Dies ist die faszinierende Geschichte einer leidenschaftlichen Mah-Jongg-Spielerin: Besessen vom Spiel blendet Hua Manyue (Blume Vollmond) die Ereignisse um sich herum so radikal aus, dass sie im aufflammenden chinesischen Bürgerkrieg die Flucht verpasst. Die Folgen sind dramatisch: Während ihre Familie sich nach Taiwan rettet, wird Hua über Nacht mittellos. Trotz des nun offiziellen Spielverbots hält Hua am Mah-Jongg fest – aber wird es sie durch die Zeiten tragen können? Eindrücklich und bewegend erzählt Fang Fang in diesem weltweit zuerst auf Deutsch erscheinenden Roman von der Wirkung gesellschaftlicher Umbrüche auf den einzelnen Menschen – und zugleich von deren begrenzter Macht über individuelle Leidenschaften.
Fang Fang graduated from the Department of Chinese Language and Literature, Wuhan University in 1982. She has published nearly seventy novels, novellas and essay collections. Many of her novels and novellas were published overseas in English, French, Japanese, Italian, Portuguese, Korean and other languages. Her representative works include the novels Chronicle of Wuni Lake and Water under the Time, and novellas The Scenery and Grandfather in the Heart of Father.
Ich mochte das Buch, die Nüchternheit steht der Geschichte gut. Die dramatische Aussichtslosigkeit auf Glück gerade der Frauen vor und nach der Übernahme der KP sowie durch die Kulturrevolution hindurch wird dadurch abgemildert. Sie zeigt, dass Leben auch noch während der Tragik geschieht. Interessant finde ich vor allem die Wende gegen Ende des Buchs. Die Beschreibungen des wirtschaftlichen Aufschwungs kommen mit einem Wandel im Ton daher. Die Blüte des Wohlstands wird wohlwollend beschrieben, aber kontrastiert mit der schlussendlichen Niederlage der Revolutionsziele durch die feierliche Rückkehr der ehemaligen Oberklasse. Dabei scheint eine Hörigkeit den Menschen ins Blut geschrieben zu sein. Entgegen dem leicht propagandistisch anhauchenden Nachwort lese ich die Geschichte dadurch weniger als Kritik an dem aktuellen Regime als eine generellere Untersuchung aller Produkte des Konfuzianismus. Am Ende ist die Revolution nur ein neues Mandat des Himmels. Gesellschaftsverhältnisse bleiben gleich, das Einzige was zählt ist der wirtschaftliche Aufschwung (Dusche, Taxi, Restaurant, automatische Majiangtische).
ungewohnt, jedenfalls lesenswert; historisch und stilistisch spannend - distanziert erzählt tröpfelt das Schicksal der unheld*innenhaften, kalten Protagonistin durch die Geschichte Chinas, während sie sich in ihre Mah-Jongg-Obsession abschottet
Offiziell wurde Mah Jongg nach 1949 in China strikt verboten. Heute wird es wieder geduldet und übt eine große Faszination auf die Menschen aus. Auch in anderen Ländern erlebt dieses Spiel gerade eine Renaissance. Dem gegenüber stehen 60 Millionen Spielsüchtige allein in China.
Hua Manyue ist ein verwöhntes Fräulein aus reichem Hause. Als sie zu Beginn der Revolution in einem Spielsalon sitzt und ihrer Leidenschaft – dem Mah Jongg Spiel – frönt, eilt Wang Vier herbei, um das Mädchen nach Hause zu holen. Die Eltern sind aufgebrochen, dem Wüten der neuen Herrscher nach Taiwan zu entfliehen. Doch die Tochter weigert sich zu kommen, zu sehr ist sie ins Spiel vertieft und außerdem haben ihre Eltern ihr versprochen, dass sie noch 100 Runden spielen darf und sie ist knapp bei der Hälfte. Sie bleibt und steht später der Tatsache gegenüber, dass ihre Familie ohne sie abgereist ist. Im Haus haben sich Soldaten der Volksbefreiungsarmee eingenistet und da sie ihre Identität nicht preisgeben darf, ohne Gefahr zu laufen gefangen oder gar ermordet zu werden, ist es tabu. Völlig mittellos nimmt sich Wang Vier Hua Manyue an. Sie zieht bei dem ehemaligen Dienstboten ein und wird später sogar seine Frau und Mutter seines Sohnes. Doch das alles tut sie ohne Freude, Lust und Leidenschaft. Man hat den Eindruck, sie lebt ihr Leben und hat doch jegliche Vitalität verloren. Die Kulturrevolution und ihre Folgen macht aus ihr eine elende Frau, die vor ihrer Zeit altert. Nur das Verlangen, die 100 Runden irgendwann zu Ende zu spielen, hält sie aufrecht. Ob es dazu kommt, müsst ihr selber lesen.
Fang Fang hat vor dem Hintergrund dieses Schicksals die Umbrüche in der chinesischen Gesellschaft ab 1949 zusammengefasst. Nach und nach bekommen wir als Leser*innen mit wie stark und auch, wie oft sich die Bevölkerung an gerade herrschenden Regeln gewöhnen muss. Dabei schleicht sich eine gewisse Lethargie ein. Den Eskapismus, den unsere Protagonistin betreibt, findet man in der chinesischen Gesellschaft auf vielfache Weise. Nach außen hin wird das gemacht, was von oben bestimmt wird, die Möglichkeiten sich individuell auszuleben aber sind sehr begrenzt. Deswegen schätzt man die Flucht in die Zerstreuung und ein Spiel bietet da vielfältige Möglichkeiten. Der Einzelne zählt in dieser Gesellschaft nichts, und man spürt die Einsamkeit des Individuums in jeder Zeile. Die Politik der Amnesie, die der Kader verfolgt, zeigt Früchte, auch das hat die Autorin herausgearbeitet. Das Vergessen wird hier so lange praktiziert, bis es schwer wird, Ursache und Wirkung nachzuvollziehen. Das hat auch Jahrzehnte später noch folgen.
Der Schreibstil von Fang Fang ist eigenwillig und parabelhaft. Sie erzählt uns die Geschichte chronologisch und um vieles nachvollziehbarer zu machen, gibt es einige Anmerkungen, die ich wirklich interessant fand. Allerdings herrscht auch eine gewisse Distanz in der Ausdrucksweise. Somit bleiben die Protagonisten immer auf Abstand und es fiel mir schwer Sympathie mit irgendjemandem in diesem Text zu entwickeln. Beim Lesen macht sich Kälte und Emotionslisigkeit breit und die Frage steht im Raum, wie viel die Autorin von sich und ihrem Leben in China Preis gibt.
Fang Fang gilt heute als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Chinas, besonders im Kontext von sozialem Gewissen, moralischem Mut und kritischem Denken – auch unter Zensurdruck.
Mich hat die Lektüre sehr bereichert und ich bin immer noch fasziniert davon, wie die Autorin es schafft, historische Fakten so als Kulisse zu inszenieren, dass man viel lernt und trotzdem das Einzelschicksal nie aus den Augen verliert.
Ich empfehle das Buch allen, die auf literarische Art und Weise etwas über die Umwälzungen in China nach 1949 erfahren möchten und Menschen, die sich mit Eskapismus, insbesondere ins Spiel, auseinandersetzen wollen.
1948, der chinesische Bürgerkrieg nähert sich der Stadt, wer Drangsalierungen befürchtet, flieht. Nur die 20-jährige Hua Manyue ( = Blume Vollmond) hat andere Pläne. Vor der Flucht will sie auf jeden Fall noch die 100 Mah-Jongg Partien spielen, die ihre Eltern ihr zugesagt haben. 100 letzte Runden, bevor sie dieses für junge Damen im heiratsfähigen Alter unwürdige Hobby für immer aufgeben soll. 72. Runden zieht sie durch, bis ihr Kutscher sie überreden kann, endlich aufzubrechen. Aber zu spät, die Familie musste ohne sie abreisen. Und Hua Manyue, die jetzt ohne alles dasteht, bleibt nur, eine neue Identität anzunehmen und ein Leben als Frau eines armen Kutschers zu führen.
60 Jahre wird es dauern, bis die Familie Hua gefahrlos zurückkehren kann, um nach ihrer verlorenen Tochter zu suchen und sie zu sich zu holen. Hua Manyue ist nicht abgeneigt, aber zuerst muss sie noch eine letzte Aufgabe erfüllen: die 100 Mah-Jongg Partien zu vollenden …
Ich habe zuerst den Fehler begangen, „Blume Vollmond“ von Fang Fang mit westlichen Augen zu lesen. Wenn man das tut, kommt nicht so viel bei herum. Eine durchaus interessante Geschichte, die ein wenig an Pearl S. Bucks Romane erinnern mag, aber dann einige Seiten mehr benötigt hätten, um einen wirklich zu fesseln. Erst das Nachwort des Übersetzers Michael Kahn-Ackermann hat mich dazu veranlasst, die Perspektive zu verschieben und hat damit eine ganz andere Lektüre aus diesem recht schmalen Bändchen gemacht. Aus der harmlosen Geschichte wird eine Gesellschaftskritik, die Fang Fang nicht nur einiges an Anfeindungen eingebracht, sondern auch zu einem „faktischen Publikationsverbot“ in ihrer Heimat geführt hat. Diese Brisanz ihres Textes hat mich nicht unmittelbar angesprungen, aber im Nachhinein mein Interesse geweckt.
Fang Fangs Figuren sind durch die Reihe weg eher mehr als weniger unsympathisch. Gerade in deren Charakterisierung scheint ein großer Schwerpunkt ihrer Gesellschaftskritik zu liegen. Wo unser stereotypes Denken vielleicht an „Kollektiv vor Individuum“ denkt, an Höflichkeit, Respekt und Zurückhaltung, präsentiert uns die Autorin in einem Rundumschlag ausschließlich Menschen, die auf ihre eigenen Vorteile gucken. Selbst gute Taten werden nur ausgeführt, weil man sich selbst einen Vorteil verspricht oder bei Unterlassung Konsequenzen fürchtet. Keinerlei Sympathieträger zu finden, kann eine Lektüre schwer zugänglich machen oder sogar zerstören. Aber bei Fang Fang spielt dieser „Schönheitsfehler“ keine Rolle, macht im Gegenteil auf bizarre Weise den Charme der Geschichte aus. Sie zeichnet ein düsteres Gesellschaftsbild. Aber auch eins, von dem man sich in den meisten sozialen Gruppierungen nicht ganz freisprechen kann.
„Blume Vollmond“ hat nicht die gleiche Wucht wie „Wütendes Feuer“, ist aber trotzdem ein interessanter Blick auf eine Seite der chinesischen Kultur und Geschichte, die uns so vielleicht nicht so oft begegnet. Ob Fang Fang ihre Landsleute dabei zu sehr über einen Kamm schert, kann ich dabei nicht beurteilen (vermute es allerdings), aber sie wirft auf jeden Fall Aspekte auf, über die es sich lohnt, nachzudenken. Und verdient damit eine Leseempfehlung.
„Blume Vollmond“ ist mittlerweile das dritte Buch von Fang Fang, das ich gelesen habe – und wieder hat sie es geschafft, mich mit ihrer besonderen Erzählweise in eine ganz eigene Welt zu ziehen. Auch wenn der Roman mit weniger als 200 Seiten eher schmal wirkt, steckt in ihm eine erstaunliche Tiefe. Im Mittelpunkt steht Hua Manyue, Tochter einer wohlhabenden Familie, die nichts lieber tut als Mah-Jongg zu spielen. Während die chinesische Gesellschaft 1948 im Chaos des Bürgerkriegs versinkt und ihre Eltern zur Flucht nach Taiwan gezwungen sind, bleibt Hua Manyue zurück – ausgerechnet, weil sie ihre 100 zugesagten Spielrunden beenden will. Diese scheinbar banale Sturheit markiert den Beginn eines radikalen Bruchs in ihrem Leben. Von der reichen Tochter wird sie zur mittellosen Frau, die sich eine neue Identität zulegen muss. Wang Vier, einst Kutscher der Familie, nimmt sie auf, und schließlich heiratet sie ihn sogar und bekommt einen Sohn. Doch ihr Herz hängt nirgends – nicht an der Familie, nicht am neuen Leben, sondern einzig an ihrem unerfüllten Versprechen, die Mah-Jongg-Partien zu vollenden. Fang Fang erzählt diese Geschichte in einer Sprache, die eher nüchtern als emotional wirkt. Gerade dadurch entfaltet sich eine beklemmende Wirkung: Man spürt die Kälte einer Gesellschaft, die ihre Menschen verschlingt, und das Schicksal einer Frau, die innerlich leer wird, weil sie im Grunde alles verloren hat. Die Protagonistin ist keine Identifikationsfigur, im Gegenteil – ihre Selbstbezogenheit und ihr fehlendes Mitgefühl machen es schwer, Sympathie zu entwickeln. Und dennoch bleibt man an ihr hängen, weil sie etwas Essenzielles verkörpert: die Flucht in eine Obsession, wenn die Realität unerträglich wird. Besonders spannend fand ich, wie Fang Fang den historischen Hintergrund nur anklingen lässt: die Bodenreform, die Kulturrevolution, die alltäglichen Drangsalierungen. All das bleibt Kulisse, während die Hauptfigur wie in einer Blase lebt. Gerade dadurch wirkt die Geschichte umso bitterer – weil man sieht, wie wenig Platz für individuelles Glück in dieser Zeit war und wie schnell Menschen aus der Oberschicht in völlige Bedeutungslosigkeit abrutschen konnten. Mich hat der Roman nicht so wuchtig getroffen wie Weiches Begräbnis oder Wütendes Feuer, die stärker mit der Geschichte Chinas arbeiten. Aber „Blume Vollmond“ hat auf andere Weise Eindruck hinterlassen: über Verdrängung, Spielsucht und das Gefühl, im eigenen Leben kaum Handlungsspielraum zu haben. Dass Fang Fang in China mit Publikationsverbot belegt ist, macht den Text noch einmal bedeutungsvoller – man liest zwischen den Zeilen eine leise, aber deutliche Kritik am System. Ein schmaler Roman mit viel Tiefe. Kein leichtes Buch, aber eines, das nachwirkt und Fragen offenlässt. Wer Fang Fang liest, sollte sich darauf einstellen, weniger Unterhaltung und mehr Nachdenken mitzunehmen. Und gerade das macht den Reiz aus bei ihr und weswegen ich sie immer wieder gerne lese. Und Lob an dieses wunderbare eindringliche Cover!
Leider hat mir dieser Text gar nicht zugesagt. In rund 160 Seiten werden über 60 Jahre eines Einzelschicksals in hohem Tempo runtergerattert. Die titelgebende Hua Manyue ist eine spielsüchtige Mah-Jongg-Besessene aus wohlhabendem Hause, welche durch die Machtübernahme der Kommunisten und den darauffolgenden Schreckensreformen in existenzbedrohende Armut gestürzt wird. Was nach einem interessanten und aufklärerischen Hintergrund für das Erzählen einer mitgreifenden Geschichte klingt, wird für mich durch folgende zwei Punkte kaputt gemacht:
- Sprachlich ist es anspruchslos, simpel, distanziert und holprig. Was mir stilistisch als direkt und in-die-Fresse-rein versprochen wurde und in mir Hoffnungen an etwas Ähnliches wie Behzad Karim Khani machte, hat weder die Wucht noch die poetische Note. Eine in hohem Tempo vorbeiziehende und abgearbeitete Szenenschau, in dem nichts Raum zum Atmen bekommt und alles distanziert bleibt. - Die Charaktere sind flach und entwickeln sich nicht. Wenig wird beschrieben oder erklärt, wenig ist nachvollziehbar. Stereotypen werden bedient und man erhält kaum Einblick in ihr Innenleben. Insbesondere die Protagonistin sticht hier nochmals negativ heraus, die mit 20 Jahren am gleichen Punkt ist wie mit 80. All die gemachten Erfahrungen, das Leid, die Isolation, die Angst der Verfolgung, all die Leute in ihrem Umfeld ziehen einfach gleichgültig an ihr vorbei und hinterlassen keine sichtbaren Spuren.
Vielleicht sehe ich es auch einfach nicht. Vielleicht ist die emotional abgestumpfte Figur ein Spiegel des gesellschaftlichen Klimas, welches die Leute durch sozialen und politischen Druck in Lethargie und Resignation drängt. Derer Indifferenz gegenüber allem nur durch die Spielsucht durchbrochen werden kann, die sich in eigene Welten flüchtet, um nicht die Realität ertragen zu müssen. Genau das hätte ich aber gerne erzählt bekommen, stimmig und mitreissend, fest verknüpft mit dem historischen Hintergrund.
Ich zolle Fang Fang trotzdem Respekt. In Isolation und unter Zensur in China zu leben und weiter Bücher zu schreiben, welche dem Regime und ihren Narrativen kritisch gegenüberstehen, ist mutig und beeindruckend. Auch im Nachwort wird dies erwähnt und gibt darüber hinaus noch mehr hilfreichen Kontext. So sollen die jüngere chinesische Generation das Zielpublikum sein, damit die Schrecken der Mao-Zeit nicht geschönt werden oder in Vergessenheit geraten. Hierzu dienen auch die eingestreuten erklärenden Fussnoten zu Ereignissen und Weiterem.
Es ist das Jahr 1948 und die 20-jährige Hua Manyue verbringt ihre Zeit mal wieder am Mah-Jongg-Tisch im Spielsalon. Da erscheint Wang Vier, der Rikschakuli der Familie, mit dem Auftrag, sie abzuholen. Die Straßen sind voller Soldaten der Befreiungsarmee, es wird geschossen und die gesamte Familie Hua muss fliehen. Zurück bleibt nur Hua Manyue, ohne jeglichen Besitz, da dieser enteignet wurde, und so muss sie untertauchen. Aus Hua Manyue wird nun Yue Manhua. Wang Vier versteckt sie pflichtbewusst, doch wie soll ihr Leben in Zukunft weitergehen?
„Blume Vollmond“ ist der neuste Roman der chinesischen Autorin Fang Fang und wurde von Michael Kahn-Ackermann ins Deutsche übersetzt. Das chinesische Original wurde bisher nicht veröffentlicht, da die Autorin in ihrer Heimat einem Publikationsverbot unterliegt. Der Titel des Buches ist die wörtliche Übersetzung des Namens der Protagonistin Hua Manyue und wirkt im Deutschen eher zusammenhangslos. Hier wäre vielleicht der chinesische Name oder ein Titel mit Bezug zum Inhalt vorteilhafter gewesen.
Die Handlung entwickelt sich vor dem Hintergrund der so genannten „Bodenreform“ (1948-51), über die „Kulturrevolution“ (1966-76) bis in die Gegenwart im Jahr 2008, als Hua Manyue 80 Jahre alt ist. Die politischen Entwicklungen und die bodenlose Gewalt, die die Bevölkerung erdulden muss, bleiben jedoch nur ein kleiner Nebenschauplatz. Im Zentrum steht eine Protagonistin, für die im Leben nur eines Bedeutung hat: das Mah-jongg-Spiel. Auch als sie Wang Vier heiratet, um ihre Tarnung zu schützen, und mit ihm einen Sohn bekommt, kann sie für ihre Familie keine Gefühle entwickeln; der Bezug zu ihr als Hauptfigur bleibt schwierig.
„Blume Vollmond“ ist zuallererst ein Roman über Spielsucht und über einen gesellschaftlichen Abstieg. Aufgrund ihrer Persönlichkeit fällt es jedoch schwer, Empathie mit der Protagonistin zu empfinden. Ich persönlich hätte mir noch einen etwas tieferen Einstieg in die politischen Zusammenhänge gewünscht. Wer diesen sucht, wird bei Fang Fang in ihrem grandiosen Roman „Weiches Begräbnis“ fündig; „Blume Vollmond“ enthält aber auch ein sehr informatives Nachwort.
Ein Buch über das Schicksal von Hua Manyue, der Tochter wohlhabender chinesischer Eltern während des Bürgerkriegs. Hua Manyue ist eine begeisterte Mah-Jongg-Spielerin. Während sie spielt, blendet sie alles um sich herum aus. So ist sie auch gerade beim Spielen, als ihre reiche Familie angesichts des auflodernden Bürgerkriegs nach Taiwan flieht. Zu spät kommt sie nach Hause und findet nur noch ein von Revolutionären besetztes Haus vor. Mit Hilfe des Rikschafahrers, der einst bei ihren Eltern angestellt war, gelingt es ihr, sich zu verstecken und eine neue Identität anzunehmen. Fortan lebt sie unter ärmlichsten Bedingungen und unter einem anderen Namen … Das Buch war sehr interessant, da es eindrucksvoll zeigt, mit welchen Mitteln während des chinesischen Bürgerkriegs Menschenleben zerstört wurden, wie die Bevölkerung lebte und was dies für ein individuelles Schicksal bedeutete. Der Schreibstil ist sehr distanziert und sachlich – das erschwerte es mir, eine emotionale Bindung zu den Figuren aufzubauen. Leider empfand ich die Protagonistin als wenig sympathisch – vielleicht war das sogar beabsichtigt? Trotzdem spreche ich eine Leseempfehlung aus, denn das Buch ist inhaltlich sehr lehrreich.
Übrigens: „Blume Vollmond“ ist die deutsche Übersetzung des Namens der Protagonistin, Hua Manyue.
Ich möchte unbedingt mehr von der Autorin lesen! „Blume Vollmond“ ist ein ganz besonderer Roman, der leicht zu lesen und gleichzeitig super interessant ist. Die Geschichte von Hua Manyue, eine reiche junge Frau, wird vor dem Hintergrund der chinesischen „Bodenreform“ (1947-51), „Befreiung durch die Kommunistische Partei“ (1949) bis hin zur Gegenwart erzählt. Ihr Leben ändert sich schlagartig, da sie untertauchen muss und eine andere Identität annehmen muss, um nicht durch die „Säuberung“ getötet zu werden. Obwohl dieser Roman derart unemotional und neutral geschrieben ist, fesselt einen die Geschichte von Hua/Yue sofort. Dabei stört mich auch gar nicht, dass sie ein derart unsympathischer Charakter ist. Besonders herausragend finde ich jedoch, dass die Handlung durch historische Fakten ausgeschmückt ist, welche jedoch nicht zu tiefgründig sind, sodass es den Lesefluss der Geschichte nicht beeinträchtigt. Zum Ende hin hat mir der Roman ziemliche Märchen-Vibes gegeben, aufgrund der vielen Sinnbilder und Metaphern. Das war aber nicht unbedingt negativ, nur etwas zu sehr poetisch und sentimental für meinen Geschmack.
Blume Vollmond ist die deutsche Übersetzung des Namens der Protagonistin Hua Manyue. Sie ist spielsüchtig und kommt nicht vom Mah-Jongg-Spielen los. Dadurch verpasst sie den Anfang des chinesischen Bürgerkriegs und die einzige Möglichkeit zur Flucht. Die Folgen sind dramatisch: Während ihre Familie sich nach Taiwan rettet, wird Hua über Nacht mittellos. Trotz des nun offiziellen Spielverbots hält Hua am Mah-Jongg fest – aber wird es sie durch die Zeiten tragen können?
Dies war mein erstes Buch von Fang Fang. Vom Erzählstil her fand ich es ein bisschen Fabel- oder Märchen-Ähnlich. Es hat aber leider nicht sehr mitreisen können, da mir ein wenig die Einordnung gefehlt hat. Leider bin ich in chinesischer Geschichte nicht sehr bewandert. Umso mehr habe ich die Einordnung durch den Übersetzer Michael Kahn-Ackermann wertgeschätzt! Auch die Fußnoten haben zur Kontextualisierung verholfen.
Hua Manyue wächst zusammen mit zwei Brüdern in einer wohlhabenden Familie in einer chinesischen Kleinstadt auf. Ihr Vater, der alte Huang, soll ein ehemaliger Warlord sein, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Nordchina gekämpft hat und mit mehreren Frauen verheiratet ist. Zum Familienunternehmen gehört auch ein Spielsalon in einer Gartenanlage am südlichen Stadtrand. Als die Familie im beginnenden Bürgerkrieg in den Süden fliehen will, kann sich die inzwischen rund 20-jährige Tochter nicht vom Mahjongg-Tisch lösen, hatte sie doch der Familie versprochen, noch hundert Runden zu spielen und dann ganz mit dem Spiel aufzuhören. Als ihre Familie längst auf dem Schiff auf sie wartet und die Volksarmee den Salon räumt, ist es für Manyue zu spät. In der Not nimmt der Rikscha-Fahrer der Familie, Wang Vier, sie mit nach Hause und versteckt sie in seiner bescheidenen Hütte in der Westmondgasse, die der alte Huang für sein Personal errichtet hatte. Indem sie die Silben ihres Namens umstellt, erfindet „das gnädige Fräulein“ sich neu, für immer angekettet an Wang Vier, seine alte Mutter und A Gui, den Koch der Familie, der von ihrer Identität weiß. Sollte einer der Beteiligten das Schweigen brechen, wird sie der Verrat das Leben kosten.
Während Wang Vier von der sicheren Position des Chauffeurs/Kutschers in einem großen Haushalt zum „Rikschakuli/Tagelöhner" degradiert wird, realisiert Hua Manyue, dass Besitz und Ansehen ihrer Familie dahin sind. Sie lebt in absoluter Armut zurzeit der zahlreichen Säuberungs-Kampagnen der Mao-Zeit samt Bodenreform, Volkskommunen, Zwangsverschickung Jugendlicher aufs Land bis zum wirtschaftlichen Kollaps und unvorstellbaren Zahlen von Todesopfern durch Hungersnöte. Erst in hohem Alter erfährt sie, dass ihre Neffen inzwischen im Wohlstand in Taiwan leben – und sie ist nach wie vor die Mahjongg-Süchtige, die nun durch das Klicken der Spielsteine noch einmal zu Hochform aufläuft.
Hua Manyue ist circa 1928 geboren, zu Beginn der Handlung demnach 20 Jahre alt. Die Handlung endet 2008, als sie 80 ist und in ihrem Heimatort ganze Straßenzüge abgerissen werden, um Neubauten Platz zu machen.
Das unentbehrliche Nachwort Michael Kahn-Ackermanns erläutert, warum das chinesische Original des Texts für chinesische Leser der Gegenwart Erläuterungen aufweist. Fang Fang wollte offenbar mit diesem Romen eines Einzelschicksals einer Tochter aus wohlhabendem Haus verhindern, dass Maos Propaganda-Kampagnen und das folgende wirtschaftliche Desaster in den 50ern bei der jüngeren Generation in Vergessenheit geraten. Als Roman kann ich ihren in nüchterner, schlichter Sprache verfassten Text nicht empfehlen, weil er für Leser:innen mit Vorkenntnissen der chinesischen Geschichte zu flach bleibt und für Einsteiger ins Thema die Persönlichkeit der Figuren zu wenig mit dem historischen Hintergrund und den Werten verknüpft, nach denen ihre Generation einmal erzogen wurde. Warum z. B. Hua Manyue als Frau in ihrer Kultur nichts wert ist, muss man bereits vorher wissen. Weil ihre Familie flieht und sie ihre Herkunft verdrängen muss, fehlen der Figur Gegenspieler, um Fang Fangs Leser:innen ihre Sozialisation zu verdeutlichen.
Fang Fang behauptet zu viel, das sie nicht beschreibt und das man erst aus dem erklärenden Nachwort erfährt. Dadurch entstehen u. a. Logiklöcher: Was machte die Figuren in ihrer Epoche so unfähig zur Empathie? Warum hat Wang Viers Mutter als einfache Frau gebundene Füße (geplant als späteres Statussymbol eines reichen Ehemannes) und ist nach dem Einbinden offenbar verarmt? Wie kann Manyue in ihren Lebensumständen die für ihr angebliches Übergewicht nötige Ernährung überhaupt finanzieren?
Fazit Mir fehlt in „Blume Vollmond“ anders als in Romanen anderer chinesischer Autor:innen der Moment, in dem „der Groschen fällt“, und ich die Entwicklung der Figuren nachvollziehen kann, indem ich über ihre Werte und Sitten lese. Kurz: zu schlicht, zu stereotyp, keine Entwicklung der Figuren.
3.5 Sterne: Im Roman „Blume Vollmond“ landen wir direkt mittendrin in einer chinesischen Spielhölle. Hua Manyue, die Protagonistin, spielt wie besessen Mah-Jongg, 100 letzte Runden hat ihr ihre gut betuchte Familie zugestanden, bevor sie Abstand von dem Spiel nehmen soll. Den Rikscha-Fahrer, der sie plötzlich möglichst schnell abholen soll, beachtet sie gar nicht weiter.
Das war wirklich ein fulminanter Start ins Buch, doch dann nahm die Geschichte einen unerwarteten Verlauf. Hua Manyue findet sich in einer ganz anderen Lebenssituation wieder und sie sowie die anderen Charaktere erschienen mir oft wie im Märchen etwas eindimensional gezeichnet. Gut oder schlecht – viel mehr wusste ich nicht über sie.
Schließlich ist es aber das Ende, das den Text zu einer runden Sache macht und ein kleiner Höhepunkt für mich war. Was mir außerdem gut gefallen hat, war, dass immer wieder Eckpunkte chinesischer Politikgeschichte erwähnt und in Fußnoten erklärt werden. Für mich eine gute Wahl, da es meinen Lesefluss sonst sehr stört, wenn ich zu Erklärungen hinten im Glossar blättern muss. Hinzugelernt hat man also auch einiges über die Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert.
Insgesamt war es für mich eine gemischte Tüte, ich hatte ein paar leckere Kirsch-Cola-Flaschen, aber auch Lakritze dabei: ⭐️⭐️⭐️.💫/5. Der Roman von Fang Fang ist in China aufgrund eines Publikationsverbots der Autorin nicht erschienen, umso wichtiger, dass er in Deutschland veröffentlicht wird, sogar als weltweit erstes Land.
Die Biografie einer Frau vor dem Hintergrund der Machtübernahme der kommunistischen Partei in China mit den damit einhergehenden massiven Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Ein spannendes Buch, das Einblicke in historische Zusammenhänge ermöglicht, die leider immer mehr in Vergessenheit geraten. Auch dieses Buch kann in China aufgrund des Publikationsverbots der Autorin nicht erscheinen.