Gott ist das Bild des Menschen im lerren Raum.
Gott ist der Ton im fast leeren Raum.
Gott ist das Abbild des angezogenen Menschen im leeren Raum. Des Halbnackten, Bärtigen Menschen. Mann, ohne Frage und Gott, durch die Leere. Ton in der Stimme und Mythos im Beginn der Zeit. Zeit, ist nicht-leerer Raum und leerer Raum ohne göttliche Präsenz die Utopie historischen Denkens.
Der Parabel von der Stimme folgt eine zweite. --
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"XI. Vorüberziehende Wolke
Sonderbar, sagte ein Teil der Seele des Fräuleins zu einem anderen Teil, sonderbar, wie lange der Mann [(…)] braucht, um mir entgegenzukommen.
Die Straße lag weitgestreckt vor ihr. Ein Auto verschwand in der Ferne. Es war ein heller Frühsommermorgen. Die Bäume warfen gute, gleichmäßige Schatten [--], die in der Nähe unruhig und sonnenfleckig waren, während sie schon in kurzer Entfernung zu einem dunkeln Streif zusammenflossen und längs der Allee den Fahrdamm säumten. Weit hinaus war auf dem Gehweg niemand zu sehen; bloß der Mann dort oben kam sachte die sanfte Neigung der Straße herunter, kam entgegen und brauchte so sonderbar lange dazu. Das Fräulein ging zum Sonntags-gottesdienst in die Schlolß.kirche. Das Gesangbuch lag schräg in der behandschuhten Hand; sie trug es ein wenig gegen den Leib gepresst, weil sie noch außerdem das Täschchen halten musst. Das ergab ein züchtiges Bild und das Fräulein war in ihm mit unzähligen Kirchenbesucherinnen verbunden, nicht nur mit jenen, die sich jetzt gleichzeitig in alle anderen Gotteshäuser Mitteleuropas begaben, sondern auch mit all jenen, die dies während vieler ---vieeeler--- vorhergegangener Jahrhunderte getan hatten. Es war eine durchaus konservative Körperhaltung.
Wenn man die Straße bis zu dem sanften Gipfel emporgestiegen ist, dann endigt die schräge Linie der Häusersockel, dann werden Sockellinie und Fensterscheiben beruhigend parallel (während sie vorher para.bel sich präsentierten, stellt man sich den notwendigen perspektivischen Wechsel vor), und man sieht in mäßiger Entfernung den Schloß.platz vor sich liegen, in den die Straße einmündet. Und das großherzogliche Schloß fängt den Blick in schöner barockaler Kulisse auf.
Da die Häuserflucht bloß von wenigen Querstraßen durchschnitten wurde, fiel es schwer, die Geschwindigkeit des entgegenkommenden Mannes richtig einzuschätzen. (Das führt in den Raum bruchstückhafter Geographie, der Punkt in diese Bruchstücke selbst.) Das war irgendwie unbehaglich, und das Fräulein überlegte, ob sie auf die andere Straßenseite hinüberwechseln sollte. Aber da die ganze Überlegung nicht sehr deutlich war, ja, eigentlich schon wieder verschwand, als der Blick die dort drüben brennende Sonne ? bemerkte, so blieb das Fräulein auf ihrem Gehsteig und verkürzte bloß den Schritt, als müßte sie sich – war es Angst oder Erwartung? – auf den Entgegenkommenden ebenso langsam zubewegen, wie dieser selber ihr zustrebte. Geschichte und Raum beginnen, ist der Blick einmal evoziert und die Notionen der Folgen transzendentaler, un.ortbarer Gewalt vernommen, mit dem Licht.
Es mag sein, daß die friedvolle Stille der sonntäglichen Avenue an und für sich schon langsame Bewegungen vor.schrieb. Ist es die Stille, die hier schreibt? – vorschrieb, selbst wenn es vielleicht auch nur eine scheinbare Ruhe war, denn in den oberen Luftschichten wurden die weißen Zirruswölkchen, verdichtet zu schmalen Bändern, mit ziemlicher Eile vorwärtsgetrieben, und so oft ein solcher Streif vor die Sonne kam, da gab es eine kurzwährende und glaichsam helle Verdunklung des Tages, eine gleichsam jugendliche Trauer, auf die man zwar nicht achthatte, die aber trotzdem, ein Sendbote größeren, kosmischen Geschehens, in den Augen und in der menschlichen Seele haften bleibt. Es schmerzt zu verraten, dass mit dem Raum die Vorzeit beginnt.
Sicherlich haben sich nun auch schon andere Passaten auf dem Gehsteig gezeigt. Doch das Fräulein hatte nun einmal jenen langsamen Fremden im Auge, der vom Schlosse herunterkam oder richtiger einherwandelte, und gerade dieses Wandeln brachte ihn mit dem Schlosse, ,brachte ihn mit der erwarteten barockalen Abschlußkulisse da droben in eine vorderhand noch nicht aufklärbare, in eine wahrscheinlich niemals zu klärende Beziehung. Es sind die Worte zwischen Kosmologie und Wahrscheinlichkeit, denen alle Anstrengung zu widmen ist, wenn sich bewahrheiten soll, was Wahrscheinlichkeit eben auch bedeutet. Nicht wissen müssen. Nicht etwa, daß das Fräulein in der näherkommenden Gestalt einen der einstigen Diplomaten vermutete oder einen der Offiziere, denen man vor dem Kriege, da sie selber noch ein Backfisch, oftmals und mit stets neu erwünschtem Vergnügen hier begegnet war; derartige Wünsche hatte das Fräulein, das freilich jugendlich aussah, aber auf Würde hielt, längst abgestreift und hatte jetzt um so weniger Anlaß, sie wieder zurückzurufen, als ja, soweit sie sich erinnerte, alles was damals mit dem Hofe zusammenhing, keineswegs einen bedächtigen, vielmehr einen forschen oder zumindest eleganten Eindruck erweckt hatte, während hier eigentlich das Gegenteil stattfand; denn ebenso wie es fast den Anschain hatte, als wären die ziehenden Zirruswölkchen Teile einer noch unsichtbaren Wolkenwand, so schien das überaus bedächtige Näherkommen dieses Menschen, dem man beispielsweise recht wohl das servile Hinken eines älteren Hofbeamten andichten mochte, wie eine Aussendung jener Bedächtigkeit zu sein, die in der weitausladenden Schloßfassade eingehaust ist. Man muss wohl einer Stadt und ihrer Bauweise sehr verhaftet sein, wenn man solche Gedanken hegt. Ist dem aber so, und ist man so sehr verhaftet, dann bilden solche Gedanken eine natürliche Atmossphäre und man bemerkt sie eigentlich gar nicht. Dem Fräulein, das sei Kindheitstagen in dieser Stadt gelebt hatte, war das Schloß aus vielerlei Gründen wert und wichtig. Gründe, von denen allerdings die architektonischen die nebensächliche Rolle spielten, und die wußte daher auch nicht, warum sie eigentlich enttäuscht war, als sie des Mannes ansichtig wurde. Daß er gar nicht so langsam ging, als sie angenommen hatte, war dabei von geringster Bedeutung, vielmehr war ihr daran gelegen, daß der Mann ein durchaus unhöfliches und eher kleinbürgerliches Aussehen besaß. Für jemanden, der auf sich hält und der sich auf dem Weg zur Schloßkirche befindet, für jemanden, der es täglich bedauert, daß das alte Schloß der Großherzöge aus der Stille altererbten Privatbesitzes in die Öffentlichkeit eines Museums verwandelt worden ist, und daß die Schlafzimmer, in denen eine jahrhundertelange – es ist bekannt, wie viele - und verzweigte Reihe prinzlicher Kinder gezeugt** und geboren wurden, heute von jedermann nicht nur mit schmutzigen Stiefeln, sondern auch mit schmutzigen Gedanken betreten werden dürfen, so etwa mit dem Gedanken an in Schränken verborgene, schmähliche Liebhaber, kurzum für eine Dame, welche die Verschwiegehnheit des Boudoirs Ein Boudoir [bu'dwa:R] (frz. boudoir, von bouder „schmollen, schlecht gelaunt sein“) bezeichnete ursprünglich einen kleinen, elegant eingerichteten Raum, in den sich die Dame des Hauses zurückziehen konnte‘ als eine der wichtigsten Institutionen des Weltgeschehens ansieht, ist es, gelinde gesagt, immerhin pein.lich, die eigene Aufmerksamkeit auf einen Menschen konzentriert gehabt zu haben, der in seinem ganzen Wesen das Gegenteil solcher Lebensauffassung ausdrückt. Beinah erstaunt und weil sie es nicht recht glauben konnte, wohl aber auch, weil sie von ihrer Jugendmädchenzeit her die Gewohnheit behalten hatte, Männer auffordernd und prüfend anzusehen, ohne dabei sich selbst zu gefährden, hatte sich der Blick des Fräuleins auf das Gesicht des Entgegenkommenden gehaft.et, war er auf dem Gesicht gefangen, und es war ein auffordernder und dennoch leerer Blick, der, sobald er erwidert wurde, sofort verschwamm und im Nichts versank, durch das Gesicht hindurchschaute, in alle Fernen, die dahinter sich dehnen. Zwar war das Fräulein von dem halb schüchternen, halb gebieterischen und dabei eigentlich leidenden Ausdrucks dieses gewöhnlichen Mannes betroffen, und für eine Sekunde hatte sie vergessen, den Blick ins Unpersönliche zu flüchten, indes sie bewerkstelligte es alsogleich, als ihr Staunen dem des anderen begegnete; da war ihr Blick in gewohnter Weise blicklos geworden, und in unverwandter Gleichgültigkeit, war sie auch schon vorübergeschritten, Dame ohne jeden Makel und fast nonnenhaft.
Nun lag die Straße wirklich ganz leer vor ihr, und das war eine Art hoffnungslose Leerheit. […].
Das Erlebnis war durchaus unabgeschlossen, und das Fräulein fühlte sich nun überdies sehr benachteiligt, weil ein inneres und äußeres Gesetz es ihr verwehrt hatte, den Blick länger auf dem zur Antwort bereiten Gesicht ruhen zu lassen. […].
Wir nur hatte der Mensch ausgesehen?"
Zwischen der Hand und den Ressentiments des Fräuleins, die sie vor der Begegnung mit dem nicht-Fremden befallen, in denen ihre Architektur sie einholt, liegt die Erfahrung jener Ähnlichkeit, die ohne vorgehaltene Hand nur erfragt werden kann – die Emanation einer Historie, über die nicht zu wissen ist, warum sie begann.
-- "Durch Erziehung und Überzeugung daran gewöhnt, heroische Situationen zu ertragen, ging das Fräulein ruhigen Schrittes witer; sie flüchtete nicht, und es wäre ja auch nutzlos gewesen, da der Unbekannte sie ohnehin einholen konnte. Sie hielt das Gesangbuch an den leib gepreßt, nicht weil sie von dieser Berührung mit Gott eine besondere Kraft erwartete, wohl aber, weil der Druck auf die Magengrube ihr Sicherheit verlieh und die furchtsame Unruhe in diesen Körperzonen besänftigte. Allein, sie vernahm ganz deutlich, wie die Schritte des Mannes hinter ihr haltmachten; sie spürte seine Blicke im Rücken, und kurze Zeit hernach, hörte sie auch, wie in gemessener Entfernung sein leichtes Hinken ihr nachfolgte.
Fast war sie daran, noch langsamer zu gehen, denn nicht nur, daß ihr der Anstieg heute beschwerliches als sonst fiel, es erschien ihr auch richtig, den Verfolger zu zwingen, daß er sie überholte. Aber da war sie auch schon auf der Höhr; die Linien der Häusersockel und der Fensterscheiben wurden parallel, , und nicht weit von ihr öffnete sich die Straße zum großen Oval des Schloßplatzes, in dessen Mitte das kurfürstliche Standbild zum scharfen Galopp gegen die Avenue ansetzte, gehindert bloß von den schweren Eisenketten, die in kleinerem Oval und von Steinblock zu Steinblock sich hinziehend, das Kunstwerk umgaben."