In der großen Politik und in unserer unmittelbaren Lebenswelt tun sich plötzlich Gräben auf, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Navid Kermani beschreibt anhand von persönlichen Schlüsselerfahrungen - die Totenwaschung des eigenen Vaters, gemeinsamer Musikgenuss, ein Familienbesuch bei Ajatollah Chomeini oder die Hochzeit der Tochter -, wie sich gesellschaftliche Umbrüche im Konkreten auswirken, wo Feindschaft entsteht und warum wir trotz allem unsere Herzen für andere öffnen können, ohne uns selbst dabei zu verlieren.
Die Einheit des Westens, die uns so lange Sicherheit gegeben hat, zerbricht. Kriege und Völkermorde zwingen zu Positionierungen, die wiederum zu neuen Konflikten führen. Die Demokratie mit ihren Kompromissen und Macht-Balancen wird vielen zu kompliziert, doch einfache Lösungen gehen auf Kosten der Schwachen. In sechs großen, literarisch mitreißenden Reden sowie einem Brief an seine Tochter verbindet Navid Kermani eigene Erlebnisse mit historischen Zeitläufen und dem Umbruch, der derzeit in der Welt geschieht. Kein anderer deutscher Schriftsteller vermag es wie er, das Persönliche ins Politische zu wenden und umgekehrt politische Umwälzungen anhand persönlicher Beobachtungen anschaulich zu machen. Und so klingt auch in seinem neuen Buch der einzigartige, immer existentielle, niemals pathetische Ton an, mit dem uns Kermani spätestens seit seiner berühmten Rede 2014 im Bundestag ein ums andere Mal in den Bann zieht.
ANMERKUNG VORWEG : Das Buch hat 141 Seiten, nicht 103, wie hier fälschlich angegeben wird.
Eine kleine Mogelpackung ist dieses Buch ja irgendwie schon: Sieben Texte, 5 Reden und 2 Briefe, jeweils einer an seine beiden Töchter flankierend an den Anfang und Abschluss des Bandes gesetzt, zu Preisverleihungen und als Trauer- bzw. Keynote-Reden geschrieben, vereint Kermani hier eigenhändig und gibt ihnen den verkaufsschlauen Sub-Titel "Über Liebe und Politik". Was zunächst ganz so klingt, als hielten wir einen neuen Essayband von Kermani in Händen. Dabei handelt es sich mehr als alles andere um eine eher unüblich frühe Nachlass-Arbeit zu Lebzeiten.
Dennoch habe ich die Texte gerne und mit Gewinn gelesen, denn sie subsumieren Privates und persönliche Überzeugungen auf hochinformative Weise. So enthalten sie z. B. familienhistorische Details über die Einwandererfamilie Kermani und Navids Kindheit, die vielen kaum bis nicht geläufig sein dürften. Vier der sieben Texte sind bereits in der ZEIT und TAZ erschienen, drei sind Erstveröffentlichungen.
An der Darstellung historischer Ereignisse exemplifiziert sich dann auch Kermanis bedingungsloses und unmissverständliches Eintreten für demokratische Werte und die europäische Idee. Eine Wohltat in diesem Zusammenhang ist es, wenn wie in gleich zwei seiner in diesem schmalen Band abgedruckten Reden er äußerst klar Stellung bezieht gegen die skandalöse Unterstützungspolitik einer blinden deutschen Staatsräson, die die Vernichtungspolitik Israels in Gaza bis heute verklärt.
Darum und aus keinem anderen Grund doch 4 Sterne für ein Auftragstexte-Best-Of, das ohne Kermanis Mut zum Tacheles eben nichts als eine recht mediokre Best-Of-Veranstaltung geblieben wäre.
Navid Kermani halt 🤩! Mit einem wichtigen Thema, dass er in diesen veröffentlichten Reden und Briefen immer wieder aufgreift, weil es in unserer aktuellen Zeit so unfassbar wichtig ist.