Alles beginnt, sogar das Ende, als Lajos von Lázár, das blonde Kind mit den wasserblauen Augen, zur Welt kommt. Seinem Vater, dem Baron, wird der Sohn nie geheuer sein, als ob er dessen Geheimnis ahnte. Mit Lajos' Geburt im Waldschloss bricht auch das 20. Jahrhundert an, das das alte Leben der Barone Lázár im südlichen Ungarn für immer verändern wird. Der Untergang des Habsburgerreichs berührt erst nur ihre Traditionen, aber alle spüren das Beben der Zeit, die schöne Mária ebenso wie der geisterhafte Onkel Imre. Als Lajos in den zwanziger Jahren sein Erbe antritt, scheint der alte Glanz noch einmal aufzublühen. Doch die Kinder Eva und Pista – der das Dunkle so liebt – müssen erleben, wie totalitäre Zeiten ihre wuchtigen Schatten werfen – und lernen, gegen sie zu bestehen.
Ein Roman wie eine Welt, die überwältigende Saga einer Familie, getrieben von der Liebe und der Sehnsucht nach ihr, in den Strudeln des 20. Jahrhunderts. Fesselnd und berührend, zugleich voller Leichtigkeit, voller Träume und Geheimnisse, in denen sich die ganze Tragik und Schönheit der Existenz spiegelt. Und – ob angesichts historischer Katastrophen oder schöner Sommertage – die ewige Frage, wie man leben soll.
Nelio Biedermann ist am Zürichsee aufgewachsen. Seine Familie stammt väterlicherseits aus ungarischem Adel, seine Großeltern flohen in den 1950er Jahren in die Schweiz. Biedermann studiert Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Sein Roman «Lázár» wird in mehr als zwanzig Ländern erscheinen.
Now Winner of the Prize "Favorite Book of Independent Booksellers" 2025 Nominated for the Swiss Book Prize 2025 The hype is real: The author is a 22-year-old Swiss student of German literature, and he sold the rights to this novel, which is inspired by his own family history, in over 20 languages - kudos to him. "Lázár" deals with the destiny of the noble family of the same name over three generations, from the fall of the Habsburg Monarchy over World Wars I and II to the 1956 Hungarian uprising which results in the emigration of the Lázárs (and Biedermann's family, he interviewed his great-uncle in Budapest for the novel), and we get an absorbing hell ride through the bloody first half of the 20th century in Europe. The novel starts with the birth of Lajos von Lázár in Southern Hungary in 1900. He's the illegitimate child of Baron Sándor, his family resides in a castle within a forest, but we will witness the family's downfall until Lajos' children István and Eva find themselves in bitter poverty fleeing Stalinist state security: This is a book about the decline of the Eastern European nobility.
And Biedermann has prepared for the novel by reading Buddenbrooks: The Decline of a Family, which is only one of many overt and covert references to classic literature filtered through the eyes of a young man and enriched with lots of sex. The other main vein in the classics: Marcel Proust. The passage of time and how the protagonists are swept along by history, how they relate to history and how the relation between the personal and the historical shaped and warps them is a core topic. We as readers know what history will bring, and we constantly re-evaluate our feelings towards the characters as a result of their decisions; and at some point, this reader started to hope that a member of the family will break the generationial cycle. The second main theme is the role of the writer as a chronicler of time: They alone can stop it, and they alone have more control over the characters than time itself. Ironically, it's mentally unstable Imre, Sándor's brother, who takes refuge in clinical insanity caused by literature before the whole world goes insane.
Joseph Roth, Virginia Woolf, and E.T.A. Hoffmann's dark romanticism feature in the text, as well as fairy tales (a castle in a mysterious forest!). Biedermann also studies film, which shows in the memorable individual images he evokes and the strong scenic narration, as well as in the very graphic narration of terror and violence (rapes, shootings, a guillotine beheading, the destruction of cities, deportations, all the madness of the 20th century). There's also a strong physicality to the characters who go through time, while time also goes through them, and many are destroyed by it, both mentally and physically.
This is highly impressive and riveting writing, and when this is the author's form at 22, where will this end quality-wise? It's straight out embarrassing Biedermann didn't get nominated for the German Book Prize.
Lázár handelt von einer aristokratischen Familie, die ihre vielen Grundstücke, ihren Einfluss, ihr angenehmes Leben nach und nach verliert und letztlich in der Nachkriegszeit zum Broterwerb in Budapest gezwungen wird. Biedermanns Roman gleicht in dieser Hinsicht, als Chronik eines Niederganges einer Familie, Thomas Manns Buddenbrooks oder Gabriel Garcia Marquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit. Wird noch ein bisschen Robert Musils Die Verwirrungen des Zögling Törleß hineingemischt und inzestuöse Ideen und hieraus erfolgende Anämie berücksichtigt, ergibt sich ein angemessener Eindruck von Bild und Ton von Lázár, das sich selbst wie folgt charakterisiert:
Deswegen hatte [Vermeer aus Gründen der Erhaltung der Privatsphäre] vielleicht auch nicht geschrieben und sich möglichst ferngehalten von Schriftstellern, die in ihrem Zwang, das ganze Leben und jeden noch so persönlichen Gedanken ihrer Figuren auszuformulieren, Vergewaltiger der Existenzen und der Privatsphäre waren. Er verstand nicht, wie sie die Rücksichtslosigkeit aufbringen konnten, ihre Figuren in eine erdachte Wirklichkeit hineinzuschreiben und sie dort vor aller Augen zu sezieren.
Nun, für die Erzählinstanz von Lázár gibt es tatsächlich eine gewisse Faszination in Sachen „Vergewaltigung“. Das Wort taucht in den überraschendsten Wendungen auf, und zwar sechzehn Mal und gehört zu den Schlüsselbegriffen für das gewählte Erzählverfahren. Die Dynamik der Figuren, ihr Innenleben, wird nämlich tatsächlich verhackstückt, in sechzig, teilweise abstrus kurzen Kapiteln verhandelt, als handelte es sich um ein rhapsodisches Rezitativ, einen narrativ gewollten Hiatus, der die Figuren mehr in ein Prokrustesbett einspannt und benutzt, als ihnen Zeit und Raum zum Ausdruck zu gewähren. Dieses Lücken- und Leerlaufhafte der Unmenge an Kapiteln sprengt jedoch wie bei Christoph Heins Das Narrenschiff Atmosphäre und Immersion und gibt dem Bericht einen trocken-kursorischen Beigeschmack:
Lilly nickte und merkte plötzlich, dass sie nackt war. Sie konnte doch jetzt nicht nackt sein! England hatte Deutschland den Krieg erklärt, und sie war nackt! In Europa war wieder Krieg, und sie stand völlig entblößt in der Gegend rum! Schnell ging sie an Lajos vorbei und warf dabei einen kurzen Blick aus dem Fenster –Die Apfelbäume trugen dieses Jahr besonders viele Birnen. Das Kleid, das sie vom Stuhl nahm, hing im Schrank. Lajos war ein ängstlicher Junge und die Zeit um siebenundzwanzig Jahre zurückgedreht worden.
Der literarische Aspekt, dass ein Kleid sowohl auf einem Stuhl wie in einem Schrank hängen kann, in derselben Zeit erzählt, betont die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem und würde seine Wirkung entfalten, gäbe es nicht nur vereinzelte Stellen davon und würden diese immersiv-kognitiven Stellen nicht durch Profan-Absurdes stets wieder kontrastiert werden („sie war nackt … sie war nackt … nackt“). Das Eilige, Hastige, Verwirrte und Konfuse passt nicht zum tragend-erinnernden Zeitauflösend. Der Ton und die Erzählform stimmen schlicht nicht und finden keine Balance.
Der Schlaf war wie ein Vergewaltiger, zu dem er sich jeden Abend wieder ins Bett legen musste.
Moment? Wer legt sich denn zu einem Vergewaltiger ins Bett? Höchstens, zieht dieser einen gewaltsam in dasselbige, und doch nimmt ein Vergewaltiger einem nicht das Bewusstsein. Die Metapher hinkt hinten wie vorne (die Vergewaltigung selbst wäre ja dann der Traum?!), wie das ganze prosaisch, mit Sex-Schock-Szenen versetzte, gewollt tragend daherkommende Potpourri aus Fußfetischismus, Vergewaltigungsorgien, Sex-Spielchen und, ja, ein bisschen Nostalgie über die gute alte aristokratische Zeit vor dem ganzen Faschismus des 20. Jahrhunderts. Das Buch hält seinem Gegenstand nicht stand und verkriecht sich in pubertäre Phantasien. Die Erwachsenenversion lautet Herta Müllers Der Fuchs war damals schon der Jäger, spielt in Rumänien nicht Ungarn, verhandelt aber ein ähnliches Thema besonders zum Ende hin, wird es noch durch Atemschaukel komplettiert.
So bleibt eine libidinös aufgemotzte Variante von Christoph Heins Das Narrenschiff, nur noch inkohärenter und noch überladender, also ganz im Sinne von Hundert Jahre Einsamkeit, nur ohne den stilistisch-narrativen Schliff des bunt-ornamentalen magischen Realismus.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): die Familie Lázár: Sandor und Maria, ihre Kinder Ilona und Lajos; Lajos Kinder Pista und Eva. ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Sandor Lázár, Familienoberhaupt, nachdem sein älterer Bruder durch den umliegenden Wald wie die Mutter und der Vater wahnsinnig geworden ist und zurückgezogen in einem blauen Zimmer lebt. Sandor Lázár und seine Ehefrau Maria haben eine Tochter, Ilona. Maria betrügt ihn mit dem Knecht Pál. Sie gebiert den Sohn Lajos 1901. Pál stirbt kurz darauf. Sandor führt ein strenges Regime im Haus. Ostern verbringen sie in Hévíz, einem Kurort in der Nähe vom Balaton. Sandor hat eine Affäre mit einer Frau Virág. Sandor kauft für die Familie ein Schloss, in welchem sie ohne ihn ziehen. Dort verlieben sich der Hauslehrer und Maria ineinander. Ilona, eifersüchtig auf die Mutter, klagt den Hauslehrer Jonathan beim Vater wegen versuchter Vergewaltigung an. Der Hauslehrer wird gefeuert und umgebracht. Maria bringt sich daraufhin um (geht ins Wasser). Ilona und Lajos werden ins Internat gesteckt. Ilona heiratet alsbald Kurt Bleichröder und zieht nach Berlin. Sandor mittlerweile trunksüchtig und verwahrlos. Lajos heiratet seine Jugendliebe Lily Grünfeld. Sandor stirbt, stürzt volltrunken von der Treppe. Lajos hat 1931 nach der Geburt des Sohnes Istvan (Pista) eine Affäre mit dem Dienstmädchen Bertha. Lily und Lajos vertragen sich, bekommen eine Tochter namens Eva. Lajos kollaboriert mit dem Hitlerregime, während Kurt und Ilona fliehen müssen und in die USA ziehen. Pista verliebt sich in Budapest in ein Mädchen namens Matilda Telke, doch ihr wird der Umgang mit ihm verboten. Der Zweite Weltkrieg beginnt. Lajos muss in Hévíz als Offizier dienen. Lajos organisiert Truppentransport und Judendeportationen. Sie verstecken einen Regimegegner bei sich, Kaplan Edmund Pontiller, der aber gefunden und ohne Widerstand verhaftet wird. Als der Krieg sich dem Ende nähert, flieht die Familie, werden aber von der Roten Armee aufgegriffen, die ein Dienstmädchen gruppenvergewaltigen. Sie kehren ins Waldschloss bei Pèsc zurück. Nach dem Krieg sucht Pista Matilda, die aber wegen ihrer jüdischen Abstammung erschossen worden ist. Sie werden von dem Sowjetregime enteignet und ziehen nach Budapest, in die Stadtwohnung, die ihnen auch genommen wird. Sie müssen Feldarbeit auf einem Bauernhof leisten. Dort hat Eva Sex mit Milan. Nach der Zwangsarbeit, nach Stalins Tod, kehren sie nach Budapest zurück. Lajos arbeitet als Postbote, Pista als Bäcker und Laborassistent. Eva lernt einen Schriftsteller kennen, der sie vergewaltigt. Widerstand in Budapest, bei dem Lajos mitwirkt. Nach der Niederschlagung fliehen Pista und Eva nach Jugoslawien, um von dort in die Schweiz zu gelangen. Die Eltern bleiben zurück. ●Kurzfassung: Eine Baronfamilie erlebt Intrigen, Höhen und Tiefen des aristokratischen Lebens auf dem Land in Ungarn, bis sie enteignet werden und in der Nachkriegszeit zur Zwangsarbeit verdonnert werden, woraufhin die jüngsten Familienmitglieder in die Schweiz fliehen. ●Charaktere: (rund/flach) eher abstrakt, schematisch, unpsychologisch ●Besondere Ereignisse/Szenen: Flucht nach Jugoslawien, durch den Wald, in der Nacht, kompositorisch gut angelegt mit dem das Waldschloss umschließenden Wald, als Weg in die Freiheit; und die Suche nach der Jugendliebe Matilda von Pista, intensiv. – völlig abgeschmackt: die Sterbeszene von Stalin. ●Diskurs: Judenverfolgung, Kollaboration, Enteignung, Feminismus, Gewalt gegen Frauen. … was dem Roman fehlt, ist ein zugrundeliegender Konflikt, wie in bspw. Hans Castorp in „Der Zauberberg“ besitzt, nämlich nichts von der Welt wissen zu wollen; oder Marcel Prousts Ich-Erzählinstanz, die sich die Schönheit der Welt in Erinnerung ruft, die vergangen ist. Hier gibt es kein Konflikt. Kein Autor, der nachtrauert, keine Figur, die einen Konflikt austrägt. Es gibt keine Spannung, die Dinge passieren, chronologisch, ein Auf und Ab, ein beliebiges Weiter und Mehr. Arg verwandt mit „Das Narrenschiff“ von Christoph Hein und Gabriel Marcia Marquez „Hundert Jahre Einsamkeit“. Bis auf wenige Stellen, eher eine zähe Lektüre, die nur durch die vielen, völlig unnötigen Kapitel aufgelockert wird. Viele Sprünge, um gar keine Langeweile aufkommen zu lassen, was aber passiert: überladene, mit Schockmomenten aufgemotzte Tristesse. Insbesondere finden viele Figuren keinen wirklichen Abschluss (Imre, Ilona), tauchen einfach ab. --> 1 Stern
Form: ●Wortschatz: breit, verwunschen, einfallsreich ●Type-Token-Ratio: 0,15 klar oberhalb von Genre (Musil >0,25 - Genre < 0,1) ●Satzlängen-Verteilung-Median: 20 Wörter, STAB 15. Hohe Rhythmus Amplitude. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter) ●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 77% (eher Richtung Genre) (Musil/Mann <70% - Genre >80%) ●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%) ●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: direkte Rede nur ca. 6% ●Stimmige Wortfelder: nur selten entgleitende Wörter wie „die Funktion“ … ●Satzstrukturen: aufwendig, ornamental, gedrechselt ●Wiederkehrende Motive/Tropen: Wald als geheimnisvoll dunkel; Licht, Strahlenbündel. ●Innovation: geringe Innovation, aber solide, literarisch arbeitende Sprache mit leider zu vielen unklaren, gewollten Metaphern, die stören, dennoch --> 4 Sterne
Erzählstimme: ●Eindruck: größte Problem des Romans, auktorial, springend, ohne sich zu perspektivieren, sich zu zeigen, einfach kursorisch, über den Dingen schwebend, unzugänglich, nicht Verantwortung und Glaubwürdigkeit übernehmen. ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): alles nicht. ●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher abgeklärt, sentimental, abgehackt, kursorisch, abwinkend. ●Einschätzung: schlechte Nachahmung von auktorialen Erzählstil wie Thomas Mann oder Lew Tolstoj, hier, keine Markierung und Dynamik, keine Herausgeberschaft, keine Ironie, keine wie auch immer erzeugte ästhetische Glaubwürdigkeit. Es fehlt schlicht die Mitte, die Perspektive, die Entscheidung und Rahmung. --> 1 Stern
Komposition: ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): als Möglichkeit über den Wald, das Dunkle, Unheimliche als Rahmenwirkung auf das Schloss, die Umgebung hätte der Text gelingen können, hätte es ein Thema, einen Konflikt gegeben: bspw. Wahnsinn, der Widerstand dagegen, aber so fällt alles auseinander, zwischen drei Orten: Pecs, Heviz, Budapest und drei Generationen, die mehr oder weniger aneinander vorbeileben. ●Extradiegetische Abschnitte: keine, spielt alles in dieser verhandelten Diskurswelt ●Lose Versatzstücke: seltsame Anekdoten über James Joyce, Marcel Proust, Stalin … ●Reliefbildung: durch arge Zeitsprünge gegeben, aber eher ornamental-erzwungen, als ästhetisch-formal ●Einschätzung: die Komposition geht nicht auf und verbleibt eine eher literarisch verhackstückte Chronik, die im Grunde ein Familiengespräch darstellt, ohne ästhetischen Mehrwert und gestalterischen Charakter. Nicht vorhanden, aus dem Material irgendetwas Kohärentes, Kompaktes, Auf-Sich-Bezogenes herzustellen. --> 1 Stern
Leseerlebnis: ●Gelangweilt: nein, durch die vielen Figuren und Ereignisse, nicht ●Geärgert: über die völlig abstrusen Verkürzungen, Verwendungen, über das Ausschlachten von Leid, über die vielen Vergewaltigungen und kleinen Schocker (Zehen lutschen), über das etwas blutrünstige Monströse, das zwischen den Zeilen lauert. ●Amüsiert: nein ●Gefesselt: nein ●Zweites Mal Lesen?: auf keinen Fall, gibt nichts her, da keine Form. Gibt einen Pluspunkt für die äußerst gediegene Form und dadurch gegebene Lesbarkeit. --> 2 Stern
Nelio Biedermann, der Autor von Lázár, ist gerade einmal 22 Jahre alt. Junge Autoren gibt es viele. Die Anzahl an Autoren, die so schreiben können wie Nelio Biedermann ist gering, in diesem Alter geht sie gegen Null. Kein Wunder also, dass er als literarisches Wunderkind bezeichnet wird. Mit deutschsprachiger Literatur tue ich mir manchmal schwer. Bei vielen Werken ist mir vieles zu sehr gewollt, die Handlung wird zu Gunsten von Sprache häufig zu sehr reduziert. Daher freut es mich umso mehr, dass bei dem vorliegenden Werk beides stimmt. Man merkt, dass jeder Satz, jedes Wort genauestens überlegt sind. Nelio Biedermann weiß genau, wann er etwas erzählen muss und wann es besser ist, eine Szene oder Situation der Vorstellung der Lesenden zu überlassen. Gleichzeitig wirkt das Ganze dabei nie bemüht. Die Handlung ist von der Familiengeschichte des Autors inspiriert, ungarischen Adligen, die ebenfalls in die Schweiz flohen. Beim Schreiben profitierte er von diesen Erfahrungen. Das ist es aber nicht allein, was diesen Roman ausmacht. Es sind die einzelnen Personen, auch wenn sie teilweise nur am Rande vorkommen. Gerade Figuren wie der Onkel oder auch die Beschreibung von Lajos zu Beginn des Buches. Es sind diese Details, die an den richtigen Stellen platziert werden. Der Roman will aufmerksam gelesen werden. Nicht immer ist sofort klar, aus wessen Sicht nun erzählt wird, teilweise musste ich Abschnitte zweimal lesen. Dies machte das Leseerlebnis für mich noch intensiver. Für Lázár gibt es von mir eine ganz klare Leseempfehlung. Wenn Nelio Biedermann so weitermacht, können wir noch Großes von ihm erwarten.
Intertextually, “Lázár” reads like a canon of school reading material: Hoffmann's “The Sandman,” Schnitzler's “Dream Story,” von Horvath's “Youth Without God,” Zuckmayer's “The Captain of Köpenick,” Mann's “Death in Venice.” Added to this are the almost obligatory names that must be mentioned if one wants to write a “great” epic about the 20th century in the guise of a family novel. But the epic is not that great, and the family novel takes on a certain fleetingness and arbitrariness due to the constantly changing perspectives and sketchy characterization.
Certainly, the "Buddenbrooks" are inscribed in the novel—it is about the decline of a family. Certainly, the novel is also based on 19th-century horror literature, because the idiosyncrasies of the family members primarily reflect the dark side of human nature. But the contours often lack depth. Thus, the family stumbles from trauma to trauma, personifying the dark chapters of modern European history. But by rushing through the decades, the terrors become terrible anecdotes that flare up briefly and then burn out again.
Thus, “Lázár” is a smorgasbord of bizarre fireflies that neither light the way nor linger in the memory. In retrospect, one thinks more of the darkness that the fireflies did not illuminate.
Als Lajos von Lázár um die Jahrhundertwende im alten Waldschloss der Familie in Ungarn zur Welt kommt, markiert er auch gleichzeitig ein Ende, den Untergang des Habsburgerreichs. Fast durchscheinend sind seine Haut und Augen, sein Vater, der Baron, wird nie wirklich warm mit ihm werden. Die politischen Wirrungen des 20. Jahrhunderts haben ganz unterschiedliche Auswirkungen auf die Familienmitglieder, die zugleich auch mit emotionalen Herausforderungen zu kämpfen haben. Ein weiterer Wendepunkt stellt die Geburt von Lajos Kinder dar, die in eine Welt verschiedener totalitärer Systeme hineingeboren werden.
Monarchie, Naziregime, Sozialismus - viele politische und gesellschaftliche Ereignisse des ungarischen 20. Jahrhunderts stecken in Nelio Biedermanns historischem Roman "Lázár", und das auf lediglich rund 300 Seiten. Protagonistin des Buches ist die ganze Familie Lázár, jedes Familienmitglied, jede Generation kommt zu Wort. So erhalten die Lesenden Zugang zu verschiedenen Lebensgeschichten, die jede für sich einigermaßen tragisch und traumatisch verlaufen und die nachfolgende Generation prägen. Biedermann erzählt sehr bildhaft und atmosphärisch und lässt auch immer wieder ein wenig magischen Realismus in seinen Roman einfließen, der sich an seiner eigenen Familiengeschichte orientiert. Die geschichtlichen Hintergründe waren für mich sehr spannend, auch hat mich die dichte Erzählweise immer wieder einfangen können. Wenig angetan war ich von den vielen Sex- und Vergewaltigungsszenen im Buch, die wenig zum Fortgang der Geschichte beigetragen haben, unnötig detailliert und brutal ausfielen und in meinen Augen in einem irritierenden Widerspruch zu den teils recht eindimensional gehaltenen Figuren stehen. So bin ich doch ein wenig verwundert über den Titel des Lieblingsbuchs der Unabhängigen - trotzdem habe ich "Lázár" nicht ungern gelesen, die anfängliche Begeisterung für die Geschichte konnte sich bei mir jedoch nicht bis zum Schluss halten.
Ich möchte meine Rezension mit dem Ende einer anderen beginnen, weil ich faul bin. Weil ich mich ein wenig ärgere, diesen mittelmäßigen aber über den grünen Klee gelobten Roman gelesen zu haben, obwohl mein Lesestapel so viel hergibt. Und weil Eva-Sophie Lohmeier es auf den Punkt bringt:
„Was genau, so fragt man sich, und wovon wird hier eigentlich erzählt? Für einen richtig saftigen Historienschinken sind 320 Seiten zu wenig. Von einer Familie? Dafür fehlt eine echte Einfühlung in die Figuren, ein paar Charaktermerkmale jenseits ihrer mittelinteressanten Begierden. Man muss sich ja nicht gleich zutiefst mit ihnen identifizieren. Ein wenig Interesse würde schon reichen. Werden die Zeitläufte erzählt? Eher nicht, sie bilden nur eine impressionistisch hingepinselte Kulisse. Hier ein Kaiser, da ein Hitler, nur Stalin bekommt eine Sprechrolle, zum Glück ohne Penis, dafür mit Buch (Gogol). Warum, weiß niemand. Am ehesten wird hier wohl von der Belesenheit eines jungen Autors erzählt, der sich im üblichen Kanon auch wirklich ganz gut auskennt und eine Menge Anspielungen einfügt, in denen beflissene Rezensenten ihr jüngeres Selbst und ihre Belesenheit gespiegelt sehen. Wie die Hymnen auf ein Buch voller schiefer Bilder, prätentiöser Sprache und halbverdauter Lektüre zustande kommen, ist wohl außerdem auch mit einer Faszination für die Familiengeschichte des Autors zu erklären. Die meisten Autoren haben leider weniger schillernde Adelshintergründe, andere sind Frauen, daher stellt sie niemand unter Genieverdacht.“
Der erst 22-jährige Autor Nelio Biedermann will mit „Lázár“ hoch hinaus. Er bemüht sich stark, seinen zu mager geratenen Adelsschinken mit den richtigen Referenzen zu salzen, von E. T. A. Hoffmann über Marcel Proust bis hin zu Thomas Mann. Und warum auch nicht? Ich bewundere sein Selbstbewusstsein. Ich frage mich: wie ist es möglich, dass die Trope vom jungen männlichen Literaturgenie noch immer dermaßen zieht? So sehr, dass solch ein Minischinken noch vor Veröffentlichung in zwanzig Länder verkauft wird? Und: Ist die Geschichte des „Abstiegs“ einer Adelsfamilie wirklich das, was wir zur Zeit lesen und in zwanzig Länder verkauft sehen wollen?
Richtig genervt war ich bei der Lektüre nicht nur vom prätentiösen Nachbeten eines paternalistischen Kanons, sondern vor allem von den neurotischen Sexszenen, die in Hülle und Fülle verstören. Sexualisierte Gewalt wird nachlässig wie Würze eingesetzt, „wie Vergewaltiger“ sind 1. „der Schlaf“ („Der Schlaf war wie ein Vergewaltiger, zu dem er sich jeden Abend wieder ins Bett legen musste.“), 2. „Schriftsteller“ („[…] Vergewaltiger der Existenzen und der Privatsphäre […]“), waruuuuuuum!?
Hier, weil es so schön war, noch ein Satz aus „Lázár“, der sich erstmal imposant aufbaut wie ein abweisender Türsteher, bevor wir uns zum fragwürdigen Inhalt durchkämpfen können: „Der Schriftsteller fürchtet sich vor nichts mehr als vor dem Glück, was nur verständlich ist, denn Schreiben ist Konservieren, Festhalten, Ordnen, das Glück aber meidet die Sprache, entzieht sich den Wörtern, versteckt sich in der Vergänglichkeit und zerfällt, wenn man es zu erklären versucht. Da aber weder Lilly noch Lajos Schriftsteller waren, lebten sie in ihrem Glück wie Tiere, die keinen Gedanken an die Zukunft verschwenden und sich nicht nach Erklärungen sehnen.“ Ach! Herrlich, als Nichtschriftsteller im Glück dahinzuleben wie Tiere!
Nelio Biedermann ist sicher ein Autor, der seinen Weg gehen wird und auf dessen weitere Texte eins durchaus gespannt sein kann. „Ein junger Zauberer“ (Die Zeit) sein zu müssen, hat er nicht verdient.
CN: selbstverletzendes Verhalten, Suizid, Verachtung gegenüber psychischen Krankheiten, Gewalt gegen Kinder, Mord, Diskriminierung von Sinti*zze und Rom*nja, Antisemitismus, Krieg, Vergewaltigung, sexualisierte Gewalt, Holocaust, Folter, Flucht
Zweimal habe ich jetzt einen Text geschrieben und zweimal hat GR ihn ins All geschickt. Jetzt wünsche ich eben nur allen einen schönen Abend und eine gute Nacht. Das geht bestimmt durch.
Dritter Versuch: Der Roman wurde ja einerseits gelobt und prämiert, andererseits gab es heftige Kritiken. Ich merke jetzt erstmal das Negative an: als historischer Roman hat er für mich nur bedingt funktioniert. Ich weiß leider wenig über die ungarische Geschichte und habe aber auch nicht das Gefühl etwas gelernt zu haben. Für eine Familiengeschichte kamen mir die Personen zu wenig nah. Sie sind schon prägnant charakterisiert, aber für mich fehlten so kleine Eigenheiten in der Sprache zum Beispiel. Sex kam mir zu viel vor( auch weisse Kerzen), aber damit tue ich mich oft schwer im Büchern. Es wird auf 300 Seiten eine riesige Zeitspanne-mehrere Generationen- abgebildet: ich fand dadurch trat eine Art von Szenenanreihung ein. Viele Bilder aneinandergereiht. Die ganzen literarischen Anspielungen sind an mir ehrlich gesagt vorbeigegangen. So lese ich aber auch keine Bücher, ich möchte eine Geschichte, interessante Gedanken und Impulse. Ich bin für Eastereggs eher das falsche Publikum. Zum Guten: Die Sprache hat mir gefallen,, es ist spannend zu lesen und vermittelt durchaus Atmosphäre. Jedenfalls bin ich neugierig was wir von diesem sehr jungen Autoren noch hören werden!
Dieses Buch, "Lázár" von Nelio Biedermann, wurde mir von nicht weniger als drei Personen unabhängig voneinander ohne Arg und zum Amüsement empfohlen. Dafür bin ich ihnen dankbar, denn sie konnten angesichts der Vorschusslorbeeren von einigen der renommiertesten Stimmen der deutschsprachigen Literatur und des Erscheinens "in mehr als zwanzig Ländern" nicht wissen, dass es sich um einen grausigen Riemen handelt, eine Klamotte, eine Parodie eines Gesellschaftsromans wie von einem, der der Generation Z Übelstes will, nur offenbar im Ernst von einem Zoomer geschrieben. Ich lese es zwar noch bzw. schleppe mich durch, aber sofern in der zweiten Hälfte nicht noch eine dramatische, mir persönlich in keinem anderen Werk erinnerliche totale Wende in Charakterisierung, Handlungsinszenierung, Verortung und Detaillierung, Beobachtung und Beschreibung von Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten und höchst peinlicher, ich will sie Downton-Abbeyisierung und Juli-Zehisierung nennen, eintritt, sind hier schon einmal einige meiner Eindrücke.
***[UPDATE 10.10.: Endlich fertig. Es ist keine Wende eingetreten. Siehe unten.]***
I. Downton-Abbeyisierung
Was ist Downton-Abbeyisierung? Das Einschreiben höchst postmoderner (nach 1968) Verhaltensweisen und Sensibilitäten der oberen Mittelschicht in dezidiert moderne (bis 1945) oder gar vormoderne (bis 1914) Charaktere, die oft der Oberschicht angehören, die ja noch länger als andere Schichten an älteren Verhaltenskodizes festhält. In der TV-Serie "Downton Abbey" äußerte sich das u.a. in Charakteren, die ohne ersichtlichen Grund viel weniger hierarchisch, religiös, pflichtbewusst, rassistisch und sexistisch waren als typisch für englische Adlige des frühen 20. Jahrhunderts, weit herzlicher und selbst gegenüber männlicher Homosexualität bedeutend aufgeschlossener als noch heute (!) substanzielle Minderheiten selbst im globalen Westen. Der Zweck war, diese Charaktere für zeitgenössische Zuschauer:innen sympathischer erscheinen zu lassen und sie nicht mit einer Transferleistung von altmodischen Werten zu heutigen anzustrengen, und außerdem, den Adel als doch grundsätzlich nobel und gut und sich zurecht auf seiner Position befindlich darzustellen statt z.B. als unrechtmäßige Parasiten eines Landes.
All das geschieht auch in "Lázár", nur hier ohne letzteren Zweck, mutmaßlich weil Position, Selbstverständnis und Historiographie des Adels den Autor kaum mehr als als Staffage interessieren bzw. weil er zu faul war, richtig zu recherchieren (dazu später mehr). So sind Charaktere hier angesichts des Ersten Weltkrieges Pazifisten und leben unbehelligt in Berlin (!), ritzen sich wie 90er-Teenagerinnen die Unterarme auf, während Tic Tac Toe auf den Walkman-Kopfhörern läuft, und vögeln, pimpern, schnackseln und schütteln sich vor allem einen von der Palme wie Sozialwissenschaftsstudenten der Humboldt-Uni, die nicht mehr zu den Vorlesungen gehen und ihre Tage und Nächte nun mal mit irgendwas füllen müssen. Da hat der Knecht spontan Sex mit der Herrin. Da lässt die Herrin einen fremden Diener hinein, damit er es mit ihrer Dienerin treiben kann. Da hört das die pubertierende Tochter und macht es sich mit einer langen Kerze selbst. Völlig fehlende Sexualerziehung? Religiöse Schambesetzung jeglicher sexueller Betätigung außerhalb heterosexueller Ehen? Die oft buchstäblich tödliche Gefahr von Schwangerschaften und Geburten bei gleichzeitig fast ganz fehlenden Verhütungsmitteln? Und nicht zuletzt die ernsthaft existenzgefährdende soziale Schmach und Verachtung, falls dieser fröhliche Ringelpiez mit Anfassen auffliegen sollte? Alles Fehlanzeige, denn ungarische Landadlige im Jahr 1912 denken und handeln doch genauso wie Jung-Nelio in der vorlesungsfreien Zeit des Sommersemesters 2023, oder nicht?
II. Zeit- und Ortsvergessenheit
Diese Zeit- und Ortsvergessenheit setzt sich auch fort, wenn die Charaktere mal Kleidung anhaben, die oft an der Grenze zum Anachronismus entlangschrammt (z.B. für den Vorabend des Ersten Weltkrieges zu verbreitete Krawatten modernen Stils). Wer sich z.B. an "Krieg und Frieden" oder an "Buddenbrooks" erinnert, erinnert sich an die detaillierten Beschreibungen von Schlachtordnungen und -örtlichkeiten, die zu kurze, leicht behaarte Oberlippe der "kleinen Fürstin" Lise Bolkonskaja, die nuancierten Erläuterungen diverser Stile von Vatermördern und Backenbärten, die plastischen Schilderungen der gesellschaftlich und persönlich erwarteten hanseatischen Reserviertheit usw. usf., kurz an hervorragenden, oft sehr lyrischen Text, der die Geschichten klar im Russland der napoleonischen Kriege bzw. in Lübeck zwischen Vormärz und Reichsgründung verortet und seine Charaktere deutlichst vor dem inneren Auge entstehen lässt. Selbstredend ziehen sich in diesen Klassikern nicht nur Charaktere und Orte, sondern auch Themen und Symbole durch, und Begebenheiten bauen sich erst auf, bevor sie geschehen und ihre Folgen entfalten, wie man es eben von einem Roman erwartet statt von einer Kurzgeschichtensammlung, einer Collage oder einem Kollektivwerk der Vorschulgruppe "Bunte Waschbären" der Kita Hanflandweg Bempflingen.
Hier jedoch schlürfen die Charaktere pflichtbewusst Gulaschsuppe, um zu signalisieren, dass die Geschichte in Ungarn spielt, sie erwähnen die Titanic und ab und zu die österreichisch-ungarische Monarchie, und damit hat es dann sein Bewenden an Verortung und -zeitung. Was haben sie an? Was essen sie noch? Wie sieht ihr Alltag aus? Was denken sie an sich und über große Weltereignisse und warum? Ja, wie sehen sie überhaupt aus jenseits spartanischster Beschreibungen, die so wie vieles in diesem Buch (Charaktere, Stimmungen, Sehnsüchte usw.) noch nicht einmal durchgehalten werden bzw. ohne Konsequenzen bleiben bzw. ebenso plötzlich wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind? Das gilt selbst für die im Marketing groß beworbene quasi durchsichtige Haut des Charakters Lajos! Dabei sollte man doch meinen, dass eine solch unübersehbare Eigenschaft in noch weit religiöseren und abergläubischeren Zeiten als den unsrigen einen erheblichen Einfluss auf das Lebensschicksal haben müsste. Stattdessen schweben die hier porträtierten Personen gleichsam schwerelos und ungebunden durch die Geschichte und ihre Geschichten, die abgesehen von den genannten Krümeln der Lokalisierung so auch in Cornwall oder Niederbayern hätte stattfinden können. Warum dann aber der Hype um eine "Geschichte ungarischer Adeliger"? Ja, wo??
III. Juli-Zehisierung
Ein Hauptschuldiger an dieser Misere ist etwas, was ich eine Bauhausisierung oder vielleicht, nach einer ihrer mutmaßlichen Verursacherinnen, Juli-Zehisierung der deutschsprachigen Literatur nennen will. Das heißt, eine Minimalisierung der Beschreibungen von Orten, Dingen, Personen und Handlungen bis fast auf ein Subjekt-Objekt-Verb-Schema für Erstleser:innen hinunter ("Marie brät Zwiebeln im Wok. Es brutzelt.") bei gleichzeitiger fast vollständiger Tell-Don't-Show-Explizierung und Veroberflächlichung der Handlungspunkte, deren Essenz plump und direkt genannt wird. Hier kann man lange nach perfekten Adjektivpaarungen wie "was außerhalb der Tore seiner giebeligen Vaterstadt lag" oder "Außerdem bemerkte man ein dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus Metall." suchen, und von exquisit feinsinnigen und ironischen Charakterisierungen von Personen fast nur durch ihre Dialoge, Bemerkungen und Taten kann man gar nur träumen. Wann hat man auch zuletzt in einem zeitgenössischen deutschsprachigen Roman überhaupt Landschaftsbeschreibungen gelesen oder längere Metaphern, geschweige denn gute?
Diese fast entleibte, entemotionalisierte Sprache ist eine rätselhafte Mode, die weder Geschichten eingehender macht noch eigentlich überhaupt etwas erklärt. So steht man vor kunstlosen Sätzen wie "Der Alkohol half gegen das Gefühl, trotz des Baronats und des Reichtums, trotz der langjährigen strikten Routine, trotz der Anzüge aus Merinowolle und der Seidenkrawatten dem Leben nicht gewachsen zu sein." und kann nur "Aha" sagen, weil man hiervon zum Einen zuvor kaum etwas gehört hat und zum Anderen gerne anders, subtiler, beobachtender, realistischer davon gehört hätte. Solche Prosa, die wie von McKinsey-Berater:innen zu Sparzwecken zusammengekürzt scheint, führt dann auch dazu, dass diese Geschichte über gut 55 Jahre auch in ihrem großen Druck kaum 330, häufig nirgendwo hinführende Seiten umfasst, während beispielsweise die "Buddenbrooks" 42 Jahre auf über 800 dicht bedruckte Seiten bringen, bei denen nicht ein Wort verzichtbar erscheint.
Wie geschrieben, ich muss mich noch ganz durch den Tunnel dieser 330 Seiten schleppen, und vielleicht geschehen am Ende ja noch Wunder, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Aber wenn "Lázár" die Hoffnung der deutschsprachigen Literatur sein soll, dann ist dieser Tunnel vielleicht die Gotthard-Basisröhre, und das Licht, das man in der Ferne sieht, ein SBB-ICN, der einem entgegenkommt. Oder wie es bei den Julizehisierten heißen würde: Pauls Füße spüren den Beton der Festen Fahrbahn. Ein Luftzug lässt ein Stück Plastik vorbeischweben. Es rattert. Er hebt den Kopf und sagt: Oh oh.
***[UPDATE 10.10.]***: Endlich fertig. Es ist keine Wende eingetreten. Zum Pimpern und Schnackseln sind noch Pudern, Poppen, Bumsen und ein für ungarische Teenager der 1950er ganz erstaunlich abgeklärtes Niveau der sexuellen Aufklärung selbst gegenüber den unwillkürlich erigierten Genitalien ihrer Geschwister gekommen (sic), von Scham, Unwissen oder Schwangerschaftsängsten ist hier nichts zu spüren. Ähnlich temporal altklug, also von Wissen, Ansichten und Einstellungen weit Nachgeborener erfüllt, denken zum Beispiel auch der den Nazis Widerstand leistende Schlosskaplan, der sich sicher ist, dass er nach seiner Hinrichtung als "Gewinner" gesehen wird, anstatt, da der Krieg im Februar 1945 noch nicht zu Ende ist, zum Beispiel zu zweifeln, ob das Dritte Reich nicht noch eine lange Weile durchhalten und jedenfalls nicht restlos fortgeräumt werden könnte, und die porträtierten Einwohner:innen des kommunistischen Nachkriegsungarns, von denen, historisch inakkurat, nur die wenigsten wirklich an die Versprechungen der sowjetischen Herrschaft zu glauben scheinen bzw. deren Untergang die meisten hellsichtig, allzu hellsichtig vorauszuahnen scheinen. Wie schon zum Teil in Teil I. ausgeführt, stellt das nicht nur ein recht feiges und faules Einschreiben heutiger Weltanschauungen in Charaktere vergangener Zeiten durch den Autor dar, sondern auch ein Versagen seinerseits, sich in diese Charaktere einzufühlen, und eine gewisse Arroganz, dass die heutigen Werte, Ansichten und Verhalten die offensichtlich universal richtigen seien und jedenfalls nicht kontingent. So erscheint dieses Buch mehr als eine Geschichte blasser Zeitreisender denn als eine wirklichkeitsgetreue Darstellung des Lebens einiger Ungarn während der großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Der oft dröge und skizzenhaft historische Fakten rezitierende statt diese mit Leben füllende Stil tut sein Übriges zu diesem Eindruck.
Ein letztes Wort - eine befremdlich nonchalante Verwendung von Vergewaltigungen als Metapher, als Begebenheit im Plot und als metatextuelle Reflexion des angeblichen Verhältnisses von Schriftstellern zu ihren Charakteren und ihrem Werk zieht sich durch das ganze Buch. Man fragt sich angesichts dieses so abgeschmackten wie penetranten Einsatzes unwillkürlich, was hier nicht verstanden wurde, ausfantasiert wird und/oder verarbeitet werden soll. So halbgar wie diese Stellen ist der ganze "Lázár".
Lázár - ein außergewöhnlicher historischer Roman mit überraschend hohem literarischen Anspruch. Ein Buch so kunstvoll wie die Gestaltung seines Covers.
Wir begleiten die aristokratische Familie Lázár durch die Jahrzehnte hinweg. Vom späten Kaiserreich Österreich-Ungarn, dem Ersten und später Zweitem Weltkrieg, bis hin zur sowjetischen Besetzung Ungarns. Dabei lernen wir verschiedene Charaktere kennen. Manche intensiver, andere werden nur als Nebenfiguren kurz abgehandelt.
"Manchmal kam es Pista vor, als müsse man sich für alles, was äußerlich nicht sichtbar ist, schämen. Für seine Ängste, seine Verdauung, seine Gedanken, seine Geschlechtsteile und seine Gefühle." Das Buch des jungen Autors ist Gen Z. Es ist fast-paced, direkt, explizit sexuell und brutal. Dabei aber meiner Meinung nach nicht voyeuristisch, sondern vor allem ehrlich. Manchmal schweben die historischen Ereignisse am Rande vorbei, während persönliche Begierden und kleinere Sorgen aus subjektiver Sicht des jeweiligen Charakters Bedeutungsvorrang haben. Andere Male befinden sich die Charaktere mitten im historischen Geschehen.
Ich habe den Roman als Hörbuch gehört. Max von Pufendorf liest es nahezu genial, betont sehr gekonnt an den genau richtigen Stellen. Er spielt mit Sprechtempo und Lautstärke. Die ungarischen Namen spricht er (soweit ich es beurteilen kann) authentisch und korrekt aus.
Mir hat die Lektüre sehr gefallen und bin gespannt, was man in nächster Zeit noch so von Nelio Biedermann hört.
Vielen Dank an den Argon Verlag für das Rezensionsexemplar!
Und schon wieder komme ich mir wie eine Literatur BANAUSIN vor.....
...denn das ohne Frage sprachlich und stilistisch hochwertige Werk des jungen Autors Biedermann konnte mich einfach nicht überzeugen.....
Die ins Fantasy-Horror Genre abdriftende Familienstory um den jungen ungarischen Baron Lajos war mir einfach zu derb, zu Sex lastig....und dabei auf seltsame Weise ungenau ....die Charaktere blieben mir zu nebulös und ungreifbar....
Für mich ein klarer Fall von: Kann man lesen....muss man aber nicht!
Nielo Biedermann erzählt, inspiriert von der eigenen Familiengeschichte, von einer ungarischen Adelsfamilie und deren Lebensgeschichten im 20. Jahrhundert.
Es werden mehrere Perspektiven abwechselnd eingenommen und so ein guter Eindruck der unterschiedlichen Familienmitglieder vermittelt. Die Figuren sind interessant gezeichnet und heben sich, jede für sich, auf eigene Weise aus dem Buch hervor. Die Lebensgeschichten werden durchgehend sehr schlüssig in das Geschehen der Weltbühne eingebettet. Auch ambivalente Beziehungen der Charaktere untereinander werden teilweise sehr gut dargestellt.
Etwas schade war, dass der Autor über manche große Ereignisse eher kurzgefasst geschrieben hat. Auch wurde auf die ein oder andere Figur zunächst sehr neugierig gemacht, nur um diese und ihren Erzählstrang schnell wieder fallen zu lassen.
Insgesamt handelt es sich um ein beeindruckendes Debüt und wir dürfen gespannt sein, auf alles was von diesem talentierten Autor noch kommen wird.
2.5 sterne / bei der vorstellung, dass ein 22jähriger all diese dinge darüber, wie sich das heranwachsen & dasein als frau in dieser gesellschaft vermeintlich anfühlt, zu papier gebracht hat & anscheindend der überzeugung war, dass es sein gutes recht sei & er in der position stehe, seine ansichten & (teilweise sehr fragwürdigen) fantasien dazu in die welt zu setzen, wird mir ein bisschen arg schlecht
Puh. Ich mein, er hat Potential, es hat ein paar tolle Stellen drin - aber er hat sich inhaltlich ziemlich übernommen. Sprache und Inhalt passen nicht zusammen. Anstatt sich zu komplementieren, bekämpfen sie sich – und damit meine ich nicht, dass es nicht möglich wäre, eine historische Geschichte im 20. Jhd. mit moderner Sprache und stilistischen Mitteln zu erzählen. Ihm gebührt Respekt, sich da rangetraut zu haben, aber ich hätte lieber etwas Persönliches, Kontemporäres von ihm gehabt.
Das Buch ist viel zu kurz, um eine Familiengeschichte über mehrere Genrationen adäquat darstellen zu können. Es ist sprunghaft, chaotisch, fragmentiert. Nichts baut sich auf, nichts entfaltet sich. Es gibt keine detaillierten Beschreibungen oder nuancierten Erläuterungen. Gerade zu Beginn sind die zeitliche Einordnung und lokale Verortung völlig spartanisch. Historische Referenzen sind rudimentär, flach und lassen keine atmosphärische Immersion zu. Ereignisse werden angeschnitten, um dann unkommentiert und unaufgelöst wieder fallengelassen zu werden. Generell wird den Figuren viel zu wenig Raum gegeben, um sich entwickeln zu können. Alle Szenen ziehen, bämbämbäm, unscharf blinkend an mir vorbei, ohne dass ich sie mal richtig betrachten könnte. Es werden Stereotypen hinterfragt, nur um sie dann gleich wieder selbst zu reproduzieren. Es fehlt grundsätzlich ein Mass an Balance. Der mittlere Teil vom Buch sticht dabei heraus, weil er ernster und ruhiger ist, sich ein wenig mehr Zeit gönnt. Umso mehr fällt das letzte Drittel dann wieder aus dem Rahmen, ist wieder unnötig gehetzt. Und, oh boy, manche der Entscheidungen der Charaktere haben mich völlig vor den Kopf gestossen, weil sie nicht nachvollziehbar sind. Erst recht nicht, weil mir die innere Gedankenwelt der Figuren grundsätzlich vorenthalten wird.
Einige literarische Referenzen, die aber nur zeigen, dass er sie kennt, aber nicht versteht. Sie stehen da, werden nicht verwendet, unreflektiert. Bspw. die Szene mit Stalin und Gogols «Tote Seelen» – es wird beschrieben, aber nicht damit gearbeitet. Wie Gogols Kritik am zaristischen System und dem Adel instrumentalisiert und umgedeutet wurde. Zusätzlich ist es eine Szene, die völlig alleine im Raum steht.
Am meisten Potential sehe ich in der Sprache. Es ist zwar stilistisch inkonsistent – mal laut, wütend und vulgär, mal ruhig und ernst. Mal ausschweifend verschachtelt, dann wieder kurz und knapp. Mal richtig originelle Sätze, dann wieder kitschig und ausgelutscht (als Beispiel der Schlusssatz, come on). Oft reif und erwachsen, dann wieder mit sexuellen Abschnitten eines 4chan Edgelords, wo ich nur augenbrauenhebend ein «ok…» an den Rand kritzeln konnte, weil es thematisch so stark ausschert, dass es gefühlt nur so dastehen kann, um die Prüderie zu provozieren.
Aber es hat Biss und Melancholie, und mit ein wenig Übung und Schliff kommt da noch Grosses.
Gekauft hatte ich mir den Roman auf die lobende Kritik von Adam Soboczynski hin, die in der ZEIT-Ausgabe vom 28.08.2025 erschienen ist. Der Rezensent bezeichnet den 22-jährigen Nelio Biedermann als "neuen Zauberer", was ich nach der Lektüre von Lázár nur so unterschreiben kann.
Mit seinem bereits zur Veröffentlichung in mehr als zwanzig Sprachen erschienenen Roman wagt sich der Schweizer Autor, in große Fußstapfen wie die von Thomas Mann zu treten, zeichnet er doch die Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie im 20. Jahrhundert über mehrere Generationen hinweg nach. Damit gelingt ihm, trotz seines jungen Alters, ein Epos von erstaunlicher Reife.
Ausgehend vom abgeschiedenen Waldschloss der traditionsreichen ungarischen Familie Lázár begleiten wir drei Generationen durch den Zerfall der Habsburger-Monarchie, durch beide Weltkriege, Revolution und Umbruch, den Verlust von Status, Besitz und ihres Zuhauses.
Biedermann verwebt die großen politischen Brüche des 20. Jahrhunderts mit den inneren Zerrissenheiten seiner Figuren: Zum Beispiel die von Lajos, dem zarten Kind, das zu einem Erwachsenen heranreift, der als pflichtbewusster Offizier trotz großer Schuldgefühle die Deportation zahlreicher Jüd*innen verantwortet, deren Schicksale ihn berühren sollten, hat doch seine eigene Schwester einen Juden geheiratet und emigriert aufgrund der Bedrohung durch die Nazis in letzter Sekunde in die USA. Egal, ob die still leidende Mária, ihr verrückt gewordenen Schwager Imre oder Ilona, die Meisterin des Verdrängens: Jeder der Charaktere ist psychologisch enorm fein gezeichnet, was ich ebenso sehr schätze wie die vielen Bezüge auf die großen Namen der Weltliteratur, die der Autor so gelungen in die Geschichte einwebt.
Trotz Biedermanns familiärer Wurzeln im ungarischen Adel ist Lázár weit mehr als eine persönliche Chronik: Es ist ein Roman über die Komplexität und gleichzeitige Einfachheit jeder Biographie, über Begehren und Verlust, über Schuld und Verdrängung, zusammenfassend darüber, was das eigene Leben überdauert.
"Was tut ein Schriftsteller anderes, dachte Eva, als seinen Figuren das Recht auf Selbstbestimmung zu nehmen. Er legt ihnen Kriege in den Weg, schreibt ihnen Depressionen ins Gemüt oder entreißt ihnen ihre erste Liebe. Ein Machtgefälle wie zwischen Täter und Opfer, wenn auch nur in der Fiktion. Die Figuren können sich nicht wehren, der Schriftsteller macht mit ihnen, was er will, lässt sie leiden und vergeblich hoffen, um sich seiner Überlegenheit zu vergewissern." (S. 289)
Genau das ist es, was dieser vielversprechende junge Autor mit Bravour meistert, weshalb ich die Lektüre von Lázár wärmstens empfehlen kann und gespannt bin auf alles, was er zukünftig noch veröffentlichen wird.
Als Lajos von Lázár im Jahr 1900 geboren wird, sind seinem Vater Sándor zwar die wasserblauen Augen und die durchscheinende Haut seines Stammhalters nicht geheuer, es werden jedoch mehr als zwei Jahre vergehen, ehe er die richtigen Schlüsse daraus zieht. Die Lázárs bewirtschaften ein Gut samt Wald und Fischteichen, das Land wird von Pachtbauern bestellt und Sándor geht weiteren nicht näher bezeichneten Geschäften nach. Seine Frau Mária, schon immer depressiv, nimmt sich 1913 das Leben, auch Sandors Bruder Imre wird sein Leben lang psychische Probleme haben. „Der Wald hat den Vater verschluckt, die Mutter getötet und den Bruder verrückt gemacht“, bringt Sándor die Familienverhältnisse auf den Punkt. Lajos Schwester Ilona wird einen Mann aus jüdischer Bankiersfamilie heiraten und beide können die Bühne rechtzeitig in Richtung USA verlassen. Lajos Kinder István/Pista (*1925) und Eva (*1932) kommen nach erfolglosen Experimenten mit Hauslehrern in ein katholisches Internat in Wien. Während Lajos mit Beginn des Zeiten Weltkriegs als Offizier zu „Organisationsarbeiten“, d. h. Auflistung von Juden, eingezogen wird, hat Pista nur noch seine erste Liebe Matilda im Kopf. Wir erhalten Einblick in eine Familie, in der mit allen Mitteln geschwiegen und verdrängt wird.
Die erste Hälfte der angekündigten Familien-Saga hat auf mich zunächst flach gewirkt, weil die Figuren hauptsächlich in der Kernfamilie auftraten und Lajos mutterlosen Kindern damit die Möglichkeit genommen wurde, außerhalb der konfliktreichen Beziehung zum Vater verlässliche Beziehungen zu anderen Erwachsenen aufzubauen. Von irgendwem müssen sie ja reiten gelernt haben, Pista wird an Forstwirtschaft und Jagd herangeführt worden sein, Eva Sticken lernen müssen. Auch Beschreibungen ohne überflüssige Adjektive scheinen dem jungen Autor nicht zu liegen. Da über Evas Entwicklung lange nichts zu lesen ist, erleben wir als Leser:innen eine nahezu reine Männerwelt, in der Eva erst auf der Flucht in den Westen wieder auftaucht. Als Pista circa 20 Jahre alt ist und damit das aktuelle Alter des Autors erreicht, wirkt die Geschichte aus meiner Sicht authentischer und nimmt an Fahrt auf.
Fazit Auch wenn ich Schachtelsätze problemlos wegschmökere, finde ich Nelio Biedermanns Stil nicht gerade unkompliziert und kann in die Lobeshymnen zum Buch nicht einstimmen. Von Figuren, die am Beginn eines Absatzes zunächst unerkannt bleiben, bis man weiß, wer es ist, über Sachverhalte, die in einem Nebensatz genannt werden, bis zu der Marotte, das Verb am Ende eines Schachtelsatzes anzuhängen … (so dass sie ihm, ohne etwas zu sagen, folgte … Pos. 3399) hält der Text einige Tücken bereit. Unakzeptabel finde ich, dass sexuelle Gewalt des Barons gegen (minderjährige) Abhängige als „Affäre“ verharmlost wird. Leibeigene haben keine einvernehmlichen sexuellen Beziehungen zu ihren Besitzern. Die Darstellung von Sexualität und sexuellen Phantasien wirkt überhaupt recht sonderbar. Biedermanns Stärke ist die Beziehungsebene seiner Figuren, ihr Leben in den Privatgemächern, sowie die Verdichtung ungarischer Nachkriegsgeschichte 1945-56 (Enteignung, Deportation, Zwangsarbeit, Aufstand und Flucht in den Westen) zu Pistas und Evas Schicksal - dafür lohnt sich die Lektüre.
Und schon wieder ein Buch, bei dem ich den ganzen Hype nicht nachvollziehen kann. Erst dachte ich, es liegt an meiner Leseflaute, aber nachdem ich das Buch endlich beenden konnte, habe ich realisiert, dass es überhaupt erst zu meiner aktuellen Leseflaute beigetragen hat. Fairerweise muss ich sagen, dass mich der Klappentext von Anfang an nicht angesprochen hat und ich das Buch nur für eine Leserunde gelesen habe.
Der Einstieg hat mir überraschenderweise noch gut gefallen und ich hatte den Eindruck, ich würde ein Reclam-Büchlein eines bekannten, längst verstorbenen deutschsprachigen Autors zu lesen – und nicht das Werk eines Autors Anfang zwanzig aus der Gegenwart. Man wird zu Beginn in die Dynamik der Familie Lázár eingeführt und lernt die wichtigsten Charaktere kennen. Am herausstechenden war dabei wohl der neugeborene Sohn Lajos, der mit einer durchsichtigen Haut geboren wurde.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Eindruck, dass die Geschichte entgegen meiner anfänglichen Skepsis richtig gut werden könnte. Bis ich dann bedauerlicherweise feststellen musste, dass sich die Handlung über einen riesigen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten erstreckt, und das bei einem Buch, das gerade mal 336 Seiten lang ist. Der Autor rast regelrecht durch die Geschichte. Charaktere, die ich gerade erst kennengelernt hatte, verlieren kurze Zeit später bereits ihr Leben und der gerade noch neugeborene Lajos ist plötzlich erwachsen, verheiratet und selbst Vater zweier Kinder. Das Erzähltempo wäre noch das eine gewesen, aber am meisten hat mich gestört, dass die Kapitel sich nicht wie eine zusammenhängende Geschichte angefühlt haben, sondern eher wie Fragmente einer Familienchronik, mit riesigen (Zeit-)Sprüngen dazwischen. Themen, die zuvor im Vordergrund standen, werden nie wieder erwähnt, weil es im nächsten Kapitel schon wieder um etwas anderes geht. Auch die realen historischen Ereignisse Europa, wie der Erste oder Zweite Weltkrieg, werden so nur am Rande gestreift.
Und das Endergebnis daraus war, dass sich die ganze Handlung samt Charaktere total oberflächlich gelesen hat. Man hat keine Chance tiefer einzutauchen oder die Figuren besser kennenzulernen, was mich unglaublich enttäuscht hat. Ich konnte dadurch zur Familie Lázár und deren Geschichte leider keinen Zugang finden und habe das Buch ab der Hälfte auch nur noch quergelesen.
Fazit: Gute Ansätze, schöner Schreibstil, aber die Umsetzung hat für mich gar nicht funktioniert. 336 Seiten sind einfach viel zu wenig für eine Familiengeschichte, die sich über Jahrzehnte ziehen soll. Dadurch bleibt alles oberflächlich und ohne echten Tiefgang. Schade – aber den Hype kann ich wirklich nicht nachvollziehen.
Das war leider gar nicht mein Buch. Ich fand es inhaltlich sehr langweilig und überhaupt nicht interessant. Ich konnte zu keiner der Figuren eine Beziehung aufbauen. Nach der Hälfte habe ich viele Seiten nur noch quer gelesen. Auch sprachlich fand den Roman nicht so gut. Die Schachtelsätze und die Satzstellung haben mich oft genervt. Ich kann leider den Hype um dieses Buch überhaupt nicht nachvollziehen. Schade, denn ich wollte es wirklich gerne mögen.
„Wie Sándor lebte er in der Vergangenheit - aber einen anderen Ort gibt es für manche Menschen nicht.“
Leider leider ein Fall von hohe Erwartungen, tiefer Fall.❤️🩹 Dabei war es keine schlechte Lektüre, gab es gute Bilder und helle Sätze wie oben über die Vergangenheit. Erwartet habe ich nur leider: Ein „neues Genie“ (danke Presse), einen präzisen Schreibstil in dem mehr Bilder gut sind als schief, einen - wenn auch illusorischen - Eindruck von „GENAU SO war der Habsburger Niedergang für die Menschen“. Das Problem war, dass mir die Menschen fremd und irgendwie austauschbar - reduzierbar auf ihre sexuellen Begehren - geblieben sind. So sehr ich Buddenbrooks für seine stabilen 800 Seiten verflucht habe: Dass man jeden Generationenrepräsentanten inklusive Zahnzustand und Fingeroptik kennenlernt, bedeutet auch, dass man ihn und seine Wegbewegung vom Vater dann kennt. Dazu war hier, in den circa 56 Jahren zwischen zwei Weltkriegen und einem Volksaufstand, gar keine Zeit. Was nicht schlimm ist, aber dann muss „Lázár“ von der Berichterstattung vielleicht auch nicht gleich mit Thomas Mann verglichen werden, sondern darf einfach sein, was es meiner Meinung nach ist: ein beträchtlicher Zweitling von einem jungen Autoren, der bestimmt noch viel Gutes und Besseres schreiben wird.
„Lázár“ kam mit einem Paukenschlag: Erscheinung in mehr als zwanzig Ländern, Hype um den Anfang zwanzigjährigen Autor, große Worte. Nach der Lektüre bleibt allerdings eher ein leises Echo und die Frage, ob hier nicht das Marketing die spannendere Geschichte erzählt hat als das Buch selbst.
Zwischen Erwartungshaltung und tatsächlicher Leseerfahrung klafft eine deutliche Lücke. Es gibt hier bereits andere sehr gute Rezensionen im Zwei- und Drei-Sterne-Bereich, denen ich in großen Teilen zustimme.
Wie im Klappentext beschrieben, begleiten wir eine Familiengeschichte über mehrere Generationen – bei 326 Seiten auf 60 kurze Kapitel verteilt ist das aber sehr komprimiert. Die von Daniel Kehlmann erwähnten „zutiefst originellen Charaktere“ kann ich nicht finden: Es bleibt überhaupt nicht genug Zeit, diese zu entwickeln.
Aufgestoßen sind mir auch die vielen Erwähnungen von Vergewaltigungen und geschilderten Missbrauchsszenen. Was wird hier verarbeitet?
Ich würde dennoch nicht ausschließen, ein weiteres Buch von Nelio Biedermann zu lesen. Der Schreibstil hat mich an vielen Stellen weiterlesen lassen.
In „Lázár“ erzählt Nelio Biedermann den Niedergang der ungarischen aristokratischen Familie von Lázár. Der Autor will hier zweierlei: Einerseits porträtiert er eine Familie über mehrere Generationen mit ihrer Zerrissenheit und ihrem Zusammenhalt. Dieses Porträt verknüpft er mit den politischen Entwicklungen in und um Ungarn herum. Mehr als ein halbes Jahrhundert erzählte (Familien-)Historie auf gut dreihundert Seiten. Ein gewagtes Unterfangen.
Biedermanns Erzählton ist einladend, weil er klassische Elemente mit einem modernen Stil angenehm verknüpft. So entsteht sofort ein Leseflow, der eigentlich auch kaum unterbrochen wird. Schnell wird allerdings klar, dass er seinen Figuren auf dem schnellen Ritt durch das 20. Jahrhundert nicht gerecht werden kann. Und so stattet er sie fast alle mit einer Dosis Weltschmerz, Sexsucht und Geheimnistuerei aus. Die Figuren verlieren dadurch Kontur und Tiefe. Und das ist ein großes Versäumnis, weil Nelio Biedermann sich doch eher für die Figuren bzw. die Familie Lázár entschieden hat, als für die historischen Hintergründe seines Plots, denn diese werden noch dünner serviert.
Ich musste oft an „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwilli denken, welches ein ähnliches doppeltes Ziel verfolgt wie „Lázár“: eine Familienchronik vor dem Hintergrund historischer Ereignisse. Der Unterschied besteht in knapp 1.000 Seiten.
Ich habe „Lázar“ ganz gern und auch recht schnell gelesen, weil ein Familienepos über gut 300 Seiten eben auch schnell wegzulesen ist. Viele Passagen sind durchaus gelungen. Leider schafft der Autor aus meiner Sicht (noch) nicht, eine formale und inhaltliche Stringenz durch den ganzen Text zu ziehen. Mal ist der Text überladen mit blumigen, schwülstigen Sprachbildern oder dem Flexen von literarischen Referenzen, und im nächsten Moment sind eigentlich wichtige Kapitel plötzlich nur eineinhalb Seiten lang und von knappen Hauptsätzen geprägt. Eine kleine Leseempfehlung für einen jungen sicherlich aufstrebenden Autor!
Ich gebe es zu, ich war erst skeptisch: Ich liebe große, epische, multigenerationale Familienromane mit ganz viel Geschichte. Doch wie soll das gehen, auf gerade mal etwas über 300 Seiten? Biedermann hat's super hinbekommen und braucht tatsächlich nicht mehr, um den Niedergang der Familie Lázár und die Geschichte Ungarns von den Habsburgern bis in die 1950er mitreißend und ausreichend episch zu erzählen. Ich bin gerne mitgereist.
Der Quentin Tarantino der Literatur (fußfetisch). Eigentlich geht's nur um Sex, bißchen traurige Aristokraten und noch mehr Sex. Handwerklich aber sehr krass. 4,5 Sterne 🌟
Biedermann is a very young writer of huge potential and this is a compelling and well written novel. Documenting the fall of the aristocratic Von Lazar family across the first half of the 20th century, we follow three generations as they ram head first into the brutalities of history.
Biedermann's skill is on show as much as his weaknesses are in this shifting, sad, and tragic tale which, after a very strong start does lose its way a little bit as the novel progresses.
But there is huge talent here and it's pretty incredible that someone so young turned out a debut of this quality.
An ambitious novel that feels big on the surface, but ultimately left me with a feeling of having witnessed something pretty mundane.
I get why this book got much hype in the German-speaking world: it's just so marketable. Not only has this novel been written by someone a mere 22 years old, he's also managed to get it translated into eighteen languages. Plus, it's inspired by his own family history. All of this does fantastically on a blurb and were reasons I picked this up.
It takes us right back to 20th-century Hungary, where Lajos von Lázár is born. He's the illegitimate child of a Baron residing in a noble castle in the country's south with little to worry about. But this is a novel about the decline of the Eastern European upper class, and over the course of three generations we witness how the times are changing — and with them, its people.
Biedermann certainly has talent for the craft. There's a lot of fluency in his language, the pages feel vivid and alive. The flow he's creating with his words benefits the reader, making this an easy read despite the monumental historical gravity of the subject matter. There's almost a fairytale-like quality to how Lázár and his descendants stroll through history and I can see where comparisons to Thomas Mann come from. Both have explored the tension between generations and decline of aristocracy in destabilising times.
Somehow, nothing sticks. While I did have a good time with this, it's been a couple of days now since I finished reading it, and with each moment passing, I'm noticing how little actually stayed with me. As big as the subject matter feels, the characters did very little for me. Where Thomas Mann in his Buddenbrooks weaves philosophical reflections into his story, Biedermann's narrative sticks to the layer of sexual desire (which certainly was vividly explored and graphically portrayed). Some might call this his style, but I personally didn't quite get it. Great, these characters are horny — is this supposed to make them feel more human? More real? I didn't much mind, but I would rather have learned other aspects of the characters' interior lives than who they think about when masturbating.
Ultimately, this is a fun novel, but its immense success remains a mystery to me. And still — I'll be keeping an eye out for what Biedermann does next, because I do think that he's got potential which hasn't been fully realised yet.
If imitation is the sincerest form of flattery, then Nelio Biedermann has just made Thomas Mann and Joseph Roth blush. As the raving reviews promise, the young author excels in copying the sprawling, sardonic style of the long-gone masters.
However, there are two issues with that:
First, he is not an author of the 19th century. While he captures the atmosphere and tone quite well, he sometimes veers into parody, with the prose being just a little too over the top and trying just a little too hard. Read the first page properly and ask yourself: Is that really it? Also: What is the point? What time is the author telling us something new about? What does he reveal to us that we have not already seen? We already have Thomas Mann. We have Joseph Roth. To acknowledge the multitude of authors cited: We already have Marcel Proust. So: Why do we need fan fiction?
Secondly, things that can be forgiven in these old white men because they were products of their time seem strange when offered by a young writer from the Zoomer generation. What is it about the psychosexual proclivities of his female characters? Why are they constrained so much? Why is there the old 'promiscuous young woman gets man killed by crying rape out of jealousy' trope? What is the point of all the unmotivated rape? The descriptions of female bodies and the comparisons are just uncomfortable. Also: Why is everyone so horny? The way we zoom through history feels strange because the pacing seems off, and Biedermann fails to take the time needed to properly explore some of these historical events.
Overall, I think the author impressively captures the tone and feel of old German literature, but lacks the thematic or literary depth and understanding to offer something new or surprising. I get wanting to see where Nelio Biedermann is going next, but this novel... just was not it for me.