LESEN UND SCHAUEN, WAS PASSIERT
Die Kröte ist für mich weniger ein Roman als eine Erzählung. Es gibt keinen klassischen Handlungsbogen, keinen klaren Anfang und kein eindeutiges Ziel. Was dieses Buch stattdessen verlangt, ist etwas anderes: Einfühlung. Erst durch dieses Einfühlen beginnt eine Art Gespräch zwischen Text und Leser*in.
Milena erzählt und versucht dabei, mit Sprache so genau wie möglich zu sein. Gerade dieser Anspruch führt dazu, dass sie immer wieder ins Stocken gerät, sich verheddert, nachjustiert. Das Erzählen ist kein fertiger Bericht, sondern ein tastender Prozess. Das Denken kommt nicht vor dem Handeln, sondern danach – in der Reflexion. Das gilt für Milena ebenso wie für das Lesen selbst.
In dieses Erzählen platzt die Kröte hinein. Sie vereinfacht, unterbricht, verkürzt. Sie spricht schnell, manchmal grob, manchmal wütend. Ob das, was sie sagt, wahr oder falsch ist, scheint dabei zweitrangig. Entscheidend ist ihre Funktion: Sie will alles einfacher machen, überschaubar, erträglich. Während Milena mit Sprache Genauigkeit sucht, versucht die Kröte, Komplexität zu reduzieren.
Dabei ist Milena keine überlegene oder klügere Figur. Auch sie handelt oft, ohne über Konsequenzen nachzudenken. Das Nachdenken kommt erst später – wie beim Lesen dieses Buches. Der Unterschied zwischen ihr und der Kröte liegt nicht im richtigen Handeln, sondern im Umgang mit Sprache. Sprache ist ihr einziges wirkliches Mittel.
Immer wieder tauchen im Text Gedichtteile oder verdichtete Satzfragmente auf. Für mich blieben diese Passagen eher irritierend. Ich konnte sie nicht richtig einordnen oder erschließen, und hatte das Gefühl, dass mir ohne vertiefte Kenntnis von Lyrik hier etwas verschlossen bleibt. Für mein Lesen hätte nichts gefehlt, wären sie nicht da gewesen – andere Leser*innen werden darin vermutlich mehr finden.
Die Kröte ist keine Geschichte im herkömmlichen Sinn. Wer eine lineare Handlung sucht, wird wenig finden. Wer sich jedoch einlässt, kann erleben, dass der Text etwas auslöst – Gedanken, Widerstand, Irritation. Wie viel davon entsteht, hängt stark von der jeweiligen Leser*in ab.
Ich fand diese Erzählung gut, auch wenn sie mich lange unsicher gelassen hat. Diese Unsicherheit wirkt nicht zufällig, sondern gewollt. Die Kröte will nicht erklärt oder aufgelöst werden, sondern gelesen, ausgehalten und weitergedacht.
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