Auf sexpositiven Partys, Veranstaltungen im Kulturmilieu, im ICE und in antideutschen Szenekneipen Neuköllns stößt ein namenloser Ich-Erzähler auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutschen Linken. Er ist mit dem, was er erlebt, zusehends überfordert. Überall trifft er auf ehemalige Freunde, Mitbewohner und Bekannte. Über die Jahre haben sich immer mehr Themen angestaut, über die sie nicht mehr miteinander reden können – wie Israel, ihr Geschlecht oder den Islam. Da ist Michel, der in den USA eine Doktorarbeit über Sklaverei oder Genozide schreibt, »weil man in Deutschland bei allen Diskursen so hinterherhängt«. Da ist Patrick, der in Brandenburg auf den »Spuren Preußens« wandelt, »um zu sehen, wie tief die Disziplin in uns verankert ist«. Und da ist Pois, der dem Erzähler irgendwie ähnlich ist, aber immer noch Witze über Merkel macht. Und besitzt Max Czollek eigentlich wirklich nur dieses eine Basecap?
Jens Winter schreibt einen Roman "im langen Sommer" in dem ein Herr Herbst vorkommt.
Nach Finn Job ist dies der zweite Roman der sich auf ein ähnliches Niveau wie der Macher des A Distanza Podcasts stellt: Ständig erwähnen wie radikal man früher war als Linker, wie dumm dies alles war und wie radikal verblendet und unausstehlich die heutige Linke ist (und man selbst steht auf der Seite der Wahrheit). Neben den immer nur erwähnten Problemen, bei der keine weitere Analyse folgte, ist das Buch eine kleine Selbstberäucherung der (ehemaligen) antideutschen Szene, denn es geht schließlich um den Islam, Israel, Barbarei, schlimme Studenten, die Neue Marx Lektüre, die Muslimbruderschaft, Eike Geisel, Adorno, Magnus Klaue etc. Die Sprache ist sehr einfach gehalten, weshalb sich das Buch schnell lesen lässt, wodurch man aber auch kaum genötigt ist, Inhalte oder unbekannte Wörter nachzuschlagen. Insgesamt kommt mir der Roman sehr zusammenhangslos vor.
Gnadenlos an der Pop-Literatur hängengebliebener Kracht-Epigone mit gewissem Unterhaltungswert und schlichter Symbolik.
Die Popliteratur diese Sorte ist für Leser wie Autoren irgendwie ein Trade-Off: Sie ist leicht zu schreiben und leicht zu lesen, suggeriert mit den Unschuldsaugen, mit denen ihre Protagonisten durch die Welt gehen, aber eine gewisse Tiefe. Das Problem ist, dass die Diskurse, auf die die Protagonisten in ihrer Alltagsbeschau so stoßen, so immer nur angerissen werden. Man bleibt oberflächlich.
Das Buch ist stilistisch gesehen eine recht gute Kopie von dem, was Christian Kracht in Faserland veranstaltet hat. Leider ist aus der distanzierten Angeekeltheit eine halbgare Abrechnung mit bestimmten linken und alternativen Kulturkreisen geworden, die sich auch nicht zu schade ist, Kettcar-Texte zu zitieren. Dort, wo Krachts Erzähler Soziopath oder Menschenfeind an sich war, gerät dieser Text ins Straucheln und wirkt homophob, sexistisch oder rassistisch und schafft es nicht, hinter die Fassaden seiner Figuren zu schauen. Einige interessante Beobachtungen und schöne Formulierungen gehen leider im Morast des restlichen Buches unter. Der Autor schreibt übrigens für Nius.
"Und vielleicht würde ich einen kleinen Verlag oder eine Zeitschrift gründen, irgendetwas, wodurch mich Menschen besuchen. Mit denen würde ich dann durch das Viertel mit den alten Bäumen, den aufgebrochenen Gehwegen und Gründerzeitvillen laufen und ihnen von all dem erzählen, was war, und von der ganzen irren Zeit. Wie alle gegeneinander kämpften und schon lange vergessen hatten, wofür. Wie man mich aus der Zeitung gedrängt hatte, weil ich Dinge sagte, die man nicht hören wollte, aber die gesagt werden mussten.
Ich würde erzählen, wie es irgendwann keine Linken mehr gegeben hatte, weil sie nicht mehr wussten, wer sie waren, welches Geschlecht und welche Abstammung sie hatten, wie sie alle Bürokraten geworden waren und in Gründerzeithäusern lebten und beim Aufbau-Haus Möbel kauften. Ich würde erzählen, wie sie auf ihren Partys Menschen markierten und komische Laute von sich gaben, doch wie die Leute wieder sagen wollten, was sie dachten, und irgendwann alles ein Ende nahm.
Und obwohl ich alles vorhergesehen hatte, was dann geschehen würde, war es trotzdem schlimm, als es schließlich passierte."
Der Autor fängt die wirren Ideen und skurrilen Lebensweisen der bürgerlichen Linken gekonnt ein, entlarvt ihre Lügen und skizziert ein amüsantes Panorama der Pseudo-Boheme. Leider sind seine Anspielungen wie die Barbourjacke (Kracht) oder der himmelblaue Ford Granada (Kettcar) etwas billig, die Figuren und Handlung ohne Tiefgang. Eher wie ein kurzes Momentum.