bist nur anders als die Norm, mach dir keinen Stress" ist grundsätzlich schön und gut und mag für Autist*innen mit niedrigeren Support Needs teilweise hilfreich sein, aber unter Anderem die vielen Autist*innen mit höheren Support Needs werden hier weder abgebildet, noch wird wahrgenommen, dass ihre Realität als Menschen mit Behinderung unabstreitbar ist. Das gilt auch für Autist*innen mit niedrigeren Support Needs, wird hier aber besonders deutlich. Was ist denn mit nichtverbalen Autist*innen? Sollen sie einfach Noise Cancelling Kopfhörer aufziehen und ihre Probleme in einer allistischen Welt werden zu Stärken? Es ist natürlich schwierig, solche betroffenen Menschen sichtbar zu machen, ohne sie über ihren Kopf hinweg zu pathologisieren. Aber die Schwierigkeiten, die man als solche Person hat, sind doch unabstreitbar, und auch ihre Existenz generell fällt in diesem Kapitel weg. Schade, dass das Spektrum zwar besprochen, aber nicht abgebildet wird.
Im Abschnitt zu AuDHS geht es mit den angeblich abgelegten Stereotypen gleich weiter. Hier ist beispielsweise von der "ordentlichen Autistin" und der "unordentlichen Person mit ADHS" die Rede, die sich in die Quere kommen. Später wird dann fast ausschließlich von der bereichernden Kraft von AuDHS gesprochen, ohne wirklich die immense Energie aufzugreifen, die es braucht, um den konstanten Kampf teils gegensätzlicher Impulse oder Umgangsformen zu bewältigen.
Besonders unangenehm sind auch viele der Illustrationen, die Zitate "zur Neurodivergenz" inkorporieren - reduktionäre Aussagen wie "ADHD - Highway to Oh look a squirrel" oder "I put the sexy in Dyslexic", oder auch einem Superhelden-Abzeichen auf dem Eichhörnchen, das ADHS repräsentieren soll (ein Thema für sich), gefährden die Ernsthaftigkeit des Texts und bringen unangenehme und/oder verharmlosende Konzeptionen aus dem Internet ins Spiel.
Ein gefährlicher Fehler hat sich auch im Nachwort eingeschlichen: hier wird "trauma bonding" als etwas wünschenswertes, bereicherndes dargestellt und erklärt als ein "Austausch über erlebte Traumata". Wäre dies die korrekte Definition, wäre das Konzept ebenfalls problematisch; allerdings bezieht sich trauma bonding auf die emotionale Verbindung zwischen missbrauchten Opfern und ihren Täter*innen. Dieser Fehler in einem Sachbuch (!) für Jugendliche (!) ist wirklich fahrlässig und stellt die Tiefe der Recherche der Autorinnen leider in Frage.
Alles in Allem ist die Idee des Buchs relevant, und es stecken auch einige gut umgesetzte Aspekte bezüglich des Inhaltes und der Betroffeneninterviews / -texte darin. Allerdings gibt es einige verbesserungswürdige Defizite, von denen manche meiner Meinung nach ein neues, aber im Zweifelsfall dennoch gefährliches falsches Bild von Neurodivergenz an Unwissende vermitteln könnten. Das ist schade - gute (Jugend-)Literatur zu Neurodivergenz ist wirklich wichtig.
Dieses Buch ist in meinem Augen super für junge Menschen, die sich mit dem Thema Neurodiversität auseinandersetzen wollen - ersetzt es tiefer gehende Fachliteratur? Nein. ABER den Anspruch erhebt das Buch selbst nicht . Es geht um einen Überblick und einen positiveren Blick auf neurologische Vielfalt anstatt einer defizitorientierten Haltung. Dabei wird trotzdem nicht ignoriert, unter welchem gesellschaftlichem Druck und Leidensdruck die betroffenen Personen stehen können. Eben solche kommen auch zu Wort in Interviews, und kurzen Texten. Die wichtigsten Begriffe werden erklärt und eingeordnet, ohne dabei zu sehr in die Tiefe zu gehen - es geht vielmehr um das Erleben von neurodivergenten Personen und Ansätze zur (Selbst-)Hilfe. Ich arbeite mit autistischen Menschen und habe dieses Buch für die Arbeit gelesen, und würde es definitiv (Jugendlichen/jungen Erwachsenen) Menschen empfehlen, die sich über Neurodiversität informieren wollen, ohne dass es zu sehr in die ganz harte Fachliteratur abdriftet. Die Kritik, dass die Grafiken mit den Sprüchen teilweise "over the top" sind, kann ich nachvollziehen, aber die Zielgruppe ist auch einfach ein jüngeres Publikum. das Abschlusswort über "trauma-bonding" ist in einen ganz anderen Kontext gesetzt, als die eigentliche Bedeutung. das wurde von einer anderen Person in einer Rezension bereits weiter ausgeführt und dem schließe ich mich an.
«ADHS wird oft als eine Störung bezeichnet. Das ist eine extrem negative Bewertung. Tatsächlich funktionieren manche Bereiche im Gehirn anders. Das bringt Schwierigkeiten mit sich, aber auch Sachen, die besser funktionieren. Das Wort «Neurodivergenz» bewertet nicht. Und das ist gut so.»
ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, Mental Health: Der Druck, zu funktionieren, ist groß. Von klein auf. Wer irgendwie anders tickt, hat schnell das Gefühl, nicht ganz richtig zu sein. Und bekommt das auch vermittelt. Dieses Buch soll betroffene Jugendliche und deren Eltern unterstützen, aufklären, helfen, diese Handycaps anzunehmen – man ist anders, aber richtig! Auf keinen Fall krank! Aufklärung für eine breite Öffentlichkeit. Eine neurale Störung – ist es überhaupt eine Störung? Jeder Mensch ist anders, einzigartig auf dieser Welt. Die Menschen setzen Normen, ob nun der Krümmungsgrad der Salatgurke, die Größe eines Eis oder Apfels. Wer nicht der Norm entspricht, ist nicht ganz so viel wert. Das macht der Mensch auch bei sich selbst: Zu groß, zu klein, zu alt, zu jung – behindert, krank, gestört.
Leute mit LRS oder ADHS sollen sich mal ein bisschen mehr anstrengen und autistische Personen bitte nicht so empfindlich sein. Mit einer banalen Lese-Rechtschreib-Störungen und Dyskalkulie braucht es viel Glück, um nicht früh in der Schule auf dem Abstellgleis zu landen. Dabei wissen wir heute, wie neurodivergente Hirne funktionieren: anders, aber richtig! Noch vor 20 Jahren war es gar nicht so einfach, LRS oder Legasthenie anerkennen zu lassen. In Bayern ist es bis heute schwierig, denn hier wird sehr deutlich, wie brisant die Sache ist: nur im Falle einer Lesestörung und Rechtschreibstörung in Kombination wird auch ein Notenschutz gewährt. Lehrer werden nicht grundsätzlich psychologisch ausgebildet, schon gar nicht nicht auf neurodivergente Handycaps – sie werden lediglich auf ihr Fachwissen geschult; damit fängt die Sache bereits an. Ich habe vor 40 Jahren meine Diplomarbeit über Autismus, Richtung Asperger geschrieben, musste mir über Pharmafirmen und Landesbibliotheken Literatur aus England und USA besorgen. Es gab keine deutsche Literatur. Viel habe ich direkt im Autistenzentrum in Hannover erfahren. Im Ausland war man hier wesentlich weiter.
«Man vermutet, dass Winston Churchill ADHS hatte, so abgefahren und genial wie seine Entscheidungen waren - wobei das Ganze nach dem Tod immer etwas schwer zu diagnostizieren ist. Barbie-Regisseurin Greta Gerwig weiß es inzwischen von sich ganz sicher, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die sich ihr Leben lang fragen, was nur mit ihnen los ist.»
Bereits 1775 wurde das erste Mal über ADHS geschrieben und immer wieder, erfahren wir. ADHS ist eine der am besten erforschten Neurodivergenzen. «ADHS-Gehirne sehen anders aus und funktionieren anders als die der meisten anderen Menschen. Nicht nur ein bisschen, sondern zentral im Frontend-Bereich, also dem Frontalhirn, das für alles Mögliche zuständig ist.» Wer ADHS hat, ist nicht unaufmerksam, im Gegenteil, diese Menschen nehmen über alle Sinne ganz viel auf einmal wahr, viel mehr als «wir Normalen». Während sie sich auf einen Vortrag konzentrieren, sehen sie die Fliege im Raum, hören intensiv draußen den Rasenmäher, riechen das wundervolle Parfüm des Nachbarn, sehen einen Fussel auf dessen Jacke, verlieren sich in das Muster eines Pullovers – und das alles auf einmal, denn sie haben eine sogenannte Filterschwäche. Und wenn sie irgendetwas machen, werden sie garantiert von 20 anderen Dingen abgelenkt. Dabei sind diese Menschen besonders gut in lösungsorientiertem Denken, exzellent im Krisenmanagement, besitzen viel Kreativität und Empathie, kurzum, sie sind große Sympathieträger. Bei Personen mit ADHS funktioniert der Transport der Botenstoffe nicht optimal, es herrscht ein Botenstoff-Chaos. Es wird zu viel Dopamin produziert, das nicht dort ankommt, wo es hingelangen soll. Zu allem Überfluss baut es sich auch noch schneller ab. Dieses Handycap wird weitervererbt. Und weil ADHS-Typen so viel mit ihren Sinnen aufnehmen, sind sie sehr emotional, empathisch, aber auch schnell überwältigt, weil sie überschwemmt werden von Gefühl, spielen gern mal eine Dramaqueen, oder sind superverletzt, wobei sie heftig reagieren können, schwer mit Kritik umgehen können. Das alles ist ziemlich gut und genau in diesem Buch beschrieben.
«Dass auch Lese-Rechtschreibstörungen (LRS) und Dyskalkulie zum neurodivergenten Regenbogen dazu gehören, ist hingegen sehr viel unbekannter. Und der Blick auf Menschen mit diesen sogenannten Teilleistungsstörungen i hauptsächlich defizitär. Oft genug werden LRS und Dyskalkulie als individuelles Versagen gesehen. Das muss sich ändern.»
Das Wort Legasthenie hat man früher benutzt. Heute weiß man, dass es viele verschiedene Ursachen gibt, verschiedene Ausprägungen, das Ganze differenziert betrachtet werden muss. Rechtschreibschwäche, Leseschwäche oder eben beides zusammen und in verschiedener Ausprägung. Buchstaben hüpfen durcheinander, verschwinden. Dieser Kinder brauchen doppelt so viel Zeit, einen Text zu lesen, zu erfassen – darauf wird aber keine Rücksicht genommen. Doppelte Zeit zu lesen, doppelte Zeit zum Schreiben. Den Stressfaktor nicht einmal berücksichtigt. Manch einer muss sich so sehr auf das Vorlesen konzentrieren, dass dabei die Texterfassung nicht funktioniert, er hinterher nicht weiß, was er vorgelesen hat. Auch hier muss sich die Schule besser einrichten – Fortbildung für Lehrer, Rücksichtnahme, eine andere Art des Unterrichts – viele Länder sind hier weiter als Deutschland.
Dyskalkulie, die Rechenschwäche, Autismus, Synästhesie, Dyspraxie, Bipolarität und Hochsensibilität werden erwähnt, bzw. länger ausgeführt. Zwischendurch kommen in den Rubriken «Hero», «Voices», «Interview», «Porträt» immer wieder Betroffene zu Wort, die erzählen, welche Schwierigkeiten sie haben, aber auch Erhellendes zeigen, zum Umgang mit ihrem Handycap. Ein klasse Sachbuch, dass sicher vielen Betroffenen und ihren Angehörigen hilft, zu verstehen und Interessierten in lockerer Sprache diese Handycaps erklärt. Aufklärung steht an erster Stelle, damit sich mehr Menschen interessieren und sich hoffentlich endlich unser Schulsystem ändert. Irmela Schautz hat das Buch illustriert, klasse mit ganzseitigen und kleinen Bildern; farbige Seiten, Spalten, der Text aufgelockert in Spalten, machen das Lesen leichter. Der Hanser Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 11 Jahren, das passt, aber auch als Erwachsener liest sich das Buch gut – also Allage.
Kathrin Köller hat lange als Schulbuch-Redakteurin für den Cornelsen Verlag gearbeitet, bevor sie sich als Autorin, Übersetzerin und Fachjournalistin im Bereich Kinder- und Jugendmedien selbständig machte. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Irmela Schautz, 1973 in Ravensburg geboren, studierte Malerei und Grafik an der Kunstakademie Münster und Bühnen- und Kostümbild an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart. Während eines sechsmonatigen Arbeitsaufenthaltes in Tokio entwarf und fertigte sie für die Mozartoper «Cosi fan tutte» Kostüme aus Alltagsmaterialien an. Die japanische Ästhetik und der besondere Umgang mit Papier in Japan beeinflussten ihre Arbeit nachhaltig.Seit 2005 arbeitet sie als freie Illustratorin in den Bereichen Kinder- und Jugendbuch, populärwissenschaftliches Sachbuch, Biografien, Weltliteratur und Kreativbuch, für Magazine und Zeitungen sowie für Kunden aus der freien Wirtschaft.Im Jahr 2012 gründete sie mit ihrer Kollegin Annabelle von Sperber das Illustratorenatelier atelier2gestalten.Seit 2012 lehrt Schautz außerdem an der Akademie für Illustration und Design in Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.