„Beduinenmilch“ ist ein Roman, der mich mit voller Wucht hineingezogen hat – in eine Familiengeschichte, die zugleich politisch, persönlich und tief menschlich ist.
Autorin Nirit Sommerfeld ist in Israel geboren, in Deutschland aufgewachsen, als Schauspielerin und Musikerin bekannt und engagiert sich seit Jahren für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten. Ihre Perspektive als Grenzgängerin zwischen Kulturen und Narrativen prägt diesen Roman spürbar – literarisch kraftvoll und zugleich schmerzhaft ehrlich.
Worum geht’s genau?
Die Erzählerin Talia reist regelmäßig zu ihrer Großmutter („Savta“) nach Israel. Was als persönliche Begegnung beginnt, entfaltet sich zu einem Panorama aus Familienerinnerungen, politischen Konflikten und moralischen Fragen. Zwischen Tel Aviv, Hebron, Gaza und Beduinendörfern erlebt Talia, wie sich persönliche Geschichten mit der Geschichte des Landes verweben – und wie schwer es ist, Wahrheit, Loyalität und Zugehörigkeit miteinander zu vereinbaren. Dabei wird deutlich: Es geht um mehr als nur um eine Familie – es geht um Identität, Besatzung, Menschlichkeit und die Kraft, Dinge auszusprechen, die andere lieber verschweigen.
Meine Meinung
Selten habe ich einen Roman gelesen, der so gekonnt das Persönliche mit dem Politischen verwebt. Sommerfeld schreibt nah an ihren Figuren, ohne sie zu idealisieren – weder die kämpferische Savta, noch die unsichere Talia, die zwischen den Welten steht. Viele Szenen haben sich eingebrannt: Das Massaker in al-Lydda, bei dem „zwischen 450 und 800 Menschen getötet“ wurden (S. 323), Talias Verzweiflung darüber, dass „niemand meine Geschichte hören wollte“ (S. 317), oder Savtas mutige Rede im Gerichtssaal, in der sie sagt: „Wir könnten … vielleicht sogar miteinander leben! Es wäre Unrecht, ihn zu verurteilen!“ (S. 264).
Der Roman thematisiert die Macht von Narrativen – und wie schwer es ist, diese zu hinterfragen, wenn man von klein auf „mit einem einzigen Narrativ gefüttert“ wurde (S. 323). Besonders bewegend fand ich, wie die Begegnungen mit Palästinenser:innen persönliche Nähe schaffen, wo Politik Mauern zieht: Haytham, der „nicht wie verrückt herumspringt“ nach seinem Freispruch (S. 287), oder die Beduinenfamilie, deren Milch symbolisch für Verbindung und gemeinsames Überleben steht.
Der Blick auf Militarismus und „male gaze“-Sexualisierung – von Reizwäsche mit Uzi-Prints bis hin zu zynischen T-Shirts mit Fadenkreuz auf einer Schwangeren – ist scharf, manchmal schwer zu ertragen. Sommerfeld verschweigt nichts, weder den Zynismus mancher Soldat:innen noch die Traumata, die alle Seiten prägen. Dabei gelingt es ihr, unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstehen zu lassen, ohne den Schmerz der einen gegen den der anderen aufzurechnen.
Stilistisch ist das Buch packend, oft dialoggetrieben, mit einer Intensität, die fast dokumentarisch wirkt. Gleichzeitig gibt es Momente von Zärtlichkeit und Humor – etwa wenn ein Baby „zum ersten Mal durchgeschlafen“ hat (S. 311) oder Talia mit ihrer Cousine Ma’ayan spielt. Diese Balance macht den Roman so besonders: Er konfrontiert, aber er lässt auch atmen.
Fazit
„Beduinenmilch“ ist ein vielschichtiger, mutiger Roman, der uns zwingt, hinzusehen – auf Geschichte, Gegenwart und die Verstrickungen dazwischen. Er ist politisch, ohne belehrend zu sein, und menschlich, ohne zu beschönigen. Wer bereit ist, sich auf eine herausfordernde und bewegende Lektüre einzulassen, wird hier nicht nur eine Geschichte lesen, sondern Spuren davon mitnehmen.