Hana Ito ist knapp 40, als sie zu Beginn der Pandemie 2020 eine Nachricht über die aktuell 60-jährige Kimiko Yoshikawa erreicht, die mit ihrer Mutter befreundet war und mit der sie vor rund 20 Jahren in ungewöhnlicher Wohngemeinschaft zusammenlebte. Hanas Mutter hatte im „Nachtgeschäft“ des Vergnügungsviertels gearbeitet, mehrmals ihren Namen gewechselt und war eines Tages wortlos verschwunden. Ebenso geheimnisvoll taucht Kimiko in der 4½- Matten-Wohnung auf, bleibt und kümmert sich um Hana, die noch nicht volljährig ist und als Tochter einer „Hostess“ geringgeschätzt wird. Hana wird nie das Glücksgefühl von damals vergessen, als sie entdeckt, dass Kimiko, bevor auch sie verschwindet, den Kühlschrank gefüllt hat – im Gegensatz zu Hanas Mutter.
Schließlich betreiben Hana und Kimiko gemeinsam die kleine Bar „Lemon“ mit der glückbringen gelben Farbe im Namen und ziehen mit der 18jährigen Ran und der Ginza-Hostess Kotomi in ein bescheidenes Häuschen. Da Hana noch nicht volljährig ist und ihre Mutter mit der Ausrede, sie könnte ihren Namensstempel nicht finden, alle Geschäfte bar abgewickelt hatte, könnte sie weder Arbeits-, Handy- noch Mietvertrag unterschreiben. Das fällt jedoch nicht auf, weil alle Geschäfte über Yeong-su laufen, der Bar und Haus vermittelt, die Miete kassiert und Hana ein Handy besorgt, das natürlich nicht auf ihren Namen registriert wird. Angesichts der Geldbündel, die hin und her gereicht werden und der fehlenden Quittungen, um Zahlungen zu belegen, könnte man als Leser:in auf dumme Gedanken kommen. Hana erlebt zwar, dass Armut bedeutet, kein Badezimmer zu haben und seine Ersparnisse im Schuhkarton aufzubewahren. Ihr ist jedoch lange nicht bewusst, dass Kinder wie sie zuhause Hilflosigkeit erlernen, indem sie nichts über Bankkonto, Krankenversicherung und Entscheidungen über das eigene Leben erfahren. So gerät sie in Yeong-sus Dunstkreis in eine weitere Abhängigkeit, aus der sie sich kaum allein befreien kann.
Fazit
Die aktuelle Nachricht über Kimiko Yoshikawa wühlt die Erinnerungen in der Gegenwart wieder auf, auch wenn Hana zunächst vorgibt, dass sie mit Kimiko längst nichts mehr zu tun hätte. In Rückblenden erzählt sie sehr ausführlich von ihrer Wahlfamilie, für die sie stets das Beste wollte, von der Glück versprechenden gelben Farbe, über Yeong-su, der als Koreaner verspottet wurde, und über Menschen, die Hanas Unwissenheit schamlos ausnutzten. Für ein Mädchen, das sich selbst versorgen musste und schon als Schülerin ständig in Restaurants arbeitete, erzählt sie erstaunlich poetisch, beinahe zu eloquent und mit Liebe zum Detail. Auch wenn sie mit 17 vieles noch nicht einordnen konnte, glänzt sie in ihren Erinnerungen als gute Beobachterin.
Eine sprachlich ansprechende, berührende Sozialstudie über Frauen, die an falsche Gönner geraten, immer arbeiten, aber auf keinen grünen Zweig kommen.