Innere Kritiker, Fehlerzähler und andere Quälgeister sind oft anstrengend und machen uns das Leben schwer. Jochen Peichl zeigt mit vielen Beispielen, wie wir sie in die Schranken weisen und gleichzeitig ihre Stärken kennen- und nutzen lernen. Der Test »Ihre inneren Kritiker« hilft zudem, lästige Miesmacher in konstruktive und hilfreiche Selbstanteile zu verwandeln. Schluss mit der SelbstverurteilungDen inneren Kritiker als Ressource nutzen lernenMit vielen Übungen und ausführlichem Test
Dieses Buch hat mich nicht nur aus beruflichen, sondern auch als persönlichen Gründen angesprochen. Ich denke jede*r kennt diese Momente, in denen die innere selbstkritische Stimme in Erscheinung tritt und uns verunsichert. In der Psychotherapie wird diese Stimme oft als "Der innere Kritiker" bezeichnet, um sie fassbarer zu machen. Der innere Kritiker ist ein Anteil, der jeder Mensch von uns in mehr oder weniger ausgeprägter Form in sich trägt. Er hat nicht nur schlechte Seiten, sondern übernimmt auch eine Art Schutzfunktion oder kann unseren Ehrgeiz fördern. Problematisch wird es aber, wenn diese Stimme permanent da ist und uns abwertet, so dass wir im schlimmsten Fall unter ständigen Selbstzweifeln leiden, die natürlich wiederum mit einer schlechten Stimmung oder anderen psychischen Problemen einhergehen kann - den wer will schon ständig niedergemacht werden?
Jochen Peichl ist selbst ein ausgebildeter Facharzt für Psychotherapie und hat dieses Buch in erster Linie für Laien geschrieben, die sich mit ihrem inneren Kritiker auseinandersetzen wollen. Dabei stellt er nicht nur den einen inneren Kritiker vor, sondern gleich ein ganzes Team, das aus dem Kontrolleur, dem Perfektionisten, dem Antreiber, dem es Allen-Rechtmacher und dem Be- und Verurteiler besteht. Um herauszufinden, welche "Teammitglieder" bei einem selbst am aktivsten sind, kann man gleich zu Beginn einen Fragebogen ausfüllen, der sich am Ende des Buches befindet. Am Ende erhält man unterschiedliche hohe Punktzahlen, wobei es der Autor leider versäumt hat zu erläutern, was diese Punktzahlen nun genau zu bedeuten haben. Ich hatte überall eine Punktzahl von 41 bis 67 erreicht und wusste am Ende leider nicht genau, was ich damit nun anfangen soll.
Was nach der Einführung der verschiedenen Kritiker-Anteile folgt, sind Kapitel, die der Autor "Privatvorlesungen" nennt. Wer nun fürchtet, dass Peichl mit Fachjargon um sich wirft, den kann ich beruhigen. Es ist ihm tatsächlich gelungen, eine für Laien verständliche Einführung in das Thema der inneren Anteile zu geben, die in der Psychotherapie auch als "Ego States" bekannt sind und eine eigene Therapierichtung darstellen. Der Autor untermalt seine theoretischen Inputs jeweils mit Beispielen und einzelnen Illustrationen, was dafür sorgt, dass der Text abwechslungsreich und nicht allzu trocken wirkt. Neben dem Kritiker-Team führt er auch der Anteil des inneren verletzten Kindes ein, das oftmals eng mit dem inneren Kritiker zusammenhängt. Damit hat er einige wichtige Aspekte implementiert, die auch in der Psychotherapie verwendet werden.
Obwohl sich das Buch sehr verständlich und nachvollziehbar liest, hatte ich den Eindruck, dass viele der im Buch vorgestellten Übungen aus meiner Sicht eine grosse Reflexionsfähigkeit voraussetzen. Aus meiner praktischen Erfahrung weiss ich, dass es nicht so einfach ist, die verschiedenen Anteile einfach mal so zu identifizieren, sowie sie in einen biografischen Kontext zu setzen, um dann ihre ursprüngliche Funktion zu verstehen. Das setzt meiner Meinung nach oftmals eine längere Therapie voraus, die durch eine*n erfahrene*n Therapeut*in begleitet wird, der*die einem bei dieser schwierigen Aufgabe hilft. Die Übungen klingen auf den ersten Blick sehr simpel, aber allein schon die zweite Übung fand ich selbst für mich, als Psychotherapeutin in Ausbildung, die mehrere Selbsterfahrungsstunden hinter sich hat, zu anspruchsvoll, um sie mal eben einfach so durchzuführen. Der Autor bittet uns Leser*innen nämlich darum, eine Landkarte mit all unseren inneren Anteilen - insbesondere natürlich den inneren Kritikern - zu zeichnen und ihnen Namen zu geben. Ich denke, um das zu schaffen, muss man bereits Erfahrungen in der Ego-State Therapie mitbringen und seine inneren Anteile bereits kennen. Als kompletter Neuling in der Thematik, kann man sich schnell einmal verloren fühlen. Gerade weil man ja nicht mal weiss, welche möglichen inneren Anteile es überhaupt gibt.
Und das ist auch mein Hauptkritikpunkt am Buch. So flüssig und verständlich es sich auch lesen lässt, ich würde dieses Buch bloss Leuten empfehlen, die bereits Vorwissen in der Arbeit mit ihren inneren Anteilen mit sich bringen. Das Buch ist eine nette Ergänzung zur Therapie, aber als alleinstehendes Werk finde ich die Durchführung der Übungen zu komplex, selbst wenn sie sich auf den ersten Blick sehr leicht anhören.
Ein letzter Kritikpunkt gilt auch dem Aspekt des Untertitels "Wie aus dem ewigen Miesmacher ein Verbündeter wird". Er suggeriert, dass das Buch einem Lösungsansätze bietet, wie man seinen inneren Kritiker zu einem Freund machen kann. Tatsächlich besteht 90% des Buches aber eher auf theoretischen Grundlagen zu den Hintergründen des inneren Kritikers und lediglich das letzte Kapitel fasst kurz und knapp eine Intervention zusammen, wie man dem inneren Kritiker imaginativ begegnen könnte, um ihn zu einem Verbündeten zu machen. Damit kam mir dieser lösungsorientierte Teil definitiv zu kurz, zumal der Autor dazu sehr vereinfacht eine Technik aus der Traumatherapie erläutert, die sich IRRT nennt und in meinen Augen für unerfahrene Laien zu komplex ist, um sie allein mit der eigenen Vorstellungskraft durchzuführen, ohne dass dies zuvor von einem*einer Therapeut*in angeleitet wurde.
Fazit: In "Rote Karte für den inneren Kritiker" befasst sich der ausgebildete Psychiater Jochen Peichl mit dem inneren Kritiker, den jeder Mensch in mehr oder weniger ausgeprägter Form in sich trägt. Er führt uns auf verständliche Weise in die theoretischen Grundlagen der Arbeit mit inneren Anteile ein (die in der Fachsprache auch als Ego-States Therapie bekannt ist) und ergänzt seine Texte mit nachvollziehbaren Beispielen. Obwohl sich das Buch für Laien sehr verständlich liest, würde ich das es allerdings nur Leuten empfehlen, die bereits Vorwissen in der Ego-States Therapie mit sich bringen. Die im Buch vorgestellten Übungen setzen schon eine sehr hohe Reflexionsfähigkeit voraus, für die aus meiner Sicht oftmals eine Therapie notwendig ist, um diese Teile überhaupt identifizieren zu können. Das Buch ist als Ergänzung zur Psychotherapie empfehlenswert, für absolute Neulinge aus meiner Sicht aber eher ungeeignet, weshalb ich es auch nicht unbedingt als "Selbsthilfebuch" betiteln würde. Aufgrund dieser Kritikpunkte kann ich abschliessend nur 3 Sterne vergeben.
Dieses Buch hilft den inneren Kritiker verstehen zu lernen: Wo kommt er her, was ist seine Aufgabe? Um mittels inneren Dialog und Anteilearbeit diesen ewigen Miesmacher zu einem Verbündeten zu machen, anstatt gegen ihn zu kämpfen.
# Impressionen
Ich habe schon seit mehreren Monaten in mir wahrgenommen, dass es in mir sehr kritische, strenge als auch wertende Stimmen gibt, die ich zwar wahrnehme aber versuche nicht auszuleben. Nur leider sind diese negativen inneren Anteile immer lauter und mehr geworden, weshalb ich froh bin, dass dieses Buch mir in die Hände gefallen ist als die kritischen Seiten am Lautesten waren.
Ich habe das Buch verschlungen, wenn gleich ich mir auch sehr Zeit genommen habe für die Übungen in dem Buch. Interessant fand ich zum einen den Test, um die Facetten der inneren Kritiker Anteile ausfindig zu machen. Diese werden in dem Buch als Folgende aufgezählt werden:
Bei mir kamen unterschiedlichere Gewichtungen raus, als ich von der Beschreibung der jeweiligen Kritiker-Anteile herausgelesen habe, aber am Test sollte nicht zu stringent dran festgehalten werden, sondern kann lediglich als Richtwert genutzt werden.
Am wichtigsten im Buch war für mich die jeweilige Funktion des Anteils zu verstehen. Der *Perfektionist* schütz vor Schuldgefühlen; der *Antreiber* schütz vor Minderwertigkeit; der *Kontrolleur* schützt vor Scham und Selbstzweifel; der *Allen-Rechtmacher* schützt vor Verlassenheit; und der *Richter* schützt vor Kränkungen und Entwertung von außen.
Zu verstehen was mein innerer Kritiker genau will hat mir geholfen ihn nicht mehr nur als Miesmacher zu verstehen, sondern mir seine Funktion zunutze zu machen. Das heißt auf das zu hören was er sagt, dann selber aber abzuwägen ob das der gegenwärtigen Situation entspricht, um ggf. darauf einzugehen oder dem Anteil freundlich abzuweisen. Wahrzunehmen was gerade passiert, ohne darauf einzugehen zu müssen, schafft die Freiheit und die nötige Distanz erwachsene Entscheidungen zu treffen, ohne den inneren Kritikeranteilen ausgeliefert zu sein. Wer seinen inneren Kritiker jedoch zu einem Verbündeten machen will, kann den Anteilen gegenüber freundlich zugewandt sein und mit ihnen umgehen wie mit einem Kumpel, der einem nur Gutes will, nämlich einem verletzten Kind-Anteil zu schützen. Die inneren Kritiker sind nämlich in der Vergangenheit entstanden, als bei Enttäuschungen, Verletzungen und Traumatas dieser verletzte Kind-Anteil eine Lösung für das Problem (siehe Funktion) gesucht hat.
Sich dem verletzten inneren Kind zuzuwenden ist der nächste Schritt in diesem Buch. Dieser wird von sogenannten *Protektoren* geschützt, wie dem *stolzen Teil*, dem *Fürsprecher*, dem *Rebell* oder dem *Ankläger*, welche sich zum Schutz des verletzen Kindes vor der Abwertung der inneren Kritiker gebildet haben. Diese *Protektoren* erst zur Seite treten zu lassen ist der erste Schritt bevor wir mit den inneren Kritikern verhandeln können und uns auch mit dem verletzten Kind Anteil zuzuwenden. Wer innere Kind-Arbeit gemacht hat weiß wie viel Zeit dies teilweise braucht. Die Reise lohnt sich aber, da wir dadurch weniger angepickst oder getriggert werden und Selbstverantwortlich für unsere Gefühle und Emotionen einstehen können.
Das Buch hilft den inneren Kritiker zu verstehen und einen Schritt auf ihn zuzugehen, welches zu weniger destruktivem Verhalten führen soll, indem ich in einen wohlgesonnenen inneren Dialog trete. Ich übe zwar noch, finde aber dass das Buch mir Werkzeuge in die Hand gegeben hat, die ich jetzt behutsam anwenden kann, wenn sich die kritischen Anteile zeigen.
Alles in allem ist das Buch sehr zugänglich geschrieben und erklärt alles mit simpler Sprache und guten Schaubildern. Auch der theoretische Anteil ist kurz und prägnant gehalten. Die Übungen und Beispiele könnten ein wenig mehr sein, auch ein Arbeitsbuch dazu wäre empfehlenswert. Den gerade zum Schluss wird das Buch sehr dünn und geht nicht all zu sehr auf den Lösungsansatz, für die innere Kind Arbeit und den inneren Kritiker zum Verbündeten zu machen, ein.
Offen lässt Herr Peichl auch was ich machen soll wenn ein innerer Anteil nicht kooperiert und freiwillig zur Seite treten will. Auch auf sogenannte Täter-Introjekte geht er in diesem Buch nicht ein. Aber vermutlich sind diese Themen auch in der Therapie besser aufgehoben, als alleine in Selbstreflektion und lediglich im inneren Dialog. Jochen Peichl hat auch weitere Bücher zum den Themen verfasst, die dann aber stärker in die Therapeutische Begleitung gehen.
# Wer sollte das Buch lesen?
Leider leben wir noch in einer Welt in der Verletzungen, Abwertung und Enttäuschungen bei Kindern zur Tagesordnung zählen. Deswegen sind die inneren Kritiker Anteile bei vielen von uns auch so sehr ausgeprägt. Das Buch richtet sich an alle, die sich für diese Anteile Erlösung und eine Veränderung versprechen. Das Buch führt einem gut durch die einzelnen Schritte bis zu einem Punkt, wo Therapie vermutlich hilfreicher ist, weil man im Beziehungskontakt mit Unterstützung besser auf diese Anteile schauen kann. Wer jedoch einen guten Einstieg und mehr Verständnis in die Thematik haben will, ist mit diesem Buch gut bedient.