Aiko Matzuchima, die Hauptprotagonisten von „Teufelskind“, ist ein Kind, ein Produkt ihrer Gesellschaft. Sie geht mittlerweile auf die Fünfzig zu, hat aber in ihrem ganzen Leben noch niemals echte Zuneigung, menschliche Wärme und Liebe erfahren.
Ihre Eltern kennt sie nicht, als Kind wächst sie zunächst in einem Bordell auf und wird dort von den jungen Frauen, unter denen ein enormer Konkurrenzdruck herrscht, wie der sprichwörtliche letzte Dreck behandelt, von Anfang an ist und bleibt Aiko die Ungeliebte, das „herrenlose Katzenvieh“.
Ihr ergeht es nicht anders, als sie, nach dem Tod der Bordellbesitzerin, die sich gerne von allen immer „Mutter“ rufen ließ, in einem Kinderheim landet.
Selbst in ihrem späteren Leben gelingt es ihr nicht einmal richtig Fuß zu fassen.
Aiko zieht lügend, pöbelnd, klauend, ohne jeden Respekt vor nichts und niemandem durch die Lande. Für sie gibt es keine Regeln, Werte oder Gesetze, an denen sie ihr Leben ausrichtet, sie nimmt sich was sie braucht und irgendwann nimmt sie auch dem ersten Menschen das Leben. Wie leicht das ist, wie schnell das geht, einen Menschen zu töten – einfach so – aus einer Laune heraus, oder weil er ihr unbequem, oder gar zu einer möglichen Gefahr geworden ist.
Sie empfindet dabei – nichts.
Mal ganz ehrlich: mir erschließt sich nicht, wie der Goldmann Verlag Natsuo Kirinos Buch „Teufelskind“ dem Genre Krimi & Thriller zuordnen kann. Das ist schon ein echtes Ärgernis.
Wer das Buch unter diesem Aspekt kauft und liest wird und muss ganz einfach enttäuscht sein.
Kirino hat ganz andere Intentionen. Wieder einmal beschäftigt sie sich mit Menschen, die in der japanischen Gesellschaft verachtet sind, mit Menschen die es nicht geschafft haben, mit Verlierern. Und wieder einmal beschäftigt sie sich mit der Rolle der Frauen in diesem Land.
Sie will anstößig sein, die Gemüter erregen. Streckenweise fällt es dem Leser sehr schwer den Beschreibungen Kirinos zu folgen, schießt sie da nicht übers Ziel hinaus? Der ein oder andere wird sich sicher abwenden und das Buch zur Seite legen.
Sie will zeigen wie es in einer Gesellschaft zugehen kann, in der selbst unter den Verstoßenen noch eine Rangfolge bestimmt, wer der Geringste unter ihnen ist und was das mit einem Menschen machen kann.
Mit ihren Figuren legt sie die Schattenseiten einer Gesellschaft bloß, in der Konsum, organisierte Kriminalität und Desorientierung der Jugend ein echtes Problem darstellen, dies um so mehr, da Japan seine besten Zeiten hinter sich zu haben scheint. Erst jüngst ist ja China mit seiner Wirtschaftskraft an Japan vorbeigezogen.
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Ich kann mich während der Lektüre nicht entsinnen jemals von einer ähnlich unsympathischen, allerorts Schrecken verbreitenden, von Anfang an zum Scheitern verurteilten Frau gelesen zu haben. Wenn, dann muss es sehr lange her sein.
Habe wenigstens ich ihr einen, wenn auch noch so kleinen, Funken von Verständnis oder gar Sympathie entgegenbringen können?
Leichter fällt es mir zu bekennen, dass Natsuo Kirino mittlerweile eine meiner Lieblingsautorinnen ist.