Julia Ruhs war stets überzeugt, ganz normale Meinungen zu vertreten – bis sie Journalistin wurde. Sie sprach sich als Volontärin in der ARD gegen das Gendern aus und warnte später in einem Kommentar der »Tagesthemen« vor illegaler Einwanderung. Sie sprach sachlich und mit Bedacht Themen an, die viele Menschen im Lande bewegen. Aber plötzlich war sie eine Exotin im Metier. Die Reaktion war ein linker »Shitstorm«, leider Normalität heutzutage.
Die Politikjournalistin Julia Ruhs ist Reporterin beim Bayerischen Rundfunk sowie Kolumnistin für Focus Online. Dieses Buch ist ihr Plädoyer für eine offene Debattenkultur, in der auch kritische und unbequeme Meinungen Gehör finden müssen. Sie hinterfragt, gerade als Journalistin, den herrschenden Zeitgeist, der offenbar nur eine Richtung zuzulassen scheint. Und sie verdeutlicht, warum manche Meinungen laut und andere leise sind, warum Konservative im Journalismus Mangelware sind, weshalb sich Journalisten für besonders mutig halten, um trotzdem lieber mit dem Strom zu schwimmen. Und sie dokumentiert, wie ein Berufsstand, der Neutralität predigt, immer stärker polarisiert
Ich habe das Buch für die Arbeit lesen müssen. Das Buch ist eine Beleidigung für meine Intelligenz gewesen.
Neben falschen Behauptungen, der Klimawandel sei für die Menschen zu abstrakt und es gäbe einen Hass auf Regenbögen aller Art (egal, ob am Himmel oder ein bunt bemalter Zebrastreifen), wurden auch eindeutig rechtspopulistische, verschwörungstheoretische Medien wie Nuis oder Manova als konservativ gelabelt und uneingeordnet zitiert. Dieses ist insofern widersprüchlich, als dass die Autorin dasselbe permanent den "links-grünen Medien" vorwirft. Auch wissenschaftliche Grundsätze wirft sie direkt über Bord, in dem sie sich für eine anekdotische Evidenz ausspricht, was sich wie ein roter Faden durch das sehr redundante Buch zieht. So zitiert sie permanent Leser*innen-Briefe, die ihre Meinung untermauern würden (So kamen auch die bösen Regenbögen zur Sprache). Insgesamt werden hier rechtspopulistische Narrative bedient: angeblich bedrohte Meinungsfreiheit ("Man darf ja nicht mehr alles sagen"), die bösen Grünen und Linken, woke Sprache (Gendern, das N-Wort wird mehrfach bewusst ausgesprochen und als nicht schlimm gelabelt --> N-Kuss anstelle von Schaumkuss), der "abstrakte Klimawandel" (die bösen Windräder) etc.
Begleitet wird dieses ständig - vermutlich für einen intellektuellen Anstrich - mit Zitaten von Philosophen und Politologen, die nicht auf dem aktuellen Forschungsstand basieren, aber ins eigene Narrativ passen. So wurden Studien über die Wahlpräferenzen von Journalist*innen vorgestellt, bei denen zwar auch die Ergebnisse von 2023 und 2024 erwähnt wurden, Kernpunkt der Argumentation basierte aber auf der Studie von 2005. Dass dort die AfD nicht vertreten sein kann (und somit nicht für ihre Zwecke vergleichbar ist), sollte offensichtlich genug sein. Auch der Vorwurf, die andere Seite würde bewusst auf Framing setzen, wird gekonnt durch eigenes Framing untermauert.
Für Meinungsvielfalt im öffentlichen Raum. Kurzmeinung: Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, welcher Menschenschlag eine journalistische Laufbahn einschlägt. Ein Erkenntnisgewinn.
Nachdem die Journalistin Julia Ruhs aus der NDR-Sendung „Klar“ gegangen wurde (09/2025), lese ich mit Interesse ihren Essay über links-grüne Meinungsmacht im Lande. Ist das so? Darüber würde ich mir Studien wünschen. In ihrem Essay sagt Ruhs jedenfalls, die Meinung eines großen Teils der Bevölkerung käme in deutschen Medien nur noch rudimentär vor, es würde von Medienseite einseitig eine unkritische links-grüne Weltanschauung bedient. Dies sei mit ein Grund für Medienüberdruss/Medienskepsis gegenüber den öffentlich-rechtlichen Medien und würde teilweise den Zulauf zur AFD erklären. Um ihre Ansicht zu untermauern, führt sie zahlreiche Emails ins Feld, die ihr geschickt werden und zitiert daraus. Das ist zu wenig. Ein wenig tiefer muss man schon schürfen.
Der Kommentar und das Leseerlebnis: "Links-grüne Meinungsmacht" von Julia Ruhs ist beileibe kein Sachbuch, schon gar kein wissenschaftliches. Will es das sein? Eher nicht. Es ist ein persönliches Statement in Essayform. Berechtigte Meinung freilich! Was ich an dem Buch schätze, ist eine reflektorische Haltung gegenüber dem Journalismus und Mediengestaltern grundsätzlicher Art. Julia Ruhs erklärt, wie Konformitätsdruck in ihrer Branche entstanden sei „….plötzlich sind nicht nur bestimmte Meinungen problematisch, sondern ganze Themen“ und wieso das Publikum den Eindruck hat, die Medienberichterstatter lebten in einer intellektuellen Blase.
Was mir fehlt sind klare Definitionen. Wer ist rechts, wer gilt als rechts – und warum soll das etwas Schlechtes/Gutes sein? Wer ist links, wer gilt als links – und warum soll das etwas Schlechtes/Gutes sein? Was mir fehlt sind auch allgemeine Reflexionen über das Meinungsspektrum und die Situation im Land. Julia Ruhs Essay ist mir hier zu oberflächlich.
Julia Ruhs sagt jedoch über das Selbstbild des Medienschaffenden sehr zu Recht, es läge ihm ein Weltverbesserungsideal zugrunde. Sie, also die Journalisten und Medienschaffenden, wollten das Publikum zu den richtigen Meinungen bekehren. Hier legt sie den Finger auf die Wunde. Feind-Freund Denken wird auch durch die Medien des ÖRR befördert; die Medien sind nicht mehr Berichterstatter über Kulturkämpfe, sie sind selber Kulturkämpfer geworden. Und wer nicht die richtige Meinung vertritt, wird ausgeladen oder diffamiert oder in Interviews unverschämt angegangen. Der Respekt ist verloren gegangen!
Die Medien wollen belehren, das stimmt schon: wenn ich nur an die einseitigen Genderdebatten denke und die Fernseh/Radiosprecher mit ihrem Glottisschlag und die Verlage, die sogar aus englischen Romanen, die kein Gendern kennen, einen Gendertext fabrizieren (z.B. Yellowface von Rebecca F. Kuang), also ideologisch übersetzen und dem Leser ungefragt ihre Ideologie aufzwängen! Oder an die mit den Nachrichten direkt verbundenen Filmempfehlungen der ARD! Ja, gehts noch? Was ist daran objektiv?
Im Grunde genommen stimme ich Julia Ruhs zu. Wenn sie die Debatte auch verkürzt darstellt. Sollen die Medien entscheiden dürfen, was richtig und was falsch ist, hat der Informationsauftrag etwas mit Moral zu tun? Dürfen Medien keine Meinung haben? Das alles ist noch nicht ausdiskutiert.
Fazit: Vielleicht ist die Diskussion zum Fall“ Julia Ruhs“, einschließlich ihres für meinen Geschmack zu schlicht geschriebenen Essays genauso notwendig geworden wie seinerzeit „der Fall Relotius“. Der Journalismus des ÖRR hätte die Chance, zu seiner ursprünglichen Aufgabe zurückzukehren, Meinungsvielfalt abzubilden, wenn er das will! Was angesichts der bisherigen Statements des NDR zum Fall Ruhs freilich zu bezweifeln ist.
Julia Ruhs has made many enemies with this book and through her appearances on public broadcasting—unjustly so. Despite its rather sensational title, this book is not a work of right-wing ideology, but an appeal to Germany’s journalists to return to unvarnished, uncensored and non-biased reporting. Germany has always been a country of diverse opinions. Yet anyone watching public broadcasters today might get the impression that only varying shades of left-leaning viewpoints are considered acceptable. This neither reflects society nor represents good journalism, which requires examining more than just one side of the coin.
A minor point of criticism concerns the slightly excessive use of anecdotal stories about her career path and the somewhat too frequent quotes from Instagram DMs. They may well be authentic, but they offer unnecessary room for criticism from those eager to dismiss the book with a “yeah, sure—source: trust me, bro.”
Julia Ruhs‘ Buch liefert Erklärungsversuche für die von vielen Menschen wahrgenommene links-grüne Meinungsmacht, die durch einen teilweise deutlichen Links-Bias in Medien und von Journalisten befördert wird, sowie der Sorge vor unterdrückter Meinungsfreiheit in Bevölkerungsgruppen, die sich in den Medien nicht repräsentiert bzw. sogar bewusst übergangen und belächelt fühlen. Menschen, deren Ängste und Sorgen nicht mehr ernst genommen werden. Dazu arbeitet die Autorin mit anekdotischer Evidenz (z.B. Leserbriefe) und versucht Hintergründe mit Hilfe von Studien und Meinungen von Kollegen zu durchleuchten. Sie zeigt auf, wie stark das Beharren auf links-grünen Meinungen und die Ignoranz gegenüber anderen Ansichten, inkl. damit einhergehender Bevormundungsgebaren und Diffamierungen von Andersdenkenden, die Gesellschaft spaltet und wozu dies führen kann und führt. Ich verstehe das Buch als Meinung einer einzelnen Journalistin, die enttäuscht zusehen muss, wie die Tugenden ihrer Zunft nach und nach verkauft werden. Dennoch ist das Buch auch ein Plädoyer für mehr Demokratie: mit vielfältigen Meinungen, die das gesamte politische Spektrum abdecken. Damit fordert Julia Ruhs inhärent das Zurück zu einer gesunden Debattenkultur.
Alter... Eine Sammlung persönlicher Anekdoten, zusammengewürfelt mit rechtspopulistischen Tropen zu Windrädern, Schokoküssen, Z-Schnitzeln, und dem Klimawandel
Das Buch bietet interessante Einblicke aus der Medienbranche von einer Person, die selbst aus dieser kommt. Durch den aktuellen Rauswurf der Autorin beim NDR bekommt es natürlich noch einmal zusätzliche Aufmerksamkeit und Gewicht. Viele ihrer Beobachtungen und Sorgen kann ich gut nachvollziehen und sehe sie ähnlich, daher war es für mich erfreulich, diese in der Fülle bestätigt zu bekommen.
Etwas schade finde ich, dass sich der Inhalt stark auf den aktuellen Zustand konzentriert und dieser überwiegend durch Kommentare und Rückmeldungen beschrieben wird, die sie selbst erhält – weniger durch ihre eigenen Analysen und systematischen Beobachtungen. Auch habe ich am Ende eine klarere Schlussfolgerung oder einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen vermisst.
Nichtsdestotrotz: Eine Bestandsaufnahme wie diese ist häufig der Anfang und ein wichtiger Schritt. Julia Ruhs leistet damit einen Beitrag, eine Diskussion zu eröffnen, die dringend geführt werden muss.
"Jemand schrieb mir..." und "jemand sagen mir" findet man zu Hauf in diesem Buch - irgendwie fehlt mir die eigene Meinung der Autorin. Trotzdem leicht lesbar und kurzweilig unterhaltsam.